Migration ist ein zentrales Element demografischer Entwicklungen und Analysen. Für Deutschland gilt, dass Migration kein randständiges Phänomen ist, sondern ein konstitutives und dauerhaft wirksames Strukturmerkmal gesellschaftlicher Entwicklung. Migration betrifft nicht nur die Lebensrealitäten von Menschen mit Migrationserfahrung, sondern verändert grundlegende Dimensionen der gesamten Gesellschaft.
Im Folgenden wird beleuchtet, inwieweit Migration die deutsche Gesellschaft bereits prägt. Zunächst werden die zentralen Merkmale der demografischen Entwicklung in Deutschland seit den 1950er Jahren nachgezeichnet. Anschließend wird die Entwicklung der Zuwanderung in Deutschland und weltweit skizziert. Aufbauend darauf wird das Konzept der „Superdiversität“ erläutert, bevor abschließend die Besonderheiten jüngerer Bevölkerungsgruppen betrachtet werden.
Bevölkerungszusammensetzung in Deutschland
Die deutsche Migrationsgesellschaft weist eine außergewöhnliche Konstellation in der Bevölkerungsentwicklung auf, die sich mit der anderer Einwanderungsländer kaum vergleichen lässt. Sie besteht aus drei zentralen Elementen:
Erstens war die Bevölkerung in Deutschland in den 1950er Jahren aufgrund von Verfolgung, Vertreibung und Völkermorden in der Zeit des Nationalsozialismus außergewöhnlich homogen. Zwar kamen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg über 12 Millionen sogenannte Heimatvertriebene aus Osteuropa in die Staatsgebiete der Bundesrepublik und der DDR, was zu erheblicher Ausgrenzung und sozialen Konflikten führte. Allerdings handelte es sich bei nahezu allen von ihnen um Deutsche, die auf dem Territorium des Deutschen Reichs gelebt hatten, das nach dem Zweiten Weltkrieg verloren ging. Sprachlich, kulturell und ethnisch war Deutschland damals so homogen, wie man es sich heute kaum vorstellen kann. Gleichzeitig gab es eine große regionale Diversität im Hinblick auf Alltagskultur, Mentalität und Dialekte, die auch heute noch erkennbar ist.
Zweitens gibt es seit den 1960er Jahren eine kontinuierliche und zunehmende Zuwanderung, die bis heute anhält. Bis 1990 bezogen sich hohe Zuwanderungszahlen hauptsächlich auf Westdeutschland, später auch auf Ostdeutschland. Mit Ausnahme der 2000er Jahre lässt sich von den 1960er Jahren bis in die 2010er Jahre eine Tendenz zur stetig wachsenden Zuwanderung erkennen, die sich auch in der ersten Hälfte der 2020er Jahre fortsetzte. Exemplarisch lässt sich dies an den Peaks darstellen: Mitte der 1960er Jahre betrug die jährliche Zuwanderung 500.000 bis 750.000 Personen. 1970 wanderten erstmals in einem Jahr mehr als eine Million Menschen zu, 1992 waren es erstmals mehr als 1,5 Millionen, 2015 mehr als 2 Millionen, und 2022 wurde mit 2,5 Millionen der bisherige Höchstwert erreicht.
Drittens lässt sich Ende der 1960er Jahre ein starker Geburtenrückgang erkennen, der dazu geführt hat, dass seit 1972 jährlich mehr Menschen in Deutschland sterben, als geboren werden (Ost- und Westdeutschland zusammengefasst). Ohne Migration würde die Bevölkerung seit über 50 Jahren Jahr für Jahr schrumpfen. Durch Migration ist die Bevölkerung seit den 1970er Jahren jedoch kontinuierlich gewachsen und erreichte 2023 mit über 84 Millionen Menschen einen Höchststand – das sind fast 6 Millionen mehr als 1972.
Diese drei spezifischen historischen Entwicklungen lassen sich weltweit nur in relativ wenigen anderen Ländern erkennen. In ihrer starken Ausprägung sind sie in Deutschland nahezu einzigartig. Dies führte zu einer außergewöhnlichen Dynamik: Die Bevölkerung wuchs moderat, statt zu schrumpfen; sie alterte kontinuierlich, wenn auch nicht so schnell wie prognostiziert; und sie wurde zunehmend durch Migration geprägt – man könnte auch sagen: diversifiziert.
