Im Januar 2023 berichteten alle großen deutschen Zeitungen über die gleiche Nachricht: „Chinas Bevölkerung schrumpft.“
Im Vergleich zu westlichen Industriestaaten, die bereits viel früher gealtert sind, als sie hohes Einkommen verzeichneten, wird China, salopp formuliert, alt, bevor es reich ist. Das bedeutet, dass die chinesische Bevölkerungsalterung stattfindet, während das Land noch nicht zu den Industriestaaten beziehungsweise Hocheinkommensländern zählt.
Ende der Planbarkeit
Historisch wurde eine große, stetig wachsende Bevölkerung als Ressource für das Wirtschaftswachstum angesehen. Mao Zedong, der die Volksrepublik China von 1949, dem Jahr ihrer Gründung, bis zu seinem Tod 1976 mit eiserner Hand regierte, war zunächst gegen Maßnahmen zur Einschränkung des starken Bevölkerungswachstums.
Unter Deng Xiaoping entschied sich die chinesische Führung für eine erzwungene Geburtenkontrolle „nach Plan“: die sogenannte Ein-Kind-Politik. Mit dieser politischen Maßnahme wurde Frauen verboten, mehr als ein Kind zu bekommen. Mit dieser Maßnahme wollte die Staatsführung verhindern, dass ein rasantes Bevölkerungswachstum den wirtschaftlichen Aufschwung und die Steigerung des Lebensstandards beeinträchtigt. Beide Ziele wurden als unerlässlich angesehen, um die politische Legitimität der Regierung zu sichern, die unter den Turbulenzen der Mao-Ära stark gelitten hatte. Tatsächlich galt die Ein-Kind-Politik jedoch nur für bestimmte Frauen, insbesondere für in Städten lebende Frauen der größten ethnischen Bevölkerungsgruppe, der Han. Ethnische Minderheiten und die Landbevölkerung hatten mehr Spielraum. Die Ein-Kind-Politik hatte verheerende Konsequenzen für die Gesellschaft und wurde mit teils drakonischen Methoden durchgesetzt. Familien, die der Maßnahme nicht Folge leisteten, wurden mit Bußgeldern und verminderten Aufstiegschancen „bestraft“, und Frauen wurden zum Teil zur Abtreibung oder Sterilisierung gezwungen. Mancherorts kam es zur Kindstötung. Aufgrund der gesellschaftlichen Präferenz für männliche Nachkommen entschlossen sich viele Familien, weibliche Föten abzutreiben, was zu einem Ungleichgewicht zwischen weiblichen und männlichen Geburten führte.
Obwohl die chinesische Regierung im Laufe der Ein-Kind-Politik immer mehr „Ausnahmen“ einführte, entwickelte sich ein erheblicher demografischer Druck: Seit den frühen 1990er Jahren lag die Gesamtgeburtenrate unter 2,1, dem Wert, der benötigt wird, um eine stetige „Reproduktion“ der Gesellschaft zu gewährleisten.
Der Rückgang der Geburten in China hat Folgen für die Bevölkerungsalterung: Der prozentuale Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung ist zwischen 2000 und 2024 von sieben auf 15 Prozent angewachsen.
Konfuzianismus vs. Moderne
Forscher sehen einen zentralen Grund für den mangelnden Erfolg der Zwei- und Drei-Kind-Politik im gesellschaftlichen Wandel. Mit einer modernen Gesellschaft scheinen konfuzianische Werte zunehmend nicht mehr vereinbar zu sein. Einerseits sind sie in der chinesischen Bevölkerung stark verankert. Die chinesische Führung propagiert diese ebenfalls und schreibt Familienmitgliedern gesetzlich vor, „kindliche Pietät“ zu praktizieren. Das bedeutet, dass Kinder dazu verpflichtet sind, sich um die ältere Generation zu kümmern und sie finanziell zu unterstützen.
Im Gegensatz zu früheren Zeiten leben heute weniger chinesische Familien mit drei Generationen unter einem Dach. Aufgrund arbeitsbedingter Binnenmigration leben viele Großeltern auf dem Land oder in kleineren Städten, während die jüngeren Generationen in die Großstädte abwandern.
Auch die Jugend weigert sich zunehmend, dem gesellschaftlichen und staatlichen Druck nachzugeben und sich für „kollektive“ gesellschaftliche Bedürfnisse zu opfern. Während die Jugend in der Schule einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt ist, sieht sie sich auf dem Arbeitsmarkt mit geringen Chancen konfrontiert, eine Anstellung zu finden. Die Jugendarbeitslosigkeit in China ist hoch und wird auf rund 20 Prozent geschätzt – die Regierung hat aufgehört, Statistiken dazu zu veröffentlichen.
Politische Gegenmaßnahmen
Um diese komplexen Herausforderungen anzugehen, hat die Regierung in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Vielzahl politischer Maßnahmen verabschiedet. Um ältere Menschen besser zu unterstützen, wurde das Sozialsystem ausgebaut und reformiert, wobei die Altenpflege einen zentralen Bereich ausmacht. Seit Mitte der 2000er Jahre ist die Regierung darum bemüht, einen Markt für private Pflegedienstleistungen aufzubauen. Dies hat zu einem massiven Anstieg des Dienstleistungsangebots geführt.
