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Völkische Wirklichkeit | Boden | bpb.de

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Völkische Wirklichkeit Rechte Landnahme in Mecklenburg-Vorpommern

Andrea Röpke Andreas Speit

/ 15 Minuten zu lesen

In der völkischen Bewegung spielen Siedlungsprojekte – weg von der Moderne hin zu Land und Volk, Blut und Boden – seit jeher eine prominente Rolle. Diese bodenständige Lebensweise findet heute in rechtsökologischen Spektren immer neue Anhängerschaft.

Die Gruppe steht ganz entspannt vor dem Landwirtschaftsgebäude. Einzelne haben einen Hut zum Schutz vor der Sonne auf. Andere stehen mit freiem Oberkörper da. Manche der Männer legen lässig den Arm um ihre Mitstreitenden. Eine Frau steht in der Mitte der Gruppe. Die neun jungen Menschen haben sich für ein gemeinsames Foto zusammengestellt. Sie sehen tatkräftig aus, wollen zupacken, aufbauen. Sie scheinen von der Feldarbeit zu kommen, für die Aufnahme haben sie sich nicht zurechtgemacht. An Körper und Kleidung sind auf dem Schwarz-Weiß-Foto Spuren von Staub und Erdkrusten zu erkennen. Eine neue Zukunft wollen sie in der Region Koppelow in Mecklenburg-Vorpommern mitgestalten, gewissermaßen vorwärts zurück zur Natur. Sie könnten Aussteiger aus der modernen Geld- und Warenwelt sein, die ein unentfremdetes Leben jenseits der „entzauberten Welt“ (Max Weber) suchen und finden wollen. Zwei kleine Fähnchen an kurzen Holzstöcken offenbaren aber, dass hier keine alternative, sondern eine reaktionäre Welt angestrebt wird. Die Fahnen, die zwei der Männer halten, zieren jeweils ein Hakenkreuz. Ein schwarzer Dreieckswimpel verbindet die Stöcke, auf dem in weißer Schrift „Artamanenschaft“ prangt. Das Foto stammt aus den 1930er Jahren. Über 80 Jahre später siedeln sich erneut extreme Rechte in Mecklenburg an. Alte, vermeintlich harmlose Aussteigertraditionen sollen neue Toleranz finden.

Einer von den Aussteigern ist Jan K., ein ehemaliger Bankkaufmann aus Niedersachsen. Als „Neo-Artamane“ möchte der Schmied aber nicht bezeichnet werden. Der Name „Artamanen“ ist indogermanisch und bedeutet „Hüter der Scholle“. Nahe Güstrow betreibt K. neben seinem Wohnhaus in einer renovierten Scheune seit etwa 20 Jahren eine Schmiede, in der er Damaszener Messer für Küche und Jagd herstellt. Außerdem verkauft er Honig und Honigwein. Die Stadt mit „ihrem Betrieb, ihrer Kaputtheit, ihrem Gender-Getue und den vielen Ausländern“ halte er nicht mehr aus, sagte er der „taz“ schon vor Jahren.

In der Region sind einzelne der Siedelnden lange bekannt. Der erste Eindruck, dass da junge Familien mit alternativen Vorstellungen des Biohandels oder der Handwerkskunst gekommen sind, ist längst einem anderen gewichen. Mit „denen“ will sich niemand anlegen, wird vor Ort erzählt, aber auch, dass „die“ sehr freundlich auftreten. Die Kinder der Familie K. sind integriert im Sportverein, boxen oder spielen Handball. Zugleich bewegen sie sich über Szenegrenzen hinweg. So nahmen die Eltern Jan und Gerhild K. die beiden ältesten Brüder etwa mit zu rechten Demonstrationen. Bei dem Aufmarsch am 29. August 2020, der mit dem Hashtag „Sturm auf Berlin“ beworben wurde, fungierten die beiden Brüder aus den abgelegenen „Artamanen“-Siedlungen als Ordner. Im selben Jahr besuchten sie die „Winterakademie“, eine politische Schulung des Instituts für Staatspolitik (IfS) in Schnellroda, das 2023 vom Bundesamt für Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft wurde und seit 2024 seine Arbeit in diversen Nachfolgeorganisationen fortsetzt.

