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Demografie als Hard Power | Demografie | bpb.de

Demografie Editorial Mehr als Zahlen. Zur politischen Dimension demografischer Daten Demografie als Hard Power. Zur ökonomischen Bedeutung des demografischen Wandels Regionale Disparitäten der Bevölkerungsdynamik in Deutschland Demografie und Migration. Zu den Veränderungsdynamiken der deutschen Bevölkerung Getrieben von Angst und Ungleichheit. Demografiediskurse vom 19. Jahrhundert bis heute Auf dem Weg in die Gerontokratie? Demografische Machtverhältnisse in alternden Gesellschaften Schwieriger Spagat. Demografischer Wandel und Wirtschaftswachstum in China

Demografie als Hard Power Zur ökonomischen Bedeutung des demografischen Wandels

Michael Hüther

/ 15 Minuten zu lesen

Alle Fragen und Aspekte des demografischen Übergangs, in dem wir uns gerade befinden, sind im Grundsatz lange bekannt und analysiert. Gleichwohl gibt es offenkundig eine systematische Neigung, die Folgen der demografischen Herausforderung zu verdrängen.

Die Überschrift mag verwundern. Doch ein Artikel im Jahr 2026 über die ökonomische Bedeutung des demografischen Wandels, genauer der forcierten Alterung im demografischen Übergang des kommenden Jahrzehnts, gewinnt eine eigenartig abgestandene Anmutung. Denn nichts ist grundsätzlich besser prognostiziert als dieser Prozess. Die Zeitläufe der Demografie sind individuell – von der Entscheidung über die Familiengründung bis zur Umsetzung – und kollektiv – in der gesellschaftlich sich manifestierenden Wirkung des generativen Verhaltens – geduldig, es passiert selten etwas sprunghaft. Inhärente Trends – wie die Veränderung der Lebenserwartung – sind in der Regel träge, Trendbrüche treten nur säkular auf. Hingegen können politische Änderungen – wie die 2011 in Deutschland eingeführte Arbeitnehmerfreizügigkeit für acht ost- und mitteleuropäische EU-Beitrittsländer – mit Verzögerung eine starke Veränderung entsprechender demografischer Trends verursachen.

Frühe Einsichten

Als zwischen 1965 und 1975 in Deutschland die Anzahl der Geburten je gebärfähiger Frau – die Geburtenrate – sank, war klar, dass dies mit der Verzögerung von sechzig und mehr Jahren zu einer veränderten Altersstruktur der Bevölkerung führen wird. Und wenn zusätzlich aufgrund des medizinisch-technischen Fortschritts und der größeren Zeit- sowie Geldressourcen für Gesundheitsvorsorge die ferne Lebenserwartung der jungen Menschen steigt, dann konnte dies nur die Verschärfung des generativ angelegten Prozesses bedeuten. Das hat zeitnah zu entsprechenden Untersuchungen und Stellungnahmen geführt: Einschlägig ist dafür der Erste Familienbericht der Bundesregierung, der bereits 1968 vorgelegt wurde. Der Geburtenrückgang seit 1965 wurde als Trendbruch erfasst, seine Ursachen in sozialen und ökonomischen Faktoren identifiziert – als Ausdruck rationaler Entscheidungen unter veränderten Lebensbedingungen und Gestaltungsoptionen. Gewarnt wurde auf lange Sicht vor der Alterung der Bevölkerung, der Schrumpfung der Jahrgangsstärken, künftigen Belastungen der Sozialversicherung und dem Fachkräftemangel.

Im Jahresgutachten 1980/81 hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung darauf hingewiesen, dass angesichts der „langfristigen demografischen Veränderungen, die sich aus dem Geburtenrückgang der vergangenen eineinhalb Jahrzehnte ergeben,“ mit Blick auf die Gesetzliche Rentenversicherung (GRV) „wohl gar nichts anderes in Betracht kommen wird als sowohl eine Erhöhung der Abgabenlast wie auch eine Einschränkung der Leistungsansprüche, und zwar beides in massiver Form“.

