Über alle Epochen hinweg hielten sudanesische Frauen immer wieder entscheidende, mächtige Positionen inne: von der Ära der Kandaken, den einflussreichen Königinnen des nubischen Reiches von Meroe (750 v. Chr. – 350 n. Chr.),
Ursprünge der Mädchen- und Frauenbildung
Historisch betrachtet trägt der Umgang mit Frauen als zentralen Akteurinnen in der sudanesischen Gesellschaft oft voreingenommene Züge. Ganz gleich in welcher Rolle, ihr Beitrag zum sozialen und politischen Leben in verschiedenen Epochen wurde oft übergangen. Mädchen- und Frauenschulen bilden den Ausgangspunkt für die modernen Emanzipationsbewegungen. Es gibt Hinweise darauf, dass die ersten Bildungseinrichtungen, die sogenannten Khalawi, im 16. Jahrhundert gegründet wurden. Frauen traten diesen in begrenztem Umfang bei.
Später wurden Missionsschulen eröffnet, die auch Frauen aufnahmen – davon die erste 1871 in der Stadt al-Ubayyid.
1907 eröffnete Schaich Babiker Badri die erste private, von Bürgern finanzierte Mädchenschule in Rufaa im Zentralsudan.
Die Gründung der Pflegeschule 1920 ermöglichte ersten Frauen die Erwerbstätigkeit im öffentlichen Dienst. Die ersten Absolventinnen waren Ausländerinnen und Koptinnen ägyptischer Herkunft; Sudanesinnen konnten sich erst später einschreiben. Trotz ihrer geringen Anzahl spielten die Leistungen der Krankenschwestern und Lehrerinnen jener Zeit eine bedeutende Rolle im öffentlichen Leben. Sie engagierten sich in der Politik und den Gewerkschaften, forderten Sitze in der Gewerkschaft des Pflegewesens und erhielten diese auch. Die ersten weiblichen Mitglieder gründeten in der Folge eine eigene Gewerkschaft.
Die zunehmende Einbindung der Frauen in den Bildungsbereich versorgte die Gesellschaft mit zahlreichen Absolventinnen, die sich im Staatsdienst und im Privatsektor organisierten. Auch die Gründung neuer Universitäten mit verschiedenen Fakultäten war ein treibender Faktor für den Eintritt der Frauen in den öffentlichen Raum. Damit wurde ihre Präsenz im gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben zum Faktum, wenngleich manche Fakultäten die Aufnahme von Frauen zunächst nicht zuließen. Auch wenn die Frauenbildung vorrangig in urbanen Zentren stattfand, engagierten sich Absolventinnen dafür, auch Mädchen und Frauen in ländlichen Regionen Zugang zur Grundbildung zu ermöglichen.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts überstieg die Zahl der Studentinnen an Universitäten und Hochschulen erstmals die Zahl ihrer Kommilitonen. Demgegenüber sahen und sehen sich die Mädchen in vielen Teilen des Sudan wegen Armut, Kriegen oder mangelnder Infrastruktur mit Schwierigkeiten beim Schul- und Universitätsbesuch konfrontiert. Hinzu kamen häufige Schulabbrüche wegen Verheiratung von minderjährigen Mädchen. Die Frauenbildung im Sudan ist bis heute von Herausforderungen gezeichnet und der Analphabetismus unter Frauen ist trotz allen Emanzipationsbestrebungen in vielen Regionen prozentual hoch. Da Bildung ein Zeichen für die Entwicklung der Frau ist, bedarf es verstärkter staatlicher und zivilgesellschaftlicher Anstrengungen, um die Bildung von Frauen und Mädchen auszuweiten.
