Nicht nur die tatsächlichen demografischen Entwicklungen, sondern auch die sie begleitenden Interpretationen und Argumentationen haben die Moderne geprägt. Ein merkliches Wachstum der Weltbevölkerung setzte um die Wende zum 19. Jahrhundert ein. Zu dieser Zeit entstand auch das Werk, das zum Klassiker der Warnungen vor Überbevölkerung wurde: „Das Bevölkerungsgesetz“ von Thomas R. Malthus aus dem Jahr 1798.
In den darauffolgenden zwei Jahrhunderten wurde das Bevölkerungswachstum in sozialpolitischen und entwicklungspolitischen Fragen, in Bezug auf Migration und den Klimawandel diskutiert. Der Fokus auf Geburtenraten lenkte dabei oftmals von anderen Faktoren ab. Bevölkerungsdiskurse spiegelten zudem ungleiche Machtverhältnisse und Ängste vor Bedeutungsverlust wider.
Bevölkerungswachstum im 19. Jahrhundert
Als Malthus in Wotton südlich von London sein Buch „Das Bevölkerungsgesetz“ (Originaltitel: „An Essay on the Principle of Population“)
Malthus beobachtete den beginnenden Anstieg der Bevölkerung und warnte vor einem ungebremsten Wachstum: Die Nahrungsmittelversorgung könne mit einem solchen Wachstum nicht Schritt halten, Folge seien Hungersnöte. Malthus plädierte daher für eine Kontrolle der Geburtenzahlen durch spätere Heirat und Enthaltsamkeit. Seine Theorie war von Beginn an umstritten, und viele seiner ökonomischen Annahmen wurden widerlegt. Doch sein Einfluss lässt sich nicht allein am Inhalt der Theorie bemessen. Malthus’ Schrift veranschaulicht auch, wie aus der Deutung demografischer Entwicklungen eine Intervention in erhebliche politische Fragen der Zeit wurde. Er positionierte sich vehement gegen die Armenfürsorge, denn wenn man den Armen mehr Geld gebe, so sein Argument, würden sie nur noch mehr Kinder bekommen.
Malthus’ Theorie gewann im Laufe des 19. Jahrhunderts eine große Anhängerschaft, 1877 wurde in England die Malthusian League gegründet. Die Warnung vor zu hohen Geburtenraten, insbesondere in der ärmeren Bevölkerung, sprach die drängende soziale Frage der Zeit an: die nach den Ursachen und Abhilfen für Armut. Armut wurde zunehmend skandalisiert,
Der Bevölkerungsdiskurs der Zeit war also einer, in dem eine tatsächliche demografische Entwicklung verarbeitet wurde: Die Bevölkerung wuchs. Allerdings verhandelte der Bevölkerungsdiskurs auch die Gründe und die Verantwortung für Armut sowie sozialpolitische Fragen zur Verteilung und Fürsorge. Mit dem malthusianischen Argument wurde die Schuld den Armen selbst gegeben, da sie ihre Kinderzahl angeblich besser hätten planen können. Armut galt so weniger als Gerechtigkeitsfrage und mehr als individuelle Verantwortung. Dies wirkte über konkrete Fälle hinaus in die gesellschaftlichen Diskussionen hinein. Selbst diejenigen, die sich nie mit den Einzelheiten der malthusianischen Theorie auseinandersetzten, wurden durch deren Einordnung von Armut geprägt.