Am Rande der politischen Arena hat dies zeitnah Resonanz gefunden: „Dass (…) die bisherige Rentenformel nicht beibehalten werden kann, ist heute unter Sachverständigen nicht mehr umstritten. Politisch ist es noch nicht öffentlich anerkannt. In unserer politischen Praxis, so scheint es, wird die Relevanz einer solchen politischen Frage erst eingestanden, wenn diejenigen, die an ihr einen politischen Besitzstand haben, auch schon eine Antwort mitliefern können, die ihren Besitzstand nicht gefährdet. Fehlt eine solche Antwort, wird auch die Frage politisch bekämpft.“

Nach der Wiedervereinigung wurde angesichts neuer Dringlichkeit der Themen Sicherheit der Rente und Generationengerechtigkeit vom Deutschen Bundestag am 16. Oktober 1992 eine Enquete-Kommission zu den „Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik“ eingesetzt, die 1994 und 1998 Zwischenberichte sowie im Dezember 1999 den Abschlussbericht vorlegte. Dennoch galt: „Einer Umfrage aus dem Jahr 2003 zufolge hatten 52 Prozent der Deutschen noch nie den Begriff ‚demografischer Wandel‘ gehört.“

Im Lichte dieser Quellen kann man verstehen, dass manch aktuelle Diskussion eher Unverständnis und Unmut bei den Fachleuten auslöst. Denn alle Fragen und Aspekte des demografischen Übergangs, in dem wir uns gerade befinden, sind im Grundsatz lange bekannt, analysiert und in ihren politischen Herausforderungen beschrieben. Gleichwohl gibt es offenkundig eine systematische Neigung, die Folgen der demografischen Herausforderung zu ignorieren und zu verdrängen, und zwar sowohl individuell trotz der lebensnahen Präsentation steigender Lebenserwartung und Alterung als auch gesellschaftlich trotz der evidenten Herausforderungen am Arbeitsmarkt und in den Sozialversicherungen. Dennoch ist der Befund, dass in den Wahlprogrammen zur Bundestagswahl 2025 von keiner Partei angemessene Perspektiven und Handlungsoptionen aufgezeigt wurden, wegen der damit verbundenen Realitätsverweigerung erschütternd. Zudem wurde der Eindruck erweckt, als ginge es nur um die Stabilisierung der Sozialversicherungssysteme und als wäre hier noch Neues zu entdecken.

Verengter Blick

Im System unserer Altersversorgung aus gesetzlicher Umlagerente, privater Vermögensbildung und betrieblicher Altersvorsorge ergeben sich auch durch längeres Hinsehen keine neuen Anknüpfungspunkte für den Umgang mit den Folgen der demografischen Alterung. Politisch gern gezogene Alternativen, die darauf zielen, systemfremd finanzielle Mittel zu mobilisieren, bieten keine systematischen und damit dauerhaften Lösungen. So führt beispielsweise die Ausweitung der Versicherungspflicht für die GRV auf Selbstständige oder Beamte nur kurzfristig zu einer Entlastung – aufgrund der in der Regel höheren Lebenserwartung dieser Personengruppen entsteht mittelfristig eine Nettobelastung. Man verschiebt den Handlungsdruck in die Zukunft, ohne ihn zu mindern. Zudem verändert die Ausweitung der Finanzierungsbasis – sei es durch die Steuerfinanzierung von Leistungen der Sozialversicherung (wie die Mütterrente) oder durch die schlichte Ausweitung der Einnahmen (Verbeitragung von Kapital- und Mieteinkünften für die gesetzliche Krankenversicherung) – nichts an den Fehlsteuerungen und Fehlanreizen der Systeme. Tatsächlich dominieren die ausgabenseitigen Probleme.

