Im Universum gibt es schätzungsweise 480 Trillionen verschiedene Gesteinsplaneten. Doch bisher kennen wir nur einen einzigen, dessen Landmasse von Boden bedeckt ist: die Erde. Der Name unseres Planeten und die geläufige Bezeichnung für Boden lauten gleich – und auch das lateinische terra und das englische earth meinen nicht nur den Planeten, sondern auch Erde, Erdreich oder Boden.
In Kindertagen haben viele von uns mit Erde gespielt und ihre Krümel durch unsere Finger rieseln lassen. Im Garten schippen und harken wir sie. Vom Salat waschen wir sie ab. Im Wald, auf einem Spaziergang nach einem Regenguss, riechen wir sie. Und wenn wir sie in unseren vier Wänden finden, fegen wir sie weg. Jeder hat den Boden also schon berührt; ihn zu meiden ist fast unmöglich, es sei denn, man würde nicht mehr nach draußen gehen oder nur noch auf asphaltierten oder betonierten Wegen wandeln. Der Boden ist etwas, das jeder kennt. Doch woraus besteht er eigentlich?
Boden ist ein Gefüge aus verwittertem Gestein, organischer Substanz, Luft und Wasser – ein Gefüge, das von zum Teil unsichtbar kleinen Lebewesen besiedelt ist. Die organische Substanz umfasst dabei nicht nur abgestorbenes Pflanzenmaterial und Ausscheidungen und Überreste toter Mikroorganismen und Tiere, sondern auch jene Bodenbewohner, die am Leben sind. Im fruchtbaren Boden machen Lebewesen zwar nur ungefähr 0,5 Prozent der gesamten Masse aus, jedoch ist die Zahl der einzelnen Bewohner unfassbar groß: Ein Gramm Boden, ungefähr so viel, wie man zwischen zwei Fingern halten kann, enthält bis zu zehn Milliarden Lebewesen, etwa Bakterien, Pilze, Algen, Urtierchen (Protozoen) oder Fadenwürmer. Sie hauchen dem Ursprungsmaterial des Bodens gleichsam das Leben ein – und machen ihn erst zu Boden.
Leben ist für das Vorhandensein von Boden unabdingbar, und daher ist die Erde bislang der einzige Planet, von dem wir sagen können, dass es auf ihm Boden gibt. In unserem Sonnensystem wurde bisher kein Leben gefunden. Der hellgraue Staub auf dem Mond und der rötliche Staub auf dem Mars sind deshalb aus Sicht der Bodenkunde keine Böden. Bisher können sie nur in der Fiktion dort entstehen, wie etwa in dem Science-Fiction-Film „Der Marsianer“, der 2015 in die Kinos kam. Ein vom US-Schauspieler Matt Damon gespielter Astronaut bleibt allein auf dem Mars zurück, wo er sich Boden herstellt, indem er seine eigenen Exkremente benutzt, um organisches Material und Mikroorganismen in das sterile Substrat zu bringen. Darauf baut er Kartoffeln an.
Die Erde ist mit ihrer Erde also ein besonderer Flecken. Dabei ist der Boden nur eine hauchdünne Schicht auf der Oberfläche unseres Planeten: Er ist in der Regel bloß ein paar Dezimeter dick, manchmal auch ein paar Meter. Wenn man bedenkt, dass die Erde einen Durchmesser von etwa 12.700 Kilometern hat, könnte man versucht sein zu glauben, die schmächtige Schicht falle nicht ins Gewicht. Das Gegenteil ist wahr: So wie die Haut für unseren Körper lebenswichtig ist, so ist die dünne Bodenschicht für das Funktionieren der Ökosysteme auf dem Land und der Stoffkreisläufe in Wäldern, Wiesen und Äckern unabdingbar. Bestehend aus organischem Material, Mineralien, winzigen Organismen sowie Luft und Wasser liegt sie allem terrestrischen Leben zugrunde.
Doch wird ihre Bedeutung leider oft übersehen und ist sie massiver Zerstörung ausgesetzt: Bis zu 40 Prozent der weltweiten Landflächen sind durch allzu intensive Nutzung bereits erheblich geschädigt. Die Krume, also die lockere obere Bodenschicht, die reich an organischer Substanz ist, stirbt ab, sie verliert den Halt und wird dann abgetragen durch Wolkenbrüche und Winde, die durch den Klimawandel immer häufiger auftreten. Damit ist jenes Ökosystem in Gefahr, das unser Leben trägt.
