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Mit Sisu in Sicherheit | Gesellschaft im Ernstfall | bpb.de

Gesellschaft im Ernstfall Editorial Krisendiskurse. Der normalisierte Ausnahmezustand und die Folgen Bevölkerungsschutz unter veränderten Vorzeichen Sicherstellung und Vorsorge. Aufgaben des Gesetzgebers bei der Gesamtverteidigung Von Mythen und Gespenstern. Panik, Chaos und die Bevölkerung in Katastrophen und Krieg Mit Sisu in Sicherheit. Katastrophen- und Zivilschutz in Finnland Bildung zur Wehrhaftigkeit. Zur Rolle kommunaler Bildungsstrukturen Vorsorge statt Verhinderung. Sicherheitskultur und Zukunftserwartungen im beginnenden Zeitalter der Preparedness

Mit Sisu in Sicherheit Katastrophen- und Zivilschutz in Finnland

Christine Leuchtenmüller

/ 12 Minuten zu lesen

Finnland behandelt Zivil- und Katastrophenschutz konsequent als gesamtgesellschaftliche Organisationsleistung: Sicherheit entsteht nicht allein im Verteidigungsministerium, sondern durch die Kooperation vieler Bereiche. Das Land gilt vielen daher als europäisches Vorbild.

Finnland gilt als eines der bestvorbereiteten Länder Europas im Bereich des Katastrophen- und Zivilschutzes. Naturkatastrophen, hybride Bedrohungen, militärische Konflikte, Energiekrisen, Pandemien oder großflächige Infrastrukturstörungen werden dort nicht als voneinander getrennte Einzelphänomene verstanden, sondern als miteinander verbundene potenzielle Risiken innerhalb eines umfassenden Sicherheitsverständnisses. Dieses Konzept firmiert unter Kokonaismaanpuolustus (Gesamtverteidigung) bzw. unter den englischen Begriffen Comprehensive Security und Total Defence und beruht auf der Grundannahme, dass Sicherheit nur dann tragfähig ist, wenn staatliche Institutionen, Wirtschaft, Zivilgesellschaft sowie Bürgerinnen und Bürger gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Mit der im Januar 2025 verabschiedeten „Security Strategy for Society“ hat Finnland dieses Modell erneut aktualisiert. Die Strategie beschreibt Comprehensive Security ausdrücklich als gemeinsamen Rahmen für Behörden, Unternehmen, Organisationen und Bürger und betont, dass sie die Grundlage gesellschaftlicher Resilienz bildet. Die finnische Sicherheitsarchitektur ist historisch gewachsen und zugleich bemerkenswert modern. Geprägt wird sie durch die 1.340 Kilometer lange Grenze zu Russland, durch die Erfahrung militärischer Bedrohung im 20. Jahrhundert, durch die geografische Randlage im Norden Europas und durch die Einsicht, dass die Verwundbarkeit moderner Gesellschaften nicht allein im militärischen Bereich, sondern ebenso in Stromnetzen, Datennetzen, Lieferketten, Krankenhäusern, Verkehrsverbindungen und Informationsräumen liegen kann. Sicherheit wird deshalb in Finnland nicht allein als Aufgabe des Militärs, sondern als eine Daueraufgabe des Gemeinwesens verstanden. Der Staat plant, koordiniert und priorisiert; die Kommunen setzen um; private Betreiber kritischer Infrastruktur werden systematisch eingebunden; und die Bevölkerung wird nicht nur geschützt, sondern aktiv vorbereitet. Die Sicherheitsstrategie von 2025 und die fortentwickelten Regierungsziele im Bereich der Versorgungssicherheit zeigen, dass Finnland auf die gegenwärtige sicherheitspolitische Lage mit einer breiten, strukturellen Anpassung reagiert. Die militärische Dimension bleibt wichtig, aber sie ist nur ein Pfeiler neben Katastrophenschutz, Zivilschutz, Cyberabwehr, wirtschaftlicher Resilienz, Schutz kritischer Infrastruktur und strategischer Kommunikation. Diese Verbindung macht das finnische Modell für andere europäische Staaten interessant: Es kombiniert klassische Verteidigungsfähigkeit mit ziviler Krisenfestigkeit.

