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Mehr als Zahlen | Demografie | bpb.de

Demografie Editorial Mehr als Zahlen. Zur politischen Dimension demografischer Daten Demografie als Hard Power. Zur ökonomischen Bedeutung des demografischen Wandels Regionale Disparitäten der Bevölkerungsdynamik in Deutschland Demografie und Migration. Zu den Veränderungsdynamiken der deutschen Bevölkerung Getrieben von Angst und Ungleichheit. Demografiediskurse vom 19. Jahrhundert bis heute Auf dem Weg in die Gerontokratie? Demografische Machtverhältnisse in alternden Gesellschaften Schwieriger Spagat. Demografischer Wandel und Wirtschaftswachstum in China

Mehr als Zahlen Zur politischen Dimension demografischer Daten

Michaela Kreyenfeld

/ 14 Minuten zu lesen

Die Geschichte der Demografie ist geprägt von der Instrumentalisierung bevölkerungswissenschaftlicher Erkenntnisse für staatliche Interessen. Gleichzeitig hat sich gezeigt, welches Potenzial die Disziplin besitzt, um Unrecht, Benachteiligung und Problemlagen aufzudecken.

Demografie ist die Wissenschaft, die sich im Kern mit der Größe, Struktur und Dynamik menschlicher Populationen befasst. Im Zentrum stehen dabei vor allem drei grundlegende Prozesse: Geburten, Sterbefälle und Wanderungen. Sie bilden die „natürlichen“ Komponenten, die die Bevölkerungsgröße und -entwicklung eines Landes bestimmen. Demgegenüber stehen „unnatürliche“ Veränderungen, die beispielsweise durch Kriege (wie im Fall des Ukrainekriegs) oder friedliche Grenzverschiebungen (wie im Fall der deutschen Wiedervereinigung) verursacht werden. Solche Veränderungen zählen traditionell zwar nicht zum Kernbereich der Demografie, rücken aber, etwa im Kontext der conflict demography, zunehmend in das Erkenntnisinteresse der Disziplin.

Demografie versteht sich als daten- und methodengetriebene Wissenschaft, die Bevölkerung anhand zentraler Strukturparameter wie Alter, Geschlecht oder Region beschreibt. Auf Basis von Bevölkerungsvorausberechnungen ermöglicht sie zudem Einblicke in zukünftige Bevölkerungsentwicklungen und liefert damit eine Grundlage für politische Planung und Entscheidungsprozesse. Was aus der Innenperspektive der Disziplin als fakten- und methodenbasierte Forschung verstanden wird, gilt anderen mitunter als eindimensionale, theorielose Wissenschaft der Erbsenzählerei. Außerdem habe sie die langen Schatten des Missbrauchs demografischer Daten im Kontext nationalsozialistischer Verfolgungs- und Vernichtungspolitik bis heute nicht vollständig abschütteln können und liefere in jüngerer Vergangenheit vor allem statistische Argumente für den Abbau des Sozialstaates.

Unbestreitbar ist, dass die Demografie in ihren Ursprüngen eine zutiefst staatstragende Wissenschaft ist. Ihre zentralen Datenquellen sind amtliche Bevölkerungsdaten zu vitalen Ereignissen wie Geburten, Sterbefällen, Eheschließungen und Wanderungen sowie Zensusdaten. Gerade Letztere sind historisch eng mit staatlichen Interessen verbunden, insbesondere mit der Bestimmung der wehrfähigen und steuerpflichtigen Bevölkerung. Staatliche Logiken und Interessen sind der Disziplin bis heute eingeschrieben: Sie prägen nicht nur die Fragestellungen, sondern auch die Kategorien und Grenzen, entlang derer Daten erhoben werden. Dabei fungieren Staatsgrenzen als zentrale Ordnungslinien, innerhalb derer die Bevölkerung erhoben und klassifiziert wird. Das, was Andreas Wimmer und Nina Glick-Schiller als „methodologischen Nationalismus“ der Sozialwissenschaften identifiziert haben, dürfte in keiner Disziplin so ausgeprägt sein wie in der Demografie. Auch wenn sich die Demografie kritisch mit Teilen ihrer Vergangenheit, wie der Rolle des Zensus im Nationalsozialismus, auseinandergesetzt hat, führt eine critical demography, die die Machtverhältnisse, welche demografische Analysen und Kategorisierungen in demografischen Daten bestimmen, in den Mittelpunkt stellt, bislang eher ein Randdasein.

