Nach der globalen Finanzkrise 2007/08 war der neue Begriff des Landgrabbing in aller Munde. Spiegelbildlich zu den aufkommenden, massiven Prozessen der Gentrifizierung durch große Kapitalgruppen und Magnaten in den urbanen Metropolen der Welt nahm auch die Landnahme in den ländlichen Gebieten, vor allem im Globalen Süden, zu.
Beim Landgrabbing handelt es sich um ein globales, konjunkturelles Phänomen. In diesem Beitrag frage ich, wie sich die aktuelle Konjunktur zu historischen Formen der Landnahme in Lateinamerika verhält. Um auf die spiegelbildliche Dynamik der Enteignung von zumeist kleinbäuerlichen, indigenen oder öffentlichen Böden sowie die Aneignung durch nationale Oligarchien und externe InvestorInnen hinzuweisen, wird hier der Begriff der Landenteignung bzw. -aneignung verwendet. Dabei schlage ich vor, Landgrabbing als erneute historische Konjunktur der Kolonialisierung zu begreifen. In Anspielung auf die 1492 mit Kolumbus einsetzende Erste Conquista der Amerikas verstehe ich die aktuelle Konjunktur der Landenteignung bzw. -aneignung über Landgrabbing als Dritte Conquista.
Landgrabbing: aktuelle Dynamik
Angesichts mangelnder Renditeaussichten auf den Finanzmärkten haben InvestorInnen seit 2007 zunehmend Land im Globalen Süden großflächig aufgekauft und gepachtet. Die globale Finanzkrise war somit ein immenser Katalysator für Landkauf und -spekulation und die daraus folgende Konzentration von Grundbesitz. Zudem geht es um strategische Positionierung in einem möglichen postfossilen Energieregime sowie um Kontrolle von Land, Rohstoffen und Wasser. Hier hat sich ein neuer Markt für Land gebildet, in den auch Finanzakteure spekulativ investieren. Land fungiert so als Speichermedium von Kapital.
Die NGO GRAIN hat die Aufkäufe von landwirtschaftlich nutzbaren Flächen durch ausländische Investoren für die Zeitspanne von 2006 bis 2015 weltweit anhand der einzelnen betroffenen Länder aufgeführt. Auf dieser Grundlage berechnete die Politikwissenschaftlerin Polette Rivero Villaverde für Lateinamerika 3.927.450 Hektar, die in 59 Transaktionen von ausländischen InvestorInnen aufgekauft wurden. Das entspricht dem Territorium der Niederlande. Brasilien führt die Liste mit 2.727.502 Hektar an, gefolgt von Argentinien (513.116), Paraguay (208.549) und Kolumbien (154.660). Dabei sind ausländische Direktinvestitionen, unter anderem auch von westeuropäischen Pensionsfonds, besonders relevant. Käufer kommen aus den USA, China und Westeuropa, aber auch aus Singapur, Japan, Südkorea, Saudi-Arabien, Indien und anderen Ländern. Doch auch die nationalen ökonomischen Eliten betreiben massives Landgrabbing. So haben brasilianische Agrounternehmer im benachbarten Paraguay großflächig Land aufgekauft.
Die globale Konjunktur des Landgrabbing ist mit nationalen und regionalen Konstellationen verflochten. In Lateinamerika führten die neoliberalen Strukturanpassungsprogramme ab den 1980er Jahren zu weitreichenden Deindustrialisierungsprozessen, während gleichzeitig eine selektive Weltmarktintegration in den Rohstoffsektor vorangetrieben wurde. Damit wurden im Agrarbereich besonders Agroexport-Betriebe gestärkt. Angesichts hoher Weltmarktpreise für Rohstoffe ist es besonders bemerkenswert, dass auch die Linksregierungen in Lateinamerika von Mitte der 1990er bis Mitte der 2010er Jahre dieses Agroexportmodell vertieften und damit Landgrabbing beförderten. Zu nennen sind unter anderem die Abschaffung von Ausfuhrzöllen und die Deregulierung des Bankensektors, die ausländische Investitionen in die Verarbeitungs- und Handelsinfrastruktur (z.B. Lagerhäuser, Mahlanlagen und Häfen) erleichtert. Die argentinische Soziologin Maristella Svampa spricht deshalb von einem parteiübergreifenden „Rohstoff-Konsens“, der auch das Alltagsverständnis der Bevölkerung bestimmt.