Völkische Landnahme

Schon 2005 legte der kleine Siedler-Kreis um Jan K. in der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (JF) ganz offen die eigene siedlungspolitische Idee dar. Ein Foto zeigt eine Gruppe von Frauen und Männern mit zwölf Kindern. Huwald F. und Helmut E. werden als die ersten Siedelnden im Geiste des historischen „Bund Artam“ in der Region zwischen Koppelow und Klaber vorgestellt. „Beide wurden so zu den Begründern der kleinen Siedlungsbewegung. Bald folgten die anderen, um auf dem Land, auf ‚der eigenen Scholle‘, eine krisenfeste Existenz aufzubauen“, berichtet die JF und betont: „Entschlossen stemmen sie sich gegen die Entfremdung der modernen Welt mit all ihren Discount- und Baumärkten und versuchen ihr Leben auf das Ursprüngliche zurückzuführen.“ Beide Männer waren beruflich im Biosektor tätig, von Baustoffen bis hin zum Gemüsehandel. Die Frau von Huwald F., Gunn-Heide, stammt aus einer „völkischen Sippe“: Gunn-Heides Vater, Roland Bohlinger aus Nordfriesland, war ein antisemitischer Verleger und Buchhändler. Als einer der ersten sogenannten Selbstverwalter rief er auf seinem Land eine „Freie Republik“ („Freie Republik Uhlenhof“) aus und versuchte sich in Selbstermächtigung. Er stand auch der antisemitischen Ludendorff-Bewegung nahe, noch heute werden im Verlag der Bohlingers Bücher von Erich und Mathilde Ludendorff beworben – oder von Herman Wirth, dem Mitbegründer der „Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe“ der SS. „Wir sind keine Artamanen“, wehrt Gunn-Heide F. später ab, und behauptet gegenüber der „taz“: „Wir leben einfach so, wie wir es für richtig halten.“ Als Tagesmutter betreut sie auf dem Hof Kinder, doch eigentlich ist sie Künstlerin und illustriert altmodisch gestaltete Kinderbücher. Regional bekannt ist sie für ihre märchenhaften Scherenschnitte, die schon in den 1990er Jahren in rechtsextremen Szeneblättern erschienen sind. 2007 bedankte sich die Evangelische Kirche in Güstrow bei ihr „für die Überlassung der Scherenschnitte“ zur Gestaltung des Programms für die Erwachsenen- und Familienbildung.

Ehemann Huwald stammt aus einer Hamburger Familie, die sich ebenfalls im rechtsextremen Milieu bewegte. Sein Bruder Arnulf kaufte sich laut internen Unterlagen zunächst ebenfalls Land von alten Artamanen in Mecklenburg, verkaufte es später aber wieder. Heute sitzt er im Landesvorstand der AfD Schleswig-Holstein. Huwald blieb den Gefährten treu, blieb vor Ort und ließ sich in der Schule in Krakow zum Elternvertreter wählen. Im Sammelband eines ehemaligen NPD-Kaders und Waldorfschullehrers führte Huwald F. 1995 aus, dass die Bibel ein „orientalisches Naturleben“ widerspiegele. „Für uns Deutsche“ seien jedoch die „nordischen Überlieferungen" eine wichtige Quelle, das Christentum und folglich der Humanismus seien „ihrem Wesen nach widernatürlich“.

Diese Vorstellung klang bereits in der ersten organisierten völkischen Bewegung an. In der „Such- und Gegenbewegung“ ab 1871 hielten Politiker, Publizisten und Philosophen dem Juden- und Christentum vor, das Göttliche und Spirituelle von der Erde in den Himmel vertrieben zu haben. Beide Religionen wurden als „Wüstenreligionen ohne Wurzel mit den Ahnen“ angefeindet, die „im Boden nicht verwurzelt“ seien. Einigendes Band dieser heterogenen Bewegung waren Antimodernismus und Antiurbanismus, einhergehend mit unterschiedlichen Abstufungen des Antisemitismus und Antifeminismus, sowie Antiliberalismus und Antiparlamentarismus. Schon die romantische Bewegung ab 1795 hatte in Aufklärung und Vernunft keine Rettung gesehen, sondern Erlösung in Gefühl und Fantasie gesucht. „Wir suchen überall das Unbedingte“, so der frühromantische Schriftsteller Novalis 1796, „und finden nur Dinge“.

