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Landgrabbing als Dritte Conquista | Boden | bpb.de

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Landgrabbing als Dritte Conquista

Olaf Kaltmeier

/ 17 Minuten zu lesen

Landgrabbing – also die Enteignung bzw. Aneignung von kleinbäuerlichen oder öffentlichen Böden durch Oligarchien und Investoren – ist ein globales Phänomen. Wie verhält sich die aktuelle Konjunktur zu historischen Formen der Landnahme in Lateinamerika?

Nach der globalen Finanzkrise 2007/08 war der neue Begriff des Landgrabbing in aller Munde. Spiegelbildlich zu den aufkommenden, massiven Prozessen der Gentrifizierung durch große Kapitalgruppen und Magnaten in den urbanen Metropolen der Welt nahm auch die Landnahme in den ländlichen Gebieten, vor allem im Globalen Süden, zu. In die zivilgesellschaftliche und später auch akademische Debatte wurde das Konzept des Landgrabbing vor allem von Nichtregierungsorganisationen (NGO) eingebracht, die sich mit Agrarfragen und kleinbäuerlicher Landwirtschaft im Globalen Süden beschäftigen – zuerst 2008 von der NGO GRAIN. Landgrabbing-Flächen werden zumeist agro-industriell genutzt und produzieren cash crops, das heißt nicht für die Selbstversorgung angebaute Produkte, für den Weltmarkt. Besonders relevant sind hier die sogenannten flex crops, also Agrarprodukte, die verschieden genutzt werden können. So dienen beispielsweise Soja oder Zuckerrohr wahlweise als Nahrungsmittel, als Tierfutter oder auch als Biotreibstoff.

Beim Landgrabbing handelt es sich um ein globales, konjunkturelles Phänomen. In diesem Beitrag frage ich, wie sich die aktuelle Konjunktur zu historischen Formen der Landnahme in Lateinamerika verhält. Um auf die spiegelbildliche Dynamik der Enteignung von zumeist kleinbäuerlichen, indigenen oder öffentlichen Böden sowie die Aneignung durch nationale Oligarchien und externe InvestorInnen hinzuweisen, wird hier der Begriff der Landenteignung bzw. -aneignung verwendet. Dabei schlage ich vor, Landgrabbing als erneute historische Konjunktur der Kolonialisierung zu begreifen. In Anspielung auf die 1492 mit Kolumbus einsetzende Erste Conquista der Amerikas verstehe ich die aktuelle Konjunktur der Landenteignung bzw. -aneignung über Landgrabbing als Dritte Conquista.

Landgrabbing: aktuelle Dynamik

Angesichts mangelnder Renditeaussichten auf den Finanzmärkten haben InvestorInnen seit 2007 zunehmend Land im Globalen Süden großflächig aufgekauft und gepachtet. Die globale Finanzkrise war somit ein immenser Katalysator für Landkauf und -spekulation und die daraus folgende Konzentration von Grundbesitz. Zudem geht es um strategische Positionierung in einem möglichen postfossilen Energieregime sowie um Kontrolle von Land, Rohstoffen und Wasser. Hier hat sich ein neuer Markt für Land gebildet, in den auch Finanzakteure spekulativ investieren. Land fungiert so als Speichermedium von Kapital.

Die NGO GRAIN hat die Aufkäufe von landwirtschaftlich nutzbaren Flächen durch ausländische Investoren für die Zeitspanne von 2006 bis 2015 weltweit anhand der einzelnen betroffenen Länder aufgeführt. Auf dieser Grundlage berechnete die Politikwissenschaftlerin Polette Rivero Villaverde für Lateinamerika 3.927.450 Hektar, die in 59 Transaktionen von ausländischen InvestorInnen aufgekauft wurden. Das entspricht dem Territorium der Niederlande. Brasilien führt die Liste mit 2.727.502 Hektar an, gefolgt von Argentinien (513.116), Paraguay (208.549) und Kolumbien (154.660). Dabei sind ausländische Direktinvestitionen, unter anderem auch von westeuropäischen Pensionsfonds, besonders relevant. Käufer kommen aus den USA, China und Westeuropa, aber auch aus Singapur, Japan, Südkorea, Saudi-Arabien, Indien und anderen Ländern. Doch auch die nationalen ökonomischen Eliten betreiben massives Landgrabbing. So haben brasilianische Agrounternehmer im benachbarten Paraguay großflächig Land aufgekauft.