Denken über Weltbevölkerung
Schon bei Malthus hatten die Überlegungen zu Bevölkerungszahlen eine globale Dimension,
Das ab 1872 jährlich aktualisierte Buch „Die Bevölkerung der Erde“ von Ernst Behm und Hermann Wagner informierte über globale demografische Entwicklungen – vielfach basierend auf Schätzungen. Es fanden auch immer mehr Volkszählungen statt. Bereits die Verfassung der USA von 1789 sah einen Zensus alle zehn Jahre vor, auch um die demokratische Repräsentation danach zu bestimmen. Das Zählen von Menschen konnte also der demokratischen Organisation dienen, aber es ermöglichte auch neue Formen der Beherrschung. Von einem direkten Zugriff auf die Untertanen wandelte sich Regieren immer mehr zu einer Querschnittssteuerung. Der Philosoph Michel Foucault bezeichnete diese Art der Regulierung von Bevölkerung in den 1970er Jahren als „Bio-Macht“, und er sah sie als unerlässliches Element in der Entwicklung des Kapitalismus, da sie die „Menschenakkumulation mit der Kapitalakkumulation“ abstimme.
Früh fanden Volkszählungen insbesondere in den Kolonien statt, wo sich Statistiker nicht um Widerstand der Bevölkerung sorgten.
Der Bevölkerungsdiskurs gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde also detaillierter, er wurde globaler, und er war durchzogen von offenen Hierarchisierungen. Francis Galton hatte mit seinem 1869 erschienenen Buch „Genie und Vererbung“ den Begriff der „Eugenik“ geprägt, also die Idee, dass das menschliche Erbgut insgesamt durch Bevölkerungspolitik verbessert werden solle. Die Eugenik fand großen Anklang, und zwischen Eugenikern und Malthusianern bestand in der Folge eine breite thematische Schnittmenge, was auch im Editorial der ersten Ausgabe von „Eugenics Review“ herausgestellt wurde.
Neben Malthusianern und Eugenikern waren es auch Frauenbewegungen, die diese Treffen und die Auseinandersetzungen mitprägten. Prominente Frauenrechtlerinnen wie Annie Besant, Marie Stopes, Alice Vickery, Sybil Neville-Rolfe und in besonderer Weise Margaret Sanger, die die Weltbevölkerungskonferenz 1927 entscheidend mitorganisierte, vertraten einerseits progressive Anliegen der Emanzipation von Frauen. Andererseits beteiligten sie sich mit der Eugenik an Politiken der Ungleichheit. Die Frauenbewegungen richteten sich zentral auf Möglichkeiten der Empfängnis- und Geburtenkontrolle, die Frauen Schutz vor ungewollten Schwangerschaften gewähren sollten. Hier überschnitt sich ihr Interesse mit dem von Eugenikern und Malthusianern, für die Möglichkeiten der Geburtenkontrolle wichtige Werkzeuge im Interesse der Bevölkerungskontrolle waren.
Dieses Nebeneinander von emanzipatorischen Anliegen und Unterdrückung offenbart verschiedene Facetten der Moderne: Einerseits richtete sich der Blick zunehmend auf das Individuum – Werte der Autonomie und Individualität standen im Zentrum. Andererseits brachte die Moderne ein großes Interesse am gezielten Ordnen und Klassifizieren mit sich. Der Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman sprach in diesem Zusammenhang vom „gärtnernden Staat“: einem planvollen Management der Bevölkerungsentwicklung, das sich selbst als Kind eines wissenschaftlichen Weltzugangs betrachtet, in extremer Ausprägung jedoch der Vernichtung von Leben Tür und Tor öffnet.
Bevölkerungspolitiken, die auf Ideologien der Ungleichheit basierten, brachen dann fundamental mit dem Respekt vor menschlicher Würde und menschlichem Leben. In mehreren europäischen Staaten wurden Menschen, die als „minderwertig“ angesehen wurden, zwangsweise sterilisiert. Unter den Nationalsozialisten erreichte die eugenische und rassistische Vernichtungsideologie mit der Ermordung von sechs Millionen Juden und mindestens 250.000 Sinti und Roma ihren Höhepunkt. Rund 400.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen, Behinderungen oder die als „asozial“ bezeichnet wurden, sind von den Nationalsozialisten zwangssterilisiert worden, rund 200.000 wurden gezielt getötet.