Entstehung der Frauenvereine
Es fällt auf, dass die Entstehung der sudanesischen Frauenbewegung eng mit zunehmender Bildung verknüpft ist. Die wachsende weibliche Bildungsbeteiligung fiel in den Zeitraum des anglo-ägyptischen Kolonialismus, der zwischen 1899 und 1956 als Kondominium unter britischer Leitung den Sudan regierte. Zeitgleich erstarkten auf der ganzen Welt Frauenbewegungen, die sich vor allem Fragen des Wahlrechts und des Zugangs zur (höheren) Bildung widmeten. Beide Faktoren beeinflussten die Entstehung der Frauenbewegung im Sudan. Getragen von gebildeten Frauen und dem von Widerstands- und Freiheitsideen beladenen Diskurs sowie dem Bewusstsein einiger Frauen für den notwendigen Kampf für die Verbesserung der Lage der Frauen, wurde 1946 der erste Frauenverein, „Vereinigung gebildeter Mädchen“, gegründet.
Obwohl dieser Verein von kurzer Lebensdauer war, läutete er den Beginn der Dokumentation der Frauenbewegung ein. Er verkörpert eine Form weiblichen Widerstands gegen die damalige Ordnung sowie gegen den Versuch, die Frauen aus einer Gesellschaft heraus zu drängen, die ihr Erscheinen in dem öffentlichen Raum als Bruch lang gehegter Traditionen wertete.
Die Entstehung der Frauenvereine lässt sich nicht isoliert vom Aufkommen anderer Fraueninitiativen erklären, wie etwa des Frauenclubs, der in der Stadt Wad Madani von Beamtenfrauen gegründet wurde, sich jedoch rasch ohne nennenswerte Wirkung wieder auflöste. Im Untergrund engagierte sich beispielsweise al-Azza Mohammed Abdullah, kurz „Azza“, Ehefrau des südsudanesischen Leutnanten Ali Abdellatif, einem Anführer der Revolte von 1924.
Die Beteiligung von Frauen an der Korrespondenz mit den Zeitungen in den 1940er Jahren repräsentiert eine Art geistigen Fortschritts der Frauen, der im Widerspruch zur damals gelebten Realität stand und doch von Belang war. Denn diese Praxis ging sogar über das bloße Schreiben hinaus und führte dazu, dass die armenischstämmige Sudanesin Tekoui Sarkissian 1947 die erste Frauenzeitschrift, Bint al-Wadi („Töchter des Tals“), herausgab. Das Verfassen von Zeitungsartikeln und das Signieren mit Initialen vereinten zwei Widersprüche: die Ambition der Frauen, im öffentlichen Raum aufzutreten, und zugleich die Furcht vor einer Gesellschaft, die ihre Bewegungsfreiheit einschränkte.
1952 kam ein kleiner Kreis gebildeter Frauen zusammen: Aziza Makki Osman, Khalida Zahir, Fatima Talib, Thuraya Imbabi, Nafisa al-Malik, Nafisa Ahmad al-Amin, Hajja Kaschif, Amayim Adam, Mahasin Jilani und Umm Salma Said. Auf dieser Versammlung wurde eine Reihe von Fragen zu den Belangen der sudanesischen Frauen diskutiert und aus ihr wuchs der Kern der Sudanese Women’s Union („Sudanesischer Frauenverband“), der die prominenteste Rolle in der sudanesischen Frauenbewegung einnehmen wird. Der Sudanesische Frauenverband gilt als einer der aktivsten Frauenvereine jener Periode und spielte eine entscheidende Rolle im Kampf um den Grundstock der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Rechte für Frauen. Seine Sektionen breiteten sich in allen Provinzen aus. Ein weiterer Erfolg lag darin, dass die Regierung 1954 Absolventinnen der Sekundarschulen und des Gordon Colleges das aktive Wahlrecht einräumte. Der Verband eröffnete zudem zahlreiche Schulen und publizierte die erste feministische Zeitschrift, Sawt al-Mar’a („Stimme der Frau“).
Angetrieben von der Herausforderung, einen besseren Status für die Frauen zu schaffen, gingen die Pionierinnen jener Zeit mit vorsichtigen, aber selbstsicheren Schritten voran. Sie waren scharfsinnige Analytikerinnen des gesellschaftlichen Wandels. Produktiv, ohne viel Pathos, setzten sie sich durch, unbeirrt von jenen Stimmen, die versuchten, ihre Rolle auf Haushalt und Kindererziehung zu beschränken – und das in einer Gesellschaft im Aufbruch, in den chaotischen Unabhängigkeitsjahren.