Die globale Konjunktur des Landgrabbing ist mit nationalen und regionalen Konstellationen verflochten. In Lateinamerika führten die neoliberalen Strukturanpassungsprogramme ab den 1980er Jahren zu weitreichenden Deindustrialisierungsprozessen, während gleichzeitig eine selektive Weltmarktintegration in den Rohstoffsektor vorangetrieben wurde. Damit wurden im Agrarbereich besonders Agroexport-Betriebe gestärkt. Angesichts hoher Weltmarktpreise für Rohstoffe ist es besonders bemerkenswert, dass auch die Linksregierungen in Lateinamerika von Mitte der 1990er bis Mitte der 2010er Jahre dieses Agroexportmodell vertieften und damit Landgrabbing beförderten. Zu nennen sind unter anderem die Abschaffung von Ausfuhrzöllen und die Deregulierung des Bankensektors, die ausländische Investitionen in die Verarbeitungs- und Handelsinfrastruktur (z.B. Lagerhäuser, Mahlanlagen und Häfen) erleichtert. Die argentinische Soziologin Maristella Svampa spricht deshalb von einem parteiübergreifenden „Rohstoff-Konsens“, der auch das Alltagsverständnis der Bevölkerung bestimmt.

Unterschiede zwischen Linksregierungen und rechts oder neoliberal orientierten Regierungen gab es in der Umverteilung der Renditen. Die linken Regierungen privatisierten die aus den Rohstoffexporten erzielten Einkünfte nicht, sondern setzten sie für die Finanzierung von öffentlichen Sozialprogrammen ein: Statt einer individuellen Aneignung der Rendite erfolgte eine staatliche Politik der Redistribution. In der Folge sanken die Armutsraten und nahmen die Chancen der Unterschichten, sich an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen, zu.

Strukturelle Effekte in den Mustern der extremen Ungleichheit in der Region konnten mit dieser Politik hingegen kaum erzielt werden. Das zeigt sich besonders deutlich in Hinblick auf die Landverteilung. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen ist Lateinamerika die Weltregion mit der ungleichsten Landverteilung. Die NGO Oxfam hat ermittelt, dass ein Prozent der Produktionseinheiten in Lateinamerika mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf sich konzentriert. Die aktuelle Konjunktur des Landgrabbing verschränkt sich mit historischen Strukturen der Ungleichverteilung von Land und führt zu einer historisch einmaligen Konzentration von Land in wenigen Händen.

Die direkte Ausweitung der kapital- und chemikalienintensiven Agrarindustrie hat sich in die Randgebiete des Amazonas, des Cerrado und der Caatinga in Brasilien, in die Chaco-Wälder Boliviens und Argentiniens sowie in Teile des Atlantischen Regenwaldes ausgebreitet. Dies hat die Landschaften der Region verändert und zur Entstehung neuer Schichten der Agraroligarchie wie den sogenannten Sojabaronen geführt. Der brasilianische Sojabaron Blairo Maggi, der von seinem Vater das Unternehmen Amaggi übernommen hat, gilt als weltweit größter privater Sojaproduzent. Von 2003 bis 2010 war er Gouverneur des Bundesstaates Mato Grosso, eine Hochburg der Sojaproduktion. Von der Umweltorganisation Greenpeace erhielt Maggi den Anti-Preis „Goldene Kettensäge“, da er innerhalb von nur zwei Jahren im Gouverneursamt den Mato Grosso massiv abholzen ließ. 48 Prozent des Kahlschlags im gesamten Amazonas-Regenwald fiel in dieser Zeit auf seinen Bundesstaat. Unter der konservativen Temer-Regierung war er dann von 2016 bis 2018 Landwirtschaftsminister.

Diese oligarchischen Familien erweiterten die Anbauflächen für die Produktion auf eigenem Land, während andere in die Verarbeitung, Logistik und den Handel wechselten oder Ackerland nur zum Zweck der Spekulation erwarben. Oft stehen die neuen Agrarindustrie-Eliten in Verbindung mit regionalen oligarchischen Familiennetzwerken, die auch die regionale und nationale Politik dominieren. In Brasilien ist hier die parteiübergreifende parlamentarische Agrobusiness-Lobby Bancada Ruralista zu nennen.