Wenn nichts gegen diesen Schwund unternommen wird, werden laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen im Jahr 2050 weltweit mehr als 90 Prozent der fruchtbaren Böden bedroht sein. Die Versorgung der Menschheit mit Nahrungsmitteln steht damit auf dem Spiel. Hier bahnt sich eine globale Krise an, die von der Öffentlichkeit bislang kaum wahrgenommen wird. Schon heute ist die menschliche Gesundheit durch kranke Böden bedroht; Schadstoffe aus kontaminierten Flächen gelangen in Blutgefäße, ins Gehirn und in andere Organe. Sie führen weltweit zu Millionen von Todesfällen – pro Jahr. Zieht sich die Menschheit gerade den Boden unter den Füßen weg? Klar ist: Wenn es so weitergeht, könnten wir jene Generation sein, die den fruchtbaren Boden auf Erden ruiniert hat. Ein Gegensteuern ist dringend nötig, damit das Fundament menschlicher Existenz nicht in sich zusammenbricht.
Baumeister und Bewohner zugleich
Die zentrale Eigenschaft des Bodens ist das Lebendige, und ohne Leben gibt es keinen Boden. Aber warum ist Leben für den Boden so wichtig? Tatsächlich tragen Lebewesen der unterschiedlichsten Art, vom Bakterium bis zum Maulwurf, dazu bei, dass der Boden seine jeweiligen Eigenschaften erhält und seine vielfältigen Funktionen erfüllen kann. Mehr noch, sie sind es, die ihn erst aus verwittertem Gesteinsmaterial und organischer Substanz zusammenfügen; sie sind es auch, die die Eigenschaften des Bodenwassers und der Bodenluft mitbestimmen. Sie sind Baumeister und Bewohner zugleich.
Die Komponenten in diesem Mini-Universum muss man sich in drei Dimensionen angeordnet vorstellen. Boden ist ein Gebilde aus unzähligen Krümeln (oder: Bodenaggregaten), die in ihrer Form jeweils so einzigartig sind wie Schneeflocken. In diesen Aggregaten liegen wiederum Poren, die mit Luft oder Wasser gefüllt sind und eine riesige Oberfläche darbieten, auf der selbst die winzigsten der Bodenbewohner eine Heimat finden. Die größeren Vertreter leben in den Räumen und Lücken zwischen den Bodenaggregaten. Wenn wir eine Stadt sehen, dann können wir folgern, dass die Häuser von Menschen gebaut wurden und von Menschen bewohnt werden. Wenn wir einen Boden sehen, können wir analog folgern, dass die Aggregate von Bodenlebewesen gebaut wurden und von Bodenlebewesen bewohnt werden.
Regenwürmer und Maulwürfe durchpflügen diesen selbst geschaffenen Lebensraum, Pflanzen durchwurzeln ihn, Pilze ziehen ihre Fäden durch ihn, und Mikroorganismen, von denen die meisten wissenschaftlich noch gar nicht erfasst sind, bestimmen seine chemische Beschaffenheit. Alle Bodenbewohner tragen im Zusammenspiel mit den lokalen Gegebenheiten entscheidend bei zur Entstehung dieser dreidimensionalen Welt, dem Bodengefüge. Weil jeweils sehr viele Baumeister gemeinsam am Werk sind, kann niemand wissen, wie genau das Bodenaggregat am Ende aussehen wird. Da die meisten Bodenbewohner Mikroorganismen sind, erfahren sie diese Umwelt natürlich aus dieser mikroskopischen Perspektive. Einem Bodenbakterium – sagen wir, es ist vier Mikrometer groß (und das wäre schon eher ein dicker Brocken unter den Bakterien) – muss ein Gramm Boden wie ein riesiger Kontinent vorkommen. Es kann diesen aber nicht erkunden, sondern es erfährt nur, was im Umkreis von einigen Mikrometern passiert. Weil das Bodengefüge porös und sehr kleinteilig strukturiert ist, liegen auf kleinstem Raum verschiedene Welten zusammen, in denen völlig unterschiedliche Bedingungen herrschen.