Kurz vor sowie parallel zur Entstehung des Frauenverbands im Sudan bildeten sich mehrere Frauenvereine und -organisationen, deren Hauptziel die Frauenbildung war. Sie boten Alphabetisierungskurse an und bemühten sich, die Frauen selbstbewusst zu machen, indem sie zahlreichen Bräuchen den Kampf erklärten, die zur Rückständigkeit und Abhängigkeit der Frauen beitrugen. Neben diesen Vereinen erschienen auch einige Frauenzeitschriften wie al-Qafila („Die Karawane“) und al-Manar („Der Leuchtturm“). Auch schrieben Frauen zunehmend regelmäßig in den damaligen Tageszeitungen.
Das Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Regierungen und Ideologien im Laufe der sudanesischen Geschichte hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die Kontinuität der Frauenbewegung. Das dominierende Merkmal der Bewegung blieb jedoch der Widerstand gegen die patriarchale Unterdrückung und der Versuch, die eigenen Tätigkeiten fortzusetzen. Auf die stürmische Aktivität in den 1940er Jahren bis zur Unabhängigkeit folgte eine Phase der Stagnation Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre. Den erneuten Aufschwung erlebte die Bewegung nach der Oktoberrevolution 1964, die zum Sturz des Militärdiktators Ibrahim Abbud führte, bevor sie aber unter dem Militärregime Dschafar an-Numairis ab Mai 1969 wieder kooptiert und eingeengt wurde. Paradoxerweise brachte jene Periode den Frauen einige politische und ökonomische Rechte.
Die Aktivitäten der meisten Frauenvereine und -organisationen, die in der Phase vor und nach der Oktoberrevolution 1964 entstanden waren, kamen zum Erliegen und verlagerten sich bei manchen, wie dem Sudanesischen Frauenverband, in den Untergrund. Dieser hatte die Forderungen nach politischen, ökonomischen und sozialen Rechten der Frau angeführt, war jedoch stark von den Repressalien betroffen, weil er als Teil der sudanesischen Linken kategorisiert worden war. Das Militärregime an-Numairis wirkte damals auf die Schaffung einer Ersatzbewegung hin und gründete das staatlich gelenkte „Bündnis sudanesischer Frauen“, das zahlreiche ehemalige Mitglieder des Frauenverbands anzog.
Gleichzeitig entstanden neue Vereine, die sich primär der Wissenschaft und Forschung widmeten und sich von den unmittelbaren Forderungen nach Frauenrechten distanzierten. Diese Vereine, darunter die Babiker Bedri Scientific Association for Women’s Studies, spielten eine wichtige Rolle bei der Dokumentation und Archivierung der damaligen Frauenbewegung. Auch universitäre, kulturelle und berufliche Netzwerke trugen zu mehr Aufklärung unter Frauen bei. Die Zunahme organisatorischer und massenwirksamer Arbeit unter Frauen stärkte das Bewusstsein für Rechte und Pflichten und präzisierte die Ziele der Frauenverbände – und genau daran arbeiteten die Pionierinnen der Frauenbewegung.
Später, insbesondere nach der internationalen Öffnung und durch Unterstützung der UN, erlebte der Sudan eine Expansion der NGOs. Viele dieser NGOs dienten als Deckmantel für den Widerstand der Frauen gegen die Machthaber und die Exklusion. Hier sei darauf hingewiesen, dass die Wirkung früherer Frauenorganisationen auf die sudanesische Gesellschaft und ihre Strukturen trotz ihrer geringen Anzahl tiefer war als die der heutigen. In den 1990er Jahren traten schließlich mehrere regierungstreue Frauenorganisationen hervor: Der „Verband der berufstätigen Frauen“, das „Zentrum für Frauenstudien“ (ein Institut, das sich mit Studien, Forschung und Ausbildung in Frauen- und Gesellschaftsfragen befasste), der „islamische Weltverband der Frauen“ sowie der „Generalfrauenverband im Sudan“.
Frauen im Widerstand
Alles, was die Frauen für ihre unterdrückten Rechte unternommen haben, sei es aufgrund gesellschaftlicher, familiärer oder politischer Machtverhältnisse, war eine Form des Widerstands.