Parallel dazu ist das Voranschreiten von Finanzialisierungsprozessen auf dem Land und eine zunehmende Konsolidierung neuer Unternehmenseliten zu beobachten, die mit globalen Kapitalströmen verbunden sind. Trotz der Linksregierungen ist in Lateinamerika während des Landrushs von 2008 bis 2016 eine Zunahme der Superreichen von 420 auf fast 560 Personen festzustellen. Die Region ist im weltweiten Vergleich durch die höchste soziale Ungleichheit und stärkste Ausprägung von Oligarchien gekennzeichnet. Bemerkenswert ist zudem, dass – anders als etwa in den USA – das Gros des Reichtums nicht eigenständig erworben, sondern ererbt wurde. Jenseits der unmittelbaren ökonomischen Ausbeutbarkeit ist Land somit ein Speicher für Kapital: Das Kapital wird durch die Anlage in Land zeitlich und räumlich gebunden und kann dann nicht nur als Produktionsfaktor dienen, sondern auch wieder – wenn notwendig – für die Folgegenerationen verflüssigt werden. Deshalb ist die hohe Landkonzentration ein wesentlicher Faktor für die Reproduktion der Elite in Lateinamerika und die fortschreitende Polarisierung der Sozialstruktur.

Die gegenwärtige Konjunktur der Dritten Conquista hat Landschaften und Ökosysteme großflächig transformiert und ist entscheidend an der Überschreitung der planetaren Grenzen im Anthropozän beteiligt. Allein in der Initialphase des Landgrabbing in Amazonien zwischen 2000 und 2018 gingen 513016 Quadratkilometer Primärwald verloren. 84 Prozent des Waldverlustes gehen auf das Konto der Landwirtschaft, der Rest auf Bergbau und Infrastrukturprojekte. Regional bzw. national können diese Daten noch markanter ausfallen: So war das Agrobusiness 2021 in Brasilien für 97 Prozent der Entwaldung verantwortlich. In seinem Schlepptau kommt es zur Entwaldung und zur Erweiterung der landwirtschaftlichen Grenze durch kleinere Siedler.

Allgemein sind auch indigene Reservate und Naturschutzgebiete vom Landgrabbing betroffen; letztere verloren in Amazonien im genannten Zeitraum über 50.000 Quadratkilometer. Spiegelbildlich hat sich die landwirtschaftlich nutzbare Fläche in Amazonien gegenüber 2020 nahezu verdoppelt, was zu 71 Prozent direkt auf Entwaldung zurückzuführen ist. Häufig sind hier illegale Rodungen, die in riesigen unkontrollierten Bränden kulminieren. Über die Zerstörung der Ökosysteme und den Biodiversitätsverlust hinaus sind auch globale Klimaeffekte zu nennen: So gingen 2019 in Brasilien 72 Prozent der klimarelevanten Emissionen auf das Konto der Agroindustrie.

Landkonzentration und die Aneignung von Land ist mit oftmals gewaltsamen Prozessen der Landenteignung verbunden. Die NGO International Land Coalition spricht in einem relationalen Ansatz immer dann von Landgrabbing, wenn die Aneignung großer Landflächen mit einer Enteignung von kleinbäuerlichen, indigenen, afro-amerikanischen Flächen einhergeht und eine Veränderung des Bodenbesitzsystems erfolgt. Die riesigen Soja-Plantagen – vor allem in Brasilien, Argentinien und Paraguay – verdrängen die dortigen KleinbäuerInnen und dringen zunehmend auch in indigene Reservate und Naturschutzgebiete ein. Anhand der Soja-Produktion lässt sich zudem besonders gut verdeutlichen, wie Landgrabbing und die Erweiterung der Agrargrenze mit biotechnologischen Innovationen verknüpft sein können. Die Entwicklung biotechnologischer Pakete aus genmanipuliertem Saatgut und Agrochemikalien, vor allem durch Bayer, Monsanto und BASF, machte den Anbau in Regionen möglich bzw. rentabel, die zuvor landwirtschaftlich nicht nutzbar waren. In Kolumbien führte die Ausweitung der Ölpalmenplantagen zu gewaltsamen Vertreibungen bis hin zu Mord. Gemäß Angaben der Vereinten Nationen hatte Kolumbien im März 2018 mit 7,6 Millionen Binnenflüchtlingen die weltweit höchste Anzahl an intern vertriebenen Personen. Des Weiteren belasten Pestizide die Gesundheit der angrenzenden Bevölkerung, sodass ganze Regionen zu sacrifice zones werden.

