Demografie und Macht waren schon immer miteinander verbunden. Historisch betrachtet, betrifft dies vor allem die Bevölkerungsgröße und die Frage nach dem militärischen Mobilisierungspotenzial. Heute sind insbesondere sich verändernde Altersstrukturen von Interesse, beispielsweise mit Blick auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und die Tragfähigkeit der Sozialsysteme.
Global gesehen, waren die vergangenen Jahrzehnte durch eine steigende Lebenserwartung und sinkende Geburtenraten geprägt. In vielen Ländern liegt die Geburtenrate bereits seit Längerem unter dem Erhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau, bei dem die Bevölkerungsgröße, ohne Berücksichtigung von Zu- und Abwanderung, konstant bleibt. Dadurch sind manche Länder stark gealtert oder werden in Zukunft sehr stark altern. Prominente Beispiele sind Japan und Südkorea. Auch die demografische Entwicklung Deutschlands folgt diesem Muster.
Eine solche Alterung der Gesellschaft gab es in diesem Ausmaß noch nie. Sie ist das Resultat medizinischen Fortschritts und steht sinnbildlich für die großen Verbesserungen, die im Bereich der Kindersterblichkeit und der öffentlichen Gesundheitsversorgung erreicht wurden. Gleichzeitig stellt uns diese Entwicklung jedoch auch vor Herausforderungen, und es ist unklar, welche Auswirkungen die Veränderung der Altersstrukturen langfristig haben wird.
In Demokratien erfolgt die Entscheidungsfindung überwiegend mehrheitsbasiert. Die fortschreitende Alterung der Gesellschaft führt dazu, dass ältere Menschen einen immer größeren Anteil der Wählerschaft stellen, während der Anteil jüngerer Menschen immer kleiner wird. Abbildung 1 zeigt, wie sich das Medianalter in ausgewählten Demokratien seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts entwickelt hat und wie es sich bis 2050 entwickeln könnte.
Jugendspezifische Themen und Verteilungsfragen
Ein Bereich, in dem sich verändernde Altersstrukturen direkt auf politische Entscheidungen auswirken können, sind Themen, von denen verschiedene Altersgruppen unterschiedlich stark betroffen sind. Ein klassisches Beispiel hierfür sind Abstimmungen über den Wehr- oder Zivildienst, wie sie im Januar 2013 in Österreich stattfanden. Bei der landesweiten Volksabstimmung ging es um die Abschaffung des verpflichtenden Dienstes. Unter den jungen Wähler*innen stimmte eine Mehrheit für die Abschaffung, während zwei Drittel der älteren Wähler*innen den Pflichtdienst befürworteten. Aufgrund ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit wurde der obligatorische Dienst erhalten. Den Sozialwissenschaftlern Moritz Hess, Elias Naumann und Leander Steinkopf zufolge zwang die Mehrheit der älteren Wähler*innen somit die Minderheit der jüngeren Menschen zum Wehr- oder Zivildienst.
Ein anderes Beispiel ist die Abstimmung über den Brexit in Großbritannien, bei der sich unter den jüngeren Menschen eine Mehrheit für den Verbleib in der Europäischen Union aussprach. Auch hier wurde argumentiert, dass jüngere Menschen von der Entscheidung stärker betroffen wären als ältere, da sie länger mit den Konsequenzen leben müssten.
Neben Themen, von denen Altersgruppen unterschiedlich stark betroffen sind, sind wohlfahrtsstaatliche Verteilungsfragen von besonderem Interesse. Viele sozialpolitische Instrumente und Maßnahmen, wie beispielsweise das Rentensystem oder Angebote zur Kinderbetreuung, richten sich sehr klar an eine Altersgruppe. Unterschiedliche Altersgruppen haben daher unterschiedliche Anliegen. So ist für Rentenbezieher*innen ein stabiles Rentenniveau von Interesse, während für Erwerbstätige eine Nicht-Erhöhung der Sozialabgaben vermutlich von größerer Relevanz ist. In vielen wissenschaftlichen Publikationen wird angenommen, dass der demografische Wandel insbesondere die Frage der Finanzierung des Rentensystems konfliktträchtig macht – die französischen Proteste gegen die Rentenreform zur Verlängerung der Arbeitszeit 2023 passen hier gut ins Bild. In Bezug auf den Wohlfahrtsstaat kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die mögliche Konfliktlinie nicht, wie häufig dargestellt, zwischen der Jugend und älteren Menschen, sondern zwischen Senior*innen auf der einen und der erwerbstätigen Bevölkerung sowie der Jugend auf der anderen Seite verläuft.