Unterschiede zwischen Linksregierungen und rechts oder neoliberal orientierten Regierungen gab es in der Umverteilung der Renditen. Die linken Regierungen privatisierten die aus den Rohstoffexporten erzielten Einkünfte nicht, sondern setzten sie für die Finanzierung von öffentlichen Sozialprogrammen ein: Statt einer individuellen Aneignung der Rendite erfolgte eine staatliche Politik der Redistribution. In der Folge sanken die Armutsraten und nahmen die Chancen der Unterschichten, sich an gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen, zu.
Strukturelle Effekte in den Mustern der extremen Ungleichheit in der Region konnten mit dieser Politik hingegen kaum erzielt werden. Das zeigt sich besonders deutlich in Hinblick auf die Landverteilung. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen ist Lateinamerika die Weltregion mit der ungleichsten Landverteilung. Die NGO Oxfam hat ermittelt, dass ein Prozent der Produktionseinheiten in Lateinamerika mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche auf sich konzentriert. Die aktuelle Konjunktur des Landgrabbing verschränkt sich mit historischen Strukturen der Ungleichverteilung von Land und führt zu einer historisch einmaligen Konzentration von Land in wenigen Händen.
Die direkte Ausweitung der kapital- und chemikalienintensiven Agrarindustrie hat sich in die Randgebiete des Amazonas, des Cerrado und der Caatinga in Brasilien, in die Chaco-Wälder Boliviens und Argentiniens sowie in Teile des Atlantischen Regenwaldes ausgebreitet. Dies hat die Landschaften der Region verändert und zur Entstehung neuer Schichten der Agraroligarchie wie den sogenannten Sojabaronen geführt. Der brasilianische Sojabaron Blairo Maggi, der von seinem Vater das Unternehmen Amaggi übernommen hat, gilt als weltweit größter privater Sojaproduzent. Von 2003 bis 2010 war er Gouverneur des Bundesstaates Mato Grosso, eine Hochburg der Sojaproduktion. Von der Umweltorganisation Greenpeace erhielt Maggi den Anti-Preis „Goldene Kettensäge“, da er innerhalb von nur zwei Jahren im Gouverneursamt den Mato Grosso massiv abholzen ließ. 48 Prozent des Kahlschlags im gesamten Amazonas-Regenwald fiel in dieser Zeit auf seinen Bundesstaat. Unter der konservativen Temer-Regierung war er dann von 2016 bis 2018 Landwirtschaftsminister.
Diese oligarchischen Familien erweiterten die Anbauflächen für die Produktion auf eigenem Land, während andere in die Verarbeitung, Logistik und den Handel wechselten oder Ackerland nur zum Zweck der Spekulation erwarben.
Parallel dazu ist das Voranschreiten von Finanzialisierungsprozessen auf dem Land und eine zunehmende Konsolidierung neuer Unternehmenseliten zu beobachten, die mit globalen Kapitalströmen verbunden sind. Trotz der Linksregierungen ist in Lateinamerika während des Landrushs von 2008 bis 2016 eine Zunahme der Superreichen von 420 auf fast 560 Personen festzustellen. Die Region ist im weltweiten Vergleich durch die höchste soziale Ungleichheit und stärkste Ausprägung von Oligarchien gekennzeichnet. Bemerkenswert ist zudem, dass – anders als etwa in den USA – das Gros des Reichtums nicht eigenständig erworben, sondern ererbt wurde.
Die gegenwärtige Konjunktur der Dritten Conquista hat Landschaften und Ökosysteme großflächig transformiert und ist entscheidend an der Überschreitung der planetaren Grenzen im Anthropozän beteiligt. Allein in der Initialphase des Landgrabbing in Amazonien zwischen 2000 und 2018 gingen 513016 Quadratkilometer Primärwald verloren. 84 Prozent des Waldverlustes gehen auf das Konto der Landwirtschaft, der Rest auf Bergbau und Infrastrukturprojekte. Regional bzw. national können diese Daten noch markanter ausfallen: So war das Agrobusiness 2021 in Brasilien für 97 Prozent der Entwaldung verantwortlich. In seinem Schlepptau kommt es zur Entwaldung und zur Erweiterung der landwirtschaftlichen Grenze durch kleinere Siedler.