Wie ist das aktuelle Phänomen von Landgrabbing in Lateinamerika nun historisch einzuordnen? In der wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Debatte um Landgrabbing stellt sich die Frage, ob Landgrabbing als historisches Phänomen des frühen 21. Jahrhunderts verstanden werden soll oder ob es – weiter gefasst – als Passepartout für Prozesse der Landnahme dienen und somit auch rückwirkend sinnvoll auf die Vergangenheit angewandt werden kann. Zwischen diesen beiden Polen möchte ich eine Zwischenposition einnehmen, die Landgrabbing als Teil einer erneuten Konjunktur der Kolonialisierung begreift. Dabei möchte ich im Folgenden das Augenmerk besonders darauf legen, wie die Aneignung von Land der Produktion und Reproduktion von extremem Reichtum dient.

Erste Conquista: Landenteignung bzw. -aneignung in der Kolonialzeit

Die Verknüpfung von Landbesitz und Reichtum hat ihre Wurzeln in der Kolonialzeit. Direkt nach Kolumbus’ erster Reise 1492 stellte sich für die europäischen Eroberer die Frage der Landaneignung. Auf geopolitischer Ebene erließ Papst Alexander VI. verschiedene Bullen, die die Aufteilung der Territorien unter Spanien und Portugal regulierten. Grundlage dieser Doktrin der Entdeckung war die Vorstellung von den Amerikas als terra nullius, als Niemandsland, wobei die historischen Rechte der dort lebenden indigenen Völker ignoriert wurden. In der Nachfolgezeit wurde diese Doktrin jedoch auch von spanischen Rechtsgelehrten durchaus angezweifelt.

In der frühen Phase der Kolonialzeit wollten die iberischen Imperien zunächst verhindern, dass das Feudalsystem auf die neuen Gebiete übertragen wurde. Die Konquistadoren und ihre Nachkommen hingegen drängten darauf, die Kontrolle über die Arbeitskräfte und das Land der indigenen Bevölkerung zu erlangen. Die Schaffung von Institutionen wie den königlichen Landzuweisungen (mercedes reales) diente dazu, die Konquistadoren und hohen Beamten zu belohnen, und beförderte die Konzentration des Landbesitzes. Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert kamen Bezeichnungen wie grande senhor de terras oder grandes posseiros für landwirtschaftliche Eliten auf, die mit Exportmonokulturen wie Zuckerrohr oder Tabak verbunden waren.

Mit fortschreitender Kolonisierung verlagerte sich das Zentrum der Wirtschaftsmacht auf große ländliche Landgüter, Ranches, Zuckermühlen und die Figur des hacendado, des aufkommenden Großgrundbesitzers. Im Gegensatz zum frühkolonialen Encomienda-System umfasste das Hacienda-System rechtliches Eigentum und dauerhafte Bewirtschaftung. In dieser Phase blieben aber auch indigene Landtitel durchaus noch erhalten. Ab dem 17. Jahrhundert verbreiteten sich die Haciendas im mexikanischen Hochland, in den Anden und in den Ebenen des Río de la Plata und festigten den Reichtum der Elite. Im Zuge der Unabhängigkeit konnte sich das Hacienda-System in den neuen Republiken noch weiter ausbreiten, gestützt auf dieselben oligarchischen Familiennetzwerke, die bereits während der Kolonialzeit bestanden hatten. Indigener Landbesitz wurde dabei immer weiter zurückgedrängt.

Neben der auf regionale Wirtschaftskreisläufe ausgerichteten Hacienda bildete sich bereits im 17. Jahrhundert in der Karibik und der brasilianischen Atlantikküste die Plantage als ein zentrales Dispositiv der grundlegenden Transformation der Landnutzung und des metabolischen Bruchs heraus. Basierend auf einem neuen Raumordnungsregime, das sich durch Monokultur, die Einführung gebietsfremder Pflanzenarten – zunächst besonders Zucker aus Asien – und die gewaltsame Einführung gebietsfremder Arbeitskräfte in Form versklavter AfrikanerInnen auszeichnete, verband die Plantage die agrowirtschaftliche Massenproduktion in den Amerikas mit einer wachsenden Nachfrage und neuen Konsumregimen in Westeuropa.

Zweite Conquista: Agrarexportboom und Oligarchien

Nach der Unabhängigkeit der vormaligen Kolonien zu Beginn des 19. Jahrhunderts blieben die kolonialen Strukturen der Landnutzung zunächst weitgehend erhalten. Von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Weltwirtschaftskrise von 1929 kam es zu einer massiven Beschleunigung der Umwandlung von Land in Kapital in den neuen Republiken und im brasilianischen Kaiserreich. Diese Epoche der Oligarchischen Republiken war gekennzeichnet durch eine zunehmende Integration der Region in die globalen Märkte, die Ausweitung und Rekonfiguration der Agrarexportwirtschaft, technologischen Wandel und politisch-institutioneller Modernisierung bei gleichzeitig zunehmender sozialer Ungleichheit. Liberale Oligarchien in Lateinamerika und externe, westeuropäische und Ende des 19. Jahrhunderts auch zunehmend US-amerikanische InvestorInnen trieben die Förderung extraktiver und produktiver Agrarwirtschaft voran. Die Bodennutzung und die Beziehungen zwischen Mensch, Umwelt und Territorium wurden so umfassend und tiefgreifend umgestaltet.