Der Befund zeigt, „dass der demografische Alterungsprozess in Deutschland die Finanzen der GRV unter dem geltenden Recht in den nächsten zehn bis 15 Jahren in eine rasch und stark zunehmende Anspannung versetzt, die aus heutiger Sicht anschließend mehrere Jahrzehnte lang nicht wieder zurückgehen dürfte“. Und: „Ursachengerechte Maßnahmen gegen die Auswirkungen der demografischen Alterung auf die Rentenfinanzierung stellen zum einen eine fortgesetzte, an die steigende Lebenserwartung geknüpfte Heraufsetzung der Regelaltersgrenze der GRV dar, zum anderen die Einführung einer neuen Form der ergänzenden kapitalgedeckten Altersvorsorge, die insbesondere verbindlicher, einfacher und renditestärker sein sollte als bisher.“

Natürlich muss die Diskussion zu den ökonomischen Folgen des demografischen Wandels über die Gestaltung der Sozialsysteme hinausgreifen, denn letztlich bewegt man sich dabei nur auf der Symptomebene des Problems. Im Kern geht es um die Wachstumsfolgen, die sich aus der Alterung der Erwerbsbevölkerung und der Verringerung des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens ergeben. Für die deutsche Volkswirtschaft zeigen die vorliegenden Berechnungen, dass das Potenzialwachstum in den kommenden zehn Jahren bei knapp einem halben Prozent liegen wird, also nur noch bei einem Drittel des Wertes vor der Corona-Pandemie.

Wenn man den Blick so weitet, um die Wirkungszusammenhänge von Demografie und Wachstum zu erfassen, dann wird deutlich, an wie vielen Stellen Handlungsoptionen bestehen. Der demografische Wandel hat dabei politisch einen fundamentalen Nachteil und ebenso einen grundsätzlichen Vorteil: Zum einen ist die aktuelle Situation und damit der politische Handlungsdruck extrem, das heißt aus langem zeitlichem Vorlauf pfadabhängig. Die abrupte Veränderung der Geburtenrate in Deutschland ab dem Jahr 1965 ist seit über einem Jahrzehnt der Grund für die Verknappung an Fachkräften und bestimmt bis heute die Wachstumsdynamik der deutschen Volkswirtschaft. Das schränkt die Revisionsmöglichkeiten massiv ein, sieht man von der Gestaltung der Fachkräftezuwanderung ab, die aber auch nicht kurzfristig wirkt.

Zum anderen aber ist Demografiepolitik allein in nationaler Verantwortung und Zuständigkeit. Man kann sich nicht mit dem Verweis auf geopolitische Verwerfungen oder Probleme auf den internationalen Märkten für Energierohstoffe aus der Verantwortung stehlen. Alle Instrumente – Bildungspolitik, Innovationspolitik, Arbeitsmarktpolitik, Arbeitszeitpolitik, Gesundheitspolitik, Familienpolitik – sind in nationaler Zuständigkeit oder erfordern in einzelnen Bereichen allenfalls eine internationale Koordinierung, wie bei der Migrationspolitik auf europäischer Ebene oder der Außenwissenschaftspolitik.

Demografische Entwicklung und Wirtschaftswachstum

Der Zusammenhang zwischen der gesamtwirtschaftlichen Einkommensentstehung und der demografischen Situation lässt sich transparent darstellen, wenn man sich vor Augen führt, dass sich das Bruttoinlandsprodukt aus dem Produkt der insgesamt in einer Periode geleisteten Arbeitsstunden und der Stundenproduktivität (Wertschöpfung je Arbeitsstunde in Euro) ergibt. Ausgehend davon lassen sich alle demografischen Stellschrauben identifizieren und deren Wachstumsbeiträge für das Gesamtprodukt ermitteln. In der Tabelle wird von rechts nach links, ausgehend vom Bevölkerungswachstum, zunächst der Blick auf die Erwerbsbeteiligung – gemessen an der Erwerbsquote – gelenkt. Die Erwerbsbeteiligung kann sich in Abhängigkeit von der Altersstruktur und den Zugangsregeln für den Arbeitsmarkt anders entwickeln als die Bevölkerung. Erwerbspersonen umfassen Erwerbstätige und Erwerbslose. Gemäß der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gilt als erwerbstätig, wer im Alter von mindestens 15 Jahren eine Stunde oder mehr pro Woche gegen Entgelt einer beruflichen Tätigkeit nachgeht oder in einem Arbeitsverhältnis steht. Entsprechend folgt als Nächstes die Erwerbstätigenquote, denn nur die in der definierten Weise arbeitenden Personen sind wertschöpfend tätig. Die tatsächliche Wertschöpfung ergibt sich aus dem jährlich geleisteten Arbeitsvolumen, multipliziert mit der Arbeitsproduktivität – also dem wirtschaftlichen Output je geleisteter Arbeitsstunde. Aus der Summe der Wachstumsraten der Arbeitsproduktivität und des Arbeitsvolumens erhält man somit die Veränderung der Wertschöpfung.

