Die Geschichte des Sudan ist „durch das Blut von Tausenden, der Habgier und Rache geopferten Menschen verwischt worden“. Dies stellte vor rund 175 Jahren der deutsche Zoologe Alfred Brehm fest, als er das Land am Oberen Nil bereiste und Zeuge der osmanischen Gewaltherrschaft wurde.
Die Ursachen für diese Konflikte sind komplex, und ihre Wurzeln liegen tief. Sie sind nicht nur auf der nationalen Ebene zu verorten, sondern auch hyperlokal sowie in regionalen Kontexten und globalen Verflechtungen. Es geht oftmals zugleich um den Zugang zu Land und Ressourcen, die Marginalisierung und Ausbeutung der Peripherien durch die Eliten in Khartum, die Konkurrenz der regionalen Vormächte um Einfluss in ihrem „Hinterhof“ und die große Geopolitik bei der Kontrolle über die Nilwasser und das Rote Meer. Nach 70 Jahren der Unabhängigkeit trägt die Hauptverantwortung für die sudanesische Misere natürlich die politische Klasse des Landes, die zunehmend aus Warlords besteht. Allerdings lässt sich die heutige Situation nicht ohne das koloniale Erbe verstehen, das schwierige Rahmenbedingungen hinterließ und bis heute fortwirkt.
Osmanisches Kolonialerbe: Sklaverei und Rassismus
Die sudanesische Neuzeit begann 1821, als Mohamed Ali, der weitgehend unabhängige Statthalter des Osmanischen Reiches in Ägypten, das Gebiet des ehemaligen Sultanats von Fung (auch bekannt als „Sennar“) erobern ließ. Zwar hatten der heutige Sudan und Südsudan schon zu pharaonischen Zeiten als Reservoir von Sklaven für die ägyptischen Herrscher gedient. Die osmanische Herrschaft, die als „Turkiya“ bezeichnet wird, führte den Menschenhandel indes in völlig neue Dimensionen und legte damit die Grundlage für einen Rassismus, der noch heute tief in der sudanesischen Gesellschaft verankert ist. Wie wenig diese sich mit den mentalen Traumata der Sklaverei auseinandergesetzt hat, zeigt die Tatsache, dass noch immer eine Straße im Regierungsviertel von Khartum nach Zubeir Pascha benannt ist. Dieser galt als der größte Sklavenhändler während der Turkiya und hatte mit seiner Privatarmee 1874 das Sultanat Darfur erobert.
Ironischerweise war es dann allerdings gerade die Bekämpfung des Menschenhandels, die 1881 einen einheimischen Aufstand gegen die osmanisch-ägyptischen Fremdherrscher auslöste. Ägypten war 1875 faktisch in den Staatsbankrott geraten, insbesondere aufgrund der Kosten für den Bau des Suezkanals, und von den europäischen Gläubigern unter eine internationale Finanzaufsicht gestellt worden. Unter dem öffentlichen Druck der Anti-Sklavereibewegung veranlassten die europäischen Großmächte das osmanische Kolonialregime im Sudan, verstärkt europäische Administratoren einzusetzen, darunter auch der aus Schlesien stammende Arzt Eduard Schnitzer, besser bekannt als Emin Pascha.
Erbe der Mahdiyya: Politisch-militanter Islam
Ein Prediger aus dem nordsudanesischen Dongola namens Mohammed Ahmad nutzte den Unmut der Händler über die Unterdrückung des Sklavenhandels und die Unzufriedenheit der Bevölkerung über die Korruption der Osmanen, um eine messianische Massenbewegung zu bilden. Er rief sich unter dem Titel des „Mahdi“ zum von Gott entsandten Erlöser aus und führte seine Truppen unter dem Banner des Islams zum Sieg gegen die Besatzer. Anfang 1885 eroberten sie Khartum – just zur selben Zeit, als in Berlin die Kongokonferenz stattfand, auf der die europäischen Großmächte über die Aufteilung Afrikas verhandelten. Der Triumph der Mahdisten markierte das erste Mal in der Neuzeit des Kontinents, dass sich einheimische Kräfte von ausländischen Kolonialherren befreien konnten. Der Mahdismus gilt zudem als erste militant-islamistische Bewegung und die Mahdiyya als der erste islamische Gottesstaat der Moderne.
