Themen Mediathek Shop Lernen Veranstaltungen kurz&knapp Die bpb Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen Mehr Artikel im

Schwieriger Spagat | Demografie | bpb.de

Demografie Editorial Mehr als Zahlen. Zur politischen Dimension demografischer Daten Demografie als Hard Power. Zur ökonomischen Bedeutung des demografischen Wandels Regionale Disparitäten der Bevölkerungsdynamik in Deutschland Demografie und Migration. Zu den Veränderungsdynamiken der deutschen Bevölkerung Getrieben von Angst und Ungleichheit. Demografiediskurse vom 19. Jahrhundert bis heute Auf dem Weg in die Gerontokratie? Demografische Machtverhältnisse in alternden Gesellschaften Schwieriger Spagat. Demografischer Wandel und Wirtschaftswachstum in China

Schwieriger Spagat Demografischer Wandel und Wirtschaftswachstum in China

Christina Maags

/ 14 Minuten zu lesen

Im Jahr 2022 erlebte China einen historischen Wendepunkt: Erstmals seit sechs Jahrzehnten sank die Einwohnerzahl. Seitdem stellt sich die Frage, wie die chinesische Führung Wirtschaftswachstum aufrechterhalten und gleichzeitig soziale Absicherung gewährleisten kann.

Im Januar 2023 berichteten alle großen deutschen Zeitungen über die gleiche Nachricht: „Chinas Bevölkerung schrumpft.“ Das Land, das wir bislang als das bevölkerungsreichste der Welt kannten, durchlebte 2022 einen historischen Wendepunkt, als die Einwohnerzahl zum ersten Mal seit sechs Jahrzehnten sank. Während dies historisch bedingt durch Hungersnöte bereits vorgekommen ist, setzte 2022 ein neuer langfristiger Trend ein: ein langsames und unumkehrbares Schrumpfen der Bevölkerung, das von einigen als „demografische Krise“ interpretiert wird.

Im Vergleich zu westlichen Industriestaaten, die bereits viel früher gealtert sind, als sie hohes Einkommen verzeichneten, wird China, salopp formuliert, alt, bevor es reich ist. Das bedeutet, dass die chinesische Bevölkerungsalterung stattfindet, während das Land noch nicht zu den Industriestaaten beziehungsweise Hocheinkommensländern zählt. Obwohl es sich um ein Land mit mittlerem Einkommen handelt, ist es – nach den Maßstäben der Weltbank sowie nach eigenem Ermessen – weiterhin ein Entwicklungsland. Da eine alternde Bevölkerung hohe Kosten mit sich bringt – beispielsweise in Form höherer Ausgaben für das Gesundheits- oder Rentensystem, während gleichzeitig weniger Menschen aktiv am Wirtschaftsgeschehen teilnehmen –, steht die chinesische Führung vor einer großen Herausforderung: Wie gelingt ihr der schwierige Spagat, das Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die soziale Absicherung einer rasant alternden Gesellschaft zu gewährleisten?

Ende der Planbarkeit

Historisch wurde eine große, stetig wachsende Bevölkerung als Ressource für das Wirtschaftswachstum angesehen. Mao Zedong, der die Volksrepublik China von 1949, dem Jahr ihrer Gründung, bis zu seinem Tod 1976 mit eiserner Hand regierte, war zunächst gegen Maßnahmen zur Einschränkung des starken Bevölkerungswachstums. Erst in seinen letzten Lebensjahren willigte er in die sogenannte „Später, länger, weniger“-Kampagne ein. In dieser wurden Frauen dazu angehalten, später zu heiraten, länger zu warten, bevor sie weitere Kinder gebaren, und insgesamt weniger Kinder zu bekommen. Diese Maßnahme signalisierte ein Umdenken in der chinesischen Politik: Ein übermäßiges Bevölkerungswachstum könnte negative sozioökonomische Folgen mit sich bringen, so die Befürchtung. Obwohl die „Später, länger, weniger“-Kampagne und die Modernisierung im weiteren Sinne zu einer signifikanten Reduktion der Geburtenrate führten – von durchschnittlich sechs Kindern 1970 auf 2,75 Kinder 1980 –, ging die chinesische Regierung nach Maos Tod noch einen Schritt weiter.