Entlang der empirischen Befunde der einzelnen Wachstumskomponenten wird der spezifische Problemdruck erkennbar. Der demografische Wandel manifestiert sich mit unterschiedlichen zeitlichen Hintergründen und Bedingungen in allen Komponenten, zugleich werden die Ansatzpunkte politischer Interventionen erkennbar: Das Bevölkerungswachstum reflektiert zum einen das generative Verhalten aus der Vergangenheit, aber auch die sich aus vielen Gründen mittelfristig verändernde Morbidität (Häufigkeit und Intensität von Erkrankungen) und Mortalität (Sterblichkeit) der Menschen. Neben der Qualität der Bildung und den sich durchaus kurzfristig technologie- sowie wettbewerbsbedingt verändernden Anforderungen der Arbeitswelt wirken sich die tägliche und wöchentliche Zeitverwendung, das Ernährungsverhalten, gesundheitliche Anstrengungen und der medizinische Fortschritt aus.

Die grundsätzliche Fähigkeit und Bereitschaft, als Erwerbsperson dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, wird durch die Regulierung der Arbeitszeit (Wochenarbeitszeit, Jahresarbeitszeit, Lebensarbeitszeit), durch steuer- und sozialrechtliche Anreize (Ehegattensplitting, beitragsfreie Mitversicherung von Familienangehörigen in der gesetzlichen Krankenversicherung) sowie durch die Zeitregime der Lebenswelt (Bildung, Erziehung, Konsum, Freizeit) und deren individuelle beziehungsweise familiäre Bedeutung und Würdigung beeinflusst.

Kurzfristig resultiert die Erwerbstätigkeit aus den konjunkturell schwankenden Chancen für Beschäftigung, mittelfristig aus den sich verändernden Anforderungen des volkswirtschaftlichen Strukturwandels (Technologie, Innovation, internationale Arbeitsteilung).

Das jährliche Arbeitsvolumen folgt der Arbeitsmarktordnung, wie sie im Arbeitszeitgesetz sowie in Teilzeitregelungen und Befristungen definiert ist, und spiegelt die geregelte Arbeitsortflexibilität unter Berücksichtigung der Fahrzeiten und der gewünschten Anwesenheiten wider.

Paradoxe Hoffnung auf Arbeitsproduktivität

Gesellschaftlich mit den geringsten Anforderungen und politisch mit dem schwächsten Konfliktpotenzial verbunden wäre eine dynamische Entwicklung der Produktivität je Arbeitsstunde. Der Produktivitätspfad definiert den jährlichen Verteilungsspielraum: Je kräftiger die Entwicklung expandiert, desto leichter lassen sich Verteilungswünsche friktionsfrei und stabilitätskonform bedienen. Doch der Blick zurück auf die vergangenen fünf Jahrzehnte ist nicht erbaulich, da der Trend – in allen Industrieländern – nach unten zeigt. Zudem treffen wir aktuell auf das Produktivitätsparadoxon: Die Fortschritte in der Informations- und Kommunikationstechnologie zeigen sich (bisher) nicht in der gesamtwirtschaftlichen Produktivität (Abbildung 1).

In seinem Nationalen Produktivitätsbericht 2025 hat der Sachverständigenrat die Bedeutung der Tertiarisierung – also die Umwandlung von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft – für die Produktivitätsentwicklung analysiert. Demnach sind etwa 0,25 Prozentpunkte des trendmäßigen Rückgangs der Arbeitsproduktivität in Deutschland auf sektorale Verschiebungen zurückzuführen. Empirische Studien belegen für die Industrieländer einen Produktivitätsnachteil bei den Dienstleistungen, allerdings zeigen sich dabei erhebliche Unterschiede innerhalb dieses Sektors.

