Im Dezember 2018 gingen Demonstrierende in der nordsudanesischen Stadt Atbara auf die Straßen. Sie protestierten gegen die Abschaffung der Subventionierung von Brot und anderen Verbrauchsgütern durch das Regime Umar al-Baschirs, einer Militärdiktatur, die seit fast 30 Jahren an der Macht war. Von Atbara verbreiteten sich die Proteste rasch im ganzen Land – bis in die Hauptstadt Khartum, nach Port Sudan am Roten Meer und Darfur im Westen. Mit der wachsenden Zahl der Proteste stiegen auch ihre Forderungen: Die Demonstrierenden verlangten den Sturz des Regimes. Im April 2019 organisierten sie eine Sitzblockade vor dem Hauptquartier der Armee in Khartum. Binnen weniger Tage wurde Umar al-Baschir unter dem wachsenden Druck der zivilen Massenproteste, an denen sich Millionen beteiligten, gestürzt. Die Dezemberrevolution markierte einen Höhepunkt in der Geschichte des Sudan seit seiner Unabhängigkeit 1956: Sie bekräftigte die Kraft ziviler Proteste und den Wunsch der Bevölkerung nach einer demokratischen Regierung. Die Revolution verkörperte aber auch einen Moment, in dem die sudanesische nationale Identität auf radikale Weise neu interpretiert wurde.
Die Kunst spielte bei dieser Neuinterpretation eine zentrale Rolle. In den 30 Jahren der Baschir-Diktatur wurden Kunst und Kultur unterdrückt, vor allem, wenn sie nicht der islamistisch-fundamentalistischen Ideologie entsprachen. Mit der Dezemberrevolution konnten sich lange zensierte künstlerische Ausdrucksformen frei entfalten. Während Demonstrierende Plätze und Straßen besetzten, entstand überall spontan Kunst: Murals würdigten die „Märtyrer“ der Revolution, von Sicherheitskräften getötete Demonstrierende, und Graffiti forderten Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit. Öffentlich vorgetragene Lyrik, oft spontan verfasst, verlieh dem Leid der Menschen eine Stimme und prangerte Missstände wie Korruption und die zahlreichen Verbrechen des Regimes an. Durch Musik und Tanz brachten die Menschen Freude, Trotz und Widerständigkeit zum Ausdruck.
Die 2018 und 2019 aufgeblühte Kulturszene vermittelte in ihren Murals, Liedern und Gedichten, durch Musik und Tanz neue Visionen für den Sudan, für und aus der Bevölkerung. Die Kunst brachte die Menschen nicht nur zusammen und inspirierte sie; sie bot auch subversive Gegenerzählungen zum Autoritarismus des Regimes und entwarf neue Möglichkeiten für die sudanesische Gemeinschaft und Nation. Dieser Aufbruch fiel mit einer allgemeinen kulturellen Blüte in der Literatur, bildenden Kunst und im Film zusammen, die bereits kurz vor der Revolution einsetzte und weiterhin Früchte trägt – trotz des aktuellen Krieges, der im April 2023 ausbrach.
In meinem Artikel möchte ich anhand von zwei Kunstformen – Literatur und Film – untersuchen, wie Schriftsteller*innen und Filmemacher*innen die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Sudan neu interpretieren. Das kann natürlich kein umfassender Überblick sein, doch ich werde einige wegweisende Werke vorstellen, die unmittelbar vor, während oder nach der Revolution entstanden und einen Einstieg in die Themen und Konzeption der Kunst der Dezemberrevolution bieten.
Literatur: Gegenwart durch die Vergangenheit neu denken
Die zeitgenössische Literatur befasst sich in erster Linie mit dem Versagen des kolonialen wie postkolonialen Staates. Unter den maßgeblichen Werken, die nach der Revolution veröffentlicht wurden, finden sich einige historische Romane, die die aktuellen Probleme und Möglichkeiten des Sudan im Kontext historischer Ereignisse beleuchten. Zu den wichtigsten zählt Leila Aboulelas 2023 erschienener und auf Englisch verfasster Roman „River Spirit“, der den Mahdi-Aufstand von 1881 thematisiert, eine der ersten Revolutionen der Dekolonialisierung auf dem afrikanischen Kontinent. Der Aufstand, der von Muhammad Ahmad „al-Mahdi“ („der Auserwählte“) initiiert wurde, einem charismatischen religiösen Führer und Guerillakämpfer, brachte das Ende der osmanisch-ägyptischen Kolonialherrschaft im Sudan (1821–1885).
