Themen Mediathek Shop Lernen Veranstaltungen kurz&knapp Die bpb Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen Mehr Artikel im

Regionale Disparitäten der Bevölkerungsdynamik in Deutschland | Demografie | bpb.de

Demografie Editorial Mehr als Zahlen. Zur politischen Dimension demografischer Daten Demografie als Hard Power. Zur ökonomischen Bedeutung des demografischen Wandels Regionale Disparitäten der Bevölkerungsdynamik in Deutschland Demografie und Migration. Zu den Veränderungsdynamiken der deutschen Bevölkerung Getrieben von Angst und Ungleichheit. Demografiediskurse vom 19. Jahrhundert bis heute Auf dem Weg in die Gerontokratie? Demografische Machtverhältnisse in alternden Gesellschaften Schwieriger Spagat. Demografischer Wandel und Wirtschaftswachstum in China

Regionale Disparitäten der Bevölkerungsdynamik in Deutschland

Frank Swiaczny

/ 14 Minuten zu lesen

Die wachsenden regionalen Unterschiede in der Bevölkerungsdynamik stellen die Politik und Planung vor neue Herausforderungen. Regionen mit einer jungen und wachsenden Bevölkerung stehen solchen mit einer schrumpfenden und schnell alternden Bevölkerung gegenüber.

Die Bevölkerungsdynamik in Deutschland ist gegenwärtig von wachsenden regionalen Disparitäten geprägt, die Politik und Planung vor neue Herausforderungen stellen. Einerseits gibt es Regionen mit einer relativ jungen und noch immer (leicht) wachsenden Bevölkerung. Auf der anderen Seite gibt es Regionen, in denen die Bevölkerungszahl stagniert oder bereits schrumpft und der Prozess der demografischen Alterung schon weit fortgeschritten ist. Im Zuge der Alterung verschiebt sich der Schwerpunkt der Altersstruktur zugunsten der älteren Jahrgänge. Dies ist auf die langfristig steigende Lebenserwartung in Deutschland zurückzuführen: Sie betrug im Jahr 2000 75,1 Jahre für Männer und 81,1 Jahre für Frauen und stieg bis 2024 auf 78,5 bzw. 83,2 Jahre. Somit erreichen immer mehr Menschen ein hohes oder sogar sehr hohes Alter – eine sehr positive Entwicklung. Gleichzeitig werden durch das anhaltend niedrige Geburtenniveau zunehmend weniger Kinder geboren, sodass am Fuß des Bevölkerungsdiagramms immer kleiner werdende Jahrgänge nachwachsen. Aus der Altersstruktur resultiert ein Momentum, das auch als „demografische Trägheit“ bezeichnet wird, weil mit den schwachen Geburtsjahrgängen von heute eine kleinere Generation potenzieller künftiger Eltern nachwächst.