Diese beschleunigten, expansiven Prozesse in den Dynamiken und Formen der Landnutzung drückten sich auch in massiver Entwaldung aus. Weltweit wurde zwischen 1850 und 1920 genauso viel Urwald zerstört wie in dem doppelt so langen Zeitraum von 1700 bis 1850. Spiegelbildlich dazu nahm der Umfang der Agrarflächen zu und erreichte um 1950 seinen Plateauwert.

Als Teil dieses Prozesses schritten Agroexportunternehmen, flankiert vom internen und kontinentalen Kolonialismus, als eine Art Zweite Conquista voran. Entscheidend für die Kontrolle von Raum war die Umwandlung der als baldíos bezeichneten, vermeintlichen „leeren“ und real von indigenen Völkern bewohnten Räume in privaten Grundbesitz. In dieser Rechtskonstruktion gibt es deutliche Analogien zum kolonialen, aus dem römischen Recht stammenden Begriff der terra nullius. Der republikanische Staat schuf so die legalen Grundlagen der Landenteignung bzw. -aneignung und baute zusammen mit privaten aus- und inländischen Unternehmen und Investoren Straßen, Häfen und Eisenbahnlinien. Dabei gewährte er den neuen, durch die Landnahme geschaffenen Territorialitäten oftmals de facto Souveränität.

Ein zentrales Dispositiv der Landnahme und quasi-souveräner Territorialität, das sich in den 1850er Jahren durch die Privatisierung kommunaler indigener Ländereien ausweitete, war die Hacienda. Mit ihren kolonialen Wurzeln war sie zumeist im Besitz kreolischer, traditioneller Oligarchien. Wenig kapitalintensiv war sie auf den Binnenmarkt ausgerichtet und operierte zumeist auf der Grundlage indigener Zwangsarbeit in einer Art der Schuldknechtschaft.

Angesichts der Abschaffung der Sklaverei und des beginnenden Massenkonsums in Europa erfuhr auch das koloniale Plantagensystem eine grundlegende Transformation. Die Plantagenregionen des Karibischen Beckens und der Atlantikküste wurden mit neuer Intensität in den Weltmarkt eingebunden, finanziert durch ausländisches Kapital und nationale Oligarchien. Gerade die Zuckerproduktion prägte dabei die Eigenschaften und Strukturen des transatlantischen Industriezeitalters. Entsprechend kam es in der karibischen Zuckerindustrie bereits früh zum Einsatz von Dampfmaschinen in den Zuckerfabriken, wodurch sich der Bedarf an menschlicher Muskelkraft und Zugtieren verringerte und sich die Produktivität erhöhte. Der Umstieg auf fossile Energieträger hatte indes massive ökologische Auswirkungen auf den karibischen Inseln, in den Südstaaten der USA und in den Guyanas, und an der brasilianischen Atlantikküste wurde der Wald zu dem zentralen Brennstoff des auf der Plantage basierenden agroindustriellen Exportmodells.

Mitte des 19. Jahrhunderts kam es im Rahmen des Agroexportmodells in Lateinamerika zu einer weiteren Differenzierung der Anbauprodukte und -techniken in den Plantagen. So breitete sich der Kaffeeanbau massiv aus, jedoch mit markanten regionalen Unterschieden. In Südbrasilien wurde er großflächig mit Zwangsarbeit und Sklaverei betrieben, wobei die Kaffeebarone aufgrund von Bodenerosion immer wieder neue Gebiete für den Anbau rodeten. In Kolumbien und in weiten Teilen Zentralamerikas beförderte der Kaffeeanbau hingegen eher eine bäuerliche Landnutzungsstruktur. Andere agroindustrielle Exportprodukte wie Kakao, Henequén (Sisal), Baumwolle, Indigo, Tabak etc. hatten ihrerseits Auswirkungen auf die regionale Landnutzung. Die meisten Plantagensysteme bildeten sich enklavenartig mit einer Tendenz zur Expansion an den verkehrstechnisch gut erreichbaren tropischen und subtropischen Küstengebieten besonders im Atlantik aus, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts auch auf der Pazifikseite.