Allgemein sind auch indigene Reservate und Naturschutzgebiete vom Landgrabbing betroffen; letztere verloren in Amazonien im genannten Zeitraum über 50.000 Quadratkilometer. Spiegelbildlich hat sich die landwirtschaftlich nutzbare Fläche in Amazonien gegenüber 2020 nahezu verdoppelt, was zu 71 Prozent direkt auf Entwaldung zurückzuführen ist. Häufig sind hier illegale Rodungen, die in riesigen unkontrollierten Bränden kulminieren. Über die Zerstörung der Ökosysteme und den Biodiversitätsverlust hinaus sind auch globale Klimaeffekte zu nennen: So gingen 2019 in Brasilien 72 Prozent der klimarelevanten Emissionen auf das Konto der Agroindustrie.
Landkonzentration und die Aneignung von Land ist mit oftmals gewaltsamen Prozessen der Landenteignung verbunden. Die NGO International Land Coalition spricht in einem relationalen Ansatz immer dann von Landgrabbing, wenn die Aneignung großer Landflächen mit einer Enteignung von kleinbäuerlichen, indigenen, afro-amerikanischen Flächen einhergeht und eine Veränderung des Bodenbesitzsystems erfolgt. Die riesigen Soja-Plantagen – vor allem in Brasilien, Argentinien und Paraguay – verdrängen die dortigen KleinbäuerInnen und dringen zunehmend auch in indigene Reservate und Naturschutzgebiete ein. Anhand der Soja-Produktion lässt sich zudem besonders gut verdeutlichen, wie Landgrabbing und die Erweiterung der Agrargrenze mit biotechnologischen Innovationen verknüpft sein können. Die Entwicklung biotechnologischer Pakete aus genmanipuliertem Saatgut und Agrochemikalien, vor allem durch Bayer, Monsanto und BASF, machte den Anbau in Regionen möglich bzw. rentabel, die zuvor landwirtschaftlich nicht nutzbar waren. In Kolumbien führte die Ausweitung der Ölpalmenplantagen zu gewaltsamen Vertreibungen bis hin zu Mord. Gemäß Angaben der Vereinten Nationen hatte Kolumbien im März 2018 mit 7,6 Millionen Binnenflüchtlingen die weltweit höchste Anzahl an intern vertriebenen Personen. Des Weiteren belasten Pestizide die Gesundheit der angrenzenden Bevölkerung, sodass ganze Regionen zu sacrifice zones werden.
Wie ist das aktuelle Phänomen von Landgrabbing in Lateinamerika nun historisch einzuordnen? In der wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Debatte um Landgrabbing stellt sich die Frage, ob Landgrabbing als historisches Phänomen des frühen 21. Jahrhunderts verstanden werden soll oder ob es – weiter gefasst – als Passepartout für Prozesse der Landnahme dienen und somit auch rückwirkend sinnvoll auf die Vergangenheit angewandt werden kann. Zwischen diesen beiden Polen möchte ich eine Zwischenposition einnehmen, die Landgrabbing als Teil einer erneuten Konjunktur der Kolonialisierung begreift. Dabei möchte ich im Folgenden das Augenmerk besonders darauf legen, wie die Aneignung von Land der Produktion und Reproduktion von extremem Reichtum dient.
Erste Conquista: Landenteignung bzw. -aneignung in der Kolonialzeit
Die Verknüpfung von Landbesitz und Reichtum hat ihre Wurzeln in der Kolonialzeit. Direkt nach Kolumbus’ erster Reise 1492 stellte sich für die europäischen Eroberer die Frage der Landaneignung. Auf geopolitischer Ebene erließ Papst Alexander VI. verschiedene Bullen, die die Aufteilung der Territorien unter Spanien und Portugal regulierten. Grundlage dieser Doktrin der Entdeckung war die Vorstellung von den Amerikas als terra nullius, als Niemandsland, wobei die historischen Rechte der dort lebenden indigenen Völker ignoriert wurden. In der Nachfolgezeit wurde diese Doktrin jedoch auch von spanischen Rechtsgelehrten durchaus angezweifelt.