Die Debatte wird global
Als die Vereinten Nationen 1945 gegründet wurden, war eines der Ziele, derartiges Grauen in Zukunft zu verhindern und den „Glauben an die Grundrechte des Menschen, an Würde und Wert der menschlichen Persönlichkeit“ zu bekräftigen, wie es in der Präambel der UN-Charta formuliert ist. Die Ideen der Eugenik waren diskreditiert, und über Bevölkerungsentwicklungen wurde in den ersten Jahren der Vereinten Nationen nur sehr zurückhaltend im Austausch von wissenschaftlichen Statistiken gesprochen. Das änderte sich in den 1960er Jahren erheblich, als Bevölkerungswachstum zu einem überragenden Thema wurde. Der Bevölkerungsdiskurs wurde in dieser Phase zu einem vorrangig entwicklungspolitischen.
Hintergrund dieser Entwicklung war erstens, dass sich das Wachstum der Weltbevölkerung im 20. Jahrhundert noch einmal beschleunigte. Während der Zuwachs von rund einer Milliarde um 1800 auf rund zwei Milliarden im Jahr 1927 noch über 120 Jahre gedauert hatte, folgten die weiteren Milliarden viel schneller: 1960 wurde die dritte Milliarde erreicht, 1974 die vierte.
Zweitens verschob sich der regionale Schwerpunkt des Wachstums von Europa in andere Weltteile. Um 1950 lag die Fertilitätsrate in Europa und Nordamerika bei durchschnittlich 2,7 bzw. 3,0 Geburten pro Frau. In Asien lag sie bei 5,7 und in Afrika bei 6,6 Geburten pro Frau.
Drittens befreiten sich viele dieser Staaten, in denen die Bevölkerung stark wuchs, in den Jahren aus der Kolonialherrschaft und wurden unabhängig. So verdreifachte sich die Mitgliederzahl der Vereinten Nationen im Zuge der Dekolonisation von 1945 bis 1980. In der Generalversammlung der Vereinten Nationen saß den ehemaligen Kolonialmächten nun also eine wachsende Anzahl von Staaten mit gleichem Stimmrecht gegenüber, die zudem einen ständig wachsenden Anteil der Weltbevölkerung repräsentierten.
Diese geopolitischen Verschiebungen trugen zu dem enormen internationalen und in der westlichen Öffentlichkeit bestehenden Interesse am Thema Bevölkerungswachstum bei. Ein Beispiel für dieses große Interesse war der hohe Absatz von Publikationen zu diesem Thema, allen voran „Die Bevölkerungsbombe“ von Paul R. Ehrlich.
Tatsächlich litten die Menschen in vielen unabhängig gewordenen, geburtenstarken Staaten unter Armut. Die hohen Geburtenraten waren unter anderem dem fehlenden Zugang zu Verhütungsmitteln sowie dem Mangel an Bildung und Frauenrechten geschuldet. Bemühungen um Aufklärung und die Förderung von Familienplanung waren insofern keineswegs fehlgeleitet. Doch der starke Fokus auf das Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern spielte auch bei der weiteren Deutung von Armut eine Rolle. Indem die Aufmerksamkeit auf die Geburtenrate gelegt wurde, rückten damit verbundene politische Fragen in den Fokus der jeweiligen Entwicklungsländer. Die frappierende ökonomische Ungleichheit zwischen ehemaligen Kolonialmächten und ehemaligen Kolonien ließ sich jedoch nicht allein mit der Demografie erklären oder lösen. Somit wiederholte sich gewissermaßen das malthusianische Muster auf globaler Ebene: Die Sorge um die Armut in den Entwicklungsländern fand mit dem Bevölkerungsargument eine Möglichkeit der Linderung, ohne radikalere Forderungen nach Reparationen durch die ehemaligen Kolonialmächte oder nach einer fundamentalen Neugestaltung der Weltwirtschaftsordnung zu stellen.