Unter Deng Xiaoping entschied sich die chinesische Führung für eine erzwungene Geburtenkontrolle „nach Plan“: die sogenannte Ein-Kind-Politik. Mit dieser politischen Maßnahme wurde Frauen verboten, mehr als ein Kind zu bekommen. Mit dieser Maßnahme wollte die Staatsführung verhindern, dass ein rasantes Bevölkerungswachstum den wirtschaftlichen Aufschwung und die Steigerung des Lebensstandards beeinträchtigt. Beide Ziele wurden als unerlässlich angesehen, um die politische Legitimität der Regierung zu sichern, die unter den Turbulenzen der Mao-Ära stark gelitten hatte. Tatsächlich galt die Ein-Kind-Politik jedoch nur für bestimmte Frauen, insbesondere für in Städten lebende Frauen der größten ethnischen Bevölkerungsgruppe, der Han. Ethnische Minderheiten und die Landbevölkerung hatten mehr Spielraum. Die Ein-Kind-Politik hatte verheerende Konsequenzen für die Gesellschaft und wurde mit teils drakonischen Methoden durchgesetzt. Familien, die der Maßnahme nicht Folge leisteten, wurden mit Bußgeldern und verminderten Aufstiegschancen „bestraft“, und Frauen wurden zum Teil zur Abtreibung oder Sterilisierung gezwungen. Mancherorts kam es zur Kindstötung. Aufgrund der gesellschaftlichen Präferenz für männliche Nachkommen entschlossen sich viele Familien, weibliche Föten abzutreiben, was zu einem Ungleichgewicht zwischen weiblichen und männlichen Geburten führte. Schätzungen zufolge gibt es aufgrund der Ein-Kind-Politik in der Generation der zwischen 1981 und 2000 Geborenen 15 bis 20 Millionen mehr Männer als Frauen, obwohl Mädchen teilweise nicht gemeldet wurden und somit erst später in den Statistiken auftauchen. Dieses „Missing Girls“-Phänomen führte zu vielen gesellschaftlichen Problemen. Ein Beispiel ist die Schwierigkeit für ärmere Männer vom Land, eine Frau zu finden, was teilweise Menschenhandel und Zwangsheiraten zur Folge hatte.

Obwohl die chinesische Regierung im Laufe der Ein-Kind-Politik immer mehr „Ausnahmen“ einführte, entwickelte sich ein erheblicher demografischer Druck: Seit den frühen 1990er Jahren lag die Gesamtgeburtenrate unter 2,1, dem Wert, der benötigt wird, um eine stetige „Reproduktion“ der Gesellschaft zu gewährleisten. Mit einem Wert von 1,0 im Jahr 2023 zählt China zu den Ländern mit einer der niedrigsten Gesamtgeburtenraten weltweit.

Der Rückgang der Geburten in China hat Folgen für die Bevölkerungsalterung: Der prozentuale Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung ist zwischen 2000 und 2024 von sieben auf 15 Prozent angewachsen. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) macht das China zu einer „alten“ Gesellschaft. Zudem zeigen Prognosen der WHO, dass im Jahr 2040 402 Millionen Menschen, also fast ein Drittel (28 Prozent) der Bevölkerung, über 60 Jahre alt sein werden. Um diesen Trend umzukehren, hat die chinesische Regierung 2015 die Ein-Kind-Politik aufgehoben und eine Zwei-Kind-Politik verabschiedet. Diese wurde 2021 zu einer Drei-Kind-Politik erweitert. Diese Regelung gilt bis heute. Anstatt die Entscheidung über die Anzahl der Kinder nun vollständig den Familien zu überlassen, hält die chinesische Regierung an ihrem Ansatz fest, die Bevölkerungsentwicklung aktiv zu steuern und Geburtenquoten vorzugeben. Mit der Zeit offenbart sich jedoch zunehmend, dass sich Geburten und Familienplanung nicht so leicht planen und kontrollieren lassen.