Entwicklung der Zuwanderung
Migration ist ein zunehmend relevantes und kontrovers diskutiertes Thema. Gleichzeitig gibt es eine enorme Diskrepanz zwischen der Relevanz und dem Polarisierungspotenzial des Themas einerseits und dem allgemein vorhandenen Wissen andererseits. Daher lohnt es sich, einige Grundlagen zu skizzieren.
Was zum Beispiel kaum bekannt ist: Nur 3,7 Prozent der Weltbevölkerung sind Migranten, leben also nicht mehr in ihrem Geburtsland. Somit sind weniger als 300 Millionen Menschen im Laufe ihres Lebens international migriert.
Anders als in den nordamerikanischen Einwanderungsländern USA und Kanada, in denen Zuwanderung tatsächlich aus allen Weltregionen stattfindet, kommt der Großteil der Zugewanderten in Deutschland aus Europa und dem angrenzenden Mittelmeerraum. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Herausforderungen der Integration in Deutschland geringer sind. Allerdings haben Zugewanderte in Deutschland bei der Einreise in aller Regel kaum Sprachkenntnisse in der Amtssprache, anders als in Nordamerika, Frankreich oder Großbritannien. Der Vorteil französisch- oder englischsprachiger Staaten liegt hier auf der Hand – ebenso wie der doppelte Vorteil Kanadas mit gleich zwei Weltsprachen. Denn die meisten Menschen verfügen bei der Einreise schon über Sprachkenntnisse in einer der beiden Amtssprachen. Dieser Umstand erschwert auch die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland erheblich. Dies ist ein gravierender Nachteil Deutschlands, der durch umso größeres Engagement ausgeglichen werden müsste – was derzeit jedoch nur in Ansätzen erkennbar ist.
Zählt man die in Deutschland geborenen Nachkommen der Migrantinnen und Migranten hinzu, spricht man vom sogenannten Migrationshintergrund, den das Statistische Bundesamt folgendermaßen definiert: „Zu den Menschen mit Migrationshintergrund zählen alle Ausländer und eingebürgerte ehemalige Ausländer, alle nach 1949 als Deutsche auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderte, sowie alle in Deutschland als Deutsche Geborene mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil.“
Neben diesem an der Staatsangehörigkeit orientierten Konzept zur Operationalisierung von Migrationsdaten führt das Statistische Bundesamt seit 2022 eine weitere Kategorie: „Eingewanderte und ihre Nachkommen“. Hierbei geht es nur noch um den Geburtsort und nicht mehr um die Staatsangehörigkeit. Demnach sind gut 19 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen selbst migriert, und die in Deutschland geborenen direkten Nachkommen dieser Migranten machen 11 Prozent der Gesamtbevölkerung aus – etwa zur Hälfte mit nur einem zugewanderten Elternteil und zur anderen Hälfte mit zwei zugewanderten Elternteilen. Damit wird deutlich: Egal, ob Migrationsdaten nach Staatsangehörigkeit oder nach Geburtsort gemessen werden, das Ergebnis ist mit etwa 30 Prozent nahezu identisch. Der noch kleine, aber wachsende Teil der Folgegenerationen – also Enkel (dritte Generation) und Urenkel (vierte Generation) der Eingewanderten – wird kaum erfasst.
Aufgrund der beschriebenen Besonderheiten der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland ist die Altersverteilung bei Menschen mit Migrationshintergrund sehr ungleich: Der Anteil der über 65-Jährigen beträgt etwa 14 Prozent, der Anteil der unter 20-Jährigen 40 Prozent und derjenige der unter 5-Jährigen 43 Prozent (Stand 2024). Auch die regionale Verteilung ist ungleich: 95 Prozent aller Menschen mit Migrationshintergrund leben in Westdeutschland (einschließlich Berlin). In der westdeutschen Bevölkerung liegt der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund bei 33 Prozent, in Ostdeutschland bei 11 Prozent. Insbesondere in westdeutschen Großstädten ist die Internationalität besonders stark ausgeprägt.
Superdiversität als Befund und Perspektive
Der Begriff „Superdiversity“ wurde vom Soziologen Steven Vertovec geprägt und hat sich zunehmend zu einem international relevanten Konzept entwickelt.
In Abgrenzung zu Diversität beschreibt Superdiversität eine substanziell veränderte Situation. Dabei ist das Präfix „super“ nicht als normatives oder positives Werturteil gemeint, sondern steht für eine neue Mehrdimensionalität bzw. Diversifizierung von Diversität. Diese Superlativierung von Diversität hat sowohl quantitative als auch qualitative Dimensionen:
Zum Ersten wird damit der quantitativen Zunahme von Migration in vielen Einwanderungsländern Rechnung getragen. Für Deutschland gilt dies in besonderer Weise, wenn man sich den Saldo von Zuwanderung und Abwanderung im Zeitverlauf anschaut.