Mit der Gründung des Sudanesischen Frauenvereines Mitte des 20. Jahrhunderts lenkten die Aktivistinnen ihren Blick auf strukturelle Veränderungen und Ziele. Der Fokus lag zunächst bei Alphabetisierung und Bildung sowie der Bekämpfung vieler Bräuche und Traditionen, die die Beteiligung der Frauen am öffentlichen Leben einschränkten. Der Frauenverband forderte seit seiner Gründung die Abschaffung der Genitalbeschneidung bzw. -verstümmelung von Frauen, da diese Praxis – eine Form schwerer körperlicher Gewalt – tiefe psychische und physische Traumata verursacht, unter denen die Betroffenen ihr Leben lang leiden. Sie hielten Veranstaltungen zur Aufklärung über die Gefahren der Beschneidung und begannen, in der sudanesischen Gesellschaft tief verwurzelte Tabus anzugreifen. Die Aktivistinnen mussten knapp 70 Jahre lang warten, bis diese Praxis 2020 kriminalisiert wurde.
Mit der Begründung, der Unterricht in naturwissenschaftlichen Fächern übersteige ihre intellektuellen Fähigkeiten, wurde dieser den Mädchen zunächst untersagt. Dies führte Ende der 1940er Jahre zum Streik der Schülerinnen der Sekundarstufe an der Mädchenschule in Omdurman. Trotz des Schulverweises mehrerer Schülerinnen stellte diese Aktion eine Form des Widerstands dar und bewies, dass sich vieles bei den Frauen aufgestaut hatte, was sie zu einer starken, wirkungsvollen Tat trieb: dem Widerstand gegen die Geringschätzung ihrer geistigen und kognitiven Kompetenzen. Die Furcht vor Bestrafung hielt sie nicht davon ab, zu streiken – mit Erfolg.
Nennenswert ist auch die Demonstration von Krankenschwestern gegen die Kolonialherrschaft 1951, der die Forderung nach dem Recht auf adäquate Gesundheitsversorgung für Frauen während Schwangerschaft und Geburt folgte.
Nachdem alle oppositionellen Kräfte, darunter die Frauenorganisationen, verboten wurden, reihten sich Frauen in der Widerstandsbewegung gegen das Militärregime unter Ibrahim Abbud (1958–1964) ein. Die Regierung sah in der Frauenbewegung eine Bedrohung, wie Karikaturen in der Zeitschrift Sawt al-Mar’a („Stimme der Frau“) illustrieren. In Ablehnung des damaligen Militärregimes gingen die Frauen auf die Straße, demonstrierten und streikten. Die Teilnahme der Sekundarschülerinnen und Studentinnen führte zu ihrem Unterrichtsausschluss; es kam sogar zu Massenverweisen der Schülerinnen der Sekundarschulen in Khartum und Omdurman. Bei den Protesten im Rahmen der Oktoberrevolution von 1964 wurde die Aktivistin Bakhita al-Hafyan in Omdurman durch Schüsse der Sicherheitskräfte getötet. Viele weitere Frauen wurden verletzt.
Unter der zweiten Militärherrschaft unter Dschafar an-Numairi (1969–1985) wurde 1983 die Scharia eingeführt und die repressivsten und härtesten Gesetze gegen Frauen seit der Unabhängigkeit erlassen. Diese Gesetze waren ein vernichtender Rückschlag für die Frauen, weil sie alles niederrissen, wofür sie jahrzehntelang gekämpft hatten. Neben zahlreichen Vorschriften und Bestimmungen wurde ihre Bewegungsfreiheit erneut drastisch eingeschränkt und ihnen das Reisen ohne männlichen Vormund verboten.
Indem sie sich den Reihen des Widerstands gegen das Militärregime anschlossen, widersetzten sich die Frauen den regressiven Maßnahmen. Viele von ihnen traten Organisationen, Gewerkschaften und politischen Parteien bei, die im Widerstand gegen das Regime aktiv waren, was schließlich im April 1985 mit dem Sturz des Regimes durch einen Volksaufstand gekrönt wurde. Doch trotz des Regimesturzes blieben die Gesetze in Kraft.