In der völkischen Bewegung spielten dann Siedlungsprojekte derer, die vor der Moderne flüchteten – hin zu Land und Volk, Blut und Boden –, eine prominente Rolle. Nahe Oranienburg bei Berlin, in der Ost-Priegnitz und im Ostseebad Scharbeutz wurden erste Siedlungen gegründet. Die literarische „Mittgart-Utopie“ des Schriftstellers und Agitators Willibald Hentschel wurde zum Vorbild für reale Artamanen-Projekte. Hentschel entwickelte bereits 1901 in seinem Hauptwerk „Varuna“ die Idee von einer „Rassenzuchtkolonie Mittgart“. In den dörflichen Siedlungen sollte nicht nur die „Produktion von Rindern, Kartoffeln, Getreide, Butter und Käse“ angestrebt werden, sondern auch die des „neuen Menschen“. Aus einer offensichtlich ökologisch ausgerichteten „Produktionsstätte“ wollte Hentschel eine „Stätte rassischer Hochzucht“ werden lassen. Das Ziel war die Herausbildung einer „neuen völkischen Oberschicht“.

Hüter der Scholle

Das Dorf Koppelow im Landkreis Rostock ist eines dieser alten Artamanendörfer. Im Jargon der „Jungen Freiheit“ kommt der radikale Charakter des 1926 gegründeten „Bund Artam e.V.“ moderat daher: „Sie wollten der Entfremdung der Moderne entfliehen und sich den Lebensunterhalt auf den Äckern und Feldern wieder selbst erarbeiten“, so die JF, und „strebten eine neue Binnenkolonisation an, um den Druck der polnischen Landarbeiter von den Ostprovinzen des Reiches zu nehmen. Dort verdingten sich Tausende Polen auf den großen Gütern, während die deutsche Landbevölkerung in die Städte abwanderte.“ Weniger moderat formuliert: Die Bewegung, der wohl an die 30.000 Mitglieder angehörten, war als Bollwerk gegen Einwanderung aus dem Osten und ein Sesshaftwerden der Zugewanderten gedacht. Der menschen- und kulturleere Raum sollte mit Volk und Völkischem besetzt werden.

Hentschel schrieb in einem Aufruf 1923 von einer „ritterliche[n] deutsche[n] Kampfgemeinschaft auf deutscher Erde – ich nenne sie Artam“. In den 1920er Jahren zogen mehrere Tausend junge Menschen rechter Gesinnung von der Stadt aufs Land, dem „Bund Artam e.V.“ stand Hentschel bis 1927 offiziell vor. Der Bund wurde mehr und mehr hierarchisch nach dem Führerprinzip ausgerichtet, der Altersdurchschnitt soll zwischen 17 und 25 Jahren gelegen haben. Rund zehn Prozent der Mitglieder waren Frauen und Mädchen, die „vor allem in der Hauswirtschaft“ tätig waren. In und um Koppelow herum siedelten sich 38 Familien an, die insbesondere Häuser und Landwirtschaft auf- und ausbauten – in eines der Häuser zog später Helmut E., der mit Huwald F. wohl auch Kontakte zu früheren Anhängern suchte.

