Demografie ist die Wissenschaft, die sich im Kern mit der Größe, Struktur und Dynamik menschlicher Populationen befasst.
Demografie versteht sich als daten- und methodengetriebene Wissenschaft,
Unbestreitbar ist, dass die Demografie in ihren Ursprüngen eine zutiefst staatstragende Wissenschaft ist. Ihre zentralen Datenquellen sind amtliche Bevölkerungsdaten zu vitalen Ereignissen wie Geburten, Sterbefällen, Eheschließungen und Wanderungen sowie Zensusdaten. Gerade Letztere sind historisch eng mit staatlichen Interessen verbunden, insbesondere mit der Bestimmung der wehrfähigen und steuerpflichtigen Bevölkerung.
Im Folgenden wird das Zusammenspiel zwischen Politik und Bevölkerungsdaten beleuchtet. Eine zentrale Frage ist dabei, welche Bedeutung die demografische Forschung in einer Zeit hat, in der einerseits die Gefahr des Missbrauchs und der Manipulation von demografischen Daten durch autoritäre Regime so groß ist wie seit Langem nicht mehr und andererseits die Sorge besteht, dass die systematische Erhebung dieser Daten bewusst unterlassen oder boykottiert wird, um soziale Problemlagen zu kaschieren.
Politische Zensusdaten
Zensusdaten und deren Fortschreibungen sind die zentralen Quellen zur Berechnung demografischer Kennziffern wie Geburten- und Mortalitätsziffern. Auch in anderen Bereichen, etwa bei der Bestimmung des Bruttoinlandsprodukts, fungieren sie als Nenner und sind somit eine zentrale Bezugsgröße. Gleichzeitig sind sie ein Politikum – oder wie der ehemalige Leiter des US-Census Bureaus Kenneth Prewitt es formuliert: Sie sind Teil eines Dramas im Zentrum des politischen Geschehens („drama at the very center of our political life“).
In den USA ist die Einteilung von Wahlkreisen auf Basis von Bevölkerungszahlen bis heute ein besonders konfliktträchtiges und politisch aufgeladenes Thema.
Zensusdaten sind jedoch nicht nur politisch, weil sie eine amtlich eindeutige Einwohnerzahl feststellen, die sich auf die politische Repräsentation und auf die Verteilung föderaler und kommunaler Mittel auswirkt. Sie sind auch deshalb politisch, weil sie die Bevölkerung nach vorher festgelegten Merkmalen erfassen. Diese Klassifikationen können mitunter mit Fragen der politischen Repräsentation verknüpft sein. Ein unrühmliches Beispiel hierfür ist der erste US-Zensus, bei dem bei der Erfassung der Bevölkerungszahlen zwischen „versklavter“ und „freier“ Bevölkerung unterschieden wurde. Diese Einteilung war für die politische Repräsentation von zentraler Bedeutung, da die in der US-Verfassung verankerte Drei-Fünftel-Klausel dazu führte, dass die versklavte Bevölkerung nur anteilig einbezogen wurde. Ein weiteres eindrückliches Beispiel ist der Zensus im Libanon von 1932, bei dem die konfessionelle Zusammensetzung der Bevölkerung erfasst und im politischen System festgeschrieben wurde. Dies prägt die Konflikte des Landes bis heute.
Die Kategorien, anhand derer die Gesellschaft im Zensus erfasst wird – ebenso wie jene, die ausgelassen werden –, sind selten neutrale Konzepte. Sie spiegeln vielmehr die gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer Zeit wider und entstehen im Spannungsfeld zwischen staatlichen Eigeninteressen, Diffamierung und in Extremfällen Verfolgung einerseits sowie der schützenden und fürsorglichen Rolle des Staates andererseits. Darüber hinaus spielen die Interessen gesellschaftlicher Gruppen eine Rolle, die durch staatliche Erfassung sichtbar gemacht werden wollen, um politische, soziale oder rechtliche Ansprüche artikulieren zu können. Hierfür lassen sich zahlreiche Beispiele anführen, etwa die Erfassung indigener Bevölkerungen in Ländern wie den USA, Australien, Kanada, Brasilien, Guatemala oder Peru. Diese Erfassung ist sowohl Ausdruck historischer Marginalisierung, Verfolgung und Diskriminierung als auch Gegenstand politischer Kämpfe um Sichtbarkeit.