Konfuzianismus vs. Moderne

Forscher sehen einen zentralen Grund für den mangelnden Erfolg der Zwei- und Drei-Kind-Politik im gesellschaftlichen Wandel. Mit einer modernen Gesellschaft scheinen konfuzianische Werte zunehmend nicht mehr vereinbar zu sein. Einerseits sind sie in der chinesischen Bevölkerung stark verankert. Die chinesische Führung propagiert diese ebenfalls und schreibt Familienmitgliedern gesetzlich vor, „kindliche Pietät“ zu praktizieren. Das bedeutet, dass Kinder dazu verpflichtet sind, sich um die ältere Generation zu kümmern und sie finanziell zu unterstützen. Andererseits ist es für viele Familien schwierig, diese familiären Verantwortungen zu erfüllen.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten leben heute weniger chinesische Familien mit drei Generationen unter einem Dach. Aufgrund arbeitsbedingter Binnenmigration leben viele Großeltern auf dem Land oder in kleineren Städten, während die jüngeren Generationen in die Großstädte abwandern. Zudem ist die sogenannte Sandwich-Generation zunehmend mit den gesellschaftlichen Anforderungen, gleichzeitig Kinder zu versorgen und sich um die ältere Generation zu kümmern, überfordert. Das „4-2-2“-Modell – vier Großeltern, zwei Eltern, zwei Kinder – veranschaulicht, dass sich die Generation des mittleren Alters in China nicht nur um zwei Kinder, sondern auch um vier ältere Menschen kümmern muss. Da die Pflegeverantwortung zumeist Frauen zufällt, sind heute weniger Frauen bereit, zu heiraten oder Kinder zu bekommen, was sich in der Geburtenrate niederschlägt.

Auch die Jugend weigert sich zunehmend, dem gesellschaftlichen und staatlichen Druck nachzugeben und sich für „kollektive“ gesellschaftliche Bedürfnisse zu opfern. Während die Jugend in der Schule einem hohen Leistungsdruck ausgesetzt ist, sieht sie sich auf dem Arbeitsmarkt mit geringen Chancen konfrontiert, eine Anstellung zu finden. Die Jugendarbeitslosigkeit in China ist hoch und wird auf rund 20 Prozent geschätzt – die Regierung hat aufgehört, Statistiken dazu zu veröffentlichen. Viele Anstellungen folgen dem sogenannten 996-Modell: von 9 Uhr morgens bis 9 Uhr abends arbeiten, sechs Tage die Woche. Aufgrund dieses Drucks entwickeln sich Phänomene wie „Tang Ping“ (zu Deutsch: „Flachliegen“), bei dem sich Jugendliche dafür entscheiden, weniger oder gar nicht zu arbeiten, um ihr Leben mehr zu genießen. In der Folge wollen auch immer weniger Jugendliche und junge Erwachsene heiraten und Kinder bekommen, denn das kostet Geld. Der gesellschaftliche Druck und die Jugendarbeitslosigkeit haben somit einen negativen Einfluss auf die Wirtschaftslage – zu einem Zeitpunkt, an dem viele Arbeitnehmer in Rente gehen. Letztendlich steht die Regierung vor der hochkomplexen Herausforderung, das Sozialsystem und die Wirtschaft auf eine alternde Gesellschaft vorzubereiten. Dies ist eng mit anderen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Wandlungen verzahnt.

Politische Gegenmaßnahmen

Um diese komplexen Herausforderungen anzugehen, hat die Regierung in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Vielzahl politischer Maßnahmen verabschiedet. Um ältere Menschen besser zu unterstützen, wurde das Sozialsystem ausgebaut und reformiert, wobei die Altenpflege einen zentralen Bereich ausmacht. Seit Mitte der 2000er Jahre ist die Regierung darum bemüht, einen Markt für private Pflegedienstleistungen aufzubauen. Dies hat zu einem massiven Anstieg des Dienstleistungsangebots geführt.

Wie in Europa haben Anbieter jedoch Probleme, geschultes Personal zu finden. Anstatt Pflegekräfte aus anderen Ländern anzuwerben, wie es in vielen westeuropäischen Ländern der Fall ist, setzt die chinesische Regierung auf Binnenmigration: vom Land in die Stadt und von ärmeren zu reicheren Regionen innerhalb Chinas. Dies kann den Mangel in Großstädten reduzieren, führt aber zu einem care drain: ein Ausbluten von Pflegepersonal in ohnehin benachteiligten Regionen. Da viele ältere Menschen auf dem Land leben, können sie weniger von dem Ausbau privater Pflegedienstleistungen profitieren als ältere Menschen in der Stadt. Um dieses Problem zu lösen, setzt die Regierung seit einigen Jahren verstärkt auf die Digitalisierung der Altenpflege – zum Beispiel durch Fallsensoren und Roboter –, die die Qualität und Effizienz verbessern soll. Ob die Ziele damit erreicht werden können, ist jedoch fraglich, da vielerorts die Ressourcen und die Expertise fehlen, um sie flächendeckend zu implementieren.