Wie in Europa haben Anbieter jedoch Probleme, geschultes Personal zu finden. Anstatt Pflegekräfte aus anderen Ländern anzuwerben, wie es in vielen westeuropäischen Ländern der Fall ist,
Doch selbst dort, wo Personal vorhanden ist, fällt es Familien schwer, die Kosten für Pflegedienstleistungen zu tragen. Zwar unterstützt der Staat besonders bedürftige Menschen (die weder Kinder, Einkommen noch andere Vermögenswerte haben), doch die große Mehrheit der Bevölkerung muss die Kosten selbst stemmen. Da die Kosten für Menschen mit schweren Behinderungen oder Demenz besonders hoch sind, experimentiert die chinesische Führung seit 2016 mit Pflegeversicherungsmodellen wie in Deutschland. Derzeit testen 49 Städte unterschiedliche Pilotprojekte, bei denen Mittel aus der lokalen Sozialversicherung des Gesundheitssystems genutzt werden, um bestimmte Kosten in der Langzeitpflege zu decken. Obwohl die Regierung den ambitionierten Plan hat, das erfolgreichste Modell flächendeckend umzusetzen, gibt es erhebliche Barrieren, da das Gesundheitssystem in den Städten durch lokale Sozialversicherungen und auf dem Land durch Steuermittel finanziert wird. Zudem bestehen große Unterschiede in der sozioökonomischen Entwicklung zwischen den Regionen, was eine landesweite Pflegeversicherung erschwert.
Da das Risiko, an chronischen Krankheiten zu erkranken, im Alter steigt, setzt die Regierung auch auf Reformen im Gesundheits- und Rentensystem. 2016 wurde die „Healthy China“-Kampagne ins Leben gerufen, mit der das Ziel verfolgt wird, die Gesundheit der älteren Generation durch eine bessere medizinische Versorgung und Vorsorge zu steigern. Zentral ist dabei das von der WHO propagierte Konzept des „gesunden Alterns“, das Maßnahmen wie barrierefreie Zugänge oder die kostenfreie Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel umfasst, um ältere Menschen dabei zu unterstützen, aktiv und gesund zu altern.
Neben diesen Maßnahmen hat die Regierung auch Initiativen ergriffen, um den gesellschaftlichen Druck auf die jüngeren Generationen zu reduzieren und die Geburtenrate zu erhöhen. Die Reform zur neuen Drei-Kind-Politik war ein entscheidender Schritt. Diese geht einher mit besserer Unterstützung von Familien bei der Geburt und Betreuung von Kindern, etwa durch die Verlängerung des Mutterschutzes beziehungsweise der Elternzeit,
Die Herausforderungen und politischen Reaktionen darauf ähneln somit denen in anderen Ländern. Wie in Deutschland und asiatischen Nachbarländern versucht China, den Personalmangel durch Migration und Technologie zu beheben. Da China jedoch auf Binnenmigration setzt und ausländisches Personal ablehnt, ähnelt seine Politik eher der japanischen Herangehensweise. Auch dort wird die Digitalisierung als zentrale Lösung betrachtet. Dies ist aber kein für Ostasien insgesamt typisches Phänomen.
Ein entscheidender Faktor ist die Finanzierung. Während in Deutschland, Südkorea und Japan bereits vor Jahrzehnten Sozialversicherungen für die Langzeitpflege eingerichtet wurden,
Silver Economy
China versucht derzeit, aus der Not eine Tugend zu machen, indem es die Bevölkerungsalterung als Möglichkeit sieht, die Wirtschaft durch den Ausbau des Pflegemarkts anzukurbeln. Seit einigen Jahren ist verstärkt von einer „Silver Economy“ die Rede, in der ältere Menschen durch ein „Rundumpaket“ an Dienstleistungen und Produkten dazu angeregt werden, im Alter mehr zu konsumieren. Dazu gehören Tourismusangebote, Wellness- und Freizeitaktivitäten sowie neue Produkte für das Leben zu Hause im Alter.
Obwohl diese Strategie zukunftsgerichtet erscheint, gibt es erhebliche Hürden. Ähnlich wie in vielen anderen Ländern müssen ältere Menschen zunächst in der Nutzung des Internets oder von Handys geschult werden. Zudem sind diese neuen Produkte für viele von ihnen schlicht nicht erschwinglich.
Fazit
Die chinesische Regierung versucht, den schwierigen Spagat zu meistern, das Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die soziale Absicherung einer alternden Gesellschaft zu gewährleisten. Reformen im Altenpflege-, Gesundheits- und Rentensystem sollen das soziale Netz stärken, während neue Maßnahmen darauf ausgerichtet sind, Anreize für Familien zu schaffen, mehr Kinder zu bekommen. Bei der Ausrichtung dieser Maßnahmen orientiert sich China an Praktiken aus Industriestaaten, wie der Einrichtung von Pflegesozialversicherungen, und versucht, sich in neuen Branchen wie der digitalen Pflege strategisch zu positionieren. Andere Ansätze, wie die Drei-Kind-Politik oder der Fokus auf Binnenmigration zur Linderung des Personalmangels, unterscheiden sich jedoch von denen in Ländern wie Deutschland.
Ob diese Maßnahmen zum Erfolg führen, ist fraglich, da es zahlreiche soziale, ökonomische und kulturelle Hemmnisse gibt. Ein zentrales Problem ist, dass China noch immer ein Entwicklungsland ist, in dem vielerorts die finanziellen Ressourcen und die Expertise fehlen, um demografisch visionäre Projekte umzusetzen. Das Scheitern oder Gelingen dieser Maßnahmen wird jedoch auch Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Denn obwohl China ein Entwicklungsland ist, ist es die zweitgrößte Wirtschaft weltweit und die „Werkbank der Welt“. Wenn China dieser schwierige Spagat nicht gelingt, wird es umso schwieriger, den Sprung von einem Land mit mittlerem Einkommen zu einem Hocheinkommensland zu schaffen. Es droht dann, in der sogenannten Middle-Income Trap stecken zu bleiben.