Der Mahdi-Aufstand einte Menschen unterschiedlicher Schichten und ethnischer Gruppen aus dem ganzen Sudan, die sich um den Mahdi scharten und seine Rebellion gegen die osmanisch-ägyptische Herrschaft und die britische Besatzung unterstützten. Doch auch diese Revolution hatte ihre Schattenseiten: Unter der mahdistischen Herrschaft wurde die Sklaverei – eine tragende Säule der Kolonialwirtschaft – noch stärker im System verankert, wodurch sich die Spaltung zwischen bestimmten Gruppen weiter vertiefte. Auch der religiöse Fanatismus des Mahdi und seiner Anhänger war umstritten. Aboulela setzt sich in ihrer nuancierten Darstellung mit der Vielschichtigkeit und Ambivalenz dieser Revolution auseinander, die den historischen Rahmen für „River Spirit“ liefert. Dabei geht sie auch auf viele aktuelle Herausforderungen des Sudan ein: die korrupte Herrschaft einer ausbeuterischen Elite, religiöser Fundamentalismus, Möglichkeiten und Methoden der Befreiung und natürlich Krieg und Revolution. In der Auseinandersetzung mit dem transsaharischen Sklavenhandel, dem vor allem Menschen aus dem südlichen „Hinterland“ zum Opfer fielen, beleuchtet der Roman zudem die Ursachen für die bis heute bestehende Ungleichheit zwischen den verschiedenen Regionen und ethnischen Gruppen im Sudan.
Stella Gaitanos Roman „Edo’s Souls“ ist etwas näher an der Gegenwart angesiedelt und spielt hauptsächlich in den 1970er Jahren während der Militärdiktatur von Dschafar an-Numairi (1969–1985).
Gender, Klassenzugehörigkeit und ethnische Identität
An den literarischen Werken, die im Umfeld der Dezemberrevolution entstanden, fällt auf, dass sie die Geschichten und Erfahrungen von Personen in den Mittelpunkt stellen, die in der Geschichte des Sudan als Nationalstaat marginalisiert und ausgegrenzt wurden: Frauen, Angehörige bestimmter ethnischer Gruppen und andere Entrechtete und Unterdrückte.
Es waren vorrangig die beiden langjährigen Diktaturen unter Dschafar an-Numairi und unter Umar al-Baschir, die der sudanesischen Bevölkerung eine islamisch-fundamentalistische Herrschaft aufzwangen, unter deren Folgen Frauen besonders litten. Vor allem unter Baschir wurde die Kontrolle über den Körper und das Leben der Frauen zu einem wesentlichen Herrschaftsmerkmal: Frauen und Mädchen wurden überwacht und wegen „sittlicher Vergehen“ belangt und inhaftiert, zu denen etwa das Tragen unangemessener Kleidung, die Herstellung und der Verkauf von Alkohol oder sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe zählten.
Angesichts der Gängelung durch das Baschir-Regime überrascht es nicht, dass Frauen in der Dezemberrevolution, die zu Baschirs Sturz führte, eine maßgebliche Rolle spielten. Frauen trieben die Revolution als Organisatorinnen, Aktivistinnen und Demonstrantinnen mit voran und unterstützten sich dabei gegenseitig. Auch in der zeitgenössischen sudanesischen Literatur bilden Frauen die Vorreiterinnen und haben Gender zu einem zentralen Anliegen ihres Schreibens gemacht.