In einem Gramm Boden können zum Beispiel Sauerstoffsättigung und die völlige Abwesenheit von Sauerstoff zur gleichen Zeit vorkommen. Dadurch entstehen unfassbar viele verschiedene Lebensräume: In einer Pore leben aerobe Bakterien, die Sauerstoff benötigen. In der nächsten Pore leben anaerobe Bakterien, die keinen Sauerstoff brauchen oder ihn gar nicht vertragen. Die wieder nächste Pore könnte leer sein – weil sie so klein ist, dass nicht einmal Bakterien hineinpassen. Wenn Boden schon so heterogen ist, was Gase betrifft (die ja relativ beweglich sind), dann kann man sich leicht vorstellen, dass es bei gelösten Substanzen und Feststoffen genauso sein muss.
Die Prozesse, die im Boden durch das Zusammenspiel dieser gigantischen Biodiversität entstehen, nehmen wir aus unserer menschlichen Perspektive als Ökosystemprozesse wahr. Die ineinander verschachtelten Vorgänge im Boden sind im Laufe der Evolution entstanden, weil sie die Fitness der beteiligten Organismen erhöhen. Am Ende kommen jene Leistungen heraus, die der Boden für das Ökosystem erbringt. Er speichert etwa Kohlenstoff und spielt eine Schlüsselrolle im Stickstoffkreislauf. Das alles läuft sehr dynamisch ab: Die Bodenbewohner müssen ständig auf immer neue Umweltbedingungen reagieren, an deren Entstehung sie teilweise selbst beteiligt waren. So bildet sich eine Rückkopplungsschleife, ein ständiges Wechselspiel zwischen den unbelebten Komponenten und den Bodenbewohnern.
Wann kam die Erde zu ihrem Boden?
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich noch uneins, wann genau auf der Erdoberfläche der Boden entstanden ist. Allerdings können wir uns einer Antwort annähern. Da Boden per Definition Leben braucht, kann man zunächst fragen, seit wann es zumindest mikrobielles Leben auf der Oberfläche der Kontinente gibt. Sehr wahrscheinlich siedeln Mikroorganismen dort schon seit mehr als 3,2 Milliarden Jahren; aus dieser Zeit datieren die ersten Fossilien, die wahrscheinlich nicht vom Meer stammen, sondern terrestrischen Ursprungs sind.
Es liegt von diesem Zeitpunkt an wohl auch organische Substanz vor, nämlich zumindest die Reste der abgestorbenen Bakterien. Sehr wahrscheinlich trug die zersetzende Kraft von Mikroorganismen dazu bei, dass Felsen und Steine verwitterten. Das geschah in der Gegenwart von Wasser und unter Einfluss der Atmosphäre und führte vermutlich dazu, dass erste Krümelchen entstanden. Ob man da schon von einem richtigen Boden reden kann, ist Ansichtssache. Die Definition in der Bodenkunde besagt, dass bei einem Boden auch Vegetation vorhanden sein muss, die zur Ausbildung von Bodenhorizonten beiträgt – den vertikal aufgebauten und horizontal verlaufenden Schichten, aus denen ein Bodenprofil besteht. Die Geschichte des Bodens beginnt demnach mit der Besiedlung durch Landpflanzen.
Doch wie konnten sich die Landpflanzen überhaupt etablieren, wenn es noch gar keinen Boden gab? Tatsächlich gab es davor schon frühe mikrobielle Ökosysteme an Land. Aus diesem Grund finden wir die folgende Definition passender: Boden ist schon durch das Zusammenspiel von mineralischem Material (also verwitterndem Gestein), Wasser, Luft, Lebewesen und organischer Substanz gegeben. Dieser Zustand wird manchmal auch als „Proto-Boden“ bezeichnet, als ein Boden-Vorläufer. Wenn man diese breitere Definition von Boden akzeptiert, dann gab es solche Böden im Mikroformat vielleicht schon mehrere Hundert Millionen Jahre vor dem Erscheinen der Landpflanzen.