Komponenten des demografischen Wandels

Ob eine Region wächst oder schrumpft und wie sich ihre Altersstruktur verändert, hängt von der Anzahl der Geburten im Verhältnis zu den Sterbefällen – dem natürlichen Saldo der Bevölkerung – und der Zu- und Abwanderung aus anderen Regionen oder dem Ausland – dem Binnen- bzw. Außenwanderungssaldo – ab. Wenn in einem Jahr, wie in Deutschland seit 1972, weniger Kinder geboren werden als Menschen sterben, geht ohne den Einfluss der Zuwanderung die Bevölkerungszahl zwangsläufig zurück. Für den Ersatz der Elterngeneration sind dabei im Durchschnitt 2,1 Kinder je Frau erforderlich – ein Geburtenniveau, das in Deutschland seit etwa zwei Generationen nicht mehr erreicht wird. Nach einer zwischenzeitlichen Erholung des Geburtenniveaus auf Werte um 1,6 ist die durchschnittliche Anzahl an Kindern je Frau in den vergangenen Jahren erneut auf unter 1,4 gefallen. Gleichzeitig steigt durch die demografische Alterung der Bevölkerung die Anzahl an Sterbefällen. Mit einer weiteren Zunahme ist zu rechnen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer künftig das Ende ihrer Lebenserwartung erreichen und absterben. In Deutschland ist die Bevölkerung daher seit dem Beginn der 1970er Jahre nur noch durch den Einfluss der Zuwanderung aus dem Ausland gestiegen, die erheblichen zeitlichen Schwankungen unterlag.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das jährliche Geburtendefizit stark zugenommen und übersteigt seit 2022 die Schwelle von 300.000 Personen jährlich, bei einem weiter steigenden Trend. Durch moderate Wanderungsüberschüsse von 250.000 Personen pro Jahr, wie sie im langjährigen Durchschnitt seit dem Jahr 1955 verzeichnet wurden, kann das Geburtendefizit künftig nicht mehr kompensiert werden. Allerdings haben die großen Zuwanderungswellen der jüngsten Zeit den Beginn des erwarteten Bevölkerungsrückgangs immer wieder in die Zukunft verschoben – ohne dadurch die Alterung zu stoppen. Derzeit wird nach der mittleren Variante der Bevölkerungsvorausberechnung für Deutschland erwartet, dass die Bevölkerung ab 2026 zu schrumpfen beginnt und die Bevölkerungszahl bis zum Ende des Vorausberechnungszeitraums im Jahr 2070 von 83,5 Millionen (2024) auf dann 74,7 Millionen zurückgehen wird, mit einer erheblichen Spannweite um diese Variante, abhängig von den alternativen Annahmen für Geburtenniveau, Lebenserwartung und Wanderung (Abbildung 1).

Auch der Altenquotient, der angibt, wie viele Personen 67 Jahre und älter auf 100 Personen im Erwerbsalter von 20 bis 66 Jahren kommen, steigt in der mittleren Variante in diesem Zeitraum von 33,3 im Jahr 2024 auf 51,0 im Jahr 2070. Abbildung 1 zeigt darüber hinaus, dass der Altenquotient (in der rechten Spalte) auch in den Varianten mit hoher Zuwanderung und einer dadurch relativ hohen Bevölkerungszahl deutlich ansteigt. Im Gegensatz zur Bevölkerungszahl ist der Einfluss der Außenwanderung auf die Entwicklung der Alterung begrenzt, da auch Zugewanderte älter werden und so mittel- bis langfristig zur demografischen Alterung der Bevölkerung beitragen. Im Vergleich zum nationalen Trend des demografischen Wandels zeigen die regionalen Muster, je nach angenommenem Wanderungssaldo, deutlich größere Spannen möglicher künftigen Entwicklungen.

Regionale Bevölkerungsdynamik und demografisches Momentum

Der demografische Wandel in Deutschland, mit einem wachsenden negativen natürlichen Saldo und einer fortschreitenden demografischen Alterung, vollzieht sich in den Regionen sehr unterschiedlich. Die räumlichen Unterschiede im Geburtenniveau und der Lebenserwartung spielen dabei für die regionalen Disparitäten der Bevölkerungsdynamik nur eine untergeordnete Rolle. Maßgeblicher sind die Binnenwanderung zwischen den Regionen und vor allem die zahlenmäßig bedeutendere Außenwanderung. Regionen, die in der Vergangenheit größere Zuwanderungsgewinne von überwiegend jüngeren Personen verbuchen konnten, haben heute eine vergleichsweise junge Altersstruktur. Am Beispiel der kleineren Universitätsstädte lässt sich zeigen, dass ein durch Zuwanderung entstandener hoher Bevölkerungsanteil junger Frauen überdurchschnittliche Geburtenzahlen zur Folge haben kann, selbst wenn die Anzahl der Kinder je Frau hier im Durchschnitt relativ gering ist.

