Die Bevölkerungsdynamik in Deutschland ist gegenwärtig von wachsenden regionalen Disparitäten geprägt,
Komponenten des demografischen Wandels
Ob eine Region wächst oder schrumpft und wie sich ihre Altersstruktur verändert, hängt von der Anzahl der Geburten im Verhältnis zu den Sterbefällen – dem natürlichen Saldo der Bevölkerung – und der Zu- und Abwanderung aus anderen Regionen oder dem Ausland – dem Binnen- bzw. Außenwanderungssaldo – ab. Wenn in einem Jahr, wie in Deutschland seit 1972, weniger Kinder geboren werden als Menschen sterben, geht ohne den Einfluss der Zuwanderung die Bevölkerungszahl zwangsläufig zurück.
In den vergangenen Jahrzehnten hat das jährliche Geburtendefizit stark zugenommen und übersteigt seit 2022 die Schwelle von 300.000 Personen jährlich, bei einem weiter steigenden Trend. Durch moderate Wanderungsüberschüsse von 250.000 Personen pro Jahr, wie sie im langjährigen Durchschnitt seit dem Jahr 1955 verzeichnet wurden, kann das Geburtendefizit künftig nicht mehr kompensiert werden.
Auch der Altenquotient, der angibt, wie viele Personen 67 Jahre und älter auf 100 Personen im Erwerbsalter von 20 bis 66 Jahren kommen, steigt in der mittleren Variante in diesem Zeitraum von 33,3 im Jahr 2024 auf 51,0 im Jahr 2070. Abbildung 1 zeigt darüber hinaus, dass der Altenquotient (in der rechten Spalte) auch in den Varianten mit hoher Zuwanderung und einer dadurch relativ hohen Bevölkerungszahl deutlich ansteigt. Im Gegensatz zur Bevölkerungszahl ist der Einfluss der Außenwanderung auf die Entwicklung der Alterung begrenzt, da auch Zugewanderte älter werden und so mittel- bis langfristig zur demografischen Alterung der Bevölkerung beitragen.
Regionale Bevölkerungsdynamik und demografisches Momentum
Der demografische Wandel in Deutschland, mit einem wachsenden negativen natürlichen Saldo und einer fortschreitenden demografischen Alterung, vollzieht sich in den Regionen sehr unterschiedlich. Die räumlichen Unterschiede im Geburtenniveau und der Lebenserwartung spielen dabei für die regionalen Disparitäten der Bevölkerungsdynamik nur eine untergeordnete Rolle.
Die regionale Bevölkerung wird nicht nur durch die aktuelle Bevölkerungsentwicklung mit Wanderungsgewinnen und -verlusten bestimmt, sondern auch durch das demografische Momentum, das durch die Bevölkerungsdynamik der Vergangenheit geprägt wird. So spiegelt beispielsweise die Altersstruktur der peripheren Regionen Ostdeutschlands bis heute das nach der Wende zeitweise sehr stark gesunkene Geburtenniveau und die Abwanderung vieler junger Menschen nach Westdeutschland wider. Durch die fortgeschrittene Alterung weisen die betroffenen ostdeutschen Regionen heute einen relativ geringen Anteil an Menschen in der Familiengründungsphase auf, was sich wiederum in niedrigen Geburtenzahlen äußert. In der Vergangenheit angelegte Disparitäten werden so über das demografische Momentum in die Zukunft fortgeschrieben.
Bevölkerungsszenarien
Die regionalen Disparitäten der Bevölkerungsdynamik und ihre künftige Entwicklung sind eine wichtige Grundlage für die lokale Planung – vor Ort entscheidet sich vielfach die Lebensqualität der Menschen. Von der Bevölkerungszahl und Altersstruktur hängen Nachfrage und Tragfähigkeit von öffentlichen und privaten Infrastruktur- und Versorgungseinrichtungen ab. So erfordern Einzelhandelsstandorte beispielsweise eine ausreichende Nachfrage der Bevölkerung. Die öffentliche Infrastruktur wiederum wird auch vom aktuellen und künftigen Steueraufkommen der Bevölkerung bestimmt. Infrastruktur wird auf viele Jahrzehnte geplant, und bei rückläufiger Einwohnerzahl können die Pro-Kopf-Kosten in Zukunft stark steigen. Die Entwicklung der Arbeits- und Immobilienmärkte vollzieht sich schließlich vor dem Hintergrund des zu erwartenden regionalen Arbeitskräftepotenzials und der Nachfrage privater Haushalte nach Wohnraum.