Einigkeit besteht darin, dass mit der Ankunft der Landpflanzen ein neues Kapitel der Böden eingeleitet wurde; das geschah vor ungefähr 500 Millionen Jahren. Die ersten Exemplare der Landpflanzen hatten allerdings keine Wurzeln und konnten nicht sehr tief in den Boden vordringen, der seinerseits noch längst nicht so entwickelt war, wie Böden es heute unter dem Einfluss von Pflanzen mit ausgeprägten Wurzelsystemen sind. Fossilien von über 400 Millionen Jahren alten Pflanzen zeigen zudem, dass diese schon damals symbiotisch mit Pilzen zusammenlebten.
Die Hypothese, dass Böden sehr viel älter sind als Landpflanzen, könnte unsere Vorstellung von ihnen grundlegend verändern. Wiesen und Wälder, Gräser und Kräuter sind heute so allgegenwärtig, dass wir uns Pflanzen vom Boden gar nicht mehr wegdenken können. Doch wenn man die breitere Definition von Boden akzeptiert, dann wurde er die meiste Zeit von nicht-pflanzlichen Lebewesen geprägt – die Pflanzen kamen als Nachzügler erst spät hinzu. Die nicht-pflanzlichen Bodenbewohner hatten einen Vorsprung von mehreren Hundert Millionen Jahren, in denen sie sich ungestört entwickeln konnten. Vielleicht ist das sogar der wichtigste Grund dafür, dass der Boden an Artenreichtum alle anderen Lebensräume in den Schatten stellt.
Bedingungslose Bewunderung
Die Liste der Dinge, die Böden für uns Menschen leisten, ist lang und beeindruckend. Böden sind das Substrat für die Produktion von Nahrungsmitteln, sie regulieren das Klima, dienen als Reservoir für biologische Arten, bauen Schadstoffe ab oder überführen sie in ungiftige Stoffe, und sie regeln den Wasserhaushalt. Darüber hinaus treiben Bodenorganismen fast alle Nährstoffzyklen an, wie beispielsweise den Stickstoffzyklus, eine Abfolge von Prozessen, bei denen zum Beispiel aus Streu wieder für Pflanzen verfügbare Formen von Stickstoff entstehen. Zur Freude der Archäologen ist der Boden auch ein Archiv: Skulpturen wie die aus Kalkstein gefertigte Venus von Willendorf und andere Artefakte können darin lange überdauern – im Fall der Venus waren es ungefähr 29.500 Jahre.
Auch für die menschliche Ernährung ist der Boden zentral. Menschen betreiben seit ungefähr 11.000 Jahren Landwirtschaft – ohne Kenntnisse über den Boden und über Bodenbearbeitung wäre das nicht möglich gewesen. Landwirtschaft spielt auch in Deutschland eine große Rolle: Ungefähr die Hälfte der Fläche des Landes wird landwirtschaftlich genutzt. Der Boden liefert die Nährstoffe für die Ackerpflanzen oder die Pflanzen auf der Weide und stellt auch das Wasser dafür zur Verfügung. Darüber hinaus gehen die Wurzeln von Kulturpflanzen eine Reihe von symbiotischen Beziehungen mit Pilzen und Bakterien ein, die zur Produktivität beitragen können. Beispielhaft seien hier die Mykorrhizapilze genannt. Der Begriff „Mykorrhiza“ bezeichnet eine Symbiose von Pilzen und Pflanzen, bei der ein Pilz mit den feinen Wurzeln einer Pflanze zum gegenseitigen Nutzen in Kontakt steht. Mykorrhizapilze bieten Pflanzen eine Reihe von Dienstleistungen: Sie verbessern die Aufnahme von Phosphaten, Nitraten, Zink, Kupfer und anderen Nährstoffen durch die Pflanze und erhalten im Gegenzug organischen Kohlenstoff von ihr.
Ebenfalls in Symbiose mit Pflanzen leben bestimmte Bakterien, die Rhizobien. Sie halten sich in speziellen abgegrenzten Räumen, in Kompartimenten in der Pflanzenwurzel auf, also in den Knöllchen, in denen sie Stickstoff aus der Atmosphäre fixieren und der Pflanze zur Verfügung stellen. Während Mykorrhizapilze mit einem breiten Spektrum von Pflanzenarten eine Symbiose eingehen können, interagieren Rhizobien mit Leguminosen, also Hülsenfrüchtlern wie Bohnen, Erbsen, Klee, Linsen und Lupinen.