Der Mahdi starb allerdings bereits kurz nach seinem Sieg plötzlich und unerwartet. Seine Nachfolge als Kalif trat der aus Darfur stammende Abdallahi ibn Mohammad an. Unter seiner Schreckensherrschaft starben zwischen 1888 und 1892 rund 1,5 Millionen Menschen an den Folgen einer teilweise menschengemachten Hungersnot. Zugleich geriet der Sudan verstärkt ins Visier europäischer Kolonialmächte im imperialistischen „Wettlauf um Afrika“. Während Frankreich und Belgien Expeditionen in den heutigen Südsudan entsandten, organisierte Großbritannien die Rückeroberung des heutigen Sudans durch eine britisch geführte Streitmacht aus Ägypten. Das Deutsche Kaiserreich trug in einem transimperialen Deal maßgeblich dazu bei, indem es im Aufsichtsgremium der Gläubiger Ägyptens für die Finanzierung des Eroberungszuges stimmte. Im Gegenzug erkannte die britische Regierung die deutschen Ansprüche in Ostafrika an und erlaubte der dortigen „Schutztruppe“, in Ägypten sudanesische Askari-Söldner anzuwerben – einheimische Kämpfer für das Kolonialregime.
Anglo-ägyptisches Kolonialerbe: Teilen und Herrschen
1898 besiegte die anglo-ägyptische Armee unter General Herbert Kitchener die Mahdisten innerhalb weniger Monate dank ihrer überlegenen Waffentechnik. Tausende Gotteskrieger fielen in der Schlacht von Omdurman bei Khartum am 2. September 1898 durch britische Maschinengewehre. Kurz darauf führte die Faschoda-Krise im heutigen Südsudan beinahe zum Ausbruch eines Weltkrieges zwischen Großbritannien und Frankreich, doch die Regierung in Paris gab letztlich ihre militärischen Positionen im und politischen Ansprüche auf den Sudan auf. Die Einigung auf die jeweiligen Interessensphären war eine wichtige Voraussetzung für das spätere Bündnis der beiden Westmächte gegen das Deutsche Reich.
1899 entstand das anglo-ägyptische Kondominium über den Sudan: Formell eine Doppelherrschaft von Großbritannien und Ägypten, faktisch aber unter britischer Vorherrschaft, weil Ägypten seinerseits von London dominiert war. Die britischen Kolonialherren schafften die Sklaverei ab, führten dafür aber Zwangsarbeit in Infrastrukturprojekten ein, wenn die Menschen ihre Steuern nicht zahlen konnten. Aufstände im Südsudan unterdrückten sie mit brutalen Strafmaßnahmen, die sie euphemistisch „Befriedungsaktionen“ nannten. 1916 eroberten sie zudem das Sultanat Darfur, das nach der Mahdiyya wieder unabhängig geworden war, und gliederten es in den Sudan ein.
Einen noch größeren Wendepunkt für den weiteren Verlauf der Geschichte des Landes bildete indes die blutige Unterdrückung der „White Flag League“ 1924: Die weitgehend friedliche, 1923 von sudanesischen Leutnanten initiierte Bewegung trat für die Unabhängigkeit von Großbritannien und die Einheit mit Ägypten ein. Dabei verfolgte sie einen egalitaristischen Ansatz, der die breiten Massen im Land ansprach. So war einer ihrer Anführer Ali Abdellatif, der Sohn ehemals versklavter südsudanesischer Eltern. Das britische Kolonialregime reagierte nach der Beendigung der Revolte, indem es auf „divide et impera“ („Teile und herrsche“) setzte – ein Prinzip, das sudanesische Machthaber später übernahmen. Um dem aufkommenden Nationalismus entgegenzuwirken, führte es die „indirekte Herrschaft“ durch ausgewählte Stammesführer ein und stärkte dadurch tribalistische Tendenzen, die auch heute noch das Land teilen. Zudem schottete es den Südsudan vom Norden ab und überließ den Aufbau eines rudimentären Bildungssystems den christlichen Missionaren, was das Entwicklungsgefälle zwischen beiden Landesteilen verschärfte.