Ein wichtiges Werk ist in diesem Zusammenhang Reem Gafars „A Mouth Full of Salt“ (2024), in dem das Leben dreier Frauen im heutigen Sudan geschildert wird. Der Roman, der überwiegend in einem kleinen Dorf am Ufer des Nils spielt, beschreibt den Druck und die Herausforderungen, mit denen Frauen in einer patriarchalen Gesellschaft konfrontiert sind, in der die Identität einer Frau ausschließlich über Ehe, Mutterschaft und Ehre definiert wird. Auch die Gewalt durch weibliche Genitalverstümmelung wird im Roman thematisiert. In „River Spirit“ muss Leila Aboulelas Protagonistin Akuany ihre Unterdrückung als versklavte Frau überwinden und einen Weg in die Freiheit finden. Stella Gaitanos Heldinnen in „Edo’s Souls“ – die sowohl aus dem Süden als auch aus dem Norden kommen – kämpfen gegen die vielfältigen Formen der Unterdrückung im Krieg, durch Patriarchat und Diktatur, um sich und ihren Kindern Wege in die Zukunft zu bahnen. In all diesen Texten setzen sich Frauen sowohl gegen häusliche Unterdrückung durch Ehemänner oder andere Verwandte, die sie misshandeln, als auch gegen umfassendere, externe Formen der Repression zur Wehr.
Auch Autorinnen der sudanesischen Diaspora tragen zu diesem neuen literarischen Erbe bei: So befasst sich die sudanesisch-US-amerikanische Autorin Safia Elhillo in ihrem Gedichtband „Girls That Never Die“ (2022) oder dem Versroman „Home Is Not a Country“ (2021) mit der Schnittstelle von Gender, Diaspora und Migration und zentriert dabei meist weibliche Figuren, die zwischen verschiedenen Kulturen, Sprachen und konkurrierenden Wertvorstellungen leben.
Die aktuelle sudanesische Literatur rückt jedoch nicht nur weibliche Perspektiven in den Vordergrund, sondern erzählt auch die Geschichten anderer benachteiligter Schichten und ethnischer Gruppen. Rania Mamouns schmaler Kurzgeschichtenband „Thirteen Months of Sunrise“, der erstmals 2009, also fast zehn Jahre vor der Dezemberrevolution, auf Arabisch erschien, wurde 2019 auf Englisch veröffentlicht. Er erzählt von Ausgegrenzten und Entrechteten im städtischen Umfeld: eine Obdachlose, die im Schatten einer Moschee lebt; eine Mutter, die versucht, Geld für eine Nierentransplantation aufzutreiben, um ihr krankes Kind zu retten; eine weitere Mutter, die ihre fünf Kinder nicht ernähren kann; eine an Diabetes erkrankte Erzählerin, die verzweifelt nach Essen sucht. In Vignetten, die flüchtige Momente einfangen und Einblicke in das Leben der Figuren geben, blitzen zwischen der Grausamkeit von Armut und Hunger Augenblicke bewegender Intimität hervor.
Abdelaziz Baraka Sakins Buch „The Jungo: Stakes of the Earth“ (2009) ist ein weiteres wegweisendes Werk. Im Mittelpunkt der Handlung stehen die „Jungo“, eine Gruppe schlecht bezahlter Saisonarbeiter*innen aus dem Westen des Sudan, die im Osten des Landes für wohlhabende Großgrundbesitzer ackern und Cash Crops wie Sesam anbauen und ernten. Der Erzähler in Sakins Roman besucht die Stadt al-Hillah im Osten und beschließt, sich dort niederzulassen. Aus seiner Perspektive werden verschiedene Charaktere geschildert, die sich mit ausbeuterischen Landbesitzern, Banken und staatlicher Repression auseinandersetzen müssen. Ein anderer Roman Sakins, „Der Messias von Darfur“ (2012), befasst sich mit dem Krieg, den das Baschir-Regime Anfang der 2000er Jahre gegen afrikanischstämmige ethnische Gruppen – vor allem den Fur, Zaghawa und Masalit – in der Region Darfur in genozidaler Absicht führte. Der Roman schildert die Verbrechen der Dschandschawid – paramilitärische Milizen, die vom Regime eingesetzt wurden, um einen in der Region ausgebrochenen Aufstand niederzuschlagen – und prangert die extreme Gewalt und Verfolgung an, der die betroffenen Gruppen in Darfur ausgesetzt waren. Viele Bücher Sakins, dessen Vorfahren aus Darfur stammen, waren aufgrund ihrer sozial- und regimekritischen Themen während der Baschir-Diktatur verboten. Wegen seiner schriftstellerischen Tätigkeit war er mehrfach inhaftiert, bis er schließlich ins Exil nach Österreich ging, wo er seit 2012 lebt.