Im Folgenden wird das Zusammenspiel zwischen Politik und Bevölkerungsdaten beleuchtet. Eine zentrale Frage ist dabei, welche Bedeutung die demografische Forschung in einer Zeit hat, in der einerseits die Gefahr des Missbrauchs und der Manipulation von demografischen Daten durch autoritäre Regime so groß ist wie seit Langem nicht mehr und andererseits die Sorge besteht, dass die systematische Erhebung dieser Daten bewusst unterlassen oder boykottiert wird, um soziale Problemlagen zu kaschieren.

Politische Zensusdaten

Zensusdaten und deren Fortschreibungen sind die zentralen Quellen zur Berechnung demografischer Kennziffern wie Geburten- und Mortalitätsziffern. Auch in anderen Bereichen, etwa bei der Bestimmung des Bruttoinlandsprodukts, fungieren sie als Nenner und sind somit eine zentrale Bezugsgröße. Gleichzeitig sind sie ein Politikum – oder wie der ehemalige Leiter des US-Census Bureaus Kenneth Prewitt es formuliert: Sie sind Teil eines Dramas im Zentrum des politischen Geschehens („drama at the very center of our political life“). Prewitts Zitat weist darauf hin, dass Zensusdaten nicht nur für politische Entscheidungen genutzt werden, sondern dass das politische System und seine Repräsentation von Zensusergebnissen beeinflusst werden.

In den USA ist die Einteilung von Wahlkreisen auf Basis von Bevölkerungszahlen bis heute ein besonders konfliktträchtiges und politisch aufgeladenes Thema. In Deutschland bestimmt die Einwohnerzahl zwar ebenfalls den Zuschnitt der Wahlkreise sowie die Repräsentation im Bundesrat, jedoch schlagen sich hier Einwohnerzahlen aufgrund der Unterschiede im Wahlsystem weniger stark in der politischen Repräsentation nieder. Nichtsdestotrotz führen auch in Deutschland die Veröffentlichungen neuer Zensusdaten regelmäßig zu hitzigen Debatten, da sie im Rahmen des Länderfinanzausgleichs beträchtliche Rückforderungen an Länder und Kommunen nach sich ziehen können.

Zensusdaten sind jedoch nicht nur politisch, weil sie eine amtlich eindeutige Einwohnerzahl feststellen, die sich auf die politische Repräsentation und auf die Verteilung föderaler und kommunaler Mittel auswirkt. Sie sind auch deshalb politisch, weil sie die Bevölkerung nach vorher festgelegten Merkmalen erfassen. Diese Klassifikationen können mitunter mit Fragen der politischen Repräsentation verknüpft sein. Ein unrühmliches Beispiel hierfür ist der erste US-Zensus, bei dem bei der Erfassung der Bevölkerungszahlen zwischen „versklavter“ und „freier“ Bevölkerung unterschieden wurde. Diese Einteilung war für die politische Repräsentation von zentraler Bedeutung, da die in der US-Verfassung verankerte Drei-Fünftel-Klausel dazu führte, dass die versklavte Bevölkerung nur anteilig einbezogen wurde. Ein weiteres eindrückliches Beispiel ist der Zensus im Libanon von 1932, bei dem die konfessionelle Zusammensetzung der Bevölkerung erfasst und im politischen System festgeschrieben wurde. Dies prägt die Konflikte des Landes bis heute.