Noch tiefgreifender war die britische Entscheidung von 1925, die Sudan Defence Force (SDF) zu gründen und als Bollwerk gegen weitere Aufstände aufzubauen. Die SDF war nun eine sudanesische Truppe, die anglo-ägyptische Interessen durchsetzte. Auch nach der Unabhängigkeit sollte der Kampf gegen innere Feinde die Hauptaufgabe der Armee bleiben und diese zu einem Staat im Staate mutieren. Oder, wie es der britische Sudan-Historiker Peter Woodward formulierte, zu einer „Armee mit einem Staat“ statt einem Staat mit einer Armee.
Vor diesem Hintergrund kam es nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer paradoxen Situation: Am 1. Januar 1956 erlangte der Sudan seine Unabhängigkeit und musste diese – anders als viele andere Länder im globalen Süden – nicht in einem blutigen Befreiungskampf erringen. Bis zu seinem Sturz 1952 hatte der ägyptische König Faruk an seinem Anspruch auf den Sudan festgehalten. Der Anführer der Putschisten, Oberst Mohammed Nadschib, hatte selbst familiäre Wurzeln im Sudan und räumte 1953 in den Verhandlungen mit Großbritannien den Sudanesen das Selbstbestimmungsrecht ein. Nach der Absetzung Nadschibs durch seinen Mitputschisten Dschamal Abdel Nasser im darauffolgenden Jahr gerieten die Verfechter einer Vereinigung mit Ägypten in die Defensive. Im Dezember 1955 stimmte das sudanesische Parlament einstimmig für die Unabhängigkeit.
Schon kurz zuvor hatte sich jedoch gezeigt, dass das Glück der gewaltfreien Unabhängigkeitserlangung eine Schattenseite hatte: Im August 1955 kam es zu einer Meuterei südsudanesischer Soldaten in der Süd-Provinz Äquatoria. Die Ursachen der Revolte lagen in der systematischen Marginalisierung der südlichen Eliten bei der Sudanisierung des Staatsapparats. In der offiziellen Erinnerungskultur des Südsudan gilt der Aufstand, der in Torit begann und sich rasch auf weitere Städte im Süden ausbreitete, als Beginn eines jahrzehntelangen Freiheitskampfes, der 2011 schließlich zur südsudanesischen Unabhängigkeit führte. Tatsächlich taugt die Meuterei aber nicht als hehrer Ausgangspunkt für eine edle Sache, da die abtrünnigen Soldaten auch zahlreiche nordsudanesische Zivilpersonen massakrierten, darunter Frauen und Kinder. Die Rebellion ebbte auch bald wieder ab und flammte erst acht Jahre später wieder auf.
Frühe Republik: Konkurrenz zweier Königsfamilien
Die andere Saat der Zwietracht, die schon bei der sudanesischen Unabhängigkeit das Fundament für spätere Konflikte legte, war die Konkurrenz zwischen den beiden führenden Familien des Landes. Auf der einen Seite standen die Nachfahren des Mahdis, die sich trotz der früheren Feindschaft zu Verbündeten Großbritanniens gewandelt hatten. Als geistige Anführer des sufistischen Ansar-Ordens waren sie dank Spenden ihrer Anhänger auch zu Großgrundbesitzern geworden und führten mit der Umma, der „Nation“ im islamischen Sinne, eine der beiden wichtigsten Parteien in der politischen Arena der frühen Republik. Mit ihnen konkurrierte der ähnlich reiche Mirghani-Clan, der zugleich dem sufistischen Khatmiyya-Orden und der National Unionist Party (NUP) bzw. People’s Democratic Party vorstand. Beide Familien standen schon früh für eine Vermischung sowohl von Staat und Religion als auch von privaten und öffentlichen Interessen. Mit ihrem quasi-dynastischen Herrschaftsprinzip bei gleichzeitig demokratischen Legitimationsansprüchen verkörperten sie überdies einen grundlegenden Widerspruch innerhalb der politischen Klasse.