Tatsächlich hat sich die Produktivität in den USA zuletzt deutlich besser entwickelt als in Europa und Deutschland, wie aus dem Draghi-Report hervorgeht. Demzufolge gehen etwa 70 Prozent der Differenz beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf die geringere Produktivität zurück. Dabei gilt: „Der Hauptgrund für die Abweichung der Produktivität in der EU von derjenigen in den USA Mitte der 1990er Jahre war das Versäumnis Europas, aus der ersten digitalen Revolution, die von der Entwicklung des Internets getrieben wurde, Kapital zu schlagen – sowohl hinsichtlich der Gründung neuer Technologieunternehmen als auch hinsichtlich der Verbreitung digitaler Technologien in der Wirtschaft. Wenn wir den Technologiesektor ausklammern, wäre das Produktivitätswachstum in der EU in den vergangenen zwanzig Jahren sogar weitgehend mit dem der USA vergleichbar.“

Daraus lässt sich die Erwartung ableiten, dass sich die Produktivität in Europa und Deutschland sehr viel dynamischer entwickeln kann, wenn die neuen Technologien (Big Data, Artificial General Intelligence, Hyperscale Computing etc.) forciert entwickelt und vor allem angewendet werden und in die dafür notwendige Infrastruktur (AI-Gigafactory) investiert wird. Entsprechende Berechnungen auf Basis von Unternehmensbefragungen, der Analyse von Tätigkeitsprofilen und deren Betroffenheit durch KI-Modelle sowie von Fallstudien lassen einen beachtlichen Zugewinn an Wertschöpfung erwarten: „Um die Wertschöpfungspotenziale in Höhe von 330 Milliarden Euro vollständig auszuschöpfen, müssen mehr als 50 Prozent der Unternehmen KI nutzen. 40 Prozent der Unternehmen halten es für wahrscheinlich, dass sie innerhalb des nächsten Jahres KI verstärkt nutzen werden; 46 Prozent der Unternehmen planen in den nächsten fünf Jahren Investitionen in KI.“ In Arbeitszeitersparnis umgerechnet, hieße dies: „eine Arbeitnehmerin oder ein Arbeitnehmer in Deutschland könnte in Zukunft im Durchschnitt 100 Stunden im Jahr durch diese Anwendungen einsparen“.

Das Ergebnis ist natürlich voraussetzungsstark. Insbesondere auf betrieblicher Ebene ist es entscheidend, das Potenzial nicht nur zu ermöglichen, sondern auch betriebswirtschaftlich umzusetzen. „Unter Verwendung bestehender Schätzungen zur Nutzung von KI und zu Produktivitätssteigerungen auf Aufgabenebene erscheinen diese makroökonomischen Auswirkungen zwar nicht trivial, aber dennoch bescheiden – sie belaufen sich auf nicht mehr als einen Anstieg der totalen Faktorproduktivität (TFP) um 0,66 Prozent über einen Zeitraum von zehn Jahren.“ Insofern ist es richtig, alles für eine stärkere Produktivitätsentwicklung – insbesondere über den Tech-Sektor – zu tun, ohne jedoch die besonderen aufbau- und ablauforganisatorischen Herausforderungen in den Unternehmen aus den Augen zu verlieren.

Unvermeidbare Alterung

Die zweite zentrale Größe in der Wachstumsaufschlüsselung ist die plausibel erwartbare Bevölkerungsentwicklung. Solche Fortschreibungen sind naturgemäß von Annahmen abhängig, die eine größere Robustheit aufweisen. Eine Ausnahme bildet das Zuwanderungsrecht, das seit der Jahrtausendwende sowohl im Zusammenhang mit der EU-Osterweiterung als auch bei der Fachkräftezuwanderung aus Drittstaaten grundlegend verändert wurde. Insofern hat Migration einen größeren Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung als Geburten und Sterbefälle.