Die Kategorien, anhand derer die Gesellschaft im Zensus erfasst wird – ebenso wie jene, die ausgelassen werden –, sind selten neutrale Konzepte. Sie spiegeln vielmehr die gesellschaftlichen Vorstellungen ihrer Zeit wider und entstehen im Spannungsfeld zwischen staatlichen Eigeninteressen, Diffamierung und in Extremfällen Verfolgung einerseits sowie der schützenden und fürsorglichen Rolle des Staates andererseits. Darüber hinaus spielen die Interessen gesellschaftlicher Gruppen eine Rolle, die durch staatliche Erfassung sichtbar gemacht werden wollen, um politische, soziale oder rechtliche Ansprüche artikulieren zu können. Hierfür lassen sich zahlreiche Beispiele anführen, etwa die Erfassung indigener Bevölkerungen in Ländern wie den USA, Australien, Kanada, Brasilien, Guatemala oder Peru. Diese Erfassung ist sowohl Ausdruck historischer Marginalisierung, Verfolgung und Diskriminierung als auch Gegenstand politischer Kämpfe um Sichtbarkeit. So können ethnische Kategorien für Minderheiten eine wichtige Ressource sein, um eine kollektive Identität zu bilden und politische Ansprüche zu artikulieren. Sie können jedoch auch dazu beitragen, soziale Grenzen zu verfestigen und sozial konstruierte Gruppen als natürlich gegeben erscheinen zu lassen.

Ambivalenz der Erhebung von race

Besonders zwiespältig erweist sich die Erhebung und Differenzierung der Bevölkerung nach „Rasse“ bzw. race. In den USA, wo anfänglich allein zwischen versklavter und freier Bevölkerung unterschieden wurde, vollzog sich im Laufe des 19. Jahrhunderts ein gradueller Übergang zur Kategorie race, die seither durchgängig in den Zensusdaten erhoben wird. Ihre Einführung war unweigerlich mit rassistisch geprägten Machtverhältnissen wie auch biologistischen Deutungsmustern jener Zeit verknüpft. Interessanterweise hielt die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 60er Jahre gerade aufgrund der historischen Belastung bewusst an der Terminologie und Erfassung von race fest, um die Identitätsbildung unterdrückter Minderheiten zu stärken und zugleich bestehende Benachteiligungen sichtbar zu machen. Trotz aller Versuche, die konstruktivistische Bedeutung von race in den Vordergrund zu rücken, konnte sich die Begrifflichkeit nur schwer vollständig von den biologistischen Ursprüngen lösen.

Die Kategorie race in Zensusdaten bleibt auch deshalb ein schwieriges Thema, da zwar Einigkeit darüber besteht, dass es sich nicht um eine biologische Kategorie handeln kann, zugleich aber offen bleibt, wie sie empirisch präzise zu operationalisieren ist. In der Praxis des US-Zensus werden unterschiedliche Dimensionen – etwa Identität, Staatsangehörigkeit, Geburtsland und Ethnizität – miteinander verschränkt. Der Versuch, die Kategorie hispanic als separate Kategorie zu erfassen und diese zugleich explizit nicht als race zu deklarieren, ist weniger Ausdruck einer konzeptionellen Klarheit als vielmehr ein Hinweis auf die anhaltenden Unklarheiten und Aushandlungsprozesse bei dieser Kategorisierung der Bevölkerung (Abbildung). Generell lässt sich im Zeitverlauf eine zunehmende Ausdifferenzierung der Kategorien im US-Zensus beobachten – nicht zuletzt als Folge von Auseinandersetzungen darüber, dass heterogene Bevölkerungsgruppen in Sammelkategorien gepresst wurden und eine differenziertere statistische Erfassung einforderten. Für die Datenerhebung und insbesondere für Zeitvergleiche ist die Kategorie race eine dauerhafte Herausforderung, wie zahlreiche Untersuchungen zu Unschärfen und zur zeitlichen Variabilität von Rassekategorien in Zensusdaten für die USA sowie Erhebungen für südamerikanische Länder zeigen.