In der frühen Phase der Kolonialzeit wollten die iberischen Imperien zunächst verhindern, dass das Feudalsystem auf die neuen Gebiete übertragen wurde. Die Konquistadoren und ihre Nachkommen hingegen drängten darauf, die Kontrolle über die Arbeitskräfte und das Land der indigenen Bevölkerung zu erlangen. Die Schaffung von Institutionen wie den königlichen Landzuweisungen (mercedes reales) diente dazu, die Konquistadoren und hohen Beamten zu belohnen, und beförderte die Konzentration des Landbesitzes. Zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert kamen Bezeichnungen wie grande senhor de terras oder grandes posseiros für landwirtschaftliche Eliten auf, die mit Exportmonokulturen wie Zuckerrohr oder Tabak verbunden waren.
Mit fortschreitender Kolonisierung verlagerte sich das Zentrum der Wirtschaftsmacht auf große ländliche Landgüter, Ranches, Zuckermühlen und die Figur des hacendado, des aufkommenden Großgrundbesitzers. Im Gegensatz zum frühkolonialen Encomienda-System umfasste das Hacienda-System rechtliches Eigentum und dauerhafte Bewirtschaftung. In dieser Phase blieben aber auch indigene Landtitel durchaus noch erhalten. Ab dem 17. Jahrhundert verbreiteten sich die Haciendas im mexikanischen Hochland, in den Anden und in den Ebenen des Río de la Plata und festigten den Reichtum der Elite. Im Zuge der Unabhängigkeit konnte sich das Hacienda-System in den neuen Republiken noch weiter ausbreiten, gestützt auf dieselben oligarchischen Familiennetzwerke, die bereits während der Kolonialzeit bestanden hatten. Indigener Landbesitz wurde dabei immer weiter zurückgedrängt.
Neben der auf regionale Wirtschaftskreisläufe ausgerichteten Hacienda bildete sich bereits im 17. Jahrhundert in der Karibik und der brasilianischen Atlantikküste die Plantage als ein zentrales Dispositiv der grundlegenden Transformation der Landnutzung und des metabolischen Bruchs heraus.
Zweite Conquista: Agrarexportboom und Oligarchien
Nach der Unabhängigkeit der vormaligen Kolonien zu Beginn des 19. Jahrhunderts blieben die kolonialen Strukturen der Landnutzung zunächst weitgehend erhalten. Von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Weltwirtschaftskrise von 1929 kam es zu einer massiven Beschleunigung der Umwandlung von Land in Kapital in den neuen Republiken und im brasilianischen Kaiserreich. Diese Epoche der Oligarchischen Republiken war gekennzeichnet durch eine zunehmende Integration der Region in die globalen Märkte, die Ausweitung und Rekonfiguration der Agrarexportwirtschaft, technologischen Wandel und politisch-institutioneller Modernisierung bei gleichzeitig zunehmender sozialer Ungleichheit. Liberale Oligarchien in Lateinamerika und externe, westeuropäische und Ende des 19. Jahrhunderts auch zunehmend US-amerikanische InvestorInnen trieben die Förderung extraktiver und produktiver Agrarwirtschaft voran. Die Bodennutzung und die Beziehungen zwischen Mensch, Umwelt und Territorium wurden so umfassend und tiefgreifend umgestaltet.
Diese beschleunigten, expansiven Prozesse in den Dynamiken und Formen der Landnutzung drückten sich auch in massiver Entwaldung aus. Weltweit wurde zwischen 1850 und 1920 genauso viel Urwald zerstört wie in dem doppelt so langen Zeitraum von 1700 bis 1850. Spiegelbildlich dazu nahm der Umfang der Agrarflächen zu und erreichte um 1950 seinen Plateauwert.