Zum Zweiten kommen die Zugewanderten aus immer mehr Herkunftsländern und Weltregionen. In den klassischen europäischen Einwanderungsländern wie Frankreich, dem Vereinigten Königreich oder den Niederlanden war man über viele Jahrzehnte hinweg durch Zuwanderung aus den Gebieten der ehemaligen Kolonien geprägt. Dort wurde bereits in den 2000er Jahren eine deutliche Zunahme der Zuwanderung aus anderen Herkunftsländern und Weltregionen wahrgenommen. Entsprechend verwendete Vertovec 2007 bei der Beschreibung Großbritanniens erstmals den Begriff „Superdiversität“. Übertragen auf Deutschland kann man Ähnliches feststellen: Nachdem man sich mehr oder weniger an die Zuwanderung aus einigen wenigen Ländern des Mittelmeerraums – die sogenannten Gastarbeiter in Westdeutschland – gewöhnt hat,
Zum Dritten ist zu berücksichtigen, dass jede einzelne ethnische Gruppe in sich enorm divers ist, zum Teil diverser als früher und auch diverser als allgemein angenommen. Dies lässt sich am Beispiel von Zugewanderten aus Syrien veranschaulichen: Eine syrische Herkunft kann bedeuten, dass sich die Personen ethnisch als arabisch, kurdisch, armenisch, turkmenisch, tscherkessisch, aramäisch oder palästinensisch sehen. Die Religionszugehörigkeit ist nicht weniger divers: In Syrien sind unter anderem die Konfessionen sunnitisch, alawitisch, schiitisch, drusisch und verschiedene Formen des Christentums (syrisch-orthodox, melkitisch, griechisch-katholisch) verbreitet. Darüber hinaus handelt es sich um eine mehrsprachige Gesellschaft, in der neben Arabisch auch Kurdisch, Aramäisch, Turkmenisch und Tscherkessisch gesprochen wird. In der Schule lernt man neben der Amtssprache Arabisch auch Englisch, Französisch oder Russisch; seit 2015 auch vereinzelt Deutsch.
Die Diversität innerhalb der Herkunftsländer wurde bereits bei den Türkeistämmigen kaum wahrgenommen, schließlich ist auch die Türkei ein multiethnischer Staat mit zahlreichen ethnischen Minderheiten, religiösen Gruppen und mehr als einem Dutzend gesprochener Sprachen. Dabei gibt es komplexe Überschneidungen: So können Kurden etwa sunnitisch, alevitisch oder jesidisch sein. Die Entwicklung von Nationalstaaten mit sprachlich, religiös und ethnisch relativ homogenen Bevölkerungen ist außerhalb Europas selten anzutreffen. Die Realität sind multiethnische und multilinguale Nationalstaaten. Neben dieser herkunftslandbezogenen Vielfalt unterscheiden sich nationale Herkunftsgruppen durch Migration und ihren Status in Deutschland, etwa im Hinblick auf Migrationsursachen und -formen (EU-Freizügigkeit, Studierende, Fachkräfte, Kriegsflüchtlinge etc.), auf ihren Rechtsstatus oder den sozioökonomischen Status.
Bei der Superdiversität handelt es sich also um eine dreifache Steigerung: Erstens nimmt die Zahl der zugewanderten Menschen zu, zweitens erweitern sich die Herkunftsländer und Weltregionen, und drittens wird jede nationale Herkunftsgruppe zunehmend diverser, also in sich vielfältiger. Diese drei zentralen Dimensionen lassen sich erweitern, etwa um regionale und räumliche Konstellationen: Lebten die Zugewanderten in ihren Heimatstaaten in ländlichen oder urbanen Regionen? Leben sie heute in Deutschland in einer ländlichen oder urbanen Region, in einer bayerischen Großstadt, im Ruhrgebiet oder in Berlin? Wenn man diese Gedanken weiterführt und nach weiteren Unterscheidungsmerkmalen fragt, entsteht ein Bild, das der Begriff „Superdiversität“ beschreibt: ein immer komplexeres und nie fertig werdendes Mosaik.
Superdiversität eröffnet die Perspektive auf eine neue soziale Komplexität, die sich aus der Diversifizierung von Diversität ergibt. Die Relevanz einer solchen Perspektive liegt auf der Hand: Superdiversität sensibilisiert für die vielschichtigen Folgen und Herausforderungen, etwa im Hinblick auf die Bevölkerungsentwicklung und -beschreibung, die interdisziplinäre Forschung sowie die Praxis von Bildungsinstitutionen, Verwaltung und Politik.