Auch prägt die südsudanesische Geschichte und Identität viele der Werke: Eine Protagonistin in Gaafars „Mouth Full of Salt“ ist Nyamakeem, eine Frau aus dem Südsudan, die mit ihrem nordsudanesischen Ehemann in den Norden zieht. Ihre Ausgrenzungserfahrung spiegelt die allgemeine Erfahrung der Südsudanes*innen als marginalisierte Bevölkerungsgruppe wider, die systematischer Diskriminierung und Ausbeutung ausgesetzt ist. Auch Gaitanos „Edo’s Souls“ stellt die Erfahrungen ihrer südsudanesischen Charaktere in den Vordergrund, die aufgrund der sozialen und politischen Ordnung des Nordens in prekären Verhältnissen leben. Aboulelas Heldin Akuany in „River Spirit“ stammt ebenfalls aus dem Südsudan, genauer aus Malakal, einer Region, die sozial, politisch und wirtschaftlich an den Rand gedrängt wurde.
Die sudanesischen Autor*innen halten dem autoritären Staat einen Spiegel vor, dessen Ideologie die Geschichte des Sudan seit der Unabhängigkeit in weiten Teilen dominiert hat. Diese Ideologie – gekennzeichnet durch ein extremes Patriarchat, die Unterdrückung vor allem afrikanischstämmiger ethnischer Gruppen und unterprivilegierter Schichten sowie die Ausbeutung der Bevölkerung an der geografischen „Peripherie“ des Landes – ist die Ursache für die weitverbreitete Ungerechtigkeit, für Krieg und sogar Völkermord. Indem die aktuelle sudanesische Literatur nun die Gruppen, die bisher an den Rand gedrängt wurden, in den Mittelpunkt stellt, sich an die geografischen und sozialen „Ränder“ des Landes begibt und Geschichten von dort erzählt, bringt sie die Aufteilung in „Zentrum und Peripherie“, die Khartum (und die herrschende Elite) als Mittelpunkt der sozialen und politischen Macht verortet, ins Wanken.
Darüber hinaus erschaffen die Autor*innen eine inklusivere Sicht auf den Sudan, indem sie die sichtbaren und unsichtbaren Verbindungen zwischen den verschiedenen Gruppen im Sudan aufzeigen – trotz der Versuche des autoritären Regimes, die Bevölkerungsgruppen und Regionen zu spalten und die Fragmentierung für ihre Zwecke auszunutzen: Muslime gegen Christen, Norden gegen Süden, Khartum gegen die Peripherie. Viele Werke beschreiben unkonventionelle „Wahlfamilien“, deren Bindungen und Beziehungen ethnische, kulturelle und religiöse Grenzen überwinden. So wächst etwa in „Edo’s Souls“ Peter, ein christlicher Südsudanese, dessen Vater verhaftet wurde und seitdem verschwunden ist, im Haushalt eines nordsudanesischen muslimischen Händlers auf. Der Händler wird für Peter zur Vaterfigur, seine Töchter sind für ihn wie Schwestern. In „Mouth Full of Salt“ heiratet ein Mann aus dem Norden heimlich eine Frau aus dem Süden des Landes, mit der er ein Kind hat. Und in „River Spirit“ verliebt sich die Heldin Akuany aus dem südsudanesischen Malakal in Yaseen, einen wohlhabenden Händler aus Khartum; ihre Liebesgeschichte bildet die zentrale Handlung des Buches. Solche Geschichten zeugen von der gelebten Verflechtung und Komplexität der sudanesischen sozialen und kulturellen Identität, die in Vergangenheit und Gegenwart eine weitaus stärkere Vermischung und Vernetzung aufweist, als von staatlicher Seite suggeriert wird.