In diesem Sinne versteht Finnland Resilienz als Fähigkeit, Ausfälle einzelner Systeme zu verkraften, Schocks politisch und administrativ zu verarbeiten und die lebenswichtigen Funktionen der Gesellschaft auch unter außergewöhnlichen Bedingungen aufrechtzuerhalten. Die „Security Strategy for Society“ ordnet diese lebenswichtigen Funktionen systematisch und verdeutlicht, dass Sicherheit nur dann glaubwürdig ist, wenn sie in allen Ressorts mitgedacht wird – von der Versorgung über den Verkehr bis hin zur Kommunikation, inneren Sicherheit und psychischen Widerstandsfähigkeit der Gesellschaft. Resilienz ist damit kein Zusatz, sondern eine Strukturfrage staatlicher Handlungsfähigkeit. Der NATO-Beitritt Finnlands im April 2023 hat diese Sicherheitsarchitektur erweitert. Finnland entschied sich nach Jahrzehnten militärischer Bündnisfreiheit bewusst für die Integration in die kollektive Verteidigung des Nordatlantikvertrages. Die NATO-Mitgliedschaft stärkt Abschreckung, operative Einbindung und politische Verlässlichkeit im Ernstfall.

Ein Schlüssel zum Verständnis des finnischen Modells liegt in der gesellschaftlichen Kultur. Häufig wird in diesem Zusammenhang auf den Begriff Sisu verwiesen – jene finnische Mischung aus Ausdauer, Ruhe, innerer Stärke und Beharrlichkeit. Sisu ist keine staatliche Doktrin, wohl aber ein kultureller Deutungsrahmen, der die Akzeptanz von Vorsorge, Wehrhaftigkeit und Eigenverantwortung mitprägt. In der Praxis zeigt sich das in der Wehrpflicht, in der starken Reserve, in der gesellschaftlichen Akzeptanz von Schutzräumen, in der Selbstvorsorge von Haushalten und in der Bereitschaft, staatlichen Empfehlungen im Krisenfall zu folgen. Finnland verbindet also staatliche Sicherheitsvorsorge mit einem gesellschaftlichen Ethos der Vorbereitung. Aus dieser Haltung heraus erklärt sich das finnische Preparedness-Modell: Haushalte sollen in der Lage sein, sich im Krisenfall mindestens 72 Stunden selbst zu versorgen. Dazu gehören Wasser, Lebensmittel, Medikamente, Kommunikationsmittel und ein Mindestmaß an Notfallplanung. Die Maßnahme wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, ist aber strategisch klug: Sie verschafft Behörden in den ersten Stunden einer Krise Handlungsspielraum, entlastet Rettungsdienste und stärkt das Gefühl individueller Handlungsfähigkeit. Resilienz entsteht so nicht allein durch zentrale Steuerung, sondern durch die Verteilung von Verantwortung auf viele Schultern. Genau darin liegt eine der Stärken des finnischen Modells.

Katastrophenschutz, Übungen und Schutzraum-Infrastruktur

Der Katastrophenschutz selbst ist institutionell eng mit diesem Gesamtansatz verknüpft. Das Innenministerium steuert die strategische Ebene des finnischen Rescue-Services-Systems, während Regionen, Kommunen und Rettungsdienste für die operative Umsetzung verantwortlich sind. Das System ist nicht nur auf Brände oder Verkehrsunfälle ausgerichtet, sondern auf ein breites Spektrum möglicher Lagen: extreme Wetterereignisse, Industrieunfälle, Massenanfälle von Verletzten, chemische, biologische, radiologische und nukleare Ereignisse, langanhaltende Stromausfälle, Störungen im Zahlungsverkehr oder Krisen mit mehreren gleichzeitig betroffenen Infrastrukturen. Diese Breite ist kein Nebenaspekt, sondern Ausdruck der Überzeugung, dass moderne Krisen selten linear verlaufen. Ein technischer Ausfall kann ein Gesundheitsproblem werden; ein Cybervorfall kann Verkehr und Energieversorgung treffen; eine Desinformationskampagne kann Rettungsabläufe erschweren.

Wie ernst Finnland diese operative Ebene nimmt, zeigen die regelmäßig durchgeführten Übungen. Die Übung „Rescue Borealis 2025“ brachte nach Angaben des finnischen Innenministeriums rund 700 Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen, dem Rettungswesen und anderen Sicherheitsbehörden aus Finnland, Schweden, Norwegen und Deutschland zusammen. Schwerpunkt waren Gefährdungslagen, ausgelöst durch chemische, biologische, radiologische oder nukleare Stoffe (CBRN-Lagen). Diese Übung wurde als eine der größten ihrer Art in den vergangenen Jahren in Europa beschrieben. Solche Übungen sind für das finnische Modell mehr als Training: Sie dienen dazu, sektorübergreifende Kommunikation zu testen, Rollen zu klären, politische und operative Führung miteinander zu verschränken und Verwundbarkeiten frühzeitig sichtbar zu machen. Gerade in einer Lage, in der Krisen sich schnell über Ländergrenzen hinweg ausbreiten können, ist diese mehrstufige Übungskultur ein entscheidender Vorteil.