Der Machtkampf zwischen den beiden „Königsfamilien“ eskalierte schon bald nach der Unabhängigkeitserlangung. Am 17. November 1958 übernahm die Armee unter ihrem Oberbefehlshaber, General Ibrahim Abbud, die Macht. Der Staatsstreich war tatsächlich allerdings zunächst ein Selbstputsch, denn Ministerpräsident Abdullah Khalil hatte die Militärs zu dem Coup eingeladen, um dadurch seine drohende Abwahl zu verhindern. Das Kalkül des Umma-Politikers, selbst ein ehemaliger General, ging indes nicht auf. Statt sich an der Regierungsspitze halten zu können, wurde er von Abbud ausgebootet. Mit seinem misslungenen Machtmanöver führte Khalil ein Muster ein, das zu einem Grundübel der sudanesischen Malaise werden sollte: die inhärente Instabilität des Systems, in dem stets ein Coup d’État droht. Je nach Zählweise gab es seither bis zu 35 Putschversuche.
Abbuds Junta gab sich zunächst in der Innenpolitik technokratisch und nahm in den internationalen Beziehungen offiziell eine Position der Blockfreiheit ein. Faktisch tendierte sie jedoch zum westlichen Lager und ging dabei insbesondere eine enge Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik Deutschland ein. Für diese war der Sudan bei dessen Unabhängigkeitserlangung zum ersten Testfall für die „Hallstein-Doktrin“ geworden, mit der die Bundesregierung unter Kanzler Konrad Adenauer (CDU) die internationale Anerkennung der DDR durch die dekolonialisierten Länder in der „Dritten Welt“ verhindern wollte. Dafür gewährte Bonn dem Abbud-Regime umfangreiche Unterstützung im Bereich der zivilen Entwicklungshilfe, etwa beim Ausbau landwirtschaftlicher Großprojekte und dem Aufbau des sudanesischen Fernsehens.
Harter Kern der bundesdeutschen Diplomatie war allerdings die Zusammenarbeit im nicht-zivilen Bereich. Unmittelbar nach Abbuds Staatsstreich unterzeichnete die bundeseigene Firma Fritz-Werner, die sich eng mit dem Auswärtigen Amt und offenbar auch mit dem Bundesnachrichtendienst (BND) koordinierte, einen Vertrag zum Aufbau einer Munitionsfabrik bei Khartum. Der BND-Resident in Khartum, der sein Spionagehandwerk im SS-Auslandsnachrichtendienst gelernt hatte, half beim Aufbau des sudanesischen Geheimdienstes, der zum zentralen Unterdrückungsinstrument nachfolgender Diktaturen wurde. Ende 1961, kurz nach dem Bau der Berliner Mauer, gewährte das Bundesverteidigungsministerium gar eine militärische Ausrüstungshilfe im Rekordumfang von 120 Millionen DM, was einem heutigen Wert von fast 330 Millionen Euro entsprechen würde.