Bei der Ernährung geht es nicht nur um Kalorien und Biomasse, sondern auch um die Qualität der produzierten Nahrungsmittel. Auch diese wird in entscheidendem Maße durch den Boden bedingt. Qualität und Lagerungsfähigkeit von Lebensmitteln und deren Geschmack werden durch den Boden und seine Bewohner geprägt. Verschiedene Gruppen von Wurzel-Symbionten haben einen Einfluss auf die Nährstoffqualität von Nutzpflanzen zum Zeitpunkt der Ernte. Dies umfasst den Gehalt von Makroelementen wie Calcium oder Magnesium, von Spurenelementen wie Mangan oder Molybdän, aber auch von Antioxidantien, Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen, die für die menschliche Ernährung und Gesundheitsförderung von Interesse sind.
Ein bekanntes Beispiel ist der Geschmack von Wein, der durch das „Terroir“ beeinflusst wird. Der Begriff leitet sich von lateinisch terra ab und beschreibt folgendes Phänomen: Neben Faktoren wie Wetter, Gelände und Geologie drückt insbesondere der Boden dem Wein einen Stempel auf. In Weinanbaugebieten haben auch Hefen, die vom Boden kommen und auf den Trauben landen, einen Einfluss darauf, wie der erzeugte Rebensaft schmecken wird.
Ein weiterer Aspekt ist die Sicherheit der Nahrungsmittel bei deren Produktion. Hier wird die Gesundheit des Bodens selbst bedeutsam. Schadstoffe aus dem Boden, zum Beispiel Schwermetalle, können in die Pflanze gelangen. Auch Bodenbakterien, die Gene für Antibiotikaresistenz in sich tragen, können diese an Pflanzen oder Tiere übertragen. Wenn sie von dort in den menschlichen Körper gelangen, kann dies dazu führen, dass Antibiotika bei den Betroffenen nicht mehr wirken.
Ohne Boden könnte die Menschheit sich also nicht ernähren. Und er ist überdies unabdingbar für die Produktion von nachwachsenden Rohstoffen wie Holz sowie von Energiepflanzen, also Kulturpflanzen, die angebaut werden, um daraus Gas oder Brennstoff zu gewinnen.
Klima und Boden hängen eng zusammen. Das farblose Gas Kohlenstoffdioxid (CO2) entsteht bei der Zellatmung, beim Zerfall toter Organismen und bei der Verbrennung von Holz, Kohle, Öl oder Erdgas. Derzeit macht das Kohlenstoffdioxid einen Anteil von ungefähr 0,042 Prozent (420 parts per million) in der Luft aus. Das erscheint nicht viel, doch zu Beginn der Industrialisierung lag der Wert viel niedriger. Der zunehmende Eintrag von Kohlenstoffdioxid hat eine dramatische Auswirkung: Weil Wärmestrahlen, die sonst die Erde Richtung Weltall verlassen hätten, in der Atmosphäre von Kohlenstoffdioxid absorbiert werden, heizt sich die Erde mehr und mehr auf.
Im globalen Maßstab sind die Böden eine bedeutsame Senke für Kohlenstoff: In ihnen ist derzeit so viel Kohlenstoff als organisches Material gebunden wie in der Biomasse der Pflanzen sowie in der Luft (dort eben als Kohlenstoffdioxid) zusammen. Angesichts der Vielzahl an Pflanzen und der Größe der Atmosphäre ist das durchaus beeindruckend. In Deutschland etwa sind im oberen Meter der landwirtschaftlichen Böden ungefähr 2,5 Milliarden Tonnen an organischem Kohlenstoff gespeichert.
Werden Böden nicht nachhaltig bewirtschaftet, dann atmen sie gleichsam Kohlenstoffdioxid aus. Der Verlust von Kohlenstoff ist für den Boden selbst schlecht, denn die organische Substanz ist ein Baustein des Bodengefüges und unverzichtbarer Bestandteil eines gesunden Bodens. Umgekehrt kann, jedenfalls bis zu einem bestimmten Punkt, Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre über die pflanzliche Fotosynthese (die ja mithilfe von Licht Kohlenstoffdioxid und Wasser in Zucker verwandelt) in den Boden geholt und dort gespeichert werden.