Regionale Bevölkerungsvorausberechnungen spielen in diesem Kontext eine wichtige Rolle. Hier ist vor allem die regelmäßig aktualisierte regionale Bevölkerungsvorausberechnung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zu nennen, die für die Bundesraumordnung erstellt und auch von anderen Akteuren für ihre Planungsentscheidungen genutzt wird.
Da die Effekte des demografischen Momentums erst bei einem längeren Vorausberechnungshorizont deutlich werden und sich der Einfluss der größeren Schwankungen unterliegenden Binnen- und Außenwanderung auf die Bevölkerungsentwicklung und besonders auf die demografische Alterung nicht mit nur einer Annahmevariante zeigen lässt, haben das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) und das BBSR eine szenarienbasierte regionale Vorausberechnung für die 401 kreisfreien Großstädte und Landkreise bis zum Jahr 2070 vorgelegt.
Die räumlichen Muster der Binnenwanderung weisen in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten eine zyklische Entwicklung auf.
Bevölkerungsdynamik in den Kreisen bis 2070
Ausgewählte Ergebnisse der szenarienbasierten Vorausberechnung für die Kreistypen finden sich in der Tabelle für die Entwicklung der indexierten Bevölkerungszahl (2022 entspricht 100) und dem Altenquotienten der Bevölkerung von 65 Jahren und älter im Verhältnis zu je 100 Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren, jeweils für das Ausgangsjahr 2022 sowie 2040 und 2070.
2070 reicht die Spanne bei den Großstädten (Basis-Szenario der Binnenwanderung) von 85,5 bis 114,7 Prozent der Ausgangsbevölkerung von 24,3 Millionen Einwohnern. Bei den dünnbesiedelten ländlichen Kreisen sind es 76,4 bis 99,0 Prozent bei einer Ausgangsbevölkerung von 11,7 Millionen Einwohnern. Bei der mit dem Altenquotienten gemessenen demografischen Alterung sind die Unterschiede zwischen dem Minimum und Maximum eines Kreistyps relativ gering, die größten Unterschiede ergeben sich zwischen den Kreistypen. Den Großstädten mit Werten von 31,1 bis 35,7 stehen die dünnbesiedelten ländlichen Kreise mit Werten von 45,5 bis 52,1 gegenüber. Selbst im Jahr 2070 liegt der höchste Altenquotient der Großstädte noch unter den Werten der übrigen Kreistypen im Ausgangsjahr 2022.
Zusammenfassend lassen sich aus den Ergebnissen der Szenarien folgende Erkenntnisse gewinnen: Die Muster der regionalen Bevölkerungsentwicklung hängen maßgeblich von der Außenwanderung ab. Unter den günstigsten Annahmen erscheint für alle Kreistypen bis 2070 eine stabile bis geringfügig positive Bevölkerungsentwicklung möglich. Unter den ungünstigsten Annahmen ohne Außenwanderung geht die Bevölkerung dagegen auf unter 80 Prozent des Ausgangsniveaus zurück. Unter günstigen Annahmen können die Großstädte ihren Altenquotienten bis 2070 stabil halten. Für die anderen Kreistypen sind dagegen bis 2040, abhängig von den Annahmen, zum Teil erhebliche Anstiege zu erwarten, die sich bis 2070 wieder leicht reduzieren.
Betrachtet man die regionalen Muster in der kartografischen Darstellung nach Kreisen (Abbildung 2) und vergleicht den Altenquotient, so ergibt sich eine weitere wichtige Erkenntnis: Im Ausgangsjahr 2022 konzentrieren sich die niedrigen (jungen) Werte durchgängig vor allem in Westdeutschland sowie in Berlin mit Umland und einigen Großstädten in Ostdeutschland. In der Fläche waren die ostdeutschen Kreise 2022 bereits stark gealtert. Das Muster für 2070 weist dann eine völlig andere Verteilung junger Kreise auf. Eine relativ geringe Alterung zeigen künftig, bei einem mittleren Außenwanderungsszenario und dem Basisszenario der Binnenwanderung, in Westdeutschland vor allem die wirtschaftsstarken Großstädte mit ihrem suburbanen Umland und in Ostdeutschland ein Teil der Großstädte. Bis 2070 wird in diesem Szenario die demografische Alterung in Westdeutschland, mit Ausnahme der Großstädte, fast überall zunehmen – der Westen holt hier gegenüber dem Osten auf. Eine fortgeschrittene Alterung zeigen dann auch eine Reihe strukturschwacher peripherer Landkreise im Westen. In Ostdeutschland wird die Alterung gegenüber 2022 in den meisten Kreisen bis dahin nicht mehr wesentlich zunehmen und in einigen Kreisen sogar leicht zurückgehen. Das Muster der regionalen Alterung wandelt sich von einem Ost-West- zu einem Land-Stadt-Gefälle.