Die regionale Bevölkerung wird nicht nur durch die aktuelle Bevölkerungsentwicklung mit Wanderungsgewinnen und -verlusten bestimmt, sondern auch durch das demografische Momentum, das durch die Bevölkerungsdynamik der Vergangenheit geprägt wird. So spiegelt beispielsweise die Altersstruktur der peripheren Regionen Ostdeutschlands bis heute das nach der Wende zeitweise sehr stark gesunkene Geburtenniveau und die Abwanderung vieler junger Menschen nach Westdeutschland wider. Durch die fortgeschrittene Alterung weisen die betroffenen ostdeutschen Regionen heute einen relativ geringen Anteil an Menschen in der Familiengründungsphase auf, was sich wiederum in niedrigen Geburtenzahlen äußert. In der Vergangenheit angelegte Disparitäten werden so über das demografische Momentum in die Zukunft fortgeschrieben.

Bevölkerungsszenarien

Die regionalen Disparitäten der Bevölkerungsdynamik und ihre künftige Entwicklung sind eine wichtige Grundlage für die lokale Planung – vor Ort entscheidet sich vielfach die Lebensqualität der Menschen. Von der Bevölkerungszahl und Altersstruktur hängen Nachfrage und Tragfähigkeit von öffentlichen und privaten Infrastruktur- und Versorgungseinrichtungen ab. So erfordern Einzelhandelsstandorte beispielsweise eine ausreichende Nachfrage der Bevölkerung. Die öffentliche Infrastruktur wiederum wird auch vom aktuellen und künftigen Steueraufkommen der Bevölkerung bestimmt. Infrastruktur wird auf viele Jahrzehnte geplant, und bei rückläufiger Einwohnerzahl können die Pro-Kopf-Kosten in Zukunft stark steigen. Die Entwicklung der Arbeits- und Immobilienmärkte vollzieht sich schließlich vor dem Hintergrund des zu erwartenden regionalen Arbeitskräftepotenzials und der Nachfrage privater Haushalte nach Wohnraum.

Regionale Bevölkerungsvorausberechnungen spielen in diesem Kontext eine wichtige Rolle. Hier ist vor allem die regelmäßig aktualisierte regionale Bevölkerungsvorausberechnung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zu nennen, die für die Bundesraumordnung erstellt und auch von anderen Akteuren für ihre Planungsentscheidungen genutzt wird. Die aktuelle Vorausberechnung des BBSR bis 2045 basiert auf einer Berechnungsmethode mit einer Variante an Annahmen zum Geburtenniveau, der Lebenserwartung und den Binnen- bzw. Außenwanderungssalden, die aus den Trends der jüngeren Vergangenheit fortgeschrieben werden.

Da die Effekte des demografischen Momentums erst bei einem längeren Vorausberechnungshorizont deutlich werden und sich der Einfluss der größeren Schwankungen unterliegenden Binnen- und Außenwanderung auf die Bevölkerungsentwicklung und besonders auf die demografische Alterung nicht mit nur einer Annahmevariante zeigen lässt, haben das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) und das BBSR eine szenarienbasierte regionale Vorausberechnung für die 401 kreisfreien Großstädte und Landkreise bis zum Jahr 2070 vorgelegt. Für die Analyse der Ergebnisse wurden die 401 Kreise (Stand 2022) in vier Kreistypen untergliedert: Dazu zählen 66 kreisfreie Großstädte (Bevölkerungsanteil 29,3 Prozent), 137 städtische Kreise (39,7 Prozent), 102 ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen (17,0 Prozent) sowie 96 dünn besiedelte ländliche Kreise (14,1 Prozent). Die zwölf Szenarien kombinieren jeweils drei unterschiedliche Annahmen für die Binnen- und Außenwanderung sowie eine Annahme mit einem ausgeglichenen Außenwanderungssaldo von Null. Die Annahmen zu den regionalen Geburtenniveaus und der Lebenserwartung orientieren sich dabei an der BBSR-Vorausberechnung, die Annahmen zur Außenwanderung an den niedrigen (150.000 pro Jahr ab 2030), mittleren (250.000) und hohen (350.000) Annahmen der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts. Die Annahmen für die Binnenwanderung beruhen auf beobachteten Mustern, die Phasen mit Urbanisierungsprozessen (Zeitraum von 2006 bis 2011) bzw. Suburbanisierungsprozessen (2017 bis 2021) repräsentieren. Beide zusammen dienen als mittleres Basisszenario.