Gleichzeitig muss klar anerkannt werden, dass aus unterschiedlichen Situationen im Wohlfahrtsstaat oder unterschiedlicher Betroffenheit nicht unbedingt unterschiedliche politische Einstellungen und Wünsche entstehen. So können beispielsweise sogenannte Deservingness-Wahrnehmungen eine Rolle spielen. Deservingness beschreibt, wer staatliche Leistungen in den Augen der Gesellschaft „verdient“ – also „welchen Individuen mit welcher Begründung Ansprüche auf sozialstaatliche Leistungen anerkannt und gewährt werden sollen“.
Die Politikwissenschaftler Tim Vlandas, Daniel McArthur und Michael Ganslmeier beschreiben darüber hinaus Altersunterschiede beim Wahlverhalten, die auf die unterschiedlichen ökonomischen Situationen von jüngeren Erwerbstätigen und älteren Rentner*innen zurückzuführen sind.
Grundsätzlich lässt sich jedoch festhalten, dass es Politikbereiche gibt, in denen Menschen aufgrund ihrer jeweiligen Lebenssituation unterschiedliche Bedürfnisse und damit auch altersspezifische Anliegen haben. Der demografische Wandel verändert zudem das Gewicht dieser Altersgruppen innerhalb der Wählerschaft. Zusätzlich zeigen sich auch Unterschiede zwischen den Generationen beziehungsweise Geburtenkohorten, beispielsweise beim Wahlverhalten.
Wachsender Einfluss der älteren Generation auf das Wahlergebnis
Wie in vielen anderen Ländern hat sich auch in Deutschland die Altersstruktur in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Im Kontext demokratischer Entscheidungen sind die Wahlberechtigten von besonderem Interesse, da nur sie direkten politischen Einfluss ausüben können. Abbildung 2 zeigt die Entwicklung des Anteils der unter 30-Jährigen sowie der über 60-Jährigen an den Wahlberechtigten in Deutschland seit der ersten Bundestagswahl mit repräsentativer Wahlstatistik 1953. Deutlich erkennbar ist der leichte Anstieg der Altersgruppe der unter 30-Jährigen von 16,5 Prozent 1969 auf 20,3 Prozent 1972 infolge der Absenkung der Altersgrenze für das aktive Wahlrecht von 21 auf 18 Jahre. Bei der ersten Wahl im wiedervereinigten Deutschland 1990 zeigen sich hingegen keine großen Unterschiede zu den Jahren davor. Während der Aussetzung der repräsentativen Wahlstatistik in den Jahren 1994 und 1998 haben sich die Anteile der jungen und alten Wahlberechtigten hingegen stark auseinanderentwickelt, und dieser Trend hat sich seit 2017 weiter verstärkt.
Passenderweise wies die Bundeswahlleiterin in ihrer Pressemitteilung nach der Bundestagswahl 2025 auf den zunehmenden Einfluss der „Generation 60plus“ auf das Wahlergebnis hin: „Die Zahlen der Wahlberechtigten in der mittleren Generation zwischen 30 und 59 Jahren sowie in der älteren Generation ab 60 Jahren liegen inzwischen demografiebedingt nahe beieinander. Während die mittlere Generation unter allen Wahlberechtigten 44,4 Prozent ausmachte, lag der Anteil der älteren Generation bei 42,6 Prozent.“
Abbildung 3 zeigt, wie sich dies bei der Bundestagswahl 2025 auf den Anteil verschiedener Altersgruppen an den Wähler*innen auswirkte. Für die jüngeren Altersgruppen unter 30 Jahren ist der Anteil an den Wahlberechtigten aufgrund der unterdurchschnittlichen Wahlbeteiligung etwas höher als der Anteil an den Wähler*innen. Da die Jugendwahlbeteiligung in Deutschland vergleichsweise hoch liegt, ist der Unterschied jedoch nur sehr klein. In anderen Ländern wie zum Beispiel Frankreich zeigt er sich stärker. Für die Altersgruppen zwischen 50 und 70 Jahren ergibt sich ein gegenläufiges Bild. In diesem Alter ist die Wahlbeteiligung am höchsten. Dieser Unterschied in der Wahlbeteiligung verstärkt das Gewicht älterer Menschen. Dies gilt auch, wenn die Wahlbeteiligung unter Hochbetagten aufgrund zunehmender gesundheitlicher Einschränkungen wieder abnimmt.
Zudem ist zu bedenken, dass ein Großteil der jungen Bevölkerung in Deutschland minderjährig und somit nicht wahlberechtigt ist. 2025 waren 17 Prozent der Menschen in Deutschland jünger als 18 Jahre.