Die intensive Auseinandersetzung mit dem Bevölkerungswachstum fiel in eine Phase, in der sich das internationale Recht insgesamt ausdifferenzierte und im Kontext der Dekolonisation verhandelt wurde. Dabei wurden durch den Bevölkerungsdiskurs auch breitere Annahmen über die Gründe von Armut und Ungleichheit artikuliert. Die dabei eingenommene dominante Position versuchte einerseits die Bedingungen der Ungleichheit zu verbessern, drängte aber andererseits auf die Beibehaltung von Privilegien, welche die Ungleichheiten zementierten.
Die Bemühungen um die Steuerung von Bevölkerungsentwicklungen gipfelten gewissermaßen in der Weltbevölkerungskonferenz von 1974 in Bukarest. Diese wurde im Rahmen der Vereinten Nationen lange vorbereitet und endete mit einem verabschiedeten Weltbevölkerungsaktionsplan. Doch letztlich erwies sich die Konferenz auch als Wendepunkt: Individuelle Rechte rückten mehr ins Zentrum und verdeutlichten die Grenzen der Bevölkerungssteuerung. In den darauffolgenden Jahren festigte sich ein Vokabular der reproduktiven Freiheiten, und Frauenrechte wurden zu einem zentralen Thema der Debatte.
Sorge um Einwanderung
Während der Diskurs um das „Bevölkerungsproblem“ in den 1980er Jahren abebbte, verschwanden nicht unbedingt die demografischen Ängste in den industrialisierten Staaten. Vielmehr verschob sich der Fokus der Kontrollbestrebungen lediglich von Geburten zu Migration. Ab den späten 1980er Jahren begannen viele wohlhabende Industrieländer, die Einwanderungswege weiter zu verengen und den Zugang zu Asyl zu beschränken.
Demografische Prognosen spielten auch bei der zunehmenden Migrationskontrolle der vergangenen zwei Jahrzehnte eine wichtige Rolle. So berief sich das Gründungsdokument des EU Trust Fund für Afrika, der maßgeblich die Zusammenarbeit in der Migrationskontrolle finanzierte, auf „demografischen Druck“ als ersten Grund für die Vereinbarung.
Das steht im Kontrast zum Zusammenhang von Bevölkerungswachstum und Emigration aus Europa. Als die Bevölkerung in Europa im 19. Jahrhundert stark wuchs, war dies von erheblicher Auswanderung begleitet: Allein zwischen 1850 und 1860 verließen eine Million Menschen England, überwiegend in Richtung Nordamerika und Australien. Ebenfalls eine Million Menschen wanderten in diesem Jahrzehnt von Deutschland in die USA aus. Insgesamt verließen zwischen 1850 und 1913 etwa 40 Millionen Menschen Europa.
Die ersten Einwanderungsgesetze wurden in Staaten verabschiedet, die als europäische Kolonien gegründet worden waren: den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und Neuseeland. Diese Einwanderungsgesetze waren offen diskriminierend und zielten darauf ab, eine zahlenmäßige Mehrheit der Einwohner europäischer Abstammung aufrechtzuerhalten.
Bevölkerungsdiskurse wandelten sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts also von Debatten über die Steuerung von Geburtenzahlen hin zu Debatten über die Mobilität von Menschen aus ärmeren Ländern. Heute dominiert die Annahme, dass das Bevölkerungswachstum kein Grund für Emigration sein darf und Staaten die Verantwortung haben, die demografische Entwicklung innerhalb ihres Staatsgebiets nachhaltig zu gestalten. Diese Annahme ist mit Blick auf die Geschichte zumindest nicht selbstverständlich. Die Geschichte zeigt, dass Emigration lange durchaus als natürliche Reaktion auf Bevölkerungswachstum betrachtet wurde, und dass die dann einsetzende die Migrationskontrolle auf rassistischen Einteilungen von Bevölkerungsgruppen in wünschenswert und unliebsam aufbaute.