Die zeitgenössische sudanesische Literatur eröffnet jedoch nicht nur inhaltlich, sondern auch formal neue Möglichkeiten. Viele der angeführten Romane verzichten auf eine „allwissende“ Erzählperspektive und lassen verschiedene Figuren zu Wort kommen, um deren individuelle Sichtweise wiederzugeben. So wird der Erzähler in Baraka Sakins „The Jungo“ zum Vermittler, der die Geschichten der Landarbeiter*innen, mit denen er sich anfreundet, wiedergibt. „River Spirit“ schildert den Mahdi-Aufstand aus sieben verschiedenen Perspektiven und „Edo’s Souls“ wird ebenfalls von mehreren Figuren erzählt, die die jeweils anderen Figuren und politischen Ereignisse kommentieren, die ihr Leben auf den Kopf stellen. Unter diesem Aspekt lassen sich die Werke auch als Gegenbild zum Autoritarismus der sudanesischen Diktatoren betrachten. Sie kontern den Versuch, dem Land eine einheitliche Identität und Stimme aufzuzwingen – durch Islamismus, Arabismus und die arabische Sprache – und das vielfältige religiöse, kulturelle und sprachliche Erbe des Landes auszulöschen. Durch ihre Erzähltechniken präsentieren die Autor*innen ihre Visionen des Sudan als eine vielstimmige, inklusive und facettenreiche Sammlung von Perspektiven und Erfahrungen, die Klassen-, Gender-, religiöse und ethnische Grenzen überwindet.
Filmschaffen trotz Repressionen
Wie die Literatur erlebt auch der Film seit der Dezemberrevolution eine Blüte, obwohl Militärdiktatur und Krieg inzwischen zurückgekehrt sind. Zusammen mit anderen Kunstformen stand auch der Film während der 30-jährigen islamistischen Herrschaft des Baschir-Regimes unter strenger Beobachtung. Viele Kinos wurden geschlossen, und die Filmschaffenden waren nicht nur der Repression des Regimes ausgesetzt, sondern hatten auch mit fehlenden finanziellen Mitteln zu kämpfen. Während der Revolution wurden mit einfachen Mitteln erstellte Filme wie Handyvideos zu einem wichtigen Instrument des Widerstands. Demonstrationen und Sitzstreiks wurden ebenso dokumentiert wie die Brutalität der Sicherheitskräfte bei der Niederschlagung der Proteste: So fanden etwa Videos von getöteten Demonstrierenden weite Verbreitung und schürten die Empörung zusätzlich.
Doch auch klassische Filmproduktionen erlebten eine Blüte, da digitale Technologien das Filmemachen kostengünstiger und zugänglicher machten. Obwohl der Krieg die Arbeit der Filmschaffenden sehr erschwert hat und viele von ihnen ins Ausland fliehen mussten, bringt die sudanesische Filmszene weiterhin Werke hervor, die weltweit Anerkennung finden.
Zu den besonders bemerkenswerten Spielfilmproduktionen der jüngsten Zeit zählt Mohamed Kordofanis „Goodbye Julia“ (2023), der erste sudanesische Film, der beim Filmfestival in Cannes gezeigt und auch ausgezeichnet wurde. Ein weiterer kürzlich prämierter Film ist Suzannah Mirghanis „Cotton Queen“ (2026), der in einem kleinen Dorf im Baumwollanbaugebiet des Bundesstaats al-Dschazira südöstlich von Khartum spielt. Amjad Abu Alalas „Mit 20 wirst du sterben“ (2019) über einen Jungen in einem Dorf im Sudan, der seit seiner Geburt verflucht ist, hat ebenfalls internationale Auszeichnungen erhalten.