Der Wunsch nach Sichtbarmachung sozialer Problemlagen und die Gefahr ihrer Umdeutung zum Nachteil bestimmter Bevölkerungsgruppen bilden ein schwer auflösbares Spannungsfeld. Diese Dialektik lässt sich am Beispiel der jüngeren US-amerikanischen Politik besonders deutlich nachvollziehen. So erhebt das Census Bureau nicht nur Daten zu race, sondern erstellt auch Bevölkerungsvorausberechnungen auf dieser Grundlage. Während die „Diversity Explosion" unter der Regierung von US-Präsident Bill Clinton noch positiv als zunehmende gesellschaftliche Vielfalt interpretiert wurde, wurden dieselben demografischen Entwicklungen, insbesondere das vermeintliche Ende der weißen Bevölkerungsmehrheit, unter der Präsidentschaft von Donald Trump als Bedrohung ausgelegt und zur politischen Stimmungsmache genutzt.

Auch wenn in Deutschland und Kontinentaleuropa generell die Definitionen und Klassifikationen nicht (mehr) entlang der Kategorie „Rasse“ erfolgen, besteht auch hier die Gefahr einer politischen Instrumentalisierung demografischer Daten. Dies zeigt sich unter anderem in den von der extremen Rechten angezettelten Debatten um eine „Umvolkung“, die deutliche Parallelen zu dem Gedankengut aufweisen, das etwa der nationalsozialistische Bevölkerungsstatistiker Friedrich Burgdörfer vertrat.

Klassifikationen im deutschen Zensus und Mikrozensus

Aufgrund der belasteten Verwendung von Rassekategorien im Nationalsozialismus gilt in Deutschland, ebenso wie in anderen Ländern Kontinentaleuropas, die Erfassung von „Rasse“ in amtlichen Daten heute als undenkbar. Die Kategorien „Staatsangehörigkeit“ und seit 2005 „Migrationshintergrund“ sind hingegen feste Bestandteile des Mikrozensus. Insbesondere die Kategorisierung des sogenannten indirekten Migrationshintergrunds ist jedoch Gegenstand anhaltender Diskussionen und Neudefinitionen. Die jüngsten Änderungen betreffen vor allem die Abgrenzung von Personen, deren Eltern beide zugewandert sind: Während lange Zeit bereits das Vorliegen eines einzigen zugewanderten Elternteils ausreichte, um einen „Migrationshintergrund“ zuzuschreiben, orientiert sich das 2023 eingeführte neue Konzept der „Einwanderungsgeschichte“ stärker an der eigenen Migrationserfahrung sowie der beider Elternteile. Darin zeigt sich, dass entsprechende Kategorien und Terminologien in den demografischen Daten Teil eines fortlaufenden gesellschaftlichen Aushandlungsprozesses sind, der eng mit der Frage verknüpft ist, wer als Teil der Mehrheitsgesellschaft gilt.

Die Problematik, dass die statistische Erfassung sozialer Kategorien zugleich soziale Wirklichkeit konstituiert und begrenzt, beschränkt sich nicht auf migrationsbezogene Kategorien. Auch in der Haushalts- und Familienstatistik besteht ein Spannungsverhältnis hinsichtlich der Frage, welche Familienformen erfasst und damit gesellschaftlich sichtbar gemacht werden. Deutlich wird dies am Beispiel nichtehelicher Lebensgemeinschaften mit Kindern, die erst vergleichsweise spät als Familienform in die amtliche Statistik einbezogen wurden. Ein weiteres, aktuelles Beispiel ist die Nichterfassung haushaltsübergreifender Familienbeziehungen im Mikrozensus. Dadurch werden Trennungseltern, die nicht mit ihren Kindern in einer Haushaltsgemeinschaft leben, nicht als „Familie“ erfasst, womit diese Facette der familialen Diversität mit amtlichen Daten nicht abgebildet werden kann. Ebenfalls nicht erfasst wird das Wechselmodell, bei dem Kinder getrennter Eltern abwechselnd in den Wohnungen beider Elternteile leben. Mit der wachsenden Bedeutung dieser Familienform vermischen sich unter der Kategorie der Alleinerziehenden zunehmend unterschiedliche Lebensrealitäten. Die spezifischen Problemlagen von Alleinerziehenden, die überwiegend oder allein die Erziehungs- und Betreuungsverantwortung tragen, können mit den Daten entsprechend nicht mehr hinreichend abgebildet werden, weil die Kategorie unscharf geworden ist. Die (Nicht-)Erfassung bestimmter Lebensformen kann nicht nur dazu führen, dass gesellschaftlicher Wandel unzureichend oder verzögert abgebildet wird, sondern auch dazu, dass soziale Ungleichheiten und Benachteiligungen verdeckt bleiben. Dem Staat fehlen somit wichtige Indikatoren, um angemessen auf Problemlagen zu reagieren.