Ein zweiter, besonders sichtbarer Baustein des finnischen Zivilschutzes ist die Schutzraum-Infrastruktur. Nach Angaben des finnischen Innenministeriums verfügt das Land über rund 50.500 Zivilschutzräume mit Platz für etwa 4,8 Millionen Menschen. Die Mehrheit dieser Schutzräume befindet sich in privaten oder gemeinschaftlichen Gebäuden; ihre Existenz ist also keine rein staatliche Ausnahmeinfrastruktur, sondern in den Alltag integriert. In Helsinki sind Schutzräume, Tunnel, Lager, Technikräume, Verkehrsverbindungen und multifunktionale unterirdische Anlagen Teil einer urbanen Sicherheitslogik, die mehrere Ziele zugleich verfolgt: Schutz im Krisenfall, effiziente Flächennutzung im Alltag und robuste Redundanzen für die Hauptstadtfunktion. Aktuelle Informationen aus dem finnischen Rettungswesen zeigen, dass die Stadt weiter in die Modernisierung ihrer Schutzräume investiert. 2024 wurde beispielsweise die umfassend renovierte Niemenmäki-Anlage wieder in Betrieb genommen; sie kann rund 2.300 Menschen aufnehmen und verdeutlicht, dass selbst kleinere Anlagen lokal eine vollständige Abdeckung eines Wohngebiets sicherstellen sollen.

Cyberabwehr und hybride Bedrohungen

Digitale und hybride Bedrohungen haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Finnland hat früh erkannt, dass moderne Verwundbarkeit immer stärker an vernetzten Systemen hängt – an Kommunikationsnetzen, Satellitendiensten, Plattformen, Datenaustausch, Logistiksoftware, digitalen Zahlungssystemen und industriellen Steuerungsanlagen. Mit der „Cyber Security Strategy 2024–2035“ hat die finnische Regierung diesen Befund konkretisiert. Die Strategie hebt die Rolle operativer Cyberbehörden hervor und bezeichnet das National Cyber Security Centre Finland als zentrale Stelle für Lagebild, Koordination und die Beobachtung nationaler Verwundbarkeiten. Wer Cybersicherheit nur als IT-Frage versteht, unterschätzt ihre politische und gesellschaftliche Tragweite. Finnland behandelt Cyber als Sicherheits-, Wirtschafts- und Resilienzthema zugleich.

Das National Cyber Security Centre Finland sammelt und analysiert Informationen zu Sicherheitsvorfällen, koordiniert Unterstützung und betreibt ein fortlaufendes Lagebild. Seine öffentlichen Wochenberichte und Jahresauswertungen zielen nicht nur auf Fachleute, sondern ausdrücklich auf ein breiteres Publikum. Informierte Bürgerinnen und Bürger sind ein wichtiger Teil strategischer Resilienz. In einer hybriden Lage zählt nicht nur, ob ein Staat technisch reagieren kann, sondern auch, ob Unternehmen, Medien, Kommunen und Bürger Risiken früh erkennen und ihr Verhalten anpassen können. Genau hier zeigt sich ein typischer finnischer Ansatz: Operative Expertise wird mit öffentlicher Kommunikation verbunden, ohne in Alarmismus zu verfallen.

Noch deutlicher wird die finnische Logik im Umgang mit hybriden Bedrohungen. Das in Helsinki ansässige European Centre of Excellence for Countering Hybrid Threats, kurz Hybrid CoE, hat sich seit seiner Gründung zu einem zentralen Knotenpunkt europäischer Debatten über hybride Einflussnahme entwickelt. Das Zentrum beschreibt hybride Bedrohungen als koordinierte und synchronisierte Aktivitäten, die gezielt die systemischen Verwundbarkeiten demokratischer Staaten und Institutionen angreifen und dabei die Schwellen von Erkennung und Zuschreibung ausnutzen. Ein Cyberangriff, eine Sabotagehandlung, wirtschaftlicher Druck, manipulierte Narrative oder die Instrumentalisierung rechtlicher Grauzonen werden nicht getrennt, sondern als Bestandteile eines strategischen Gesamtbilds gelesen.