Heute wird an der Schnittstelle von Migrationskontrolle und Bevölkerungsdiskurs von der extremen Rechten einflussreich die Erzählung über einen Bevölkerungsaustausch oder den „Großen Austausch“ verbreitet: Die „einheimische“, weiße Bevölkerung würde durch die Einwanderung von geburtenstärkeren Nicht-Weißen ausgetauscht. Der Idee eines Austauschs liegt dabei die Vorstellung zugrunde, es gäbe essenziell verschiedene und zu trennende Bevölkerungsgruppen, die miteinander in Konkurrenz stehen. Daneben verbindet sich die Erzählung von einem Bevölkerungsaustausch meist mit antifeministischen Aussagen, Frauen würden aufgrund der Gleichberechtigung zu wenige Kinder bekommen und müssten in eine klassische Rolle zurückgedrängt werden.
Weit über die extreme Rechte hinaus wirken demografische Ängste in die Diskussionen um Migration hinein. Daneben gewinnt jedoch auch eine andere Erzählung über demografische Entwicklungen und Migration an Einfluss: die Erkenntnis, dass unabhängig von allen rechtlichen und humanitären Pflichten gegenüber Asylsuchenden, europäische Staaten Einwanderung ökonomisch benötigen. Seit Jahren wird von Expert:innen beispielsweise für Deutschland geäußert, man benötige eine Netto-Einwanderung von rund 400.000 Menschen pro Jahr, um den wirtschaftlichen Bedarf an Arbeitskräften zu decken.
Bevölkerungswachstum und Klima
In den vergangenen Jahren ist das Interesse an Bevölkerungswachstum wieder gestiegen, gerade im Zusammenhang mit der Klimakrise. Dabei wird regelmäßig auf hohe Geburtenraten als Problem angesichts einer sich verschärfenden Bedrohung des Planeten gesprochen. Dieses Argument, dass mehr Geburten die Belastung durch Emissionen weiter erhöhen, ist naheliegend, aber überwiegend falsch. Letztlich ist die Lebensweise und nicht die Anzahl von Menschen erheblich. Die Belastung des Planeten geht überproportional von den Reichsten der Welt aus, während vor allem die Ärmeren viele Kinder bekommen.
Schon die ersten Warnungen vor Umweltverschlechterungen und der Erwärmung des globalen Klimas waren eng verbunden mit Sorgen um das Bevölkerungswachstum. 1965 prognostizierten wissenschaftliche Berater des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson im Bericht „Restoring the Quality of Our Environment“ eine Erwärmung der Luft und der Ozeane, schmelzende Polkappen und steigende Meeresspiegel. Zu den ersten Warnungen gehörte auch das Buch „Die Grenzen des Wachstums“, das wesentlich der Club of Rome, eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftler:innen, 1972 veröffentlichte und das zum internationalen Bestseller wurde. Bemerkenswert ist, dass Bevölkerungswachstum bei den Analysen immer an erster Stelle der Probleme für die Menschheit auftaucht. Für viele steht der Club of Rome heute für die Erkenntnis von Nachhaltigkeitsproblemen, gepaart mit der Warnung vor „Überbevölkerung“.
Im Rückblick auf diese Prognosen ist erstaunlich, wie wenig umweltpolitisch darauf reagiert wurde. Lange fehlte es trotz zutreffender und eindringlicher Warnungen an entschlossenem Handeln. Die Erklärungsansätze dafür sind zahlreich. Maßnahmen zum Klimaschutz stellen ein kollektives Handlungsproblem dar, da zwar alle Staaten profitieren, wenn der Klimawandel begrenzt wird, die einzelnen Staaten aber zunächst einmal Investitionen vornehmen oder wirtschaftliche Einschränkungen hinnehmen müssen. Einige Parteien, Großspender:innen und politische Unternehmer:innen haben den Klimawandel lange geleugnet, bestritten, dass er von Menschen verursacht ist, oder die Gefahren kleingeredet. Ebenso fällt auf, dass dem Bevölkerungswachstum als Nachhaltigkeitsproblem eine erstaunlich große Bedeutung beigemessen wurde. Noch 1992 schrieb der US-Senator und spätere Vizepräsident Al Gore, dass nichts wichtiger sei, um die globale Umwelt zu heilen, als die menschliche Bevölkerungszahl zu stabilisieren.