Beeinflussung der Bevölkerungszahlen durch Politik

Die Demografie befasst sich seit ihren Anfängen nicht nur mit der Größe, Struktur und Kategorisierung von Bevölkerungen, sondern liefert auch die Datengrundlage für politische Entscheidungsträger, um diese im Sinne der jeweiligen politischen Zielsetzungen und des jeweiligen Gemeinwohlverständnisses zu beeinflussen. Die Geschichte staatlicher Einflussnahme auf die Bevölkerungsgröße ist dabei in weiten Teilen von einer misslungenen Gratwanderung zwischen Staatsinteressen und massenhafter Missachtung individueller Rechte, insbesondere reproduktiver Rechte von Frauen, geprägt. Es wäre zu kurz gegriffen, diese Entwicklungen auf einzelne Publikationen zurückzuführen, dennoch befeuerten insbesondere Paul R. Ehrlichs „The Population Bomb“ sowie „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome die Debatte maßgeblich und trugen zur Verbreitung eines Krisendiskurses über unbegrenztes und unkontrollierbares Bevölkerungswachstum bei, der zu teilweise radikalen politischen Maßnahmen führte.

Der bevölkerungspolitische Diskurs und die Krisenszenarien dieser Zeit waren zudem eng mit kolonial geprägten Sichtweisen und geopolitischen Interessen verquickt. So konstruierte der 1974 verfasste und 1989 der Öffentlichkeit zugängig gemachte „Kissinger Report“ das Bevölkerungswachstum in den „Entwicklungsländern“ als explizite Bedrohung für US-amerikanische Sicherheitsinteressen und verstand Bevölkerungskontrolle in diesen Ländern als Instrument der Außen- und Sicherheitspolitik. In Ländern wie Indien führten Zwangssterilisierungsprogramme, die im Zusammenhang mit Ängsten vor Überbevölkerung standen, zu erheblichen Eingriffen in die reproduktiven Rechte von Frauen. Diese Programme wurden zum Teil durch US-amerikanische Einflussnahme mitgetragen und finanziell unterstützt. Auch Chinas Ein-Kind-Politik war, wenngleich sie nicht durch westliche Einflussnahme gesteuert wurde, eindeutig durch demografische Krisenszenarien geprägt. Diese erleichterten die politische Durchsetzung derartiger staatlicher Zwangsmaßnahmen.

Die 1994 unter dem Dach der Vereinten Nationen abgehaltene Kairo-Konferenz leitete einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der internationalen Bevölkerungspolitik ein. Die Konferenz fand in einem nach dem Ende des Kalten Krieges veränderten geopolitischen Kontext statt, in dem machtpolitische Interessen und quantitative Bevölkerungsziele in den Hintergrund und humanitäre Aspekte in den Vordergrund rücken konnten. Demografische Daten und Analysen, vor allem jene auf Basis der World Fertility Surveys (später Demographic and Health Surveys, DHS), trugen maßgeblich dazu bei, Missstände aufzuzeigen und sowohl auf Einschränkungen der reproduktiven Selbstbestimmung als auch auf die Bedeutung von Bildung und ökonomischer Autonomie von Frauen für das Geburtenverhalten hinzuweisen. Zwar ließen sich durch die Kairo-Konferenz Rechtsverletzungen durch autoritäre Regime, wie die massenhaften Zwangssterilisationen in Peru in den 1990er Jahren, nicht verhindern, sie bewirkte jedoch einen klaren Perspektivwechsel auf globaler Ebene und eine Ächtung eindimensionaler, menschenrechtsverletzender Familienplanungsprogramme.