Die Ertüchtigung mit westdeutscher Wehrtechnik, ergänzt durch Ausbildungsprogramme für sudanesische Offiziere, ermöglichte es der Abbud-Junta überhaupt erst, im Südsudan eine Strategie der brutalen Aufstandsbekämpfung umzusetzen. Zugleich verfolgte das Regime dort eine Politik der Arabisierung und Islamisierung, unter anderem durch die Ausweisung aller christlichen Missionare. Die Wirkung war das Gegenteil des Angestrebten: Auf die Meuterei von 1955 waren zunächst eher ruhige Jahre gefolgt. Das Vorgehen nach dem Prinzip „verbrannter Erde und Ausrottung der Eingeborenen“, wie der bundesdeutsche Botschafter Oswald von Richthofen 1964 notierte,
Im Oktober 1964 führte die Eskalation andererseits zum Ende der Abbud-Junta durch eine Volkserhebung. Nachdem das Regime eine Diskussionsveranstaltung zum Südsudankonflikt an der Universität von Khartum gewaltsam aufgelöst und dabei den Studenten Ahmed al-Kureshi getötet hatte, kam es zu Massendemonstrationen in der Hauptstadt. Unter dem Druck der Straßen trat Abbud zurück und übergab die Macht an eine Übergangsregierung, die von der Kommunistischen Partei dominiert wurde. Damit gelang zum ersten Mal – fast ein halbes Jahrhundert vor dem Arabischen Frühling – in einem arabisch geprägten Land der Sturz einer Diktatur durch eine friedliche Protestbewegung. Die Oktoberrevolution von 1964 gilt als einer der stolzesten Momente der sudanesischen Geschichte und hat sich als Akt der Emanzipation tief in das kollektive Gedächtnis der Zivilgesellschaft eingeprägt.
Das Wiederaufblühen der Demokratie war unterdessen nur von kurzer Dauer. Anfang 1965 zwangen Massenproteste bewaffneter Mahdisten die linke Übergangsregierung zum Rücktritt, Botschafter von Richthofen zufolge auch dank bundesdeutscher Unterstützung. Die in der Folge gewählten Regierungen verausgabten sich in korrupten Machtspielen zwischen dem Umma- und Mirghani-Lager und diskreditierten damit das Konzept der Parteienherrschaft. Zugleich eskalierten sie den Konflikt im Südsudan, während die Volkswirtschaft zunehmend verfiel. Auch hier rächte sich das Erbe der britischen Kolonialherrschaft, die mit dem Anbau von Baumwolle in bewässerten Großprojekten auf ein Hauptexportgut gesetzt hatte. Der grundlegende Wandel des Weltmarktes für Textilien in den 1960er Jahren ließ diese Einnahmequelle weitgehend versiegen und stürzte das Land in eine Finanzkrise.
Putsch Dschafar an-Numairis
Angesichts des Bankrotts der traditionellen Kräfte ergriff eine Gruppe junger Armeeoffiziere unter Führung von Oberst Dschafar an-Numairi, der als Panzerkommandant bei der Bundeswehr fortgebildet worden war, am 25. Mai 1969 die Macht. In Abgrenzung vom konservativen Politestablishment gaben sich die Putschisten als sozialistische und panarabistische Verbündete des ägyptischen Machthabers Dschamal Abdel Nasser (1954-1970). In einer ihrer ersten Amtshandlungen erkannten sie die DDR diplomatisch an und versetzten damit der Bonner Hallstein-Doktrin den Todesstoß. Knapp zwei Jahre lang erlebten die Beziehungen zwischen Khartum und Ost-Berlin eine Hochphase, die nicht zuletzt in einer intensiven Zusammenarbeit zwischen der Stasi und dem sudanesischen Geheimdienst bestand. Die enge Kooperation fand allerdings ein abruptes Ende, als im Juli 1971 kommunistische Kräfte einen erfolglosen Putschversuch gegen Numairi unternahmen.
Numairi und seine Mitstreiter behielten zwar einen sozialistischen Anstrich, wandten sich aber faktisch der westlichen Staatenwelt zu. Überdies legte das Numairi-Regime Anfang 1972 mit dem Abkommen von Addis Abeba den Bürgerkrieg im Südsudan bei und gestand der Region eine weitgehende Teilautonomie zu. Die internationale Gemeinschaft honorierte diesen Friedensschluss mit umfangreichen Hilfsprogrammen, die vor allem in der Hauptstadt zu einem Boom führten. Auf diese „goldene“ Phase folgte jedoch schon zum Ende der 1970er Jahre der jähe Absturz. Die meisten Projekte zum Aufbau von Industrie und mechanisierter Landwirtschaft erwiesen sich infolge der globalen Ölpreisschocks von 1973 und 1979/80 als unwirtschaftlich und gerieten zu Entwicklungsruinen, wozu auch eine grassierende Korruption beitrug. Die daraus resultierende Schuldenlast lähmt den Sudan auch heute noch.
