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Humanitäre Folgen des Krieges im Sudan | Sudan | bpb.de

Sudan Editorial Der Krieg im Sudan seit April 2023. Auslöser, Akteure und Dynamik Zwischen Kolonialerbe und Elitenversagen. Eine kurze Geschichte des modernen Sudan Ein fragmentiertes Archiv. Die sudanesische Frauenbewegung zwischen Widerstand, Emanzipation und Krieg Der Kampf um die Menschenrechte im Sudan Humanitäre Folgen des Krieges im Sudan Visionen für einen neuen Sudan. Literatur und Film seit der Dezemberrevolution Karte

Humanitäre Folgen des Krieges im Sudan

Marcus Engler Samuel Zewdie Hagos

/ 16 Minuten zu lesen

Hunderttausende Tote, Massenvertreibung, Hungersnot: Aus dem Krieg im Sudan entstand die größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit. In Nachbarländern erleben sudanesische Geflüchtete häufig Diskriminierung und erneute Gewalt.

Seit April 2023 haben die gewaltsamen Auseinandersetzungen im Sudan zu großer Not in der Zivilbevölkerung und zu umfangreichen Fluchtbewegungen in der Region geführt. In den europäischen Öffentlichkeiten wird die Krise jedoch nur selten thematisiert. Auch ist die Arbeit der humanitären Organisationen drastisch unterfinanziert. Eine Flucht nach Europa ist angesichts der restriktiven Politik der EU-Staaten und der gefährlichen Fluchtrouten nur für wenige Geflüchtete eine Option.

Hintergründe

Der Sudan bietet ein wichtiges empirisches Umfeld für die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen bewaffneten Konflikten, Vertreibung, der sicherheitspolitischen Instrumentalisierung von Flüchtlingen und staatlicher Verantwortung. Die jüngste politische Entwicklung des Landes wurde durch die dreißigjährige Herrschaft Umar al-Baschirs (1989–2019) geprägt, dessen Regime sich sowohl auf die sudanesischen Streitkräfte (Sudanese Armed Forces/SAF) unter der Führung von General Abdel Fattah al-Burhan als auch auf die sogenannten Rapid Support Forces (RSF) unter dem Kommando von Mohammed Hamdan Daglo alias „Hemeti“ stützte. Nach al-Baschirs Absetzung 2019 wurden die Hoffnungen auf einen demokratischen Wandel durch den Militärputsch im Oktober 2021 zunichtegemacht, während die wachsende Rivalität zwischen SAF und RSF – bedingt durch Streitigkeiten über politische Machtbefugnisse, die militärische Integration und die Kontrolle wirtschaftlicher Ressourcen – am 15. April 2023 in einen umfassenden Krieg mündete.

Seitdem hat sich der Konflikt von einem Ringen um staatliche Macht zu einer langwierigen regionalen Krise entwickelt, die durch zersplitterte Machtstrukturen, weitverbreitete Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht und konkurrierende Systeme militärischer Kontrolle gekennzeichnet ist. Obwohl der Konflikt seinen Ursprung in innenpolitischen und militärischen Machtkämpfen hat, nahm er zunehmend regionale und internationale Dimensionen an. Das Sachverständigengremium des UN-Sicherheitsrates verweist auf umfangreiche grenzüberschreitende Logistiknetzwerke, illegale Waffenlieferungen und die Finanzierung des Konflikts durch Goldschmuggel; diese Faktoren haben die Fortsetzung des Krieges ermöglicht und zugleich zur Destabilisierung der Nachbarländer beigetragen. Auch Amnesty International dokumentiert Hinweise auf die Lieferung hochentwickelter Waffensysteme an die RSF unter Verstoß gegen das Waffenembargo für Darfur. Diese regionalen Dynamiken halten den Konflikt nicht nur aufrecht, sondern erschweren auch die internationalen Bemühungen zum Schutz der Zivilbevölkerung und zur Bewältigung der Krise.