Vierzig Jahre nach der Veröffentlichung von „The Population Bomb“ zeigte sich Paul R. Ehrlich in einem Essay in einer der führenden demografischen Fachzeitschriften darüber verwundert, dass sich die Demografie nicht stärker den großen Fragen unserer Zeit zuwendet und das Bevölkerungswachstum konsequenter im Zusammenhang mit Klimawandel, ökologischem Fußabdruck und den Grenzen des Wachstums als Krisenszenario thematisiert. Dabei bleibt Ehrlichs Beitrag auffällig unberührt von Fragen globaler Gerechtigkeit und reproduktiver Autonomie. Er wirkt fast so, als hätten die zentralen Debatten der vergangenen Jahrzehnte gar nicht stattgefunden. Inzwischen hat sich mit der climate demography jedoch ein Themenfeld etabliert, das demografische Entwicklungen und den Klimawandel in Zusammenhang stellt und dabei Fragen globaler Gerechtigkeit und sozialer Ungleichheit berücksichtigt, ohne polemisch zuzuspitzen.

Aktuelle Herausforderungen

Die Geschichte der Demografie ist geprägt von der Instrumentalisierung bevölkerungswissenschaftlicher Erkenntnisse für staatliche Interessen und vermeintlich übergeordnete kollektive Ziele. Gleichzeitig hat sie immer wieder gezeigt, welches Potenzial sie als datenbasierte Disziplin besitzt, um gesellschaftliches Unrecht, soziale Benachteiligung und Problemlagen aufzudecken. Dazu zählen unter anderem Fragen zu sozioökonomischen und ethnischen Unterschieden bei der Mütter- und Kindersterblichkeit, zur Bedeutung von Bildung für reproduktive Autonomie sowie zur Ermittlung von unmet needs (unerfüllte Bedarfe) an Verhütungsmitteln. Es gilt jedoch auch, dass nur das erforscht werden kann, was durch Daten und Kategorien messbar gemacht wird. Die Einschränkung zentraler Datenquellen wie der DHS-Daten unter der Trump-Regierung hat vor Augen geführt, wie leicht autoritäre Regime den Zugang zu grundlegenden demografischen Informationen und somit zur Wissensproduktion beschneiden können.

Ebenso zeigen die aktuellen Entwicklungen, wie anfällig demografische Daten für politische Instrumentalisierung sind. In nicht seltenen Fällen werden sie – etwa beim Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Gewalt in Partnerschaften – verkürzt und zum Nachteil betroffener Bevölkerungsgruppen interpretiert. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass Forschende die Deutungshoheit über Daten und Ergebnisse bewahren können. Klar ist jedoch auch, dass die reflexartige Tendenz, die Demografie und ihre spezifischen Themen – etwa die Erforschung von Kinderlosigkeit oder niedrigen Geburtenraten – vorschnell als normativ belastet abzulehnen, dazu führt, dass jenen Akteuren das Feld überlassen wird, die diese Themen strategisch instrumentalisieren und somit die Deutungshoheit prägen. Umso wichtiger ist es, die Herausforderungen der Bevölkerungsalterung, niedriger Geburtenraten und wachsender Bevölkerungsdiversität sowie die damit verbundenen sozialen Ungleichheiten als interdisziplinäre Aufgabe zu verstehen.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Samuel H. Preston/Patrick Heuveline/Michel Guillot, Demography. Measuring and Modeling Population Processes, Malden MA 2001; Ansley J. Coale, The Growth and Structure of Human Populations: A Mathematical Investigation, New Jersey 1972.