Doch selbst dort, wo Personal vorhanden ist, fällt es Familien schwer, die Kosten für Pflegedienstleistungen zu tragen. Zwar unterstützt der Staat besonders bedürftige Menschen (die weder Kinder, Einkommen noch andere Vermögenswerte haben), doch die große Mehrheit der Bevölkerung muss die Kosten selbst stemmen. Da die Kosten für Menschen mit schweren Behinderungen oder Demenz besonders hoch sind, experimentiert die chinesische Führung seit 2016 mit Pflegeversicherungsmodellen wie in Deutschland. Derzeit testen 49 Städte unterschiedliche Pilotprojekte, bei denen Mittel aus der lokalen Sozialversicherung des Gesundheitssystems genutzt werden, um bestimmte Kosten in der Langzeitpflege zu decken. Obwohl die Regierung den ambitionierten Plan hat, das erfolgreichste Modell flächendeckend umzusetzen, gibt es erhebliche Barrieren, da das Gesundheitssystem in den Städten durch lokale Sozialversicherungen und auf dem Land durch Steuermittel finanziert wird. Zudem bestehen große Unterschiede in der sozioökonomischen Entwicklung zwischen den Regionen, was eine landesweite Pflegeversicherung erschwert.

Da das Risiko, an chronischen Krankheiten zu erkranken, im Alter steigt, setzt die Regierung auch auf Reformen im Gesundheits- und Rentensystem. 2016 wurde die „Healthy China“-Kampagne ins Leben gerufen, mit der das Ziel verfolgt wird, die Gesundheit der älteren Generation durch eine bessere medizinische Versorgung und Vorsorge zu steigern. Zentral ist dabei das von der WHO propagierte Konzept des „gesunden Alterns“, das Maßnahmen wie barrierefreie Zugänge oder die kostenfreie Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel umfasst, um ältere Menschen dabei zu unterstützen, aktiv und gesund zu altern. Zu aktivem Altern gehört auch, länger am Wirtschaftsgeschehen teilzunehmen. In China sind daher Renten- und Arbeitsmarktreformen verabschiedet worden, darunter die Anhebung des Rentenalters im Jahr 2024, um die Rentenkassen zu entlasten. Aufgrund von Widerstand wurde dies jedoch lange aufgeschoben, sodass Chinesen bis vor Kurzem eines der frühesten Renteneintrittsalter weltweit genossen. Zudem werden „Talente“ der älteren Generation mittels staatlicher Programme stärker gefördert, um ihnen das längere Arbeiten zu erleichtern. Diese Reformen sollen gemeinsam den Druck auf das Sozialsystem und die Wirtschaft lindern.

Neben diesen Maßnahmen hat die Regierung auch Initiativen ergriffen, um den gesellschaftlichen Druck auf die jüngeren Generationen zu reduzieren und die Geburtenrate zu erhöhen. Die Reform zur neuen Drei-Kind-Politik war ein entscheidender Schritt. Diese geht einher mit besserer Unterstützung von Familien bei der Geburt und Betreuung von Kindern, etwa durch die Verlängerung des Mutterschutzes beziehungsweise der Elternzeit, wie sie in Deutschland und anderen asiatischen Ländern praktiziert wird.

Die Herausforderungen und politischen Reaktionen darauf ähneln somit denen in anderen Ländern. Wie in Deutschland und asiatischen Nachbarländern versucht China, den Personalmangel durch Migration und Technologie zu beheben. Da China jedoch auf Binnenmigration setzt und ausländisches Personal ablehnt, ähnelt seine Politik eher der japanischen Herangehensweise. Auch dort wird die Digitalisierung als zentrale Lösung betrachtet. Dies ist aber kein für Ostasien insgesamt typisches Phänomen. Im Gegensatz dazu setzen Länder wie Singapur auf Arbeitskräfte aus den Nachbarländern.

Ein entscheidender Faktor ist die Finanzierung. Während in Deutschland, Südkorea und Japan bereits vor Jahrzehnten Sozialversicherungen für die Langzeitpflege eingerichtet wurden, erschwert das fragmentierte und unterfinanzierte Sozialsystem in China einen Ausbau der Pilotprojekte zu einem nationalen System. China geht es diesbezüglich wie Thailand: Aufgrund mangelnder finanzieller Mittel setzt das Land auf minimale Unterstützung in Form von „Freiwilligen“ auf kommunaler Ebene. Obwohl China viele Fortschritte gemacht hat, besteht das zentrale Problem darin, dass das Land, wie erwähnt, „altert, bevor es reich ist“. In Industriestaaten wie Japan oder Deutschland war der Sozialstaat bereits stark ausgebaut, als die Bevölkerungsalterung einsetzte. Das bedeutet, dass der Großteil der Bevölkerung Zugang zu hochwertiger Versorgung hat. In China ist dies nicht der Fall.