Hybride Aktivitäten versuchen gezielt, das Vertrauen in den Staat und in die Institutionen zu untergraben und Unsicherheit zu verbreiten. Sie bleiben bewusst unter der Schwelle eines bewaffneten Konfliktes. Häufig herrscht Unklarheit über Täter und Motivation. Für Finnland ist das keine theoretische Debatte: Die nordeuropäische und baltische Region war in den vergangenen Jahren wiederholt von GPS-Störungen, elektronischer Beeinflussung, Druck auf Untersee-Infrastruktur und Desinformationskampagnen betroffen. Im Ostseeraum kam es zu wiederholten Störungen des Luft- und Seeverkehrs, etwa im Zusammenhang mit Finnair-Flügen nach Tartu, die wegen massiver GPS-Störungen nicht landen konnten. Solche Vorfälle zeigen sehr anschaulich, wie hybride Operationen den Alltag treffen können, ohne dass ein klassischer militärischer Angriff vorliegt. Hybride Aktivitäten testen Reaktionsfähigkeit, Rechtsrahmen, politische Botschaften und gesellschaftliche Resilienz gleichzeitig. Auch Immobilien, Häfen, Lagerflächen, Verkehrskorridore, Telekommunikationspunkte und Energieanlagen können Teil eines strategischen Lagebilds sein. Wer hybride Bedrohungen ernst nimmt, muss deshalb über klassische Geheimdienst- oder Cyberfragen hinausdenken.

Hier liegt wiederum die Stärke des Hybrid CoE. Das Zentrum ist keine operative Einsatzbehörde, sondern ein internationales Expertennetzwerk und Trainingszentrum, offen für EU- und NATO-Staaten. Es fördert ausdrücklich einen Whole-of-Government- und Whole-of-Society-Ansatz. Dieser Ansatz beschreibt genau jene Verbindung, die Finnland seit Jahren praktiziert: Sicherheit entsteht nicht allein im Verteidigungsministerium oder bei Nachrichtendiensten, sondern in der Kooperation von Außenpolitik, Innenpolitik, Verkehr, Energie, Digitalpolitik, Wirtschaft, Medien, Bildung und Zivilgesellschaft. Das Hybrid CoE übersetzt diese Erfahrung in Szenarien, Schulungen, Analysen und politische Lernprozesse für Partnerstaaten. Dass 2025 in Helsinki erneut europäische Trainings zum Beitrag des Cyberraums in hybriden Konflikten stattfanden, unterstreicht die anhaltende Relevanz des Standorts für die europäische Sicherheitsdebatte.

Versorgungssicherheit und strategische Handlungsfähigkeit

Ein weiterer, häufig unterschätzter Pfeiler des finnischen Sicherheitsmodells ist die materielle und wirtschaftliche Resilienz. Die National Emergency Supply Agency (NESA) ist das Herzstück des finnischen Systems zur Sicherung der Versorgung in Krisen- und Ausnahmefällen. Das Ministerium für Wirtschaft und Beschäftigung beschreibt Versorgungssicherheit als Sicherung kritischer Funktionen der Gesellschaft bei schweren Störungen. Die rechtlichen Rahmenbedingungen wurden zuletzt reformiert, und seit April 2026 gilt ein neues Sicherheitsversorgungsgesetz, das die Aufgaben und den Behördenstatus der NESA präzisiert. Bereits die im Oktober 2024 verabschiedeten neuen staatlichen Ziele für die Versorgungssicherheit verdeutlichen, dass Finnlands veränderte Sicherheitslage und der gestiegene Vorbereitungsgrad die Ausgangspunkte der neuen Prioritäten sind.

Die NESA koordiniert strategische Reserven und Vorhaltestrukturen in Bereichen wie Energie, Lebensmittel, Gesundheit und Logistik sowie bei industriellen Schlüsselkomponenten. Das System geht deutlich über klassische Notvorräte hinaus. Es verbindet gesetzliche Grundlagen, Finanzierungsinstrumente, sektorale Netzwerke und eine eng institutionalisierte Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft. Genau diese öffentlich-private Kooperation ist charakteristisch für Finnland. Unternehmen in kritischen Sektoren sind nicht nur Objekte staatlicher Regulierung, sondern Träger von Vorsorgeverantwortung. Die NESA-Strategie 2024–2027 betont ausdrücklich, dass die Inhalte und die Skalierung der Vorsorgearbeit an die veränderte Sicherheitslage angepasst werden müssen. In der Praxis bedeutet das: Versorgungssicherheit wird als strategische Daueraufgabe geführt und sehr ernst genommen.