Allerdings ist die Aufnahmekapazität von Böden begrenzt. Böden allein werden den Klimawandel nicht stoppen oder gar rückgängig machen. Wer die Erderwärmung wirksam bekämpfen will, wird nicht darum herumkommen, die Emissionen von Kohlenstoffdioxid massiv zu senken oder andere Maßnahmen zu finden. Und natürlich müsste man mit den Böden so umgehen, dass sie ihren Vorrat an organischem Kohlenstoff behalten.
Terra incognita
Eine Eigenschaft des Bodens ist noch vergleichsweise wenig erforscht: seine Rolle als Lebensraum. Von allen Mikroorganismen, die auf der Erde leben, ist bislang vermutlich nur ein Prozent der Wissenschaft bekannt, in dem Sinne, dass die betreffenden Arten formal beschrieben sind und dass man etwas über ihre Biologie weiß. Der riesige, unbekannte Rest der Mikroorganismen lebt im Boden: Arten, die noch nicht beschrieben sind und von denen man meist nur ein paar Schnipsel vom Erbgut kennt. Beim Schlagwort „Biodiversität“ denken viele an mächtige Eichen, an Eichhörnchen, Eichelhäher oder andere Lebewesen, die uns auf einem Spaziergang oberirdisch begegnen. Doch die eigentliche Schau findet unterirdisch statt: Nach neuen Befunden leben in der Erde weit mehr Organismen als auf der Erde.
Alle bislang entdeckten Bodenfunktionen beruhen auf dieser Biodiversität. Ohne sie sind die vielen Vorteile, die der Boden uns bietet, nicht zu haben. Das Binden von Kohlenstoffdioxid aus der Luft funktioniert nur mit der Fülle von Bodenlebewesen, die Kohlenstoff von der Pflanze in organische Bodensubstanz verwandeln; nachhaltiges Bewirtschaften von landwirtschaftlichen Flächen geht ebenfalls nicht ohne eine Vielzahl von Bodenlebewesen, die Nährstoffe liefern, den Boden stabilisieren und Pflanzen vor Krankheitserregern schützen. Darüber hinaus stellen Bodenbewohner unzählige Stoffwechselprodukte und chemische Substanzen her, die im Körper des Menschen eine pharmakologische Wirkung haben, etwa, indem sie gegen Krankheitserreger helfen.
Verschiedene Bodenorganismen werden zudem in der Biotechnologie immer wichtiger. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler suchen nach Bakterienstämmen und Pilzarten, die sie auf dem Acker ausbringen möchten, um Kulturpflanzen vor Krankheitserregern zu schützen oder sie wehrhaft gegen Dürren zu machen. Manche Mikroorganismen könnten überdies als Müllschlucker agieren und dabei helfen, bestimmte Umweltschadstoffe im Boden zu vertilgen. Den Boden und seine Biodiversität zu schützen, ist daher eine zentrale Aufgabe.
Ausweg aus einer bodenlosen Zukunft
Böden sind vielerorts gesetzlich geschützt, in Deutschland zum Beispiel durch das Bundes-Bodenschutzgesetz aus dem Jahr 1999, mit dem Ziel, die Funktionen des Bodens nachhaltig zu sichern oder wiederherzustellen. Auch die 2025 verabschiedete europäische Richtlinie zur Bodenüberwachung und -resilienz ist ein Schritt in die richtige Richtung. Sämtliche Böden in der EU sollen demnach bis zum Jahr 2050 wieder in den Zustand der Bodengesundheit zurückversetzt werden, damit sie dauerhaft möglichst viele Ökosystemdienstleistungen erfüllen können.
Es gibt auch andere Hinweise darauf, dass der Wert des Bodens erkannt wird. Im Lichthof des Reichstags in Berlin gibt es ein Kunstprojekt mit dem Titel „Der Bevölkerung“, errichtet von Hans Haacke im Jahr 2000. Mitglieder des Deutschen Bundestags sind jedes Jahr eingeladen, Boden von ihrem Wahlbezirk in das Kunstwerk einzubringen; das haben schon mehr als 520 Abgeordnete getan. Mithilfe einer Webcam kann man beobachten, wie sich die Pflanzen in dem zusammengetragenen Boden entwickeln.