Tatsächlich sind die Pro-Kopf-Emissionen so ungleich verteilt, dass die Zahl von Menschen wenig über die Auswirkungen auf Nachhaltigkeit aussagt. David Satterthwaite hat für die Jahre 1980 bis 2005 analysiert, dass ein starkes Bevölkerungswachstum nicht mit starken Emissionszunahmen korrespondierte.
Den steilsten Bevölkerungszuwachs seit 1980 verzeichneten afrikanische Staaten, aber heute verursacht der gesamte Kontinent zusammengerechnet gerade einmal knapp 1,5 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen pro Jahr. Das ist weniger als ein Drittel der Emissionen der USA, mit mehr als dem Vierfachen der Bevölkerungsgröße der USA. Den stärksten Zuwachs an CO2-Emissionen gab es in China: von rund 1,5 Milliarden Tonnen im Jahr 1980 auf rund 12,6 Milliarden Tonnen im Jahr 2023. Damit stammen rund 35 Prozent der weltweiten Emissionen von 2023 aus China. Die chinesische Bevölkerung wuchs in diesem Zeitraum, nach Einführung der Ein-Kind-Politik, von rund 982 Millionen auf 1,4 Milliarden. Bevölkerungs- und Emissionszunahme korrespondieren in China also in gewissem Maß, die Ursache des enormen Zuwachses der Emissionen ist aber vor allem die rasante Industrialisierung ab 1978 und die exportgetriebene Wirtschaft.
Die Zusammenhänge zwischen Bevölkerungswachstum und klimabelastenden Emissionen sind komplex und vielfältig. Eine größere Weltbevölkerung muss jedenfalls nicht zwangsläufig zu mehr Emissionen führen, selbst dann nicht, wenn sich das Wohlstandsniveau insgesamt erhöht. Das Ziel einer Verbesserung der Lebensstandards, die nicht zugleich mit einer stärkeren Belastung des Planeten einhergeht, wurde mit dem Begriff der „nachhaltigen Entwicklung“ gefasst. Bereits 1987 definierte die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung nachhaltige Entwicklung als Entwicklung, bei der die Bedürfnisse in der Gegenwart befriedigt werden, ohne dass dadurch die Möglichkeit künftiger Generationen, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, beeinträchtigt wird.
Wenn hingegen das Bevölkerungswachstum im Globalen Süden zum Sündenbock für den Klimawandel und Umweltbelastungen gemacht wird, verdreht dies historische Verantwortlichkeiten und spiegelt wiederum, wie Bevölkerungsdiskurse von wichtigeren Problemursachen ablenken können.
Ausblick
Bevölkerungsentwicklungen sind ein öffentlicher Belang, während zugleich die Entscheidung über Fortpflanzung eine sehr persönliche Angelegenheit ist. Individuelle Rechte ziehen Grenzen dafür, wie ein Staat auf reproduktive Entscheidungen Einfluss nehmen darf. Zwangssterilisationen wie sie etwa in großen Programmen in Indien während der 1970er Jahre oder in Peru in den 1990er Jahren stattfanden, verletzten reproduktive Freiheit massiv. Für eine kritische Perspektive ist aber nicht nur wichtig, was an absoluten Grenzen für Bevölkerungspolitik besteht, sondern auch, wie sich Bevölkerungspolitik und Bevölkerungsdiskurse zu anderen Regelungsfeldern verhalten.
In den nächsten Jahrzehnten wird voraussichtlich der Höchststand der Weltbevölkerung erreicht werden und die Menschheit beginnen, zahlenmäßig zu schrumpfen. Vielerorts haben bereits die Ängste vor Depopulation die Ängste vor Überbevölkerung abgelöst.