Besonders stark ist an diesem Modell, dass Versorgungssicherheit nicht nur für den Kriegsfall gedacht wird. Sie ist ebenso relevant für Störungen globaler Lieferketten, Energiepreisschocks, Pandemien, Cybervorfälle, extreme Winter, Ausfälle im Zahlungsverkehr oder Störungen des Seeverkehrs. Das macht die NESA zu einem Bindeglied zwischen wirtschaftlicher Rationalität und nationaler Resilienz. Die Frage lautet nicht allein, ob genügend Vorräte vorhanden sind, sondern ob Systeme, Zuständigkeiten, Kommunikationswege und Entscheidungsrechte so organisiert sind, dass ein Land unter Druck weiter funktionieren kann. Genau in dieser Verbindung von Lager, Netz, Recht und Steuerung liegt der eigentliche strategische Mehrwert.

Das gilt umso mehr, als moderne Krisen fast nie eindimensional sind. Ein Cyberangriff auf Logistiksoftware kann medizinische Lieferungen verzögern. Eine Störung von Zahlungsdiensten kann das Vertrauen in staatliche Handlungsfähigkeit unterminieren. Ein Sabotageakt gegen Energieinfrastruktur kann zugleich von einer Desinformationskampagne begleitet werden, die den Eindruck politischer Ohnmacht verstärken soll. Deshalb ist es sinnvoll, dass Finnland Cyberabwehr, Versorgungssicherheit und Katastrophenschutz nicht nebeneinander, sondern zusammen denkt. Die „Security Strategy for Society“ von 2025, die „Cyber Security Strategy 2024–2035“ und die Regierungsziele zur Versorgungssicherheit von 2024 weisen genau in diese Richtung.

Hinzu kommt die politische Kommunikation. Ein resilientes System ist nur dann belastbar, wenn die Bevölkerung ihm vertraut. Finnland schneidet beim Vertrauen in Institutionen international regelmäßig stark ab, und dieses Vertrauen hat sicherheitspolitische Relevanz. Es erleichtert Krisenkommunikation, erhöht die Akzeptanz unpopulärer Maßnahmen und reduziert die Angriffsfläche für Desinformation. Eine Bevölkerung, die den Staat nicht für allmächtig hält, ihm aber Kompetenz zuschreibt und Vertrauen entgegenbringt, reagiert anders auf Krisenbotschaften als eine hochpolarisierte Öffentlichkeit. Das ist vielleicht die wichtigste Lehre des finnischen Modells: Resilienz ist nicht nur eine Frage von Technik, Gesetzgebung und Budget, sondern auch von politischer Kultur.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich, warum Finnland in europäischen Debatten zunehmend als Vorbild genannt wird. Beobachter verweisen darauf, dass das Land einen sehr großen Teil seiner Bevölkerung durch Schutzräume absichern kann, starke Reservestrukturen besitzt, Versorgungssicherheit als strategisches Feld behandelt und hybride Bedrohungen nicht nur analysiert, sondern institutionell bearbeitet. Gerade der Schutzraumsektor, die digitale Lagebeobachtung, die Kooperation mit der Wirtschaft und die dichte Übungskultur werden in der europäischen Diskussion immer wieder hervorgehoben. Finnland zeigt, dass Sicherheit nur dann nachhaltig wird, wenn sie als Querschnittsaufgabe organisiert ist. Das bedeutet erstens, dass Krisenvorsorge ressortübergreifend geplant wird; zweitens, dass Staat und Privatwirtschaft nicht getrennt voneinander agieren, und drittens, dass die Bevölkerung nicht bloß als Adressat von Warnungen, sondern als Teil der Lösung gesehen wird.

Für Deutschland und andere europäische Staaten kann dieser Ansatz von Relevanz sein. Wer Finnland betrachtet, sieht kein perfektes oder einfach kopierbares Modell. Die historischen Erfahrungen, die geringe Bevölkerungszahl, die politische Kultur und die geografische Lage sind nicht eins zu eins übertragbar. Jedoch bieten die Grundprinzipien des Comprehensive-Security-Konzepts viele Anknüpfungspunkte: klar definierte Verantwortlichkeiten, ein gemeinsames Lageverständnis, dauerhafte Übungskultur, materielle Vorsorge, institutionalisierte Kooperation mit der Wirtschaft, ein realistischer Blick auf hybride Bedrohungen und ein Staat, der Resilienz als Kernaufgabe versteht. In diesem Sinne kann Finnland ein Vorbild sein, weil es Sicherheit konsequent als gesamtgesellschaftliche Organisationsleistung behandelt.