Dabei sind diese politischen und militärischen Dynamiken nicht bloße Rahmenbedingungen; sie haben Ausmaß und Charakter des Leids der Zivilbevölkerung unmittelbar geprägt. Die Zersplitterung der Machtstrukturen, die Militarisierung der lokalen Verwaltung, die Behinderung des humanitären Zugangs und die Verstrickung regionaler Netzwerke haben den Konflikt in eine multidimensionale Krise verwandelt, die Fragen des Schutzes, des Überlebens und der Vertreibung aufwirft. Diese Probleme werden durch den Klimawandel verschärft, der insbesondere in Darfur – einer Region im Westen des Sudan – zu einer zunehmenden Knappheit fruchtbarer Anbauflächen und sich zuspitzenden Landnutzungskonflikten geführt hat.

Systematische Gewalt

Der anhaltende bewaffnete Konflikt im Sudan hat eine Krise mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung ausgelöst, die von Todesfällen und Hunger bis hin zu Massenvertreibungen und dem Zusammenbruch der Grundversorgung reicht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet die Lage im Sudan als eine der größten und komplexesten humanitären Krisen weltweit. Nach ihren Schätzungen benötigen 33,7 Millionen Menschen humanitäre Hilfe, davon 21 Millionen medizinische Versorgung.

Die tatsächliche Zahl der Todesopfer ist umstritten. Das Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED) verzeichnete bis Anfang 2025 rund 28.600 Menschen, die unmittelbar durch Kampfhandlungen ums Leben kamen; die Organisation betont jedoch, dass diese Zahl nur gemeldete gewaltsame Todesfälle umfasst, nicht jedoch die weitaus größere Zahl derjenigen, die an Hunger, Krankheiten und infolge des Zusammenbruchs der Krankenhäuser sterben. Ein umfassenderes Bild liefert die London School of Hygiene and Tropical Medicine: Sie schätzt, dass allein im Bundesstaat al-Chartum zwischen April 2023 und Juni 2024 mehr als 61.000 Menschen starben. Davon kamen über 26.000 durch Gewalteinwirkung ums Leben – mehr, als ACLED für das gesamte Land im selben Zeitraum registriert hatte.

Gleichzeitig ist der Sudan Schauplatz einer der schwersten dokumentierten Hungerkrisen. Die Integrated Food Security Phase Classification berichtet, dass etwa 19,5 Millionen Menschen – 41 Prozent der Bevölkerung – nicht ausreichend zu essen haben. Darunter befinden sich rund 14 Millionen Menschen in einer „Krise“, mehr als 5 Millionen in einer „Notlage“ und etwa 135.000 in einer „Katastrophe“ – der extremen Kategorie, die durch Hungersnot und Tod gekennzeichnet ist. Vierzehn Gebiete in Nord- und Süd-Darfur sowie in Süd-Kordofan sind von einer Hungersnot bedroht, nachdem diese bereits in Teilen von al-Faschir und Kaduqli bestätigt wurde – Orte, an denen den RSF massive Gräueltaten vorgeworfen werden. Zudem warnen UN-Organisationen, dass 2026 voraussichtlich 825.000 Kleinkinder von der tödlichsten Form der Mangelernährung betroffen sein werden.

Die Konfliktparteien nutzen Hunger gezielt als Kriegswaffe, indem sie beispielsweise Kleinbauern und -bäuerinnen vertreiben, ihre Höfe plündern, Tiere stehlen und Wasserquellen kontrollieren. Seit Kriegsausbruch kommt es zudem immer wieder zu völkerrechtswidrigen Angriffen auf Wohngebiete und medizinische Einrichtungen. Insbesondere für Kinder und Frauen ist die Situation verheerend, zumal sie aufgrund der bestehenden sozialen und geschlechtsspezifischen Hierarchien im Sudan anfälliger für die Auswirkungen des Krieges sind. Zudem sind viele Schulen zerstört und Familien vertrieben worden, was die Grundbildung von Kindern stark beeinträchtigt.