  2. Vgl. Helge Brunborg/Ewa Tabeau, Demography of Conflict and Violence: An Emerging Field, in: European Journal of Population 2–3/2005, S. 131–144; Enrique Acosta et al., Weaponizing Kinship: A Demographic Analysis of Bereavement in the Colombian Conflict, in: Population and Development Review, 4.3.2026, Externer Link: https://doi.org/10.1111/padr.70048.

  3. Vgl. Marc Luy, Handbuch Soziale Arbeit Demografie, Wiesbaden 2018.

  4. Vgl. Christoph Butterwegge, Krise und Zukunft des Sozialstaates, 5. Auflage, Wiesbaden 2013.

  5. Vgl. Rembrandt Scholz/Michaela Kreyenfeld, Der registergestützte Zensus in Deutschland: Historische Einordnung und Bedeutung für die Bevölkerungswissenschaft, in: Comparative Population Studies 41/2017, S. 217–240.

  6. Vgl. Andreas Wimmer/Nina Glick-Schiller, Methodological Nationalism, the Social Sciences, and the Study of Migration: An Essay in Historical Epistemology, in: International Migration Review 37/2003, S. 576–610.

  7. Vgl. Jutta Wietog, Volkszählung unter dem Nationalsozialismus, Berlin 2001.

  8. Vgl. Arnisson Andre C. Ortega, Toward Critical Demography 2.0, in: Human Geography 3/2023, S. 343–354.

  9. Kenneth Prewitt, Politics and Science in Census Taking, New York 2003.

  10. Vgl. Paula J. Walashek/David A. Swanson, The Roots of Conflict Over US Census Counts in the Late 20th Century and Prospects for the 21st Century, in: Journal of Economic and Social Measurement 3–4/2006, S. 185–205.

  11. Vgl. Zensus: Wowereit bezweifelt Zensus-Daten, 14.6.2013, Externer Link: https://www.berliner-zeitung.de/li.37187; Eva Maria Braungart, Nach Zensus: Berlin rechnet mit Einbußen von Hunderten Millionen Euro, 9.7.2024, Externer Link: https://www.berliner-zeitung.de/li.2233020.

  12. Vgl. Rania Maktabi, The Lebanese Census of 1932 Revisited. Who Are the Lebanese?, in: British Journal of Middle Eastern Studies 2/1999, S. 219–241; Arnon Soffer, Lebanon – Where Demography Is the Core of Politics and Life, in: Middle Eastern Studies 2/1986, S. 197–205.

  13. Vgl. Caroline Martínez/Edward Telles/Florencia Torche, From Language to Self-Identification: Indigenous Classification in the Americas, in: Social Forces 152/2025, Externer Link: https://doi.org/10.1093/sf/soaf152.

  14. Vgl. David I. Kertzer/Dominique Arel (Hrsg.), Census and Identity: The Politics of Race, Ethnicity, and Language in National Censuses, Cambridge 2002.

  15. Vgl. Rogers Brubaker, Ethnicity Without Groups, in: European Journal of Sociology 43/2002, S. 163–189.

  16. Vgl. Kenneth Prewitt, The Census Race Classification: Is It Doing Its Job?, in: The Annals of the American Academy of Political and Social Science 1/2018, S. 8–24.

  17. Vgl. Michael Omi/Howard Winant, Racial Formation in the United States, New York 2014.

  18. Vgl. Jennifer Lee/Karthick Ramakrishnan, Who Counts as Asian, in: Ethnic and Racial Studies 10/2020, Externer Link: https://doi.org/10.1080/01419870.2019.1671600.