Und noch einen weiteren Faktor gilt es mit Blick auf den Altersunterschied zwischen Bevölkerung und Wähler*innen zu beachten: Der Anteil der nicht wahlberechtigten ausländischen Bevölkerung unterscheidet sich zwischen den Altersgruppen. Einerseits sind Immigrant*innen im Durchschnitt jünger als die Gesamtbevölkerung, andererseits erfüllen ältere Einwanderer*innen mit höherer Wahrscheinlichkeit die Einbürgerungsvoraussetzungen wie die Mindestaufenthaltsdauer als Jüngere. Dies hat zur Folge, dass der Anteil der nicht wahlberechtigten ausländischen Bevölkerung in den jungen und mittleren Altersgruppen höher ist als unter den Senior*innen.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Wahlberechtigte in Deutschland im Durchschnitt deutlich älter sind als die Gesamtbevölkerung. Zudem ist die Wahlbeteiligung in den älteren Gruppen höher, was das Ungleichgewicht zusätzlich verstärkt.
„Grey Power“-Hypothese
Angesichts der demografischen Veränderungen in Deutschland stellt sich die Frage, ob sich viele westliche Demokratien auf dem Weg in eine Gerontokratie befinden, mit neuer Dringlichkeit. In der Forschung wird die Vermutung, dass ältere Menschen das politische Geschehen zukünftig dominieren werden, auch als „Grey Power“-Hypothese bezeichnet. Besonders ausführlich wurde sie in den 2000er- und 2010er-Jahren diskutiert, heute begegnet man ihr eher implizit.
Inwiefern sich die Hypothese bewahrheiten wird, hängt grundlegend von der Ausgestaltung des politischen Systems – insbesondere vom Wahlsystem – ab. Aus der Forschung zur politischen Repräsentation ist bekannt, dass der Anteil junger Abgeordneter in Ländern mit Verhältniswahlsystemen höher ist als in Ländern mit Mehrheitswahlsystemen.
Und auch über das Wahlsystem hinaus beeinflusst die Ausgestaltung des politischen Systems das Parteiverhalten, das wiederum eine große Rolle bei der Frage spielt, wie stark sich die Verschiebung demografischer Machtverhältnisse politisch auswirkt. Ende der 2000er Jahre argumentierte der Soziologe Martin Kohli, dass Parteien selten versuchen, Wähler*innen anhand von altersstrukturierten Konfliktlinien zu mobilisieren, da „wirtschaftliche Bruchlinien noch nicht sehr ausgeprägt“ seien.
Passend hierzu ging die Politikwissenschaftlerin Jennifer Sciubba der Frage nach, ob eine ältere Wählerschaft dazu führt, dass politische Parteien in ihren Programmen insbesondere ältere Menschen ansprechen. In ihrer Untersuchung konzentrierte sie sich auf Deutschland, Italien und Japan, drei der „ältesten“ Demokratien mit einem stark auf Renten ausgerichteten Wohlfahrtsstaat.
Dies deckt sich mit meinen eigenen Untersuchungen, in denen ich zeigen konnte, dass französische Parteien ihren Wahlkampf, obwohl die Bevölkerung im Vergleich zu Deutschland jünger ist, stärker auf Rentner*innen als Hauptzielgruppe ausrichten als deutsche Parteien. In Interviews wurde diese Entscheidung immer wieder mit Kosten-Nutzen-Überlegungen begründet: Zum einen wurde der Anteil der Altersgruppen an den Wahlberechtigten erwähnt, eine größere Rolle spielte aber die sehr niedrige Wahlbeteiligung junger Menschen in Frankreich. In Verbindung mit dem romanischen Mehrheitswahlsystem, das auf Einpersonenwahlkreisen basiert, zielen die Parteien auf die Mobilisierung und Ansprache derjenigen, die auch in der Vergangenheit zuverlässig an Wahlen teilgenommen haben, und das sind die Rentner*innen. Zumindest in Wahlkampfzeiten reagieren Parteien also je nach Parteien- und Wahlsystem bereits auf die Verschiebung der demografischen Machtverhältnisse.
Auswirkungen der Verschiebung demografischer Machtverhältnisse
Mit Blick auf die bisherigen politischen Auswirkungen der sich verändernden demografischen Machtverhältnisse spielen wohlfahrtsstaatliche Themen in der Forschung die größte Rolle. Bereits 2009 beobachteten die Politikwissenschaftler Marius Busemeyer, Achim Goerres und Simon Weschle erhebliche altersbedingte Unterschiede in den Wohlfahrtsstaatspräferenzen in den entwickelten Industrieländern.
Die Sozialwissenschaftler Hess, Naumann und Steinkopf zeigen anhand eines spieltheoretischen Modells, dass sowohl jüngere als auch ältere Menschen ein Interesse an einer Umverteilung zwischen den Altersgruppen in Form von Rentenzahlungen haben, solange die heute Einzahlenden davon ausgehen, später selbst eine Rente zu erhalten. Auch in ihrer empirischen Untersuchung stellte sich jedoch heraus, dass die „Zustimmung der Alten zu einer altenfreundlichen Ausgabenpolitik mit mehr Renten- und weniger Bildungsausgaben etwas stärker ist als die der Jungen“.