Superdiversität als Normalität
Die beschriebenen Dimensionen der Superdiversität lassen sich auch empirisch erfassen und als Kriterien zur Analyse konkreter sozialer Kontexte nutzen. In kaum einem Bereich werden die Herausforderungen von Diversität so deutlich sichtbar wie in der pädagogischen Arbeit mit Kindern. Kitas und Grundschulen sind Orte, an denen sich die superdiverse Realität Deutschlands am deutlichsten erkennen lässt. Der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund ist hier mit über 40 Prozent am höchsten (Kriterium 1). Der Anteil derjenigen, die Enkel oder Urenkel von Migranten sind und somit nicht mehr dazugezählt werden, aber indirekte Migrationsbezüge aufweisen, ist hier am höchsten (ohne dass er beziffert werden kann). Auch die Vielfalt an Herkunftsländern und Regionen ist hier umfassender als in älteren Generationen (Kriterium 2). Zudem ist die Diversität innerhalb einer ethnischen Gruppe bei Kindern notwendigerweise ausgeprägter, allein weil die Generationenfolge weiter fortgeschritten ist (bis hin zur dritten und vierten Generation). Selbst wenn man nur die Menschen mit Migrationshintergrund betrachtet, ist die Diversität bei Kindern also wesentlich höher als bei Älteren. Bei Rentnern ist der Anteil um ein Vielfaches geringer. Sie stammen aus relativ wenigen Herkunftsländern und gehören fast vollständig der ersten Generation an (Kriterium 3). Die Komplexität der Herausforderung bei der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist also enorm gestiegen.
Ein Beispiel für eine Grundschule, wie sie typischerweise in einer westdeutschen Großstadt vorkommt:
Superdiversität ist dabei nicht nur ein Befund, sondern auch eine neue Perspektive bei der Beschreibung der Schülerschaft einer Institution. Für die Kinder selbst ist Superdiversität grundlegend für ihre Erfahrungswelt im Alltag. Ihre Erfahrungen werden in Bildungsinstitutionen, aber auch im Wohnumfeld und in der Nachbarschaft durch superdiverse Kontexte geprägt. Was für die Mehrheit der Erwachsenen in Deutschland noch gewöhnungsbedürftig oder neu sein dürfte, ist für die Mehrheit der Kinder, insbesondere in Westdeutschland und in Großstädten, der gewöhnliche Erfahrungshorizont.
Kinder repräsentieren das superdiverse Deutschland und erleben Superdiversität als Normalität. Entsprechend ist Diversitäts- bzw. Differenzsensibilität nicht nur notwendig, um Kinder angemessen zu fördern, sondern auch, um die Bedürfnisse, Interessen und Rahmenbedingungen jedes einzelnen Kindes anzuerkennen. Dies darf allerdings nicht dazu führen, herkunftsbedingte Unterschiede dort zu unterstellen, wo sie gar nicht vorliegen. Denn Superdiversität bedeutet, dass man nicht mehr vom Namen oder phänotypischen Merkmalen eines Kindes dessen Herausforderungen und Bedürfnisse ableiten kann. Vielmehr ist davon auszugehen, dass alle Kinder sehr ähnliche Bedürfnisse und Interessen haben, ihre Herkünfte und Ausgangsbedingungen jedoch sehr unterschiedlich sind.
Schluss
Aus demografischer Perspektive wird eines deutlich: Die Gesellschaft ist insgesamt durch Migration geprägt. Dazu gehört auch, dass Institutionen, Diskurse, kulturelle Praktiken und Identitätskonstruktionen durch migrationsbezogene Dynamiken transformiert werden.
Gleichzeitig bleibt Deutschland aufgrund der demografischen Entwicklungen auf Migration angewiesen. Seit Mitte der 2000er Jahre ist der Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung höher als der Anteil der Minderjährigen. Die Überalterung ist also bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten eine Tatsache, deutlich bevor die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter kamen. Ohne Migration würde der Jugendquotient noch stärker sinken und der Altenquotient noch deutlicher steigen, als es sowieso schon der Fall ist.
Die Finanzierung und Versorgung der zukünftigen Rentner sowie die Aufrechterhaltung der Infrastruktur und der Wirtschaftskraft werden die größten Herausforderungen der nächsten Jahre und Jahrzehnte sein.