Silver Economy

China versucht derzeit, aus der Not eine Tugend zu machen, indem es die Bevölkerungsalterung als Möglichkeit sieht, die Wirtschaft durch den Ausbau des Pflegemarkts anzukurbeln. Seit einigen Jahren ist verstärkt von einer „Silver Economy“ die Rede, in der ältere Menschen durch ein „Rundumpaket“ an Dienstleistungen und Produkten dazu angeregt werden, im Alter mehr zu konsumieren. Dazu gehören Tourismusangebote, Wellness- und Freizeitaktivitäten sowie neue Produkte für das Leben zu Hause im Alter. Neue Dienstleister preisen KI-unterstützte elektronische Geräte an, die über eine Plattform Informationen an Familienmitglieder, Ärzte und Pflegedienste übermitteln, um den Gesundheitszustand zu überwachen. China versucht so, vom Digitalisierungstrend in der Altenpflege in den Industriestaaten zu lernen und sich gleichzeitig als Vorreiter zu positionieren. Insbesondere sollen chinesische Firmen dabei unterstützt werden, innovative Produkte auf dem Weltmarkt anzubieten. Schließlich zählen chinesische Firmen bereits jetzt zu den führenden Anbietern von Robotern in der Industrie und Logistik.

Obwohl diese Strategie zukunftsgerichtet erscheint, gibt es erhebliche Hürden. Ähnlich wie in vielen anderen Ländern müssen ältere Menschen zunächst in der Nutzung des Internets oder von Handys geschult werden. Zudem sind diese neuen Produkte für viele von ihnen schlicht nicht erschwinglich. Ob die Silver Economy zu einem fundamentalen Standbein der chinesischen Wirtschaft werden kann, bleibt daher abzuwarten.

Fazit

Die chinesische Regierung versucht, den schwierigen Spagat zu meistern, das Wirtschaftswachstum aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die soziale Absicherung einer alternden Gesellschaft zu gewährleisten. Reformen im Altenpflege-, Gesundheits- und Rentensystem sollen das soziale Netz stärken, während neue Maßnahmen darauf ausgerichtet sind, Anreize für Familien zu schaffen, mehr Kinder zu bekommen. Bei der Ausrichtung dieser Maßnahmen orientiert sich China an Praktiken aus Industriestaaten, wie der Einrichtung von Pflegesozialversicherungen, und versucht, sich in neuen Branchen wie der digitalen Pflege strategisch zu positionieren. Andere Ansätze, wie die Drei-Kind-Politik oder der Fokus auf Binnenmigration zur Linderung des Personalmangels, unterscheiden sich jedoch von denen in Ländern wie Deutschland.

Ob diese Maßnahmen zum Erfolg führen, ist fraglich, da es zahlreiche soziale, ökonomische und kulturelle Hemmnisse gibt. Ein zentrales Problem ist, dass China noch immer ein Entwicklungsland ist, in dem vielerorts die finanziellen Ressourcen und die Expertise fehlen, um demografisch visionäre Projekte umzusetzen. Das Scheitern oder Gelingen dieser Maßnahmen wird jedoch auch Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Denn obwohl China ein Entwicklungsland ist, ist es die zweitgrößte Wirtschaft weltweit und die „Werkbank der Welt“. Wenn China dieser schwierige Spagat nicht gelingt, wird es umso schwieriger, den Sprung von einem Land mit mittlerem Einkommen zu einem Hocheinkommensland zu schaffen. Es droht dann, in der sogenannten Middle-Income Trap stecken zu bleiben. Eine Stagnation der chinesischen Wirtschaft hätte negative Konsequenzen für die Weltwirtschaft, da China dann nicht mehr als Motor für das globale Wirtschaftswachstum fungieren könnte. Die Schrumpfung der chinesischen Bevölkerung ist somit ein Phänomen, das uns alle langfristig beeinflussen wird.

ist promovierte Politikwissenschaftlerin und Senior Lecturer in Chinese Studies an der University of Sheffield.