Bereits in den 2000er Jahren wurde im Sudan geschlechtsspezifische Gewalt als Kriegswaffe eingesetzt, und es kam zu massiver sexualisierter Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Ähnliche Tendenzen gibt es auch im aktuellen Konflikt. So wird etwa über Vergewaltigungen durch Milizionäre der RSF, aber auch durch Soldaten der SAF berichtet. In Kriegskontexten dient die systematische Ausübung sexualisierter Gewalt der Terrorisierung, Vertreibung oder Zerstörung von „unliebsamen“ Bevölkerungsgruppen, etwa Minderheiten oder (vermeintlichen) Unterstützer*innen der gegnerischen Konfliktpartei. Geschlechtsspezifische Gewalt nimmt auch deswegen zu, weil sich in Konflikten bereits vorhandene gesellschaftliche Gewaltdynamiken verstärken – etwa die systematische Abwertung und Diskriminierung von Frauen – und die öffentliche Sicherheit abnimmt. Übergriffe werden dementsprechend oft nicht mehr verfolgt und bestraft.

Im aktuellen Konflikt erfahren insbesondere nicht-arabische Volksgruppen im Sudan verstärkt Gewalt. So mehren sich etwa Berichte über ethnische Säuberungen in West-Darfur, die sich gegen das Volk der Masalit richten. Streitkräfte der RSF wollen offenbar durch gezielte Tötungen und Vertreibungen die ethnische Zusammensetzung des Bundesstaates ändern. Inzwischen gibt es eine Untersuchung durch den Internationalen Strafgerichtshof, und ein Bericht der Vereinten Nationen sieht Anzeichen für einen Genozid.

Seit Jahren ist im Sudan ein Netzwerk aus UN-Organisationen, Fonds und Programmen tätig. Weitere Organisationen, darunter das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und verschiedene islamische Hilfsorganisationen, leisten ebenfalls Hilfe und ergänzen damit die Arbeit lokaler sudanesischer Hilfsgruppen. Der Konflikt hat indes die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen dazu gezwungen, ihre Aktivitäten im Land vorübergehend einzustellen oder einzuschränken. Humanitäre Organisationen können Menschen in besonders umkämpften Gebieten nur schwer erreichen.

Zudem bestehen weiterhin erhebliche Finanzierungslücken. Der humanitäre Hilfsaufruf der Vereinten Nationen für 2026, der Hilfsgelder in Höhe von rund 2,9 Milliarden US-Dollar für den Sudan vorsieht, ist erst zu etwa einem Drittel gedeckt. Die Finanzierung des Refugee Response Plan in Höhe von 1,6 Milliarden US-Dollar ist sogar nur zu 15 Prozent gedeckt. Auch frühere jährliche Aufrufe blieben weit hinter den geforderten Beträgen zurück. Die Lage hat sich seit Anfang 2025 angesichts weltweiter Kürzungen der Hilfsgelder weiter verschärft, darunter auch die Kürzungen der Regierung unter Donald Trump bei der US-Agentur für internationale Entwicklung (USAID), die bisher eine entscheidende Rolle bei der Bereitstellung humanitärer Hilfe in Milliardenhöhe gespielt hatten.

Fluchtbewegungen im Inland

Der Krieg im Sudan hat die derzeit weltweit größte Vertreibungskrise ausgelöst. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) waren Ende Juni 2026 rund 11,4 Millionen Menschen auf der Flucht. Davon wurden 6,6 Millionen Menschen innerhalb des Sudan neu vertrieben.

Bereits vor Ausbruch der Kämpfe im April 2023 gab es im Sudan schätzungsweise 3,7 Millionen Binnenvertriebene (Internally Displaced Persons/IDPs). Seitdem hat sich diese Situation durch eine alarmierende Zunahme der Vertreibungen verschlimmert. Dem Internal Displacement Monitoring Centre zufolge ist die Zahl der Binnenvertriebenen seit dem Höhepunkt 2024 – als es insgesamt mehr als 11 Millionen IDPs gab – etwas gesunken. Dennoch bleibt die Lage dramatisch: Mehrere Millionen Menschen mussten seit Beginn des Konflikts aus ihren Wohnorten fliehen und sind innerhalb des Sudan vertrieben, vor allem in West-Darfur sowie in Regionen entlang des Nils. Die Versorgung dieser Menschen ist extrem schwierig, und die Sicherheitslage volatil.