  19. Vgl. Lauren Davenport, The Fluidity of Racial Classifications, in: Annual Review of Political Science 1/2020, S. 221–240; Carolyn A. Liebler et al., America’s Churning Races: Race and Ethnicity Response Changes Between Census 2000 and the 2010 Census, in: Demography 1/2017, S. 259–284; C. Matthew Snipp, Racial Measurement in the American Census: Past Practices and Implications for the Future, in: Annual Review of Sociology 1/2003, S. 563–588.

  20. Vgl. Luisa Farah Schwartzman, Does Money Whiten? Intergenerational Changes in Racial Classification in Brazil, in: American Sociological Review 6/2007, S. 940–963.

  21. Vgl. United States Census Bureau, 2023 National Population Projections Tables: Main Series, 12.2.2025, Externer Link: https://www.census.gov/data/tables/2023/demo/popproj/2023-summary-tables.html.

  22. William H. Frey, Diversity Explosion. How New Racial Demographics Are Remaking America, Washington, D.C. 2015.

  23. Vgl. Coşkun Canan/Anja Petschel, Die Umsetzung des Konzepts „Einwanderungsgeschichte“ im Mikrozensus 2022, in: Wirtschaft und Statistik 4/2023, S. 61–73.

  24. Vgl. Fachkommission Integrationsfähigkeit, Gemeinsam die Einwanderungsgesellschaft gestalten. Bericht der Fachkommission der Bundesregierung zu den Rahmenbedingungen der Integrationsfähigkeit, Berlin 2021.

  25. Vgl. Tim Hochgürtel/Clarissa Wilke, Methodische Weiterentwicklungen in der Lebensformenberichterstattung auf Grundlage des Mikrozensus ab dem Berichtsjahr 2020, in: Wirtschaft und Statistik 1/2022, S. 97–107.

  26. Vgl. Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Zehnter Familienbericht, Berlin 2025.

  27. Paul R. Ehrlich, The Population Bomb, New York 1968.

  28. Donella H. Meadows et al., The Limits to Growth, New York 1972.

  29. Siehe hierzu auch den Beitrag von Dana Schmalz in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).

  30. Vgl. Matthew Connelly, Fatal Misconception: The Struggle to Control World Population, Cambridge MA 2009.

  31. Vgl. U.S. National Security Council, National Security Study Memorandum. Implications of Worldwide Population Growth for U.S. Security and Overseas Interest, Washington, D.C. 1974.

  32. Vgl. Matthew Connelly, Population Control in India: Prologue to the Emergency Period, in: Population and Development Review 4/2006, S. 629–667.

  33. Vgl. Yong Cai/Feng Wang, The Social and Sociological Consequences of China’s One-Child Policy, in: Annual Review of Sociology 47/2021, S. 587–606. Siehe hierzu auch den Beitrag von Christina Maags in dieser Ausgabe (Anm. der Red.).

  34. Vgl. C. Alison McIntosh/Jason L. Finkle, The Cairo Conference on Population and Development: A New Paradigm?, in: Population and Development Review 2/1995, S. 223–260.

  35. Vgl. Charles F. Westoff, The Potential Demand for Family Planning: A New Measure of Unmet Need and Estimates for Five Latin American Countries, in: International Family Planning Perspectives 2/1988, S. 45–53; Susan Hill Cochrane, Fertility and Education. What Do We Really Know?, Washington, D.C. 1979.

  36. Vgl. Jelke Boesten, Free Choice or Poverty Alleviation? Population Politics in Peru Under Alberto Fujimori, in: European Review of Latin American and Caribbean Studies 82/2007, S. 3–20.

  37. Vgl. Paul R. Ehrlich/Anne H. Ehrlich, The Population Bomb Revisited, in: Population and Development Review 1/2008, S. 39–56.

  38. Vgl. Roman Hoffmann et al., Climate Change and Population: Demographic Perspectives on the 21st Century’s Defining Challenge, in: dies. (Hrsg.), Vienna Yearbook of Population Research 22/2024, S. 1–22.

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ist Professorin für Soziologie an der Hertie School und Direktorin des Einstein Center Population Diversity (ECPD) in Berlin.