In den vergangenen Jahren ist zudem immer deutlicher geworden, dass die Alterung der Gesellschaft die finanzielle Stabilität von Wohlfahrtsstaaten gefährdet – insbesondere im Hinblick auf das Rentensystem und die Gesundheitsversorgung. Reformen scheinen unausweichlich. Gleichzeitig ist jedoch auch deutlich geworden, dass sich Reformen in diesen Bereichen nur schwer umsetzen lassen – schließlich sind Gesundheitsversorgung und Rente die am meisten geschätzten Bestandteile von Wohlfahrtsstaaten.
Eine weitere Auswirkung macht sich in manchen Ländern beim Partizipationsverhalten junger Menschen bemerkbar. Da es für sie immer schwieriger wird, ihre Anliegen in Wahlen durchzusetzen, erscheint das Ausweichen auf andere Formen politischer Partizipation wie Proteste oder Boykotte rational. Die Politikwissenschaftlerin Sarah Pickard hat für Großbritannien beschrieben, dass niedrigere Wahlbeteiligungsraten und eine geringere Mitarbeit in Parteien unter jüngeren Menschen nicht mit politischem Desinteresse gleichzusetzen sind. Vielmehr handelt es sich um eine Verschiebung hin zu anderen Formen politischer Partizipation.
Ausblick und Handlungsoptionen
In den meisten Demokratien wird das Medianalter weiter steigen. Insbesondere die aktuell in so unterschiedlichen Ländern wie Südkorea, Estland, Italien oder Norwegen beobachteten neuen Niedrigrekorde bei den Fertilitätsraten dürften die kommenden Jahrzehnte prägen. Eine Trendumkehr ist unwahrscheinlich. Diese Entwicklung stellt politische Systeme vor erhebliche Herausforderungen: Einerseits wird die Finanzierung des Wohlfahrtsstaats zunehmend schwieriger, andererseits macht die fortschreitende gesellschaftliche Alterung Reformen unwahrscheinlicher.
Darüber hinaus entsteht ein strukturelles Problem, das sich nicht auf einzelne Politikfelder beschränkt. Für jüngere Menschen wird es zunehmend schwieriger, ihre altersspezifischen Interessen bei Wahlen durchzusetzen. Diese strukturelle Asymmetrie kann langfristig dazu beitragen, dass sich jüngere Generationen vom politischen System entfremden. Vor diesem Hintergrund ergibt sich aus dem demografischen Wandel eine demokratische Verantwortung, sich stärker als bisher um junge Menschen und deren Interessen zu bemühen. Gerade wenn politische Erfahrungen in den sogenannten prägenden Jahren von Frustration mit dem repräsentativen demokratischen System begleitet sind, können sich daraus langfristige Folgen für politisches Vertrauen und die Unterstützung des politischen Systems ergeben.
In der politischen und wissenschaftlichen Debatte werden daher verschiedene Reformideen diskutiert. Dazu gehören etwa institutionelle Anpassungen wie die Einführung eines Verhältniswahlsystems, wie sie in Frankreich immer wieder debattiert wird, oder verpflichtende Jugendquoten für Parteilisten. Einen solchen Weg ist beispielsweise Ecuador gegangen, wo sich die Anzahl junger Abgeordneter im Parlament durch die Reform erhöht hat. Die Entwicklung des Anteils der unter 30-Jährigen an den Wahlberechtigten in Deutschland zeigt, dass auch die Absenkung der Altersgrenze für das aktive Wahlrecht Veränderungen bewirken kann. Da diese für viele Landtags- und Kommunalwahlen sowie die Europawahlen bereits auf 16 Jahre abgesenkt wurde, bietet sich mit Blick auf die Bundestagswahlen eine Vereinheitlichung an. Darüber hinaus könnten Kinder- und Jugendbeteiligungsformate ausgebaut werden, um auch Menschen unterhalb der Wahlaltersgrenzen eine sinnvolle Teilhabe am politischen Prozess zu ermöglichen.
Abschließend lässt sich festhalten, dass die Frage, ob sich alternde Demokratien in Zukunft in Gerontokratien verwandeln, stark vom jeweiligen politischen System, dem Verhalten der Parteien und etwaigen Reformen abhängt – und natürlich auch vom Wahlverhalten und der politischen Kultur der jeweiligen Demokratie. Fest steht jedoch, dass die Verschiebung der demografischen Machtverhältnisse Auswirkungen hat und demokratische Herausforderungen mit sich bringt.