In den ersten Jahren der Herrschaft der Islamischen Bewegung unter Umar al-Baschir im Juni 1989 verschärften sich die Repressionen gegen Frauen weiter: Ihnen wurde das Tragen von Hidschab an Arbeitsplätzen und Universitäten vorgeschrieben. Sofern sie nicht der Staatsideologie entsprach, wurde jegliche politische, kulturelle oder soziale Aktivität verboten. Diese waren einige der dunkelsten Jahrzehnte für Frauen in der Geschichte des Sudan. Hervorzuheben ist, dass aus politischer Gefälligkeit heraus die jeweiligen systemtreuen Frauen viele Privilegien auf politischer, gesellschaftlicher und ökonomischer Ebene genossen: Sie erhielten Sitze im Parlament, wurden in Ministerien berufen oder in Lokalräten eingesetzt. Ökonomisch profitierten jene Frauen von den Möglichkeiten des öffentlichen Dienstes, von Krediten und staatlichen Lizenzen im Privatsektor.
Eines der repressivsten Gesetze zur Unterwerfung der Frau im Sudan war das sogenannte Gesetz zur öffentlichen Ordnung, später in „Gesetz zur inneren Sicherheit“ umbenannt und 1996 auf Basis des Strafgesetzbuchs von 1991 erlassen. Es zielte darauf ab, die Frauen in das Korsett der Herrscherideologie zu zwingen. Das Gesetz gab den Exekutivorganen – Soldaten und Vertretern der Staatsanwaltschaft – Strafvollzugsrecht nach eigenem Ermessen, was zur Willkür führte. Es erlaubte den Eingriff in die Privatsphäre von Frauen, angefangen bei der Freiheit der Kleiderwahl, der Beschaffenheit dieser, deren Länge und sogar Schnitt. Auch die Ausübung bestimmter Berufe und Tätigkeiten wurde den Frauen untersagt.
Der seit 2003 in Darfur im Westsudan entfesselte Krieg zwischen der Zentralregierung und den bewaffneten Gruppen löste eine große humanitäre Katastrophe aus. Er ist gezeichnet von ethnischen Säuberungen und Zwangsvertreibungen, infolge derer Tausende Menschen auf der Flucht waren. Frauen und Mädchen waren Gräueltaten der Regierungstruppen und ihren verbündeten Milizen ausgeliefert. Dabei wurden sie systematisch und in erschreckend hohen Zahlen vergewaltigt; weitere schwere Verbrechen und massive Gewalt sind dokumentiert. Die Frauen in Darfur leiden bis heute unter den Folgen dieses Krieges.
Im Dezember 2018 begannen Volksproteste gegen das Militärregime von Umar al-Baschir, seine freiheitseinschränkenden Gesetze und die dramatischen Wirtschaftsverhältnisse. Frauen bildeten das Rückgrat dieser Bewegung, die sich über alle Landesteile des Sudan erstreckte. Sie trugen in allen Formen des Protests dazu bei, beteiligten sich an der Logistik, den Demonstrationen und Sitzstreiks. Während des Volksaufstandes von Dezember 2018 bis April 2019 wurden Frauen vielfältigen Formen von Übergriffen ausgesetzt: Verhaftung, Folter, Schlägen, Vergewaltigung, gewaltsame Entführungen bis hin zur Tötung. Doch ihre Entschlossenheit im Widerstand erlahmte nicht und sie führten ihren Kampf bis zum Sturz des Baschir-Regimes fort.
Die Beteiligung der Frauen an der Dezemberrevolution war sichtbarer und kraftvoller als ihre Beteiligung an den vorangegangenen Revolutionen gegen die Militärregierungen. Die Reaktion der Sicherheitskräfte war entsprechend brutaler. Der Einsatz systematischer Gewalt gegen die Frauen war einer der Versuche, sie aus dem Konflikt zu drängen und ihren Widerstandswillen zu brechen; auch hier kam es zu massiver sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt gegen oppositionelle Frauen. Da patriarchale Rollenbilder und islamisch geprägte Vorstellungen von Ehre in weiten Teilen der sudanesischen Gesellschaft fortbestehen, wird an vielen der betroffenen Frauen die an ihnen verübte Gewalt als lebenslanges Stigma haften bleiben – obwohl sie die Opfer waren.