Zur gleichen Zeit vollzog Numairi eine weitere Wandlung. Nach einem Putschversuch der Mahdisten, die sich dabei vom libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi unterstützen ließen, erklärte er 1978 eine „nationale Versöhnung“ und band die konservativ-islamischen Kräfte von Sadiq al-Mahdi wie auch die islamistische Gefolgschaft von Mahdis Schwager Hassan al-Turabi in die Regierung ein. Letzterer gewann so weit an Einfluss, dass Numairi im September 1983 eine drakonische Form des islamischen Strafrechts unter dem Label der Scharia einführte. 1984 erklärte er den Sudan zur Islamischen Republik und ließ Anfang 1985 den Sufi-Gelehrten Mahmud Muhammad Taha unter dem Vorwurf der Ketzerei hinrichten. Schon Anfang 1983 hatte sich im Südsudan mit der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung und -armee (SPLM/A) eine neue Rebellengruppe gegen das Regime in Khartum erhoben. Zu diesem Zeitpunkt war das Friedensabkommen von Addis Abeba durch Verletzungen seitens Numairis wie durch Zerwürfnisse innerhalb der südsudanesischen Eliten bereits gescheitert.
Infolge von Numairis Wandlung zum Tyrannen kam es im April 1985 zum zweiten Volksaufstand nach der Oktoberrevolution von 1964. Der Langzeitdiktator, der sich gerade zu einem Staatsbesuch in den USA befand, wurde von der Armee fallengelassen und ins Exil gezwungen. Die Armeeführung unter Oberbefehlshaber Swar al-Dahab bildete eine Übergangsregierung und übergab die Macht wie versprochen nach einem Jahr an den gewählten Ministerpräsidenten Sadiq al-Mahdi, der ein Enkel des historischen Mahdi war und das Amt des Premiers schon einmal 1966/67 innegehabt hatte. Mahdi trieb das Land freilich mit Misswirtschaft und einer harten Linie im Südsudankonflikt weiter in den Abgrund. Dabei schuf er im Kampf gegen die SPLM/A einen Präzedenzfall, der sich für den weiteren Verlauf der sudanesischen Geschichte als fatal erweisen sollte: Für die Niederschlagung der Rebellion im Süden gab Mahdi das Gewaltmonopol des Staates auf und rüstete die Rizeigat-Stammesmilizen aus dem Westsudan mit modernen Waffen aus. In ihrer Kontinuitätslinie stehen die heutigen Rapid Support Forces (RSF).
Baschir-Diktatur
Mahdis katastrophale Regierungszeit endete nach gerade einmal drei Jahren am 30. Juni 1989 mit einem abermaligen Staatsstreich aus den Reihen der Armee. Als nomineller Anführer der Putschisten agierte General Umar al-Baschir, doch schon nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass Islamistenführer Turabi der eigentliche Machthaber war. Innenpolitisch errichtete er ein Schreckensregime, das jede Opposition brutal unterdrückte. Den Kampf gegen die Rebellen erklärte er zum „heiligen Krieg“, der daraufhin im Süden wie in den Nubabergen genozidale Ausmaße annahm. Außenpolitisch führte er den Sudan in die Isolation eines Schurkenstaates, zunächst mit der Parteinahme für Iraks Diktator Saddam Hussein bei dessen Überfall auf Kuwait 1990. Überdies gab es Vorwürfe, wonach Turabis Geheimdienst 1995 in ein Attentat auf Ägyptens Präsident Husni Mubarak sowie 1998 in die verheerenden Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania verwickelt war. Fest steht, dass der Sudan unter Turabi zu einem Sammelbecken für militante Dschihadisten wurde, darunter auch al-Qaida-Gründer Osama bin Laden, der von 1991 bis 1996 in Khartum lebte. Die aus dem Pariahstatus folgenden Sanktionen der internationalen Gemeinschaft bedeuteten die fast vollständige Abkoppelung der sudanesischen Volkswirtschaft vom Welthandel.