Auch der Dokumentarfilm erlebt gerade eine Blütezeit. Zu den wichtigsten frühen Werken gehört Hajooj Kukas „Beats of the Antonov“ (2014), der in den Nubabergen und im Bundesstaat Blauer Nil im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südsudan gedreht wurde. Ein wunderschön anzusehender Dokumentarfilm ist Suhaib Gasmelbaris „Talking About Trees“ (2019), der die Bemühungen von vier älteren sudanesischen Filmschaffenden zeigt, ein aufgegebenes Kino in Omdurman im Bundesstaat al-Chartum wiederzubeleben. Marwa Zeins „Khartoum Offside“ (2019) zeigt eine Gruppe junger Frauen, die trotz der ablehnenden Haltung der Behörden und der Gesellschaft versuchen, professionell Fußball zu spielen. Ein weiteres wegweisendes Werk ist „Khartoum“ (2025), Ergebnis gemeinsamer Regiearbeit sudanesischer und britischer Filmschaffender, das den Alltag von fünf Personen kurz vor und nach dem Kriegsausbruch 2023 schildert.
Wie die Bücher stellen auch die Filme die Erfahrungen marginalisierter Gruppen in den Vordergrund. „Goodbye Julia“ erzählt die Geschichte der Südsudanesin Julia, die in Khartum als Hausangestellte für Mona arbeitet, eine wohlhabende Frau aus der Mittelschicht. Der Film schildert die Nöte Julias und ihrer Familie, die in Khartum aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit Diskriminierung und Rassismus erfahren und mit Armut und Wohnungslosigkeit zu kämpfen haben. Der Gegensatz zwischen Julias Überlebenskampf und Monas komfortablem Leben führt die krasse Ungleichheit zwischen dem privilegierten Norden und dem entrechteten Süden vor Augen. Obwohl der Film größtenteils im häuslichen Umfeld spielt, erinnert er auch an die Gewalt, unter der die Südsudanes*innen im langjährigen Krieg zwischen Nord- und Südsudan gelitten haben. So verweist etwa die Ermordung von Julias Ehemann in Khartum auf die Opfer des Bürgerkriegs, in dem allein während der zweiten Phase (1984–2005) zwei Millionen Südsudanes*innen ihr Leben verloren.
Obwohl „Beats of the Antonov“ einige Jahre vor der Dezemberrevolution gedreht wurde, greift er bereits viele Themen und Anliegen des Aufstands auf. Im Film treten der heutige Sudan und seine Geschichten in den Hintergrund und machen Platz für Regionen, die von den Regimes im Norden systematisch unterdrückt wurden. Die Nubaberge und der Bundesstaat Blauer Nil, beides Regionen mit einer überwiegend nicht-arabischsprachigen christlichen und muslimischen Bevölkerung, hatten während des Baschir-Regimes unter massiver militärischer Gewalt zu leiden. Im aktuellen Krieg, in dem sich zwei Generäle – Abdel Fattah Burhan und Mohammed Hamdan Daglo, alias „Hemeti“, beide Nachfolger Baschirs – einen Kampf um die Macht liefern, sind beide Regionen erneut schweren Angriffen ausgesetzt. Kukas Film zeigt in eindrücklichen Bildern nicht nur die Gewalt des Krieges – einschließlich der russischen Antonow-Maschinen, die Bomben auf Zivilpersonen abwerfen –, sondern rückt vor allem die Widerstandsfähigkeit der Menschen in den Mittelpunkt, die in Musik und Tanz ein Mittel gefunden haben, um ihre traumatischen Kriegserfahrungen zu bewältigen. Mit seinem Fokus auf die geografische „Peripherie“ – die vergessenen Gebiete, gegen die sich die schlimmsten Gewaltexzesse des Baschir-Regimes richteten –, stellt der Film die unterdrückten Regionen und Völker des Sudan ins Scheinwerferlicht.