Die räumlichen Muster der Binnenwanderung weisen in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten eine zyklische Entwicklung auf. Phasen mit dominierenden Wanderungsströmen in die großstädtischen Kreise wechseln sich dabei mit Phasen ab, die von Wanderungsströmen aus den urbanen Zentren in die suburbanen und in einem geringeren Umfang auch in die ländlichen Kreise geprägt werden. Die Binnenwanderung folgt dabei dem Lebensverlauf: Junge Menschen ziehen im Saldo zunächst für Ausbildung und Beruf in die Städte und später zur Familiengründung häufig in die suburbanen Räume. Die Intensität dieses Trends schwankt und ist auch vom jeweiligen Wohnungsangebot abhängig. Mit dem Alter geht die Binnenwanderung schließlich stark zurück und steigt erst im sehr hohen Alter wieder leicht an. In jüngster Zeit waren auch Anzeichen einer Netto-Wanderung in die peripheren ländlichen Räume zu beobachten. Ob sich dies als Folge einer Flexibilisierung der Arbeit durch Homeoffice dauerhaft behaupten wird, ist derzeit offen. Denkbar ist auch, dass sich hierin eine – nur vorübergehend – angespannte Lage auf den städtischen Wohnungsmärkten spiegelt, die Haushalte aus finanziellen Gründen über die traditionellen suburbanen Räume hinaus in die ländlichen Gebiete verdrängt. Generell ist langfristig mit einem Rückgang der Binnenwanderung zu rechnen, weil die mobilen jungen Jahrgänge durch die demografische Alterung immer weiter schrumpfen werden, was mittelfristig auch zu einer Entspannung der Wohnungsmärkte beitragen kann.

Bevölkerungsdynamik in den Kreisen bis 2070

Ausgewählte Ergebnisse der szenarienbasierten Vorausberechnung für die Kreistypen finden sich in der Tabelle für die Entwicklung der indexierten Bevölkerungszahl (2022 entspricht 100) und dem Altenquotienten der Bevölkerung von 65 Jahren und älter im Verhältnis zu je 100 Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren, jeweils für das Ausgangsjahr 2022 sowie 2040 und 2070. Das Jahr 2040 bildet grob die Mitte des vorausberechneten Zeitraums und markiert den ungefähren Höhepunkt der demografischen Alterung, der in allen Szenarien gegen Ende der 2030er Jahre eintritt. Das jeweilige Minimum der Bevölkerung und die maximale Alterung mit dem höchsten Altenquotienten werden für Szenarien mit einem ausgeglichenen Außenwanderungssaldo Null erreicht. Die maximale Bevölkerung und die minimale Alterung mit den geringsten Altenquotienten entfallen auf Szenarien mit einem hohen Außenwanderungssaldo (350.000 pro Jahr). Bei identischen Außenwanderungsannahmen weisen die unterschiedlichen Binnenwanderungsszenarien (hier nicht dargestellt) nur geringe Abweichungen untereinander auf, während die unterschiedlichen Außenwanderungsszenarien eine erhebliche Spannweite zeigen.

2070 reicht die Spanne bei den Großstädten (Basis-Szenario der Binnenwanderung) von 85,5 bis 114,7 Prozent der Ausgangsbevölkerung von 24,3 Millionen Einwohnern. Bei den dünnbesiedelten ländlichen Kreisen sind es 76,4 bis 99,0 Prozent bei einer Ausgangsbevölkerung von 11,7 Millionen Einwohnern. Bei der mit dem Altenquotienten gemessenen demografischen Alterung sind die Unterschiede zwischen dem Minimum und Maximum eines Kreistyps relativ gering, die größten Unterschiede ergeben sich zwischen den Kreistypen. Den Großstädten mit Werten von 31,1 bis 35,7 stehen die dünnbesiedelten ländlichen Kreise mit Werten von 45,5 bis 52,1 gegenüber. Selbst im Jahr 2070 liegt der höchste Altenquotient der Großstädte noch unter den Werten der übrigen Kreistypen im Ausgangsjahr 2022.