Kriegsausbruch im April 2023
Der Fluch der Gewalt verfolgte die sudanesischen Frauen auch in den Jahren nach der Revolution und dem Sturz al-Baschirs weiter. Denn sie sind die am stärksten betroffene Gruppe in dem verheerenden Krieg, der im April 2023 zwischen den sudanesischen Streitkräften (Sudanese Armed Forces/SAF) und den paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) ausbrach und bis heute andauert. Wie Berichte der UN und verschiedener NGOs belegen, sind besonders Frauen und Mädchen in diesem Krieg schweren Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt. Ein Bericht des UN-Menschenrechtsbüros im Sudan stellte fest, dass sexualisierte Gewalt sich mit der geografischen Ausbreitung des Konflikts im Sudan erweitert und mittlerweile 16 von 18 Provinzen betrifft, wobei sie systematisch als Kriegstaktik zur Terrorisierung und Traumatisierung der Zivilbevölkerung eingesetzt wird. Saif Maghango, der Sprecher des Büros, berichtet, dass seit dem Ausbruch des Krieges mindestens 546 Vorfälle konfliktbedingter sexualisierter Gewalt registriert wurden, die 838 Opfer betreffen. Der Bericht stellt zudem klar, dass die meisten der vom Büro verifizierten Vorfälle Mitgliedern der RSF sowie mit ihnen verbündeten Gruppen und arabischen Milizen zuzuschreiben sind, während einige Vorfälle auch den SAF, Sicherheitskräften und mit ihnen verbündeten Milizen zugeschrieben werden.
Die Zerstörung der Gesundheits- und Bildungsinfrastruktur entriss den Mädchen und Frauen jegliche Versorgungschancen und Bildungsperspektiven und führte zu einem Anstieg der Zwangsverheiratung. Zahlreiche Frauen sind zudem von der Vertreibung und Flucht unter brutalen und extrem prekären Bedingungen traumatisiert.
Um dem Krieg zu widerstehen und der zermürbenden Gewalt entgegenzutreten, beteiligten sich Frauen an zahlreichen Friedenskampagnen und bildeten humanitäre Netzwerke. Sie organisierten sich in Gruppen und arbeiteten ebenso mit freiwilligen Initiativen wie den Emergency Response Rooms (ERR) zusammen – eine von jungen Menschen getragene zivilgesellschaftliche Initiative, die während des Krieges die Grundversorgung der Bevölkerung sichert. Die ERR entstanden 2019 während der Dezemberrevolution aus den „Nachbarschaftskomitees“ (Neighbourhood Committees) und spielen eine tragende Rolle in der Evakuierung aus Krisenzonen sowie der lokalen Versorgung mit Hilfsgütern. Über diese Initiativen leisten die Frauen medizinische Hilfe und psychosozialen Beistand für überlebende Geflüchtete in den Konflikt- und Fluchtgebieten.
In den Flüchtlingslagern im Tschad, wohin Tausende Frauen vor dem Krieg geflohen sind, entstanden zahlreiche feministische Initiativen, um der katastrophalen Lage in der Heimat zu entgehen. Laut UN-Schätzungen stellen Frauen und Kinder rund 87 Prozent der Geflüchteten. Eine dieser Initiativen war Jandariyat li-ighathat an-nisaa („Gendernetzwerk für Frauenhilfe“), die die Verteilung von Trinkwasser und Nahrungsmittel organisierte und psychosoziale Betreuung für traumatisierte Opfer leistete. Auch in den Binnenflüchtlingslagern waren Frauen die treibende Kraft der Solidarität.
Archiv der sudanesischen Frauenbewegung
Frauen sind das Gedächtnis der Gesellschaft, denn sie kennen ihre feinsten Strukturen. Dennoch stellen wir fest, dass sie in der zeitgenössischen, verschriftlichten Geschichte Sudans fast gänzlich unsichtbar sind: Sie finden keinen Platz in den Archiven und Dokumenten. Teils ist diese Ausblendung Vorsatz, teils aber das Resultat einer gesellschaftlichen Abwertung der Frau. Möglicherweise liegt sie auch in der Geringschätzung der Dokumentation – sogar bei den Frauen selbst.