Ambivalenz der Erhebung von race
Besonders zwiespältig erweist sich die Erhebung und Differenzierung der Bevölkerung nach „Rasse“ bzw. race. In den USA, wo anfänglich allein zwischen versklavter und freier Bevölkerung unterschieden wurde, vollzog sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ein gradueller Übergang zur Kategorie race, die seither durchgängig in den Zensusdaten erhoben wird. Ihre Einführung war unweigerlich mit rassistisch geprägten Machtverhältnissen wie auch biologistischen Deutungsmustern jener Zeit verknüpft.
Die Kategorie race in Zensusdaten bleibt auch deshalb ein schwieriges Thema, da zwar Einigkeit darüber besteht, dass es sich nicht um eine biologische Kategorie handeln kann, zugleich aber offen bleibt, wie sie empirisch präzise zu operationalisieren ist. In der Praxis des US-Zensus werden unterschiedliche Dimensionen – etwa Identität, Staatsangehörigkeit, Geburtsland und Ethnizität – miteinander verschränkt. Der Versuch, die Kategorie hispanic als separate Kategorie zu erfassen und diese zugleich explizit nicht als race zu deklarieren, ist weniger Ausdruck einer konzeptionellen Klarheit als vielmehr ein Hinweis auf die anhaltenden Unklarheiten und Aushandlungsprozesse bei dieser Kategorisierung der Bevölkerung (Abbildung). Generell lässt sich im Zeitverlauf eine zunehmende Ausdifferenzierung der Kategorien im US-Zensus beobachten – nicht zuletzt als Folge von Auseinandersetzungen darüber, dass heterogene Bevölkerungsgruppen in Sammelkategorien gepresst wurden und eine differenziertere statistische Erfassung einforderten.
Der Wunsch nach Sichtbarmachung sozialer Problemlagen und die Gefahr ihrer Umdeutung zum Nachteil bestimmter Bevölkerungsgruppen bilden ein schwer auflösbares Spannungsfeld. Diese Dialektik lässt sich am Beispiel der jüngeren US-amerikanischen Politik besonders deutlich nachvollziehen. So erhebt das Census Bureau nicht nur Daten zu race, sondern erstellt auch Bevölkerungsvorausberechnungen auf dieser Grundlage.
Auch wenn in Deutschland und Kontinentaleuropa generell die Definitionen und Klassifikationen nicht (mehr) entlang der Kategorie „Rasse“ erfolgen, besteht auch hier die Gefahr einer politischen Instrumentalisierung demografischer Daten. Dies zeigt sich unter anderem in den von der extremen Rechten angezettelten Debatten um eine „Umvolkung“, die deutliche Parallelen zu dem Gedankengut aufweisen, das etwa der nationalsozialistische Bevölkerungsstatistiker Friedrich Burgdörfer vertrat.
Klassifikationen im deutschen Zensus und Mikrozensus
Aufgrund der belasteten Verwendung von Rassekategorien im Nationalsozialismus gilt in Deutschland, ebenso wie in anderen Ländern Kontinentaleuropas, die Erfassung von „Rasse“ in amtlichen Daten heute als undenkbar. Die Kategorien „Staatsangehörigkeit“ und seit 2005 „Migrationshintergrund“ sind hingegen feste Bestandteile des Mikrozensus. Insbesondere die Kategorisierung des sogenannten indirekten Migrationshintergrunds ist jedoch Gegenstand anhaltender Diskussionen und Neudefinitionen. Die jüngsten Änderungen betreffen vor allem die Abgrenzung von Personen, deren Eltern beide zugewandert sind: Während lange Zeit bereits das Vorliegen eines einzigen zugewanderten Elternteils ausreichte, um einen „Migrationshintergrund“ zuzuschreiben, orientiert sich das 2023 eingeführte neue Konzept der „Einwanderungsgeschichte“ stärker an der eigenen Migrationserfahrung sowie der beider Elternteile.
Die Problematik, dass die statistische Erfassung sozialer Kategorien zugleich soziale Wirklichkeit konstituiert und begrenzt, beschränkt sich nicht auf migrationsbezogene Kategorien. Auch in der Haushalts- und Familienstatistik besteht ein Spannungsverhältnis hinsichtlich der Frage, welche Familienformen erfasst und damit gesellschaftlich sichtbar gemacht werden. Deutlich wird dies am Beispiel nichtehelicher Lebensgemeinschaften mit Kindern, die erst vergleichsweise spät als Familienform in die amtliche Statistik einbezogen wurden.