Bevölkerungs- und Vorausberechnungsdiskurse
Die Wahrnehmung des regionalen demografischen Wandels und die öffentlichen Diskurse über die künftigen Herausforderungen für Politik und Planung werden gegenwärtig von den hier beschriebenen tiefgreifenden Veränderungen der Bevölkerungsdynamik geprägt. Das Nebeneinander von wachsenden und schrumpfenden Regionen und die fortschreitende demografische Alterung bergen neue Herausforderungen. Während in vielen Regionen bisher Wachstum verteilt werden konnte, stellt sich heute die Frage, wie vor Ort mit geringeren Ressourcen für Schrumpfung und Alterung vorgesorgt werden kann. Schrumpfung und Alterung waren bisher die Ausnahme und ein Zeichen für Probleme peripherer Regionen und Phasen wirtschaftlicher Krisen, vor allem aber nicht nur in Ostdeutschland.
Die aktuellen Wachstums- und Schrumpfungsnarrative, die Bevölkerungsrückgang und Alterung mit stigmatisierenden Begriffen wie „Landflucht“ oder „sterbende Städte“ in Verbindung bringen, können eine sich selbst verstärkende negative Entwicklung begünstigen. Zudem beeinträchtigen sie eine sachliche Auseinandersetzung über mögliche Bewältigungsstrategien.
Regionale Bevölkerungsvorausberechnungen können wichtige Grundlagen zum Verständnis des demografischen Wandels liefern, um diese Diskurse und Narrative besser einordnen zu können. Alternative Varianten und Szenarien erlauben es dabei nicht nur, die Spannweite der Bevölkerungsdynamik und die damit absehbaren Herausforderungen zu bestimmen, sondern zeigen auch, wie weit oder wie wenig die Bevölkerungsdynamik beeinflussbar ist. In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren dabei gegenwärtig Befürchtungen, dass die Zwangsläufigkeit demografischer Entwicklungen durch Politik und Planung kaum noch zu bewältigen ist („Demographisierung“).
Bevölkerungsvorausberechnungen über relative kurze Spannen, bis zu einer Generation in die Zukunft, weisen aufgrund des beschriebenen Momentums tatsächlich vergleichsweise geringe Unsicherheitsspannen auf. Auch mit alternativen Annahmen ändern sich die Vorausberechnungsergebnisse für die Bevölkerungszahl zunächst nur begrenzt und für die demografische Alterung wenig. Erst über lange Vorausberechnungszeiträume nimmt die Unsicherheit zu, vor allem aufgrund der größeren Schwankungen unterliegenden Außenwanderung und schwer vorauszusehender lokaler Sondereffekte. Regionale Bevölkerungsvorausberechnungen können somit, über das demografische Momentum, zur Stigmatisierung von Räumen beitragen.
Zugleich sollte ein pessimistischer Demografie-Determinismus vermieden werden: Vorausberechnungen sind kein unveränderliches (negatives) Schicksal. Dies liegt jedoch nicht daran, dass unerwünschte demografische Prozesse beliebig beeinflusst werden könnten, sondern vor allem daran, dass Wahrnehmung und Bewertung von Bevölkerungsvorausberechnungen einerseits einer Verzerrung durch einen projection bias unterliegen, bei dem heutige Bewertungskriterien unreflektiert in die Zukunft übertragen werden, und andererseits einem Fehlschluss durch die Annahme, dass nur die Bevölkerung einer (vorauszuberechnenden) Veränderung unterliegt, nicht jedoch die übrigen in Zukunft relevanten sozioökonomischen Rahmenbedingungen.