Zusammenfassend lassen sich aus den Ergebnissen der Szenarien folgende Erkenntnisse gewinnen: Die Muster der regionalen Bevölkerungsentwicklung hängen maßgeblich von der Außenwanderung ab. Unter den günstigsten Annahmen erscheint für alle Kreistypen bis 2070 eine stabile bis geringfügig positive Bevölkerungsentwicklung möglich. Unter den ungünstigsten Annahmen ohne Außenwanderung geht die Bevölkerung dagegen auf unter 80 Prozent des Ausgangsniveaus zurück. Unter günstigen Annahmen können die Großstädte ihren Altenquotienten bis 2070 stabil halten. Für die anderen Kreistypen sind dagegen bis 2040, abhängig von den Annahmen, zum Teil erhebliche Anstiege zu erwarten, die sich bis 2070 wieder leicht reduzieren.

Betrachtet man die regionalen Muster in der kartografischen Darstellung nach Kreisen (Abbildung 2) und vergleicht den Altenquotient, so ergibt sich eine weitere wichtige Erkenntnis: Im Ausgangsjahr 2022 konzentrieren sich die niedrigen (jungen) Werte durchgängig vor allem in Westdeutschland sowie in Berlin mit Umland und einigen Großstädten in Ostdeutschland. In der Fläche waren die ostdeutschen Kreise 2022 bereits stark gealtert. Das Muster für 2070 weist dann eine völlig andere Verteilung junger Kreise auf. Eine relativ geringe Alterung zeigen künftig, bei einem mittleren Außenwanderungsszenario und dem Basisszenario der Binnenwanderung, in Westdeutschland vor allem die wirtschaftsstarken Großstädte mit ihrem suburbanen Umland und in Ostdeutschland ein Teil der Großstädte. Bis 2070 wird in diesem Szenario die demografische Alterung in Westdeutschland, mit Ausnahme der Großstädte, fast überall zunehmen – der Westen holt hier gegenüber dem Osten auf. Eine fortgeschrittene Alterung zeigen dann auch eine Reihe strukturschwacher peripherer Landkreise im Westen. In Ostdeutschland wird die Alterung gegenüber 2022 in den meisten Kreisen bis dahin nicht mehr wesentlich zunehmen und in einigen Kreisen sogar leicht zurückgehen. Das Muster der regionalen Alterung wandelt sich von einem Ost-West- zu einem Land-Stadt-Gefälle.

Bevölkerungs- und Vorausberechnungsdiskurse

Die Wahrnehmung des regionalen demografischen Wandels und die öffentlichen Diskurse über die künftigen Herausforderungen für Politik und Planung werden gegenwärtig von den hier beschriebenen tiefgreifenden Veränderungen der Bevölkerungsdynamik geprägt. Das Nebeneinander von wachsenden und schrumpfenden Regionen und die fortschreitende demografische Alterung bergen neue Herausforderungen. Während in vielen Regionen bisher Wachstum verteilt werden konnte, stellt sich heute die Frage, wie vor Ort mit geringeren Ressourcen für Schrumpfung und Alterung vorgesorgt werden kann. Schrumpfung und Alterung waren bisher die Ausnahme und ein Zeichen für Probleme peripherer Regionen und Phasen wirtschaftlicher Krisen, vor allem aber nicht nur in Ostdeutschland. Heute erscheinen sie zunehmend als ein neues „Normal“, für das Politik und Planung überall Lösungen finden müssen.