Den Vorsitz des Bundes übernahm 1927 der Österreicher Hans Holfelder, der schon 1925 der NSDAP beigetreten war. Am 7. Oktober 1934 wurde der Bund als einzige Organisation korporativ in die Hitlerjugend übernommen. Schon seit 1927 hatte die „Gesellschaft der Freunde der Artamanenbewegung“ bestanden. Zu den Freunden gehörte unter anderem der NS-„Reichsbauernführer“ Richard Walther Darré. Die Nähe zum Nationalsozialismus wird gleichwohl mitunter relativiert. So heißt es in einer Diplomarbeit zur Geschichte des Bundes: „Von Außenstehenden wurde der Bund Artam verschiedentlich mit der NSDAP in Verbindung gebracht, wozu teilweise Äußerlichkeiten geführt haben.“ Weit vor Darré habe der Bund das „Begriffspaar Blut und Boden“ verwendet, und auch das Hakenkreuz sei schon viel früher als „germanisches Heilzeichen“ genutzt worden. Eine kritische Reflexion zu den Positionen der Artamanen – ihrer Ideologie und Praxis –, denen eine affirmative Zustimmung zum Nationalsozialismus mehr als immanent ist, findet sich hier nicht. Der Autor resümiert stattdessen, dass am Beispiel der Artamanenbewegung zu erkennen sei, wie die NSDAP auf dem Weg zur Macht rücksichtslos alle Gruppen, Ideen und Anschauungen vereinnahmt habe, die ihr nahezustehen schienen. Die Artamanenbewegung sei jedoch eher ein eigener agrarpolitischer Versuch bündischer Jugend gewesen, „aktiv zur Gestaltung des ländlichen Raums beizutragen“. Gedruckt wurde die Diplomarbeit „mit freundlicher Unterstützung des Freundeskreises der Artamanen e.V.“.

Tatsächlich aber war die Bewegung so „eigenständig“, dass sie ihr Logo – eine Binderune aus unterschiedlichen Runen, ergänzt um den Großen Wagen und den Nordstern – nach einer entsprechenden Genehmigung von 1942 weiter nutzen konnte. Zudem hatten Artamanen in der Nacht zum 9. November 1938 dabei geholfen, im nahen Güstrow die Synagoge niederzubrennen.

Alte und Junge

Nach 1945 lebte die Idee weiter. 1966 gründete sich der „Freundeskreis“, alle damaligen Mitglieder waren bereits in ihrer zweiten Lebenshälfte. Die alten und neuen Artamanen hatten nicht nur die völkische Siedlungsidee gemein, sondern auch ihre Verbindung zu rechten Jugendbünden.

Bereits 1991 berichtete der „Sturmbote“, die Zeitung der extrem rechten Jugendorganisation „Sturmvogel – Deutscher Jugendbund“, über die Artamanen und deren Standesbezeichnungen „Ritterschaft“ und „Bauernstand“ als zentrale Begriffe für die Jugendarbeit. Der Bauernstand sei zwar nicht so abenteuerversprechend und schillernd wie die Ritterschaft, hieß es dort, dafür gebe er „unserem Leben Ernsthaftigkeit und Wehrhaftigkeit“. In „Na Klar!“, der Zeitschrift des völkischen „Freibundes“ (ehemals Bund Heimattreuer Jugend – BHJ), wurden die Artamanen 1994 als „freiwilliger Landarbeitsdienst und Siedlungsgemeinschaft“ vorgestellt. Junge Bündische aus „Freibund“ und „Sturmvogel“ berichteten später auch von Besuchen bei der Siedlergemeinschaft in Mecklenburg.

Die Verbundenheit zwischen Artamanen und extrem rechten Jugendbünden erkennt man auch anderweitig. So zeigt etwa der Instagram-Account einer Tochter des anfangs erwähnten Schmieds Jan K. das Mädchen irgendwo am Strand sitzend, mit den Armen im Sand abgestützt. Ihr Blick schweift in die Ferne, alles an ihr wirkt verschlossen. Trotzdem gibt ihr Foto viel preis, trägt sie doch ein ganz besonderes Logo auf dem schlichten blauen T-Shirt: ein Sonnenrad mit fünf spiralartigen Armen, wie es der geheime Bund der „Jungadler“ als Logo benutzt. Anfang 2025 hatte die Wochenzeitung „Die Zeit“ die Existenz dieses Jugendbundes aufgedeckt, seitdem besteht der Verdacht, dass es sich um eine heimliche Neuauflage der 2009 verbotenen Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ) handeln könnte. Das Sonnensymbol des „Jungadlers“ führt zum verstorbenen NS-Funktionär Dieter Vollmer, der es auf dem Cover seines esoterischen Buches „Sonnenspiegel" nutzte. Das Mädchen trägt das blaue Shirt mit dem Logo nicht zufällig. Fotos zeigen sie in den Reihen der Organisation „Jungadler“, die sich als konspirative und elitäre nationalistische Avantgarde sieht. In einer internen Schrift zur sogenannten Führerschule heißt es: „Manche Dinge kann man hart oder weich erleben, wir erleben sie hart.“ Wie bei der HDJ zeigen sich auch hier offene Bezüge zum „Dritten Reich“. NS-Funktionär Vollmer, der für ein Propagandaheft der Hitlerjugend schrieb, wird in einem Jugendkalender aus dem Jahr 2020 zitiert, zudem lernen die Kinder die Zeilen des völkischen Schriftstellers Felix Dahn kennen: „Sei still und stark im Schlachtgedröhn/Und stirbst du so, so stirbst du schön.“ In einer Unterlage zur „praktischen Führerschule“ des Bundes wird der NS-Propagandist Herbert Böhme mit den Worten zitiert: „Was kann eines Menschen würdiger sein/als sich zu opfern?“