Damit sendet Finnland eine nüchterne, aber wichtige Botschaft an Europa. Moderne Krisenvorsorge beginnt nicht erst, wenn der Ernstfall eintritt. Sie entsteht lange vorher: in der Gesetzgebung, in der Raumplanung, im Rettungswesen, in der Cyberstrategie, in Energie- und Lagerpolitik, in Übungen, in Netzwerken zwischen Behörden und Unternehmen und nicht zuletzt in einer politischen Kultur, die Vorbereitung nicht als Alarmismus, sondern als Ausdruck staatlicher Verantwortung begreift. Gerade angesichts einer verschärften Sicherheitslage in Europa, der Zunahme hybrider Angriffe und der fortschreitenden Digitalisierung kritischer Systeme ist dieses Denken aktueller denn je. Finnland zeigt, dass Wehrhaftigkeit und Offenheit kein Widerspruch sein müssen – vorausgesetzt, ein Staat nimmt die Verwundbarkeit seiner offenen Gesellschaft ernst und organisiert ihre Resilienz systematisch. Das macht den finnischen Katastrophen- und Zivilschutz zu weit mehr als einem nationalen Sonderfall. Es macht ihn zu einem der interessantesten sicherheitspolitischen Modelle Europas.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Government of Finland, Security Strategy for Society, Helsinki 2025.

  2. Vgl. Ministry of Economic Affairs and Employment Finland, Information on the Security Strategy for Society, Helsinki 2025.

  3. Vgl. Government of Finland, Report on Finland’s Foreign and Security Policy, Helsinki 2024.

  4. Vgl. Government of Finland (Anm. 1).

  5. Vgl. North Atlantic Treaty Organization (NATO), Finland Joins NATO: Strategic Implications, Brüssel 2023.

  6. Vgl. Finnish Ministry of the Interior, Preparedness and Civil Protection in Finland, Helsinki 2023.

  7. Vgl. Finnish Ministry of the Interior, 72 Hours – Preparedness Recommendations for Households, Helsinki 2024.

  8. Vgl. dass., Rescue Services in Finland, Helsinki 2024.

  9. Vgl. dass., Rescue Borealis 2025 Exercise Report, Helsinki 2025.

  10. Vgl. dass., Civil Defence Shelters in Finland, Helsinki 2024.

  11. Vgl. City of Helsinki Rescue Department, Renovation of Niemenmäki Civil Defence Shelter, Helsinki 2024.

  12. Vgl. Government of Finland, Finland’s Cyber Security Strategy 2024–2035, Helsinki 2024.

  13. Vgl. National Cyber Security Centre Finland (NCSC-FI), Cyber Security Review and Threat Landscape Reports, Helsinki 2025.

  14. Vgl. European Centre of Excellence for Countering Hybrid Threats, Hybrid Threats: Conceptual Framework, Helsinki 2025.

  15. Vgl. Minna Ålander/Patrik Oksanen (Hrsg.), Russia’s Hybrid War: The Northern Front, Free World Forum (Frivärld)/Konrad-Adenauer-Stiftung, Stockholm 2025.

  16. Vgl. European Centre of Excellence for Countering Hybrid Threats, The Role of Cyber in Hybrid Conflict, Helsinki 2025.

  17. Vgl. Ministry of Economic Affairs and Employment Finland, Security of Supply in Finland, Helsinki 2026.

  18. Vgl. National Emergency Supply Agency (NESA), Strategy 2024–2027, Helsinki 2024.

  19. Vgl. Government of Finland, Government Decision on the Objectives of Security of Supply, Helsinki 2024.

  20. Vgl. Organisation for Economic Co-Operation and Development (OECD), Trust in Government Indicators, Paris 2025.

Lizenz

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Christine Leuchtenmüller für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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ist Politikwissenschaftlerin und seit Dezember 2025 Leiterin des Auslandbüros Nordische Länder der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sitz in Stockholm. Vorher war sie Landesbeauftragte und Leiterin des Politischen Bildungsforums Hamburg.