In immer mehr Ländern altert und schrumpft die Bevölkerung. Schon heute leben mehr als zwei Drittel der Menschheit in Staaten, in denen die Geburtenrate unter dem für den Bestandserhalt notwendigen Niveau von 2,1 Kindern pro Frau liegt. Dies betrifft nicht nur reiche Industriestaaten in Europa und Nordamerika, sondern auch große Teile Ostasiens sowie Südamerikas und der Karibik, während deutlich höhere Geburtenraten überwiegend in Subsahara-Afrika zu finden sind. Parallel dazu steigt die Lebenserwartung. Das Ergebnis ist eine historisch beispiellose Verschiebung der Altersstruktur, die Gesellschaften, Volkswirtschaften und politische Systeme weltweit vor Herausforderungen stellt.
Für Deutschland gilt dies in besonderer Weise: Seit 1972 sterben hierzulande mehr Menschen, als geboren werden – ein Defizit, das seit 2022 die Schwelle von 300.000 jährlich übersteigt und eine Lücke verursacht, die durch Zuwanderung allein nicht ohne Weiteres geschlossen werden kann. Die Folgen reichen dabei über die sozialen Sicherungssysteme und die Wirtschaft hinaus: In vielen, vor allem ländlichen Regionen droht das soziale Netz zu schwinden, das die Menschen im Alltag stützt – Nachbarschaften, Versorgungsstrukturen und gewachsene Gemeinschaften.
Demografische Fragen sind stets auch politische Fragen. Das zeigte sich bereits bei Thomas R. Malthus, der 1798 vor Überbevölkerung warnte, und setzte sich in Werken wie Paul R. Ehrlichs „Bevölkerungsbombe“ 1968 fort – Krisenszenarien, die den Blick auf „zu viele Menschen“ richteten und dabei andere Ursachen von Ungleichheit teilweise in den Hintergrund treten ließen. Heute verdeutlicht das Thema „Migration“, wie stark demografische Daten politisch aufgeladen sind. Deutschland braucht Zuwanderung – das ist ökonomisch kaum zu bestreiten. Doch mit wirtschaftlichen Argumenten lassen sich weder die Herausforderungen der Integration noch die gesellschaftlichen Spannungen ausräumen, die Migration mitunter begleiten. Somit stellt sich die Frage, wie sich der Bevölkerungsdiskurs von der Angst vor zu vielen Menschen hin zu einer wachsenden Sorge um zu wenige entwickelt – und welche politischen Konsequenzen dieser Übergang mit sich bringt.