Nur ausgewählte Kinder und Jugendliche werden in den konspirativen Bund aufgenommen. „Seid Euch Eurer Eigenheit bewusst“, heißt es in einer internen Beilage. „Ein schweres Stück, doch wird erst der Weg der Selbsterziehung und Selbstbildung uns zu dem machen, was sich Deutscher, was sich Jungadler nennen kann.“ Vor dem Hintergrund weiterer Enthüllungen zu den Aktivitäten dieses Jugendbundes wirkt das Posieren mit dessen Logo in den sozialen Netzwerken fast trotzig. Wie fast alle Gefährten des „Jungadlers“ (und auch die eigenen Geschwister) trägt das Mädchen einen altmodischen, germanisch klingenden Namen, bei Instagram hat sie 174 Follower. Das sind nicht sehr viele, unter den Followern sind zahlreiche Mitglieder des Jugendbundes selbst. Gemeinsam ist diesen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, dass sie in sogenannten völkischen Sippen aufgewachsen sind. Die Familie ist die „engste Bande, die treueste Gang und das vertrauteste Widerstandsnest“, beschreibt der rechtsextreme Identitäre Mario Müller in seinem Buch „Kontrakultur“ diese völkische Lebenswelt.

„Viele Siedler entstammen der Bündischen Jugend“, berichtete bereits die „Junge Freiheit“, „waren als Jugendliche gemeinsam auf ‚Fahrt‘, auf Wanderschaft“. Schwärmend wird geschildert, dass zur Gitarre gegriffen und ein Lied angestimmt wurde, es sei von Wanderungen durch ferne Länder erzählt worden. „Alle singen mit, der Text ist vertraut.“ Ein Liedtitel wird nicht genannt, aber ein Hauch von Lagerfeuerromantik weht durch den Bericht und weist zu den Wurzeln der Gemeinschaft. Von „auffälligen Kinderlagern“ bei den Artamanen erzählen auch Einheimische seit Jahren, aber nur hinter vorgehaltener Hand. Genaueres will niemand wissen. Die konspirativen Aktivitäten in den Dörfern werden von zwei Reaktionen begleitet: Manche Nachbarn sind eingeschüchtert, andere schauen weg, wenn Kinder in Uniformen über Wege wandern, Geländespiele veranstalten oder sich alle gemeinsam zu Brauchtumsfeiern versammeln.