Nach einem Jahrzehnt der Terrorherrschaft unterstützte Vizepräsident Ali Osman Taha, der als „Kronprinz“ von Turabi galt, zusammen mit anderen Islamisten Baschir in dessen Machtkampf mit Turabi. Der sich volksnah gebende General gewann 2000 das politische Kräftemessen und bootete den abgehoben erscheinenden Turabi aus. Damit war auch der Weg für ernsthafte Friedensverhandlungen zwischen Taha und SPLM/A-Anführer John Garang, einem ehemaligen Oberst der Regierungsarmee, frei. Unter ostafrikanischer Vermittlung schlossen beide Seiten Anfang 2005 im kenianischen Naivasha das Comprehensive Peace Agreement (CPA) ab, das dem Südsudan das Selbstbestimmungsrecht über eine mögliche Unabhängigkeit einräumte. Möglich wurde diese Beilegung des Konfliktes, der bis zu zwei Millionen Menschenleben kostete, auch durch die seit 2000 sprudelnden Einnahmen aus der Erdölförderung, wodurch es eine Friedensdividende zu verteilen gab. Garang feierte eine triumphale Rückkehr nach Khartum, kam aber kurz darauf bei einem mysteriösen Hubschrauberabsturz ums Leben. Mit ihm starb auch seine Vision von einem vereinigten „New Sudan“, in dem die Bevölkerung in den Peripherien – bzw. deren Eliten – nach Jahrzehnten der Marginalisierung endlich angemessene Mitsprache im Zentrum erhalten sollten. Stattdessen setzten sich die Separatisten durch, die erfolgreich die Abspaltung des Südsudans über ein Referendum 2011 propagierten.
Just während das Baschir-Regime Frieden mit den Südrebellen schloss, brach in Darfur ein neuer Krieg aus, als 2003 Aufständische einen Armeestützpunkt in al-Faschir angriffen. Die Spannungen in der Westregion hatten schon seit einigen Dürreperioden in den 1970er und 1980er Jahren geschwelt. Dem unwiederbringlichen Verlust von landwirtschaftlich nutzbaren Flächen durch lokalen und globalen Klimawandel stand ein starkes Bevölkerungswachstum gegenüber. Traditionelle Mediationsmechanismen bei Konflikten zwischen Viehnomaden und Kleinbauern um Weideflächen und Ackerland wurden durch die massenhafte Verbreitung moderner Sturmgewehre, darunter auch viele deutsche G3-Modelle, zunichtegemacht. Dieses Gemisch wurde durch den Druck seitens der Zentralregierung, mit dem Export von Vieh und Getreide in die Golfmonarchien harte Devisen zu erwirtschaften, noch explosiver. Das Regime in Khartum reagierte auf die Revolte, indem es deren brutale Niederschlagung an Stammesmilizen delegierte. Diese Dschandschawid-Kämpfer gelten als Vorläufer der RSF, die daher auch „Neo-Dschandschawid“ genannt werden. Bis zu 300.000 Menschen verloren durch den Krieg ihr Leben, Millionen wurden vertrieben. Der ungelöste Konflikt bildete letztlich einen Hauptauslöser des jüngsten Krieges, der sich seit April 2023 von Darfur aus auf das ganze Land ausgebreitet hat.
Militarisierte Misere und ewiger Krieg?
So komplex die Kriegsursachen sind, so lassen sie sich doch auf einen einfachen Nenner herunterbrechen: Es geht um das, was der britische Sudanforscher Alex de Waal „die Militarisierung des politischen Marktplatzes“ genannt hat.
Schlussendlich steckt hinter der sudanesischen Misere auch ein anderes sozioökonomisches Problem: das Patriarchat, das sich trotz einer traditionell starken Frauenbewegung hartnäckig in der Mehrheitsgesellschaft hält.