Die aktuellen Wachstums- und Schrumpfungsnarrative, die Bevölkerungsrückgang und Alterung mit stigmatisierenden Begriffen wie „Landflucht“ oder „sterbende Städte“ in Verbindung bringen, können eine sich selbst verstärkende negative Entwicklung begünstigen. Zudem beeinträchtigen sie eine sachliche Auseinandersetzung über mögliche Bewältigungsstrategien. Durch Schrumpfung können beispielsweise Tragfähigkeitsgrenzen unterschritten werden, sodass die für die Aufrechterhaltung gleichwertiger Lebensbedingungen erforderliche Infrastruktur nicht mehr in der gewohnten Form gewährleistet werden kann. In diesem Kontext besteht die Herausforderung darin, auch unter Schrumpfungsbedingungen eine Mindestausstattung zu erhalten, weil es zu erheblichen sozialen und ökonomischen Verwerfungen kommen kann, wenn der Abbau von öffentlichen Leistungen zu einer negativen Spirale von Abwanderung, Tragfähigkeitsverlusten und weiterem Rückbau von Infrastruktur führt.

Regionale Bevölkerungsvorausberechnungen können wichtige Grundlagen zum Verständnis des demografischen Wandels liefern, um diese Diskurse und Narrative besser einordnen zu können. Alternative Varianten und Szenarien erlauben es dabei nicht nur, die Spannweite der Bevölkerungsdynamik und die damit absehbaren Herausforderungen zu bestimmen, sondern zeigen auch, wie weit oder wie wenig die Bevölkerungsdynamik beeinflussbar ist. In der öffentlichen Wahrnehmung dominieren dabei gegenwärtig Befürchtungen, dass die Zwangsläufigkeit demografischer Entwicklungen durch Politik und Planung kaum noch zu bewältigen ist („Demographisierung“).

Bevölkerungsvorausberechnungen über relative kurze Spannen, bis zu einer Generation in die Zukunft, weisen aufgrund des beschriebenen Momentums tatsächlich vergleichsweise geringe Unsicherheitsspannen auf. Auch mit alternativen Annahmen ändern sich die Vorausberechnungsergebnisse für die Bevölkerungszahl zunächst nur begrenzt und für die demografische Alterung wenig. Erst über lange Vorausberechnungszeiträume nimmt die Unsicherheit zu, vor allem aufgrund der größeren Schwankungen unterliegenden Außenwanderung und schwer vorauszusehender lokaler Sondereffekte. Regionale Bevölkerungsvorausberechnungen können somit, über das demografische Momentum, zur Stigmatisierung von Räumen beitragen.

Zugleich sollte ein pessimistischer Demografie-Determinismus vermieden werden: Vorausberechnungen sind kein unveränderliches (negatives) Schicksal. Dies liegt jedoch nicht daran, dass unerwünschte demografische Prozesse beliebig beeinflusst werden könnten, sondern vor allem daran, dass Wahrnehmung und Bewertung von Bevölkerungsvorausberechnungen einerseits einer Verzerrung durch einen projection bias unterliegen, bei dem heutige Bewertungskriterien unreflektiert in die Zukunft übertragen werden, und andererseits einem Fehlschluss durch die Annahme, dass nur die Bevölkerung einer (vorauszuberechnenden) Veränderung unterliegt, nicht jedoch die übrigen in Zukunft relevanten sozioökonomischen Rahmenbedingungen. Annahmen und Ergebnisse von Bevölkerungsvorausberechnungen sollten für die Nutzung durch Politik und Planung daher in ihren Konsequenzen transparent kommuniziert und exklusive Expertendiskurse vermieden werden. Annahmevarianten und Szenarien können dabei eine wichtige Rolle spielen, weil mit ihnen die Abhängigkeit der Ergebnisse von den gewählten Annahmen und die Grenzen der Beeinflussung künftiger Entwicklungen durch die Wahl bestimmter Annahmen verdeutlicht werden können.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Disparitäten bezeichnet hier das Nebeneinander von – nicht gerechtfertigter – Ungleichheit. Vgl. zum politischen Ziel, gleichwertige Lebensverhältnisse im Bundesgebiet herzustellen Eva Barlösius/Claudia Neu (Hrsg.), Peripherisierung – eine neue Form sozialer Ungleichheit?, Berlin 2008; Eva Barlösius, Gleichwertig ist nicht gleich, in: APuZ 37/2006, S. 16–23; Eva Barlösius/Claudia Neu, „Gleichwertigkeit – Ade?“, in: Prokla 1/2007, S. 77–92; Rainer Danielzyk, Gleichwertigkeit unter Schrumpfungsbedingungen, in: Nachrichten der Akademie für Raumforschung und Landesplanung 2/2014, S. 16–21; Adrián C. Heiermann et al., Gleichwertigkeit von Lebensverhältnissen in Deutschland, Berlin 2024.