Anhand seiner Protagonisten unterschiedlicher ethnischer Herkunft und vielfältigem kulturellem Hintergrund verwebt „Khartoum“ die Geschichten von fünf Hauptstadtbewohner*innen vor und nach dem Kriegsausbruch miteinander. Seine Protagonisten sind zwei Straßenjungen, Lokain und Wilson, beste Freunde, die auf den Müllhalden der Stadt nach Schätzen suchen. Weitere zentrale Figuren sind Khadmallah, eine 28-jährige alleinerziehende Mutter, die an der Straße Tee verkauft, und Jawad, ein junger Mann, der sich an der Dezemberrevolution beteiligte. Und dann ist da noch Majdi, ein Verwaltungsbeamter, der durch den Krieg 2023 von seiner Familie getrennt wird. Die Protagonist*innen und das gesamte Filmteam mussten selbst fliehen; weil die Dreharbeiten durch die Kämpfe unterbrochen wurden, mussten die Filmemacher in einigen Teilen des Films auf Animationen zurückgreifen, um Szenen nachträglich zu visualisieren. „Khartoum“ zeigt in Form eines filmischen Mosaiks das Leben der hart arbeitenden, verarmten Einwohner*innen der Hauptstadt, für die vor allem Lokain, Wilson und Khadmallah stellvertretend stehen, die ihre Wurzeln in marginalisierten ethnischen Gruppen haben.
Einige neuere Filme, vor allem die Arbeiten von Filmemacherinnen, stellen Geschlechterrollen in den Vordergrund. In „Cotton Queen“ wird die junge Protagonistin Nafisa zur treibenden Kraft innerhalb der Dorfgemeinschaft, die sich gegen die Zerstörung ihrer Lebensweise zur Wehr setzt. Der Film zeigt weiblichen Widerstand und Rebellion in einem ländlichen und alltäglichen Kontext: Nafisa flirtet mit jungen Männern, plaudert mit ihren Freundinnen, pflückt Baumwolle und verbringt Zeit mit ihrer Großmutter Al-Sit, der beeindruckenden Matriarchin des Dorfes. Doch die alltäglichen Szenen und Orte werden zum Schauplatz einer größeren Auseinandersetzung um individuelle und gemeinschaftliche Autonomie, gegen innere und äußere Kräfte der Unterdrückung. Nafisa rebelliert nicht nur gegen kapitalistische Umtriebe, die drohen, die Kleinbauern des Dorfes zu vertreiben, sondern auch gegen die zerstörerischen patriarchalen Praktiken der Dorfgemeinschaft – darunter auch die weibliche Genitalverstümmelung und die arrangierte Ehe.
Auch „Goodbye Julia“, von einem Mann geschrieben und inszeniert, zeichnet sich durch eine kluge Betrachtung der Geschlechterdynamiken bei beiden Protagonistinnen des Films aus: der aus der Arbeiterklasse stammenden Südsudanesin Julia und ihrer Arbeitgeberin, der bürgerlichen Nordsudanesin Mona.
Die jungen Frauen in „Khartoum Offside“ wehren sich gegen das Patriarchat durch ihre Begeisterung für einen „Männersport“: Fußball. Bei ihrem Versuch, Fußball zu „ihrem“ Sport zu machen, geraten sie in Konflikt mit den Behörden, die Frauen komplett aus dem öffentlichen Raum verbannen wollen. Auch hier stammen viele der porträtierten Frauen aus Teilen des Landes, die in der Vergangenheit ausgebeutet wurden, und einige von ihnen haben Mühe, sich finanziell über Wasser zu halten. Zeins Dokumentarfilm beleuchtet die sich überschneidenden Formen der Unterdrückung und die geschlechtsspezifische, ethnische und wirtschaftliche Diskriminierung, denen unzählige Frauen in der Hauptstadt ausgesetzt sind.