Als Teil dieses Prozesses schritten Agroexportunternehmen, flankiert vom internen und kontinentalen Kolonialismus,
Ein zentrales Dispositiv der Landnahme und quasi-souveräner Territorialität, das sich in den 1850er Jahren durch die Privatisierung kommunaler indigener Ländereien ausweitete, war die Hacienda. Mit ihren kolonialen Wurzeln war sie zumeist im Besitz kreolischer, traditioneller Oligarchien. Wenig kapitalintensiv war sie auf den Binnenmarkt ausgerichtet und operierte zumeist auf der Grundlage indigener Zwangsarbeit in einer Art der Schuldknechtschaft.
Angesichts der Abschaffung der Sklaverei und des beginnenden Massenkonsums in Europa erfuhr auch das koloniale Plantagensystem eine grundlegende Transformation. Die Plantagenregionen des Karibischen Beckens und der Atlantikküste wurden mit neuer Intensität in den Weltmarkt eingebunden, finanziert durch ausländisches Kapital und nationale Oligarchien. Gerade die Zuckerproduktion prägte dabei die Eigenschaften und Strukturen des transatlantischen Industriezeitalters. Entsprechend kam es in der karibischen Zuckerindustrie bereits früh zum Einsatz von Dampfmaschinen in den Zuckerfabriken, wodurch sich der Bedarf an menschlicher Muskelkraft und Zugtieren verringerte und sich die Produktivität erhöhte.
Mitte des 19. Jahrhunderts kam es im Rahmen des Agroexportmodells in Lateinamerika zu einer weiteren Differenzierung der Anbauprodukte und -techniken in den Plantagen. So breitete sich der Kaffeeanbau massiv aus, jedoch mit markanten regionalen Unterschieden. In Südbrasilien wurde er großflächig mit Zwangsarbeit und Sklaverei betrieben, wobei die Kaffeebarone aufgrund von Bodenerosion immer wieder neue Gebiete für den Anbau rodeten. In Kolumbien und in weiten Teilen Zentralamerikas beförderte der Kaffeeanbau hingegen eher eine bäuerliche Landnutzungsstruktur. Andere agroindustrielle Exportprodukte wie Kakao, Henequén (Sisal), Baumwolle, Indigo, Tabak etc. hatten ihrerseits Auswirkungen auf die regionale Landnutzung.
Während die Plantagenwirtschaft auf die hohe Verfügbarkeit von Arbeitskraft angewiesen war, breitete sich in den savannenartigen, wenig besiedelten Gebieten die extensive Viehzucht aus. Aufgrund des hohen Flächenbedarfs kam es zur Vertreibung indigener Bevölkerung und massiver Entwaldung bzw. Zerstörung der Buschvegetation. Neuerungen der Kühl- und Konservierungstechnologien eröffneten neue Exportmöglichkeiten und intensivierten die Viehwirtschaft, vor allem in der argentinischen Pampa. Flankierend wurden neue Futterpflanzen und Weidegräser angepflanzt sowie neue europäische Rinderrassen eingeführt.
Die Ausbeutung von Naturressourcen im Agroexport-Modell erfolgte jedoch nicht durch die umfassend veränderte Landnutzung. Vielmehr gab es in der Mitte des 19. Jahrhunderts auch eine massive Hochphase des einfachen Extraktivismus, wobei Naturressourcen aus peripheren, schwer zugänglichen Regionen geplündert und auf die nationalen und internationalen Märkte gebracht wurden. Dies betraf etwa Hölzer, medizinische oder pharmazeutische Produkte wie Cinchona und Coca oder regional vorkommende Ressourcen wie Mate in Nordargentinien, Südbrasilien und Paraguay oder Kautschuk in Amazonien.
In diesen Grenzregionen war besonders die Rechtsform der mit ausländischem Kapital betriebenen Gesellschaften (sociedades) relevant, die staatliche Landkonzessionen erhielten. Sie operierten in einem quasi-souveränen Raum und setzten bei der Landaneignung und Kontrolle von Arbeitskraft genozidäre und ethnozidäre Gewalt gegenüber den indigenen Völkern ein. Ein Beispiel hierfür ist der Schutz der Peruvian Amazon Company des peruanischen Kautschukbarons Julio César Arana durch den peruanischen Staat. Im Jahr 1913 wurde das an der britischen Börse notierte Unternehmen vom Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments wegen Versklavung und Ethnozid an den indigenen Völkern des Amazonasgebiets angeklagt. Ähnliche ethnozidäre Praktiken gab es auch auf den Estancias der Schafzucht in Patagonien, die für den Völkermord an den Selk’nam, Kaweskar und Yaganes verantwortlich waren.