Die hier präsentierten Daten beruhen auf einer stochastischen Bevölkerungsprognose, bei der die zugrunde liegenden demografischen Raten (Fertilitäts- und Mortalitätsraten) sowie der alters- und geschlechtsdifferenzierte Wanderungssaldo mittels Zeitreihenmodellen analysiert und bis zum Jahr 2040 prognostiziert werden. Demnach wird der Bevölkerungshöchstwert von etwa 85,1 Millionen Personen im Jahr 2034 erreicht. Dies entspricht einer Zunahme von 2,4 Prozent gegenüber 2022. Bis 2040 schrumpft die Bevölkerung geringfügig auf rund 85 Millionen Personen. Das Prognoseintervall für den Bevölkerungsstand im Jahr 2040 bewegt sich zwischen 82 Millionen Personen (Untergrenze) und 88,2 Millionen Personen (Obergrenze).

Diese Modellrechnung beruht auf der 15. Koordinierten Bevölkerungsvorausschau (Basisjahr 2022) des Statistischen Bundesamtes. Die jüngst vorgestellte 16. Vorausschau (Basisjahr 2024) präsentiert eine schnellere und stärkere Schrumpfung der Bevölkerung. Dies liegt einerseits an den rückläufigen Geburtenziffern der Jahre 2022 bis 2024 und andererseits an den erstmals berücksichtigten Ergebnissen des Zensus 2022 (anstelle des Zensus von 2011). Dadurch ergibt sich eine um 1,3 Prozent geringere Ausgangsbasis von 81,9 Millionen Personen. Auf dieser Grundlage wird eine Schrumpfung der Bevölkerung bis 2040 um knapp drei Prozent prognostiziert.

Trotz dieser sich verschärfenden Perspektiven einer schrumpfenden Bevölkerung ist deren Verschiebung im Altersaufbau volkswirtschaftlich in vieler Hinsicht entscheidender (Abbildung 2). Da die großen Jahrgänge der Babyboomer nun zunehmend in Rente gehen, nimmt der Anteil der über 67-Jährigen stark zu. Der Anteil der 67- bis unter 80-Jährigen steigt bis 2037 auf etwa 39,8 Prozent und sinkt Ende der 2030er Jahre wieder, da die ersten Babyboomer-Kohorten 80 Jahre alt werden. Die Gruppe der über 80-Jährigen wird bis 2045 um über 40 Prozent wachsen. Daran wird die demografische Herausforderung deutlich: Trotz stabiler und zwischenzeitlich steigender Bevölkerungszahl wird die Alterung immer prägender. Die veränderten Migrationsprofile können das nicht kompensieren.

Für eine breit ausgerichtete Demografiepolitik

Um die politische Antwort auf diese Herausforderungen zu finden, muss trotz aller Hoffnungen auf Produktivität der Blick auf die ermittelten Bestimmungsfaktoren gerichtet werden, die den Übergang der Bevölkerungsentwicklung in das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen prägen. Jedem dieser Faktoren lässt sich ein Politikfeld zuordnen: Migrationspolitik, Gesundheitspolitik, Bildungspolitik, Familienpolitik, Arbeitsmarkt- und Arbeitszeitpolitik, Innovationspolitik sowie Regionalpolitik. Um die demografische Alterung als Herausforderung für das wirtschaftliche Wachstum zu bewältigen, ist ein integrativer Ansatz in einer konsistenten und kohärenten Demografiepolitik erforderlich. Die Steigerung des Arbeitsvolumens sendet ein starkes Signal an nationale und internationale Investoren, dass die geplanten Projekte über die erforderlichen Ressourcen zur Umsetzung verfügen.

Dafür erweist sich jede Stärkung der volkswirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit als wichtig. Zudem ist ein Blick auf die regionale Heterogenität unter dem Einfluss des demografischen Wandels geboten: Es gibt differenzierte Altersstrukturen, unterschiedlich ausgeprägte Migrationsströme und unterschiedliche Betroffenheiten vom allgemeinen Strukturwandel. Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse gewinnt ihre Dynamik somit nicht nur durch den volkswirtschaftlichen Strukturwandel, sondern zunehmend auch durch den demografischen Wandel. Es rücken die Gestaltung und die Verlässlichkeit der Daseinsvorsorge in den Fokus der Demografiepolitik. Ein solch breiter Ansatz birgt zwar die Gefahr der politischen Überforderung, zugleich kann er den gesellschaftlichen Diskurs entkrampfen, indem er die Breite der Handlungsmöglichkeiten und das Miteinander von Anpassungsleistungen sowie die neuen Optionen berücksichtigt. Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die individuelle Perspektive auf die Zeitgewinne durch eine steigende Lebenserwartung zentral in den Chancendiskurs gehört.