Während die Plantagenwirtschaft auf die hohe Verfügbarkeit von Arbeitskraft angewiesen war, breitete sich in den savannenartigen, wenig besiedelten Gebieten die extensive Viehzucht aus. Aufgrund des hohen Flächenbedarfs kam es zur Vertreibung indigener Bevölkerung und massiver Entwaldung bzw. Zerstörung der Buschvegetation. Neuerungen der Kühl- und Konservierungstechnologien eröffneten neue Exportmöglichkeiten und intensivierten die Viehwirtschaft, vor allem in der argentinischen Pampa. Flankierend wurden neue Futterpflanzen und Weidegräser angepflanzt sowie neue europäische Rinderrassen eingeführt. Im zentralen Andenraum sowie in Südpatagonien und auf der Osterinsel expandierte die Schafwollproduktion.

Die Ausbeutung von Naturressourcen im Agroexport-Modell erfolgte jedoch nicht durch die umfassend veränderte Landnutzung. Vielmehr gab es in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch eine massive Hochphase des einfachen Extraktivismus, wobei Naturressourcen aus peripheren, schwer zugänglichen Regionen geplündert und auf die nationalen und internationalen Märkte gebracht wurden. Dies betraf etwa Hölzer, medizinische oder pharmazeutische Produkte wie Cinchona und Coca oder regional vorkommende Ressourcen wie Mate in Nordargentinien, Südbrasilien und Paraguay oder Kautschuk in Amazonien.

In diesen Grenzregionen war besonders die Rechtsform der mit ausländischem Kapital betriebenen Gesellschaften (sociedades) relevant, die staatliche Landkonzessionen erhielten. Sie operierten in einem quasi-souveränen Raum und setzten bei der Landaneignung und Kontrolle von Arbeitskraft genozidäre und ethnozidäre Gewalt gegenüber den indigenen Völkern ein. Ein Beispiel hierfür ist der Schutz der Peruvian Amazon Company des peruanischen Kautschukbarons Julio César Arana durch den peruanischen Staat. Im Jahr 1913 wurde das an der britischen Börse notierte Unternehmen vom Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments wegen Versklavung und Ethnozid an den indigenen Völkern des Amazonasgebiets angeklagt. Ähnliche ethnozidäre Praktiken gab es auch auf den Estancias der Schafzucht in Patagonien, die für den Völkermord an den Selk’nam, Kaweskar und Yaganes verantwortlich waren.

Allgemein kam es in Lateinamerika und der Karibik in dieser Zeit zu einer weiteren massiven Konzentration des Landbesitzes. Einerseits blieben oligarchische Familiennetzwerke mit kolonialen Wurzeln bestehen. Vor allem in den exportgetriebenen Regionen Brasiliens an der Atlantikküste bauten koloniale Familiennetzwerke ihren Besitz aus – oft auf Grundlage von Sklaverei – und wurden mit neoaristokratischen Begriffen wie nobreza oder baron bezeichnet. Ein Teil des Landbesitzes stammte aus den kolonialen Landtiteln, während andere Ländereien aus illegalen Landbesetzungen herrührten, die später legalisiert wurden. Durch endogame, strategische Ehen sicherten die oligarchischen Familiennetzwerke Reichtum und Landbesitz und erhielten die soziale Distinktion aufrecht.

Andererseits entstanden neue, großgrundbesitzende Eliten, die mit den ebenfalls neuen, an den Börsen gehandelten Waren in Verbindung standen. Neologismen verbanden den neofeudalen Elitenstatus dieser Gruppen mit kapitalistischer Weltmarktausrichtung, wie im Fall der „Kaffee-“ oder „Kautschukbarone“ oder der magnates ganaderos. In Grenzregionen wie Patagonien wurden einzelne Landbesitze zudem durch Unternehmen wie die Sociedad Comercial y Ganadera Chile y Argentina konsolidiert – oft mit der Unterstützung von britischem Kapital.