Viele Menschen erleben mehrfache Vertreibungen. Darunter befinden sich auch etliche der mehr als eine Million Flüchtlinge, die schon vor Kriegsausbruch im Sudan Zuflucht gesucht hatten und mehrheitlich aus den Nachbarstaaten Südsudan, Eritrea, Äthiopien, der Zentralafrikanischen Republik, dem Tschad sowie aus Syrien und Jemen stammen. Laut UNHCR sind seit Kriegsbeginn mehr als 270.000 Flüchtlinge in andere Teile des Landes vertrieben worden. Viele von ihnen haben Angst, in ihr Herkunftsland zurückzukehren, weil sie dort weiterhin der Gefahr von Gewalt ausgesetzt wären. Das gilt etwa für Flüchtlinge aus der Region Tigray in Äthiopien. Da es keine klare Schutz- oder Evakuierungsstrategie gibt, befinden sich diese Flüchtlinge in einer prekären Situation. Die RSF beschuldigt darüber hinaus Flüchtlinge aus Äthiopien und Eritrea, die sudanesischen Streitkräfte zu unterstützen und geht daher teilweise brutal gegen sie vor. Es kommt zu Inhaftierungen ohne ordnungsgemäße Verfahren.

Flucht in die Nachbarstaaten

Mehr als 4,6 Millionen Menschen sind seit 2023 in die Nachbarstaaten geflohen. Die meisten von ihnen leben heute in Ägypten (rund 1,5 Millionen), Südsudan (1,35 Millionen), Tschad (934202), Libyen (562266), Uganda (91149), Äthiopien (77219) und der Zentralafrikanischen Republik (44522). Viele dieser Aufnahmestaaten waren jedoch bereits vor Ausbruch des Krieges mit erheblichen wirtschaftlichen, politischen und humanitären Herausforderungen konfrontiert und sind bei der Versorgung der Geflüchteten – etwa mit Unterkünften, Gesundheitsversorgung, Nahrungsmitteln und Schutzmaßnahmen – in hohem Maße auf internationale Unterstützung angewiesen. Fünf der sieben Nachbarländer des Sudan waren in den vergangenen Jahren von inneren Konflikten betroffen, und Flüchtlinge, die zuvor vor Gewalt und Hungersnot in Äthiopien und im Südsudan geflohen sind, kehren nun gemeinsam mit sudanesischen Staatsangehörigen in ihre Heimatländer zurück. Allein in den Südsudan sind rund 900.000 Flüchtlinge zurückgekehrt. Sowohl die Sicherheitslage als auch die Versorgungssituation sind dort sehr schlecht.

Die große Zahl an Geflüchteten hat in vielen Nachbarstaaten zu einer zunehmend restriktiven Migrations- und Asylpolitik geführt. Sudanesische Flüchtlinge werden dort immer häufiger nicht in erster Linie als schutzbedürftige Menschen wahrgenommen, sondern als wirtschaftliche Belastung oder Sicherheitsrisiko. Diese Versicherheitlichung schlägt sich in verschärften Grenzkontrollen, restriktiven Asylverfahren, Inhaftierungen und Abschiebungen nieder. Eine gemeinsame Untersuchung der Weltorganisation gegen Folter und des Libyan Anti-Torture Network zeigt, dass viele Sudanes*innen selbst nach ihrer Flucht weiterhin massiven Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sind. Die Studie dokumentiert rassistische Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit, willkürliche Inhaftierungen, Erpressung, Menschenhandel, Folter, geschlechtsspezifische Gewalt sowie Abschiebungen in Ägypten, Libyen und Tunesien. Rund 42 Prozent der befragten Geflüchteten berichteten, rassistische Gewalt oder Diskriminierung erlebt zu haben. Gleichzeitig führen überlastete und unzureichende Asylsysteme dazu, dass viele Menschen über Jahre in einem Zustand rechtlicher Unsicherheit verbleiben, ohne wirksamen Zugang zu internationalem Schutz zu erhalten.

Besonders deutlich zeigt sich diese Schutzkrise in Libyen: Bereits Anfang 2025 schätzte das UNHCR, dass über 200.000 Sudanes*innen in Libyen festsaßen. Bis Mitte 2026 hielten sich dort mehr als 562.000 sudanesische Geflüchtete auf. Viele von ihnen hofften ursprünglich, Europa zu erreichen, fanden sich jedoch in einem Land wieder, das selbst von bewaffneten Konflikten, politischer Fragmentierung und systematischen Menschenrechtsverletzungen geprägt ist. Da die meisten Geflüchteten über inoffizielle Grenzübergänge ohne gültige Ausweisdokumente einreisen, werden sie häufig unmittelbar festgenommen.