Im nunmehr begonnenen demografischen Übergang ist aus Wachstumsgesichtspunkten das Bemühen darauf zu richten, das Arbeitsvolumen gegen den demografisch bedingten Verlust zu stabilisieren – und das bei allen Anstrengungen, die Produktivität zu steigern. Häufig wird eingewandt, dass es für diese Ausweitung des Arbeitsvolumens gar keine Nachfrage gibt. Die schlichte erste Erwiderung darauf lautet: Offenkundig gab es diese Nachfrage, solange der demografische Rückgang des Arbeitsangebots noch nicht eingetreten war. Gibt es – so ist weiterzufragen – keinen Grund für marktwirtschaftlichen Optimismus hinsichtlich der Wirkung der Angebotsseite? Eine Ausweitung der Arbeitszeit wird sich zunächst dort bemerkbar machen, wo die Verknappung des Arbeitsangebots besonders belastend wirkt. Da die zusätzliche Arbeitszeit normal vergütet wird, steigen Einkommen, Wertschöpfung und Besteuerungsbasis gleichermaßen.

Empirische Studien sind rar, weil entsprechende politische Experimente zuletzt kaum gemacht wurden. Der Trend ging in den entwickelten Volkswirtschaften – trotz aller Unterschiede – in Richtung „mehr Freizeit, weniger Arbeitszeit“. Ein Fallbeispiel bietet allerdings Dänemark: Das Parlament fasste Anfang 2023 den Beschluss, im Jahr 2024 einen gesetzlichen Feiertag (stets an einem Arbeitstag) zu streichen, wodurch sich die jährliche gesetzliche Arbeitszeit um 0,45 Prozent erhöhte. Regierung und Sozialpartner vereinbarten, die Jahresgehälter entsprechend um 0,45 Prozent zu erhöhen. Wie sich solche Maßnahmen auf das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen auswirken, hängt von den Anreizen des Steuer- und Transfersystems im Arbeitszeit-Freizeit-Kalkül ab. In einer Studie des Internationalen Währungsfonds zum dänischen Fall wurde der Anstieg des Arbeitsangebots (in Stunden) auf rund ein Viertel Prozent (zwischen 0,14 und 0,34 Prozent) taxiert, womit sich bestätigt, dass eine Ausweitung der gesetzlichen Arbeitszeit tatsächlich zu mehr geleisteten Arbeitsstunden führt. Längere Arbeitszeiten haben zwar auch Folgekosten wie Mehrkosten für länger geöffnete Kinderbetreuungseinrichtungen, allerdings beläuft sich laut einer Berechnung des dänischen Finanzministeriums der fiskalische Nettoeffekt aus den Mehrkosten und den höheren Steuereinnahmen auf rund 400 Millionen Euro.

Kurzum: Es gibt keinen Grund, für die Demografiepolitik den angebotspolitischen Optimismus zu verlieren. Angesichts des demografischen Übergangs in der kommenden Dekade und dessen Wachstumsfolgen führt kein Weg daran vorbei, alle bestimmenden Faktoren politisch einzubeziehen. Es gibt keine silver bullet, weder Produktivität noch Zuwanderung allein werden es richten. Es muss die ganze Breite der Ansatzpunkte genutzt werden. Die dahinterstehende Motivation, das Potenzialwachstum nicht erodieren zu lassen, rechtfertigt die notwendigen Investitionen und die Schaffung von Verteilungsspielräumen für die Bewältigung des Strukturwandels. So wird Demografie als gesellschaftliche Hard Power angemessen ernst genommen.

ist der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.