  2. Für eine Einführung in die regionale Bevölkerungsentwicklung in Deutschland vgl. Themenheft „Bevölkerungsgeographie Deutschlands“, Geographische Rundschau 1–2/2023; Paul Gans (Hrsg.), Räumliche Auswirkungen der internationalen Migration, Hannover 2014; Tim Leibert et al., Shifting Spatial Patterns in German Population Trends, in: Geographica Helvetica 3/2022, S. 369–387; Frank Swiaczny et al., Spatial Impacts of Demographic Change in Germany, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 2/2008, S. 181–205; Manuel Wolff et al., Mehr als Schrumpfung und Wachstum?, Leipzig 2000. Alle statistischen Angaben im Text, sofern nicht anders angegeben, nach Statistisches Bundesamt (Externer Link: https://www.destatis.de) und für die Kreise nach Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Externer Link: https://www.inkar.de).

  3. Vgl. Martin Bujard, Demografischer Wandel, Bonn 2022, S. 5–9; zur Veränderung der Bevölkerungsstruktur nach Bildung, Erwerbsleben und anderen Aspekten siehe Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), Demografischen Wandel neu entdecken, Wiesbaden 2022.

  4. Vgl. zur Bevölkerungsdynamik in Deutschland Bujard (Anm. 3), S. 12–22; BiB, Demographischer Wandel, Wiesbaden 2023; BiB, Zur demografischen Lage in Deutschland, in: Geographische Rundschau 12/2023; Claire Grobecker et al., Bevölkerung und Demographie, in: Statistisches Bundesamt/Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)/BiB (Hrsg.), Sozialbericht, Bonn 2024, S. 11–51.

  5. Vgl. Philipp Deschermeier, Einfluss der Zuwanderung auf die demografische Entwicklung in Deutschland, in: Institut der deutschen Wirtschaft, IW-Trends 2/2016, S. 21–38; Claus Schlömer/Frank Swiaczny, Zuwanderung nach Deutschland, in: Berichte. Geographie und Landeskunde 1/2015, S. 33–50; Frank Swiaczny, Demografischer Wandel und Migration in Deutschland, in: Petia Genkova/Tobias Ringeisen (Hrsg.), Handbuch Diversity Kompetenz, 2. Aufl., Wiesbaden 2026 (i.E.); Frank Swiaczny/Nadja Milewski, Internationalisierung der Migration und demographischer Wandel, in: Bernhard Köppen et al. (Hrsg.), Internationalisierung, Norderstedt 2012, S. 11–41.

  6. Vgl. Statistisches Bundesamt, 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, Wiesbaden 2025. Ein Außenwanderungssaldo von 250.000 Personen pro Jahr ab 2030 entspricht der mittleren Wanderungsannahme.

  7. Vgl. ebd., die aktuelle Vorausberechnung enthält 27 Varianten für die Annahmen. Für ausgewählte Varianten siehe Abbildung 1.

  8. Vgl. United Nations, Replacement Migration, New York 2000.

  9. Vgl. Laura Cilek et al., Future Subnational Population Change in Germany, in: Population, Space and Place 1/2025, Externer Link: https://doi.org/10.1002/psp.2871; Frank Swiaczny/Markus Dörflinger, Unterschiede der Bevölkerungsdynamik in Stadt und Land, in: BiB.Aktuell 10/2025, S. 4–8.