Besonders Kinder sind von Ausbeutung, Hunger und Misshandlung betroffen. Darüber hinaus gibt es Berichte, wonach sudanesische Flüchtlinge von libyschen Behörden oder bewaffneten Gruppen an die RSF übergeben wurden – trotz des anhaltenden Krieges im Sudan. Dies wirft erhebliche Zweifel an der Einhaltung des völkerrechtlichen Non-Refoulement-Prinzips auf, das die Rückweisung oder Auslieferung von Personen in Gebiete, in denen ihnen Gewalt und Folter droht, verbietet. Gleichzeitig bleiben Resettlement-Möglichkeiten äußerst begrenzt, sodass viele keinen anderen Ausweg sehen, als die lebensgefährliche Überfahrt über das zentrale Mittelmeer zu wagen. Wer von der libyschen Küstenwache aufgegriffen wird, wird häufig nach Libyen zurückgebracht und dort erneut inhaftiert oder misshandelt – ungeachtet der wiederholten Forderungen von UNHCR und der Internationalen Organisation für Migration (IOM), Rückführungen nach Libyen zu beenden.

Auch in Ägypten hat sich die Situation sudanesischer Flüchtlinge in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert, obwohl das Land zu den wichtigsten Aufnahmestaaten gehört. Nach der Einführung strengerer Visabestimmungen und des ägyptischen Asylgesetzes von 2024 sehen sich viele Geflüchtete erheblichen administrativen Hürden bei der Erlangung oder Verlängerung ihres Aufenthaltsstatus gegenüber. Human Rights Watch dokumentiert eine systematische Praxis willkürlicher Festnahmen, rechtswidriger Inhaftierungen und Abschiebungen, die insbesondere Sudanes*innen betrifft, deren Aufenthaltstitel allein aufgrund behördlicher Bearbeitungsrückstände abgelaufen waren. Selbst Personen mit gültigen UNHCR-Dokumenten wurden in überfüllten Polizeistationen festgehalten, ohne wirksamen Rechtsschutz inhaftiert und abgeschoben, ohne dass geprüft wurde, welchen Gefahren sie im Sudan ausgesetzt wären. Darüber hinaus berichtet Human Rights Watch über rassistische Polizeikontrollen, Erpressung sowie erhebliche Einschränkungen beim Zugang zu Justiz, Gesundheitsversorgung und Bildung. Zugleich kritisiert die Organisation, dass das ägyptische Asylgesetz das Non-Refoulement-Prinzip nicht ausdrücklich verankert und damit internationalen Flüchtlingsschutzstandards nicht vollständig entspricht. Zu ähnlichen Ergebnissen gelangt auch Amnesty International, das wiederholt über willkürliche Inhaftierungen und rechtswidrige Zurückweisungen sudanesischer Flüchtlinge aus Ägypten berichtet.

Für viele Sudanes*innen endet die Flucht daher nicht mit dem Überschreiten einer Grenze. Sie bleiben über Jahre in einem Zustand anhaltender Vertreibung, ohne sicher in den Sudan zurückkehren, sich im Aufnahmestaat dauerhaft integrieren oder über legale Wege in einen Drittstaat weiterreisen zu können. Für viele erscheint die irreguläre Weiterreise nach Europa deshalb als einziger verbleibender Ausweg – trotz der erheblichen Risiken auf der Mittelmeerroute. Wie der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen betont, sorgen sich wohlhabende Staaten häufig um irreguläre Migration, investieren jedoch nicht ausreichend in humanitäre Hilfe und dauerhafte Schutzlösungen, bevor Menschen gezwungen werden, auf gefährliche Fluchtrouten auszuweichen. Statt Orte des Schutzes zu sein, entwickeln sich mehrere Nachbarstaaten zunehmend zu Räumen der Eindämmung, in denen humanitärer Flüchtlingsschutz hinter Grenzsicherung, Externalisierung der Migrationskontrolle und versicherheitlichten Asylpolitiken zurücktritt.