Das Archiv der sudanesischen Frauenbewegung – worunter wir hier den eigentlichen Beginn der Gründung von Vereinen und Organisationen verstehen, die sich Frauenfragen widmeten und bereits in den 1940er Jahren ihren Beginn fanden – ist fragmentiert. Die Anfänge der organisierten Frauenbewegung sind nicht offiziell dokumentiert. Nehmen wir die „Vereinigung gebildeter Mädchen“ zum Beispiel: Manche Überlieferungen datieren ihre Gründung auf 1946, andere auf 1947. Dieser Widerspruch zeugt von einer fundamentalen Schwäche der historischen Dokumentation.
Dass einer Bewegung, deren Geschichte über 70 Jahre zurückreicht, ein Archiv fehlt, offenbart die Notwendigkeit, nachzuforschen und die Reste des kollektiven Gedächtnisses vor dem Verfall zu retten, über die Zeit und den historischen Wandel hinweg. Daher entstand die Idee zum Dokumentationsprojekt der sudanesischen Frauenbewegung im Zeitraum von 1940 bis 2010 in Khartum, al-Ubayyid, Wad Madani und Atbara.
Die erste Phase des Projektes, dessen Ziel eine Bestandaufnahme der tatsächlich vorhandenen Archive in Privathäusern und Vereinsbüros war, wurde bereits durchgeführt. Neun umfassende Fragebögen für Einzelpersonen und Verbände wurden ausgearbeitet. Eines der Resultate der ersten Erhebung war, dass viele Archive zwar existieren, aber verborgen gehalten werden. Es ist deshalb notwendig, diesen nachzugehen und sie Forscherinnen und Forschern sowie der Öffentlichkeit, die sich für die Geschichte der sudanesischen Frauenbewegung interessiert, zugänglich zu machen.
Wegen des Kriegsausbruchs konnte die Arbeit an dem Projekt nicht vollendet werden; lediglich ein Teil der ersten Phase konnte realisiert werden. Geplant ist, die Arbeit nach Ende des Krieges oder in den sicheren Gebieten fortzusetzen, um die Rettung der vorhandenen Dokumente zu gewährleisten.
Tragischerweise wurde eine Reihe von Archiven wegweisender Vereine in der Vergangenheit aufgrund von ausgehängten Verboten jeweiliger staatlicher Gewalt vernichtet, ob durch Verbrennung oder die Verlagerung an entfernte Orte, wo sie verloren gingen oder beschlagnahmt wurden. Auch das mangelnde Interesse Einzelner an den Dokumenten, seien es die Besitzer oder deren Erben, führte nach dem Tod von Aktivistinnen teilweise zum Verlust. Ebenso räumten manche staatliche, für Archive und die Aufbewahrung von Dokumenten zuständige Institutionen den mit der Frauenbewegung verbundenen Dokumenten keine Priorität ein. Wie schlecht es um die Bewahrung der sudanesischen Frauengeschichte steht, zeigt sich unter anderem daran, dass von der Zeitschrift Sawt al-Mar‘a („Stimme der Frau“) nur noch wenige, zerfledderte Exemplare existieren.
All das verblasst vor der Bedrohung des aktuell im Sudan tobenden Kriegs. Das gesamte Dokumentenerbe des Sudan läuft heute Gefahr, durch Plünderung, Diebstahl und Bombardierung von Wohngebäuden verloren zu gehen oder zu verfallen – vor allem aber das der Frauenbewegung, das innerhalb der Archivlandschaft noch eine randständige Position hat. Einige Initiativen von Archivarinnen und Dokumentaristinnen im Sudan versuchen, dieser Katastrophe entgegenzuwirken, die einen erheblichen und zentralen Teil des sudanesischen Dokumentenarchivs auszulöschen droht.
Aus dem Arabischen von Kameran Hudsch, Bochum.