Beeinflussung der Bevölkerungszahlen durch Politik
Die Demografie befasst sich seit ihren Anfängen nicht nur mit der Größe, Struktur und Kategorisierung von Bevölkerungen, sondern liefert auch die Datengrundlage für politische Entscheidungsträger, um diese im Sinne der jeweiligen politischen Zielsetzungen und des jeweiligen Gemeinwohlverständnisses zu beeinflussen. Die Geschichte staatlicher Einflussnahme auf die Bevölkerungsgröße ist dabei in weiten Teilen von einer misslungenen Gratwanderung zwischen Staatsinteressen und massenhafter Missachtung individueller Rechte, insbesondere reproduktiver Rechte von Frauen, geprägt. Es wäre zu kurz gegriffen, diese Entwicklungen auf einzelne Publikationen zurückzuführen, dennoch befeuerten insbesondere Paul R. Ehrlichs „The Population Bomb“
Der bevölkerungspolitische Diskurs und die Krisenszenarien dieser Zeit waren zudem eng mit kolonial geprägten Sichtweisen und geopolitischen Interessen verquickt.
Die 1994 unter dem Dach der Vereinten Nationen abgehaltene Kairo-Konferenz leitete einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der internationalen Bevölkerungspolitik ein.
Vierzig Jahre nach der Veröffentlichung von „The Population Bomb“ zeigte sich Paul R. Ehrlich in einem Essay in einer der führenden demografischen Fachzeitschriften darüber verwundert, dass sich die Demografie nicht stärker den großen Fragen unserer Zeit zuwendet und das Bevölkerungswachstum konsequenter im Zusammenhang mit Klimawandel, ökologischem Fußabdruck und den Grenzen des Wachstums als Krisenszenario thematisiert.
Aktuelle Herausforderungen
Die Geschichte der Demografie ist geprägt von der Instrumentalisierung bevölkerungswissenschaftlicher Erkenntnisse für staatliche Interessen und vermeintlich übergeordnete kollektive Ziele. Gleichzeitig hat sie immer wieder gezeigt, welches Potenzial sie als datenbasierte Disziplin besitzt, um gesellschaftliches Unrecht, soziale Benachteiligung und Problemlagen aufzudecken. Dazu zählen unter anderem Fragen zu sozioökonomischen und ethnischen Unterschieden bei der Mütter- und Kindersterblichkeit, zur Bedeutung von Bildung für reproduktive Autonomie sowie zur Ermittlung von unmet needs (unerfüllte Bedarfe) an Verhütungsmitteln. Es gilt jedoch auch, dass nur das erforscht werden kann, was durch Daten und Kategorien messbar gemacht wird. Die Einschränkung zentraler Datenquellen wie der DHS-Daten unter der Trump-Regierung hat vor Augen geführt, wie leicht autoritäre Regime den Zugang zu grundlegenden demografischen Informationen und somit zur Wissensproduktion beschneiden können.
Ebenso zeigen die aktuellen Entwicklungen, wie anfällig demografische Daten für politische Instrumentalisierung sind. In nicht seltenen Fällen werden sie – etwa beim Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Gewalt in Partnerschaften – verkürzt und zum Nachteil betroffener Bevölkerungsgruppen interpretiert. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass Forschende die Deutungshoheit über Daten und Ergebnisse bewahren können. Klar ist jedoch auch, dass die reflexartige Tendenz, die Demografie und ihre spezifischen Themen – etwa die Erforschung von Kinderlosigkeit oder niedrigen Geburtenraten – vorschnell als normativ belastet abzulehnen, dazu führt, dass jenen Akteuren das Feld überlassen wird, die diese Themen strategisch instrumentalisieren und somit die Deutungshoheit prägen. Umso wichtiger ist es, die Herausforderungen der Bevölkerungsalterung, niedriger Geburtenraten und wachsender Bevölkerungsdiversität sowie die damit verbundenen sozialen Ungleichheiten als interdisziplinäre Aufgabe zu verstehen.