„Talking About Trees“ unterscheidet sich von den bisher genannten Dokumentar- und Spielfilmen durch seine metafiktionalen Ambitionen: Als Film über das Filmemachen thematisiert „Talking About Trees“ das harte Vorgehen des Baschir-Regimes gegen das Kino und zeichnet die Herausforderungen von vier sudanesischen Filmemachern während der Diktatur nach. Beim Versuch, ein verlassenes Kino in Omdurman wiederzubeleben, müssen sie sich mit staatlicher Zensur, Bürokratie und kleinen und großen logistischen Herausforderungen herumschlagen. Am Beispiel der Filmemacher und ihrer Probleme unter einem autoritären Regime beleuchtet der Film die Unterdrückung und Verfolgung von Künstler*innen, die als Bedrohung für die Diktatur angesehen werden. So wie die Frauen in „Khartoum Offside“ versuchen, den öffentlichen Raum durch Sport für sich zu beanspruchen, versuchen die Filmemacher, den öffentlichen Raum in Gestalt eines Kinos zurückzugewinnen. Der Kampf gegen die Behörden in beiden Filmen spiegelt einen viel größeren Kampf um die Rückeroberung des öffentlichen Raums als Ort der Inklusion und Gemeinschaft wider.
Mit ihren verschiedenen Strategien entfalten diese Filme eine bemerkenswerte Wirkung. Durch die Gegenüberstellung von Monas behütetem, komfortablem Leben im Haus und dem unsicheren Leben ihrer Angestellten Julia außerhalb des Hauses schafft Kordofani in „Goodbye Julia“ Bezüge zur Geschichte der Beziehungen zwischen Nord- und Südsudan. „Cotton Queen“ wiederum nutzt die Bildsprache von Land, Baumwolle und Garn, um die ökologischen und landwirtschaftlichen Bindungen, die eine Gemeinschaft zusammenhalten sowie die patriarchale und kapitalistische Gewalt, die sie zu zerreißen droht, zu visualisieren.
Auch die genannten Dokumentarfilme nutzen filmische Stilmittel für ihre Botschaft: Die konfrontativen, schonungslosen Bilder in „Beats of the Antonov“ – etwa die verwackelten Aufnahmen, als die Filmemacher und Protagonist*innen selbst fliehen mussten, um den herabregnenden Bomben zu entkommen – vermitteln die Brutalität des Krieges, der gegen die Menschen in den Nubabergen und am Blauen Nil geführt wird. Im Gegensatz dazu steht der ruhige, zurückhaltende Blick auf die Protagonisten in „Talking About Trees“. Hier nimmt sich der Film Zeit; der hartnäckige Widerstand und die Resilienz der Protagonisten entfalten sich ganz allmählich, während ihr Projekt, die Wiederbelebung eines verlassenen Kinos, zu einer Metapher für die Rückeroberung des öffentlichen Raums während der Revolution und darüber hinaus wird. „Khartoum“ schlägt wiederum einen ganz anderen Weg ein: Durch Animationen und Traumsequenzen weben die Regisseure – in Zusammenarbeit mit ihren Protagonist*innen – spekulative und fantastische Elemente in das Leben ihrer Figuren hinein. Damit eröffnen sie sich auch die Möglichkeit für alternative Vergangenheits- und Zukunftsentwürfe und deuten an, dass die Geschichten der fünf Figuren fortlaufende Prozesse sind und daher ständig neu erdacht und interpretiert werden – so wie auch die Geschichte des Sudan ständig neu gedacht und dargestellt wird.
Kunst als Widerstand und Zukunftsvision
Trotz Diktatur und Krieg haben sudanesische Autor*innen, Filmschaffende und Künstler*innen maßgeblich dazu beigetragen, die Vergangenheit des Sudan neu zu interpretieren und neue Möglichkeiten für seine Zukunft aufzuzeigen. Mit Werken, in denen die Geschichten und Stimmen der Entrechteten – unterdrückte ethnische Minderheiten, Frauen und marginalisierte Gruppen – ins Zentrum gerückt werden, formulieren die Kunstschaffenden einen neuen Rahmen für Gemeinschaft, Solidarität und Nationalität. Damit verstärken sie die Wirkung der Dezemberrevolution, die durch den 2023 ausgebrochenen Krieg ins Stocken geriet, aber dennoch die Grundlage für einen gerechteren, inklusiveren und demokratischeren Sudan gelegt hat. Die Kunst, die im Umfeld dieser Revolution aufblühte, hält die Vision eines neuen Sudan am Leben.
Aus dem Englischen von Heike Schlatterer, Pforzheim.