Flucht nach Europa

Sichere und legale Fluchtwege nach Europa oder in andere Weltregionen gibt es kaum noch. UNHCR zufolge gibt es einen erheblichen Resettlement-Bedarf für besonders vulnerable Flüchtlinge aus dem Sudan, die in den Nachbarstaaten gestrandet sind. Derzeit sind dies rund 300.000 Geflüchtete mit sudanesischer Staatsangehörigkeit und 86.000 Flüchtlinge im Sudan. Waren Resettlement und andere Aufnahmeprogramme schon immer nur ein Tropfen auf den heißen Stein und erreichten nur einen Bruchteil des Bedarfs, so ist das System inzwischen so gut wie vollkommen kollabiert. Einem globalen Resettlement-Bedarf von mehr als 2,5 Millionen Menschen standen 2025 rund 30.000 Umsiedlungsplätze gegenüber. Wichtige Zielstaaten haben ihre Resettlement-Programme drastisch zurückgefahren oder ausgesetzt, darunter die aktuelle Bundesregierung. Auch andere legale Einreisewege, wie beispielsweise der Familiennachzug, die Arbeits- oder Bildungsmigration, sind so restriktiv gestaltet, dass sie für Geflüchtete aus dem Sudan nur im Ausnahmefall infrage kommen. Die britische Regierung hat kürzlich Visa für Studierende aus dem Sudan und drei anderen Ländern eingefroren, mit der Begründung, dass zu viele Personen aus diesen Ländern einen Asylantrag gestellt hätten.

Vor dem Hintergrund der unsicheren Situation und der humanitären Notlage in der Region bleiben irreguläre Fluchtwege häufig als einziger Ausweg. Und so gibt es auch Flüchtlinge aus dem Sudan, die versuchen, über Libyen oder Tunesien nach Europa zu gelangen. Die Zahl der durch die IOM erfassten Ankünfte von Sudanes*innen auf der europäischen Seite des Mittelmeers ist 2025 deutlich angestiegen (auf circa 14.000 Personen). Von ihnen erreichten rund zwei Drittel Griechenland über die östliche Mittelmeerroute und ein Drittel Italien über die zentrale Mittelmeerroute. 2026 sind diese Zahlen wieder etwas gesunken.

Die Weiterwanderung in Richtung Europa erfolgt meist erst nach längeren Aufenthalten in Erstaufnahmeländern wie Ägypten, Libyen oder Tunesien, wenn sich die Aussichten auf Sicherheit, rechtlichen Schutz und eine existenzsichernde Lebensgrundlage zunehmend verschlechtern. Es sind Armut, Rassismus, prekäre Aufenthaltsverhältnisse und die Angst vor Inhaftierung, die Sudanes*innen dazu bewegen, die Mittelmeerpassage zu wagen – trotz erheblicher Risiken. In nordafrikanischen Staaten ist insbesondere für schwarze Menschen der prekäre Aufenthalt mitunter sehr gefährlich. In Libyen werden Migrant*innen und Geflüchtete regelmäßig von privaten Milizen inhaftiert, misshandelt und zu Zwangsarbeit gezwungen; ihre Familien werden erpresst. Auch in Tunesien, das nach der Absetzung des autoritären Regimes des langjährigen Diktators Zine el-Abidine Ben Ali 2011 einige Jahre lang als Vorzeigeland der Demokratisierung galt, hat sich die Situation verschlechtert. Berichten zufolge werden Geflüchtete immer wieder von Sicherheitskräften in der Wüste ausgesetzt.