Die Lebenswelt der Neo-Artamanen ist auffällig anders. Mädchen tragen Zöpfe und Röcke, erwachsene Frauen Röcke und Flechtfrisuren. In den kinderreichen Familien erziehen Ältere die Jüngeren. Etwa ab dem siebten Lebensjahr übernehmen extrem rechte Bünde einen Teil dieser Aufgabe. Ferienwochen werden dann bei gemeinsamen Fahrten in die ehemaligen deutschen Reichsgebiete, bei „Führerschulungen“ oder in Zeltlagern verbracht. Weitgehendes Schweigen herrscht darüber, dass nahe Koppelow, versteckt zwischen Waldstücken und Weizenfeldern und von keiner Straße einsehbar, ein Festplatz liegt: ein perfekter Ort für Sonnenwendfeiern im Kreis von Gleichgesinnten. Nur die großen schwarzen Kohten und der meterhohe Feuerstoß mit dem Kranz an der Spitze geben einen Hinweis darauf, dass sich hier ein verborgener Ort befindet. Das Holzhäuschen mit der provisorischen Toilette wurde mit dem Traktor angekarrt. Lange Tisch- und Holzbankreihen säumen die Wiese. Diejenigen, die hier mit ihren Gästen feiern, verstehen sich als eine elitäre Gemeinschaft. In ihrer altmodischen und einfachen Kleidung wirken sie wie aus der Zeit gefallene Romantiker. Kinder aller Altersklassen toben nicht unkontrolliert umher, sie bewegen sich langsam, fast schon wie Erwachsene. Disziplin und Gehorsam sind unbedingte Werte. In dieser Welt wird deutsch gesprochen und gedacht, Familien nennen sie „Sippen“, die Eltern „Mutter“ und „Vater“. Die verwandtschaftlichen Netzwerke sind riesig, sie reichen über das gesamte Bundesgebiet bis ins deutschsprachige Ausland. „In unseren Festen ist trotz der Überfremdung die Weltanschauung des nordischen Menschen im Kern erhalten geblieben“, schrieb die „Sturmvogel“-Mitbegründerin Edda Schmidt 2010 in der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ (die Partei heißt heute „Die Heimat“). Im Vordergrund heidnischer Ritualfeiern steht das Wachhalten gemeinsamer Sitten und Gebräuche sowie die Weitergabe von nationalistischem Liedgut, Volkstum und Heldenkult an die Kindeskinder. Dahinter verbirgt sich eine kulturelle Tradition rechtsgerichteten Denkens über viele Generationen. Die ersten Artamanen hatten sich selbst der Kulturpflege in den Regionen verschrieben. Erntedankfeste, auch Volkstanz und -theater, wurden als „altes Brauchtum“ gepflegt.

Bodenständige Landgewinnung

In den Schulen fallen die meisten dieser Kinder aus den neuen Artamanen-Familien mit sehr guten Noten und überdurchschnittlichen musikalischen Kenntnissen auf, aber auch mit Problemen im Umgang mit anderen Kindern oder Autoritäten, die nicht aus der Familie oder den rechten Bünden stammen. Der Leistungsdruck auf die Kinder dieser völkischen Familien ist enorm hoch. „Uns wurde viel abverlangt, aber wir kannten es nicht anders“, erzählt einer, der heute nicht mehr dazugehören will. „Wir reisten viel, oft nachts, waren völlig übermüdet. Unsere Rucksäcke waren oft viel zu schwer, die Entsagungen groß.“

Nachdem die beiden ältesten Söhne von Gunn-Heide und Huwald F. der Erziehung des „Sturmvogels“ entwachsen waren, beteiligten sie sich an Aktivitäten der „Identitären Bewegung“. Eine jüngere Tochter wurde gar „Bundesführerin“ des „Sturmvogels“ und heiratete einen „Bundesführer“ aus völkischer Familie in Niedersachsen. Gemeinsam waren beide 2022 an einem Zeltlager für etwa 30 Jugendliche im niedersächsischen Bispingen beteiligt. Die Eltern wissen genau, wohin sie ihre Kinder schicken. Die Kleinen sollen in urdeutschem Milieu „unter Gleichen“ sozialisiert werden. Auf dem Programm der Freizeit stehen körperliche Ertüchtigung und ideologische Schulungen.