  10. Vgl. Swiaczny/Dörflinger (Anm. 9); Frank Swiaczny, Auswirkungen des demografischen Wandels auf die regionale Bevölkerungsdynamik in Deutschland, in: Raumforschung und Raumordnung 6/2015, S. 407–421; Wolff et al. (Anm. 2).

  11. Vgl. Steffen Maretzke et al., Raumordnungsprognose 2045, Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, BBSR-Analysen kompakt 4/2024.

  12. Vgl. Cilek et al. (Anm. 9), aktualisiert in Swiaczny/Dörflinger (Anm. 9). Aktualisierte Ausgangsbevölkerung und Gebietsstand der Kreise für das Jahr 2022.

  13. Vgl. Swiaczny/Dörflinger (Anm. 9).

  14. Vgl. Maretzke et al. (Anm. 11).

  15. Vgl. Statistisches Bundesamt (Anm. 6). Die Zuwanderung aus dem Ausland konzentriert sich auf die Ballungsräume und Städte, die ländlichen Räume erfahren Außenwanderung überwiegend aus der Zuweisung von Schutzsuchenden.

  16. Vgl. Nico Stawarz/Nikola Sander, The Impact of Internal Migration on the Spatial Distribution of Population in Germany Over the Period 1991–2017, in: Comparative Population Studies 44/2020, S. 291–316; Nico Stawarz et al., The Turnaround in Internal Migration Between East and West Germany Over the Period 1991 to 2018, in: Demographic Research 43/2020, S. 993–1008.

  17. Vgl. Susanne Dähner, Urbane Dörfer, Berlin 2019.

  18. Vgl. Swiaczny/Dörflinger (Anm. 9) für die Annahmen und Ergebnisse der hier nicht dargestellten Szenarien. In der Tabelle werden nur die Szenarien mit der Basis-Annahme für die Binnenwanderung wiedergegeben.

  19. Vgl. Jürgen Friedrichs, A Theory of Urban Decline, in: Urban Studies 6/1993, S. 907–917; Annegret Haase et al., Conceptualizing Urban Shrinkage, in: Environment and Planning A: Economy and Space 7/2014, S. 1519–1534; Manuel Wolff/Thorsten Wiechmann, Urban Growth and Decline, in: European Urban and Regional Studies 2/2018, S. 122–139.

  20. Vgl. Anm. 1 für Literatur zum Ziel, gleichwertige Lebensverhältnisse im Bundesgebiet zu schaffen.

  21. Vgl. Annett Steinführer, „Landflucht“ und „sterbende Städte“, in: Geographische Rundschau 9/2015, S. 4–10.

  22. Nach Swiaczny (Anm. 10), S. 408f.; vgl. Florian Breitinger et al., Zwischen Aufbruch und Rückkehr, Berlin 2025.

  23. Vgl. Eva Barlösius, Die Demographisierung des Gesellschaftlichen, in: dies./Daniela Schiek (Hrsg.), Demographisierung des Gesellschaftlichen, Wiesbaden 2007, S. 9–34; Stephan Beetz, Die Demographisierung ökonomischer, kultureller und sozialer Veränderungen am Beispiel des ländlichen Raumes, in: ebd., S. 221–246.

  24. Vgl. Ivana Milojević, Future Fallacies, in: Journal of Futures Studies 4/2021, S. 1–16; Adam Dorr, Common Errors in Reasoning About the Future, in: Technological Forecasting and Social Change 5/2017, S. 322–330.

  25. Vgl. United Nations Economic Commission for Europe, Recommendations on Communicating Population Projections, Geneva 2018.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Frank Swiaczny für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.
Sie wollen einen Inhalt von bpb.de nutzen?

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden sowie Lehrbeauftragter am Fachbereich Sozialwissenschaften, Medien und Sport der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.