Landgrabbing in den Konjunkturen der Kolonialität

In dieser Tour de Force durch die lateinamerikanische Geschichte von Landenteignung bzw. -aneignung begreife ich das Landgrabbing als eine erneute Konjunktur der Kolonialität. Kolonialität umfasst koloniale Denk- und Handlungsmuster, die die beteiligten bzw. betroffenen Gesellschaften bis heute prägen. Sie beruht auf dem gewaltsamen Bruch mit den diversen Entwicklungspfaden indigener Gesellschaften, der von der Ersten Conquista in den Amerikas ausgelöst und mit dem Aufkommen eines kapitalistischen Weltsystems sowie der damit verbundenen rassistisch kategorisierten Arbeitskraft und dem metabolischen Bruch in der Nutzung von Naturressourcen vertieft wurde. Bis heute ist Kolonialität beständig erneuert und rekonfiguriert worden. Innerhalb der Kolonialität gibt es neue Konjunkturen von Kolonialisierung und Dekolonialisierung, die eigene Wirkmächtigkeiten entfalten. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ist eine Konjunktur der Kolonialisierung festzustellen, die als Zweite Conquista begriffen werden kann. Nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 folgte eine Periode der Reform, in der lateinamerikaweit auch begrenzte Agrarreformen umgesetzt wurden.

Aus dieser historischen Perspektive ist Landgrabbing als ein aktueller Prozess zu sehen, der Teil einer mit den neoliberalen Anpassungsprogrammen der 1980er Jahre einsetzenden Konjunktur der Kolonialisierung ist, die ich hier als Dritte Conquista bezeichne. Eine Verwendung des Begriffs „Landgrabbing“ für frühere Prozesse der Landenteignung bzw. -aneignung in Lateinamerika würde eine konzeptionelle Verwässerung bedeuten: Unter anderem könnten die spezifische Dynamik der Finanzmärkte (inklusive deren neuer Akteure wie Pensionsfonds, Investmentbanker sowie die latente Überakkumulationskrise), die Bedeutung der neuen technologischen Pakete sowie die besondere Situation der Rohstoffsicherung in Zeiten der planetaren Grenzen des Anthropozäns nicht erfasst werden. Gleichzeitig halte ich allerdings auch ein rein gegenwartsorientiertes Verständnis von Landgrabbing für problematisch. In solchen Ansätzen werden die historischen Genealogien und regionale Besonderheiten ausgeblendet. Gerade die extreme neofeudale Landkonzentration, aber auch der „Rohstoff-Konsens“ können in Lateinamerika nur innerhalb einer umfassenden Geschichte von Kolonialität und Landkämpfen verstanden werden.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Saturnino M. Borras Jr./Jennifer C. Franco, Land Rush, in: The Journal of Peasant Studies 7/2025, S. 1666–1681.

  2. Vgl. GRAIN, The Global Farmland Grab in 2016: How Big? How Bad?, 14.6.2016, Externer Link: https://www.grain.org/article/entries/5492-theglobal-farmland-grab-in-2016-how-big-how-bad; Polette Rivero Villaverde, Territorialer Vertreibungskrieg und Landgrabbing, 17.10.2017, Externer Link: https://amerika21.de/analyse/187047/territorialer-vertreibungskrieg; für eine Diskussion siehe Olaf Kaltmeier, Refeudalisierung und Rechtsruck. Soziale Ungleichheit und politische Kultur in Lateinamerika, Bielefeld 2020, S. 65–67.

  3. Vgl. Maristella Svampa, Die Grenzen der Rohstoffausbeutung, Bielefeld 2020, S. 22–29.

  4. Vgl. Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO), América Latina y el Caribe es la región con la mayor desigualdad en la distribución de la tierra, 5.4.2017, Externer Link: https://www.fao.org/republica-dominicana/noticias/detail-events/es/c/897269; zur Interpretation Kaltmeier (Anm. 2), S. 58–69.

  5. Vgl. Gustavo Oliveira/Susanna Hecht, Sacred Groves, Sacrifice Zones and Soy Production: Globalization, Intensification and Neo-Nature in South America, in: Journal of Peasant Studies 2/2016, S. 251–285.

  6. Vgl. Roberto Cassaglia, Las élites corporativas y los gobiernos neoconservadores en el siglo XXI. Argentina y Brasil (2015–2019), in: Marina Mendoza/Inés Nercesian (Hrsg.), Élites económicas e influencias en América Latina. Metodologías de investigación y claves para su estudio, Buenos Aires 2023, S. 31–62.

  7. Vgl. Capgemini, World Wealth Report 2017, Externer Link: https://www.capgemini.com/us-en/wp-content/uploads/sites/30/2022/05/worldwealthreport_2017_final-2.pdf.

  8. Vgl. Santiago Lopez, Land Use in the Amazon from 1950 to the Present, in: Olaf Kaltmeier et al. (Hrsg.), Land Use. Handbook of the Anthropocene in Latin America I, Bielefeld 2024, S. 359–384, hier S. 371; Claiton Marcio da Silva et al., Land Use in the Southern Cone from 1950 to the Present, in: ebd., S. 307–331; RAISG, Amazonia Under Pressure 2020, Externer Link: https://www.raisg.org/en/publication/amazonia-under-pressure-2020.