Doch auch Privatpersonen können zum Bodenschutz beitragen, etwa durch richtige Müllentsorgung. Wenn Zigarettenkippen oder Plastikverpackungen in der Natur landen, gelangen Schadstoffe in den Boden, die Mikroorganismen das Leben erschweren. Dass man weder im beruflichen noch im privaten Umfeld kontaminierte Abwässer, Farbreste, Motorenöle oder andere Gifte illegal im Boden entsorgt, versteht sich eigentlich von selbst. Wer einen Garten hat, könnte auf synthetische Pestizide und mineralische Dünger verzichten und stattdessen Maßnahmen ergreifen, die Artenvielfalt auf der eigenen Scholle zu erhöhen. Man könnte Streu auf den Beeten und Mulch auf dem Rasen liegen lassen und einen Komposthaufen anlegen, auf dass Regenwürmer und andere Bodenbewohner darin fruchtbaren Humus herstellen.
Zu einem bodenbewussten Leben gehört aber auch, die eigenen Nahrungsgewohnheiten zu überdenken. So ist etwa die Produktion von Fleisch mit einem enormen Verbrauch von Bodenressourcen verbunden. Niemand muss zum Veganer oder Vegetarier werden, aber gerade in den Industriestaaten könnten viele Einwohnerinnen und Einwohner den Fleischkonsum verringern. Verzichtete man hin und wieder auf Wurst, Schnitzel oder Steak, würden weniger Weideflächen benötigt. Wer keine Lebensmittel wegschmeißt, sondern verwertet, leistet ebenfalls einen Beitrag, dass es dem Boden besser geht.
Entscheidend wird sein, inwieweit eine Umstellung der Landwirtschaft gelingt. Sie muss gleichzeitig die Bodengesundheit erhalten und die Menschheit ernähren. Allerdings gibt es viele Ansätze in der regenerativen Landwirtschaft, die Hoffnung machen. Die regenerative Landwirtschaft kombiniert Praktiken aus der ökologischen und der konventionellen Landwirtschaft und zielt darauf ab, die Beschaffenheit des Bodens zu verbessern. Eine eindeutige Definition gibt es zwar nicht, jedoch lassen sich folgende Merkmale nennen: Der Acker wird nicht mit dem Pflug bearbeitet, die Saat also nicht in offene Furchen gelegt, sondern mit speziellen Direktsämaschinen ausgebracht. Diese öffnen kleine Säschlitze, in die das Saatgut abgelegt wird, ehe sie wieder mit Boden abgedeckt werden. Von den kleinen Schlitzen abgesehen wird die Oberfläche nicht weiter bearbeitet und bleibt intakt. Der Acker ist idealerweise rund ums Jahr von Pflanzen oder Pflanzenresten bedeckt. Dadurch wird die Oberfläche im Sommer gekühlt und ist vor Erosion geschützt. Die Zwischenfrüchte und Untersaaten werden so ausgewählt, dass der Boden auf natürliche Weise mit Stickstoff versorgt wird und das ganze Jahr hindurch lebende Wurzeln im Boden enthalten sind. Die Wurzeln sind wichtig, weil sie Symbiosen mit den nützlichen Mykorrhizapilzen eingehen. Letztere sind auf die Verfügbarkeit einer Wirtspflanzenwurzel zwingend angewiesen. Die pflanzliche Biomasse bleibt im Boden und wird von den dort lebenden Organismen in Humus verwandelt.
Auch wenn viele Böden in Privatbesitz sind, ist der Boden als solcher ein allgemeines Gut, das erhalten bleiben muss. So wie Menschen saubere Luft und sauberes Wasser benötigen, so brauchen sie gesunden Boden zum Überleben. Nach einem Beschluss der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2022 hat jeder Mensch das Recht, in einer sicheren, sauberen, gesunden und nachhaltigen Umwelt zu leben. Wir sind davon überzeugt, dass zu einer solchen Umwelt auch gesunder Boden gehört. Der Boden ist keine endliche Ressource, er kann sich erneuern. Wir müssen ihn nur endlich gut behandeln – dann werden wir immer genug davon haben.