„Der Sturmvogel ist eine vermeintlich harmlosere Abspaltung von der Wiking-Jugend als die verbotene HDJ“, betont der Rechtsextremismusexperte Gideon Botsch, der am Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum zur „bündischen Jugend“ forscht. Laut einem Gründungsflugblatt will der „Sturmvogel“ per Jugendarbeit ein „Vorleben“ vermitteln, das gegen den „Ungeist“ aufbegehrt, „der unserem Volk derzeit jeden Atemzug verpestet“. Als „volkstreu eingestellte Deutsche“ wollen die Mitglieder leben – und am Ende auch gesellschaftliche Veränderung bewirken. Neo-Artamanen-Kindern gelingt aber auch der gesellschaftliche Spagat in die Neuzeit. Laut „Krakower Seen-Kurier“, dem amtlichen Bekanntmachungsblatt des Amtes Krakow am See, wurden zwei ältere Söhne der Familie F. 2022 zu Feuerwehrmännern ernannt. Beide haben ebenfalls geheiratet und sich eigene Häuser in der Umgebung der Eltern gekauft.

Die völkisch geprägte Szene in der Region wächst und wächst – auch, weil der Nachwuchs unabdinglich den Eltern zu folgen scheint. Die Söhne und Töchter treten in die Fußstapfen der Väter und Mütter. Unzählige kleine Handwerksbetriebe und kleine Unternehmen haben sich mittlerweile im gesamten völkisch-nationalistischen Spektrum gegründet. Neben Schmied oder Land- und Forstwirt haben Einzelne im Umfeld der extrem rechten Siedlungen in Mecklenburg den Beruf der Buchbinderin, des Steinsetzers, des Sattlers, des Architekten, der Hebamme oder der Ärztin ergriffen. „Ziel auch der Artamanen ist die Schaffung eigener Wirtschaftsräume, um eine ‚Gegengesellschaft‘ aufzubauen“, warnt etwa die Emil Julius Gumbel Forschungsstelle in Potsdam. Denn in eigener Wahrnehmung sind die Artamanen kein Freizeit-, sondern ein Arbeitsbund. Vor allem in den Orten Koppelow und Klaber sollte durch die Neuankömmlinge seit den 1990er Jahren eine „organisch wachsende Siedlung kulturbewusster Menschen im Herzen Deutschlands“ mit ganzheitlicher ökologischer Landwirtschaft als Grundlage heranwachsen, wie es in einem internen Konzept heißt. Neben der Schaffung eigener Wirtschaftskreisläufe bringen sich die Artamanen gezielt in die einheimischen Dorfgemeinschaften ein. Väter und Söhne machen Jagdscheine, pachten Reviere. Im alltäglichen Alltagsleben gewinnen sie Akzeptanz. Politisch Gleichgesinnte fühlen sich wohl im Raum Güstrow, gehören der Reservistenkameradschaft an, kandidieren für Bürgermeisterämter.

Die völkischen Siedler und Siedlerinnen bilden auch das Vor- und Nachfeld für die selbsternannte „Alternative für Deutschland“. Vor Ort schaffen sie Akzeptanz und Sympathie für die AfD durch Anpacken und Vorleben. Ihre politischen Positionen erscheinen einerseits als private Meinung, werden andererseits aber mehr und mehr als akzeptable Standpunkte wahrgenommen. Gefährten der Lebensbünde „Freibund“, „Sturmvogel“ oder „Jungadler“ finden sich auch als Politiker der AfD in Parlamenten wieder. Einer von ihnen aus Mecklenburg-Vorpommern nahm am „Sturmvogel“-Lager in Recknitztal 2010 teil. Seine Frau trat als junges Mädchen mit ihren Schwestern in einem HDJ-Werbevideo auf.

Kader der Szene machen Karriere in einer Gesellschaft, die sie als dekadent ablehnen. Sie und die Netzwerke dieses heterogenen rechtsextremen Milieus schaffen den finanziellen Rahmen für weitere Siedlungsbestrebungen, „Investoren“ und „Pioniere“ werden professionell zusammengebracht. Die bodenständige Lebensweise nationalistischer Landgewinnung macht so Schule und findet immer neue Anhängerschaft, auch in rechtsesoterischen und -ökologischen Spektren. Eine geografische und politische Landnahme mit kulturellem Hegemonialanspruch wird nicht von Wahl zu Wahl gedacht, sondern von Generation zu Generation.

ist Journalistin und Buchautorin mit dem Themenschwerpunkt Rechtsextremismus.

ist Journalist und Buchautor mit dem Themenschwerpunkt Rechtsextremismus.