  9. Vgl. Stuart B. Schwartz, Sugar Plantations in the Formation of Brazilian Society. Bahia, 1550–1835, Cambridge 1985.

  10. Metabolischer Bruch bezeichnet eine durch kapitalistische Ausbeutung verursachte globale multiple Krise in den Stoffflüssen zwischen Natur und Gesellschaft.

  11. Vgl. Leida Fernández Prieto/Reinaldo Funes Monzote, Land Use in the Caribbean in the Colonial Period, in: Olaf Kaltmeier et al. (Anm. 8), S. 156–176; Horacio Machado Aráoz, America(n)-Nature, Conquestual Habitus and the Origins of the „Anthropocene“, in: Die Erde 3/2022, S. 162–177.

  12. Vgl. Will Steffen et al., Planetary Boundaries: Guiding Human Development on a Changing Planet, in: Science 6223/2015, 1259855; Michael Williams, Deforesting the Earth. From Prehistory to Global Crisis, Chicago 2006.

  13. Interner Kolonialismus bezeichnet die Kolonisierung peripherer, zumeist indigener Gebiete durch nationale Akteure.

  14. Zur Hacienda siehe Olaf Kaltmeier, Konjunkturen der (De-)Kolonialisierung. Indigene Gemeinschaften, Hacienda und Staat in den ecuadorianischen Anden von der Kolonialzeit bis heute, Bielefeld 2016; zu den Kapitalgesellschaften Alberto Harambour, Soberanías corporativas y estatales en América del Sur, 1860–1920, in: ders./Margarita Serje (Hrsg.), La Era del imperio y las fronteras de la civilización en América del Sur, Santiago de Chile 2023, S. 3–36.

  15. Vgl. Reinaldo Funes Monzote, From Rainforest to Cane Field in Cuba. An Environmental History since 1492, Chapel Hill 2008.

  16. Vgl. Steven Topik/Allen Wells, The Second Conquest of Latin America: Coffee, Henequen, and Oil during the Export Boom, 1850–1930, Austin 1998; Anthony Goebel McDermott/Andrea Montero Mora, Environmental History of Commodities in Central America, in: Oxford Research Encyclopedia of Latin American History, Oxford 2021, S. 1–28.

  17. Vgl. Shawn Van Ausdal/Robert W. Wilcox, Hoofprints. Cattle Ranching and Landscape Transformation, in: John Soluri et al. (Hrsg.), A Living Past: Environmental Histories of Modern Latin America, New York 2018, S. 183–204; Reinaldo Funes Monzote, Livestock, Commodity Frontier, and the Plantationocene in Latin America and the Caribbean, in: Olaf Kaltmeier et al. (Hrsg.), Contesting the Anthropocene. Latin American Perspectives beyond Coloniality and Capitalism, London 2026; Olaf Kaltmeier/Eduardo Relly, Biodiversity in the Southern Cone from the Mid-Nineteenth Century to 1950, in: Olaf Kaltmeier et al. (Hrsg.), Biodiversity. Handbook of the Anthropocene in Latin America II, Bielefeld 2024, S. 167–194.

  18. Vgl. Kaltmeier (Anm. 14), S. 36–41.

  19. Zum Begriff der Zweiten Conquista in Hinblick auf indigene Völker vgl. Olaf Kaltmeier, Marichiweu. Eine Rekonstruktion der aktuellen Mapuche-Bewegung in Chile aus der Dialektik von Herrschaft und Widerstand seit der Conquista, Münster 2004, S. 78–105; Wolfgang Gabbert, The Second Conquest: Continental and Internal Colonialism in Nineteenth-Century Latin America, in: Dittmar Schorkowitz et al. (Hrsg.), Shifting Forms of Continental Colonialism: Unfinished Struggles and Tensions, Singapur 2019, S. 333–362; aus wirtschaftshistorischer Perspektive Topik/Wells (Anm. 16); aus umweltgeschichtlicher Perspektive Olaf Kaltmeier et al., Introduction: Land Use, Second Conquest, and the Anthropocene in Latin America from the Mid-Nineteenth Century to 1950, in: Kaltmeier et al. (Anm. 8), S. 179–186.

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ist Professor für iberoamerikanische Geschichte an der Universität Bielefeld und Sprecher des Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies (CALAS).