Die Zahl der Asylerstanträge von Sudanes*innen in den 27 Mitgliedstaaten der EU ist seit Ausbruch des Konfliktes etwas angestiegen, verbleibt jedoch auf niedrigem Niveau. 2023 und 2024 wurden jeweils weniger als 10.000 Asylerstanträge von sudanesischen Staatsangehörigen in den EU-Staaten registriert. 2025 lag die Zahl bei knapp 17.000, wobei die meisten Anträge in Griechenland (etwa 8.000) und Frankreich (rund 6.000) registriert wurden. In Deutschland sind es schätzungsweise 700 Anträge gewesen. Auch Großbritannien ist wegen der Sprache ein wichtiges Zielland für Geflüchtete in Europa. Die bisher verfügbaren Asylzahlen für 2026 liegen etwas über dem Niveau des Vorjahres. Die Schutzquoten für Sudanes*innen sind relativ hoch und lagen in den letzten Jahren bei rund 70 Prozent im EU-Durchschnitt in der ersten Instanz. Die Gründe für diese vergleichsweise niedrige Zahl von Asylsuchenden in Europa sind vielzählig: Neben der großen Entfernung sind es die gefährlichen Routen. Zudem haben Geflüchtete aus dem Sudan häufig nicht die nötigen finanziellen Ressourcen für eine Flucht nach Europa. Auf dem Mittelmeer kentern immer wieder Boote, und zahlreiche Migrant*innen und Flüchtlinge verlieren ihr Leben. Nicht zuletzt werden viele Boote von den Küstenwachen Libyens und Tunesiens abgefangen, die umfangreiche Unterstützung von EU-Staaten erhalten, um Migration über das Mittelmeer zu reduzieren.

Fazit

Die Lage im Sudan bleibt zutiefst besorgniserregend. Der Krieg hat massives ziviles Leid, weitverbreitete Vertreibung, Hungersnotrisiken und den Zusammenbruch grundlegender Versorgungssysteme verursacht. Millionen Menschen wurden innerhalb des Landes vertrieben oder zur Flucht in Nachbarstaaten gezwungen; eine kleinere, aber wachsende Zahl versucht, über Libyen, Tunesien und das Mittelmeer Europa zu erreichen.

Die unzureichende Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft auf die dramatische Lage der Geflüchteten im Sudan ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen und zugleich Ausdruck einer tiefergehenden strukturellen Krise der globalen Flüchtlingspolitik. In vielen Industriestaaten haben multiple Krisen sowie der Aufstieg rechtspopulistischer und rechtsextremer Narrative zu einem spürbaren Rückgang von Empathie und internationaler Solidarität gegenüber Geflüchteten beigetragen. Gleichzeitig befindet sich das multilaterale Flüchtlingsschutzsystem in einer schweren Krise: Das UN-System leidet unter erheblichen Finanzierungsdefiziten bei gleichzeitig steigenden Kosten, humanitäre Programme werden durch drastische Mittelkürzungen eingeschränkt, und Resettlement-Programme sind auf ein historisch niedriges Niveau zurückgegangen. Hinzu kommt die Konkurrenz in der Aufmerksamkeitsökonomie mit zahlreichen weiteren humanitären Krisen, die geopolitisch für Europa und die USA relevanter erscheinen – beispielsweise in der Ukraine, Gaza oder Iran. Da die Vertreibung im Sudan bislang nur in geringem Maße zu Fluchtbewegungen in den Globalen Norden geführt hat, genießt die Krise international keine politische Priorität. Stattdessen werden erhebliche finanzielle und politische Ressourcen in Maßnahmen zur Verhinderung von Mobilität investiert, etwa durch die Externalisierung von Grenzkontrollen und Migrationsmanagement. Diese Entwicklung geht mit einer zunehmenden Abkehr von menschenrechtlichen Verpflichtungen und den Prinzipien des internationalen Flüchtlingsschutzes einher.

Die internationale Gemeinschaft sollte sich viel stärker engagieren, indem sie den Zugang zu humanitärer Hilfe sicherstellt, die Mittel für Hilfsmaßnahmen erhöht und die diplomatischen Bemühungen für einen Waffenstillstand und eine politische Lösung verstärkt. Sie sollte auch darauf hinwirken, dass die Konfliktparteien im Sudan dem Schutz der Zivilbevölkerung Vorrang einräumen und das humanitäre Völkerrecht einhalten. Bis eine Lösung gefunden ist, gilt es, sichere Fluchtwege offenzuhalten und die Versorgung von Flüchtlingen sicherzustellen.

ist Sozialwissenschaftler und forscht am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) zu Flucht- und Migrationsbewegungen sowie zu deutscher, europäischer und globaler Migrationspolitik.

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Migration des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM). Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Zwangsmigration und Flüchtlingsschutz.