Allgemein kam es in Lateinamerika und der Karibik in dieser Zeit zu einer weiteren massiven Konzentration des Landbesitzes. Einerseits blieben oligarchische Familiennetzwerke mit kolonialen Wurzeln bestehen. Vor allem in den exportgetriebenen Regionen Brasiliens an der Atlantikküste bauten koloniale Familiennetzwerke ihren Besitz aus – oft auf Grundlage von Sklaverei – und wurden mit neoaristokratischen Begriffen wie nobreza oder baron bezeichnet. Ein Teil des Landbesitzes stammte aus den kolonialen Landtiteln, während andere Ländereien aus illegalen Landbesetzungen herrührten, die später legalisiert wurden. Durch endogame, strategische Ehen sicherten die oligarchischen Familiennetzwerke Reichtum und Landbesitz und erhielten die soziale Distinktion aufrecht.
Andererseits entstanden neue, großgrundbesitzende Eliten, die mit den ebenfalls neuen, an den Börsen gehandelten Waren in Verbindung standen. Neologismen verbanden den neofeudalen Elitenstatus dieser Gruppen mit kapitalistischer Weltmarktausrichtung, wie im Fall der „Kaffee-“ oder „Kautschukbarone“ oder der magnates ganaderos. In Grenzregionen wie Patagonien wurden einzelne Landbesitze zudem durch Unternehmen wie die Sociedad Comercial y Ganadera Chile y Argentina konsolidiert – oft mit der Unterstützung von britischem Kapital.
Landgrabbing in den Konjunkturen der Kolonialität
In dieser Tour de Force durch die lateinamerikanische Geschichte von Landenteignung bzw. -aneignung begreife ich das Landgrabbing als eine erneute Konjunktur der Kolonialität. Kolonialität umfasst koloniale Denk- und Handlungsmuster, die die beteiligten bzw. betroffenen Gesellschaften bis heute prägen. Sie beruht auf dem gewaltsamen Bruch mit den diversen Entwicklungspfaden indigener Gesellschaften, der von der Ersten Conquista in den Amerikas ausgelöst und mit dem Aufkommen eines kapitalistischen Weltsystems sowie der damit verbundenen rassistisch kategorisierten Arbeitskraft und dem metabolischen Bruch in der Nutzung von Naturressourcen vertieft wurde. Bis heute ist Kolonialität beständig erneuert und rekonfiguriert worden. Innerhalb der Kolonialität gibt es neue Konjunkturen von Kolonialisierung und Dekolonialisierung, die eigene Wirkmächtigkeiten entfalten.
Aus dieser historischen Perspektive ist Landgrabbing als ein aktueller Prozess zu sehen, der Teil einer mit den neoliberalen Anpassungsprogrammen der 1980er Jahre einsetzenden Konjunktur der Kolonialisierung ist, die ich hier als Dritte Conquista bezeichne. Eine Verwendung des Begriffs „Landgrabbing“ für frühere Prozesse der Landenteignung bzw. -aneignung in Lateinamerika würde eine konzeptionelle Verwässerung bedeuten: Unter anderem könnten die spezifische Dynamik der Finanzmärkte (inklusive deren neuer Akteure wie Pensionsfonds, Investmentbanker sowie die latente Überakkumulationskrise), die Bedeutung der neuen technologischen Pakete sowie die besondere Situation der Rohstoffsicherung in Zeiten der planetaren Grenzen des Anthropozäns nicht erfasst werden. Gleichzeitig halte ich allerdings auch ein rein gegenwartsorientiertes Verständnis von Landgrabbing für problematisch. In solchen Ansätzen werden die historischen Genealogien und regionale Besonderheiten ausgeblendet. Gerade die extreme neofeudale Landkonzentration, aber auch der „Rohstoff-Konsens“ können in Lateinamerika nur innerhalb einer umfassenden Geschichte von Kolonialität und Landkämpfen verstanden werden.