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Diskurse über den demografischen Wandel

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Informationen zur politischen Bildung Nr. 350/2022

Diskurse über den demografischen Wandel

Martin Bujard

/ 11 Minuten zu lesen

Die möglichen Folgen des demografischen Wandels waren schon immer Gegenstand gesellschaftlicher und politischer Diskurse, heute meist mit Fokus auf Alterssicherung, Schrumpfung und Überbevölkerung.

Der französische Maler Gustave Doré und der britische Journalist William Blanchard Jerrold widmeten sich von 1869–1872 dem Elend im viktorianischen und überbevölkerten London. Holzstich "Dudley Street, Seven dials in Covent Garden" (© picture-alliance, Photo12 / Ann Ronan Picture Librar)

Malthusianismus

Im Jahr 1803 publizierte der englische Gelehrte Thomas Malthus seinen "Essay on the Principle of Population", in dem er ein Bevölkerungsgesetz formulierte, das für die Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts von großer Bedeutung war. Darin argumentierte er, dass das Bevölkerungswachstum exponentiell, das Nahrungsangebot aber nur linear steige. Ein ungebremstes Bevölkerungswachstum führe daher zwangsläufig zu Hunger, Tod und Elend.

Um diesem Elend zu entgehen, schlug er Enthaltsamkeit vor und warnte davor, die arme Bevölkerung mit Nahrung zu unterstützen, wenn dadurch das Bevölkerungswachstum stärker steige als das Nahrungsmittelpotenzial. Malthus‘ mehrfach überarbeitete Schrift war sehr verbreitet und einflussreich – auch im wissenschaftlichen Diskurs: So inspirierte sie Charles Darwin zu seiner Theorie zur Entwicklung der Arten und dem Prinzip "natürlicher Auslese". Doch Malthus Arbeit veranlasste zudem englische Politiker dazu, die Armengesetzgebung zu bekämpfen, was letztendlich zu großem Leid in der Bevölkerung führte.

Rückblickend wird Malthus aus mehreren Gründen kritisiert: Zum einen da er den Fortschritt und die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion erheblich unterschätzte und gleichzeitig den Bevölkerungsanstieg massiv überschätzte. Zum anderen werden seine Thesen und ihre politische Rezeption heute auch aus ethischen Gründen kritisiert.

Im Verlauf des 19. und im 20. Jahrhundert gab es erhebliche Fortschritte in der Technologie zur Empfängnisverhütung. Kondome aus Tierdärmen, die bereits im 16. Jahrhundert bekannt waren, verbreiteten sich im 19. Jahrhundert zunehmend und wurden ab 1870 auch aus Gummi hergestellt. Fortschritte gab es auch bei unterschiedlichen Varianten von Pessaren. Malthus‘ Empfehlung der Enthaltsamkeit wurde von breiten Teilen der Gesellschaft aufgegriffen, Empfängnisverhütung wurde sogar propagiert. Dies wird als Neomalthusianismus bezeichnet. Durch die Einführung hormoneller Kontrazeptiva, wie die Pille, hat die Empfängnisverhütung seit den 1960er-Jahren eine neue Dimension an Verlässlichkeit erreicht.

Merkantilismus und Nationalismus

Die Bevölkerungsgröße ist auch ein Machtfaktor für Staaten, sowohl in Bezug auf wirtschaftliche als auch auf militärische Macht. Dies erkannte Friedrich der Große bereits 1740: "Die Macht eines Staates besteht nicht in der Ausdehnung des Landes, sondern in dem Reichtum und in der Zahl seiner Bewohner". Er erhöhte das Bevölkerungswachstum durch die Anwerbung religiöser Flüchtlinge und die Kolonialisierung ostelbischer Gebiete. Während des Preußischen Merkantilismus im 17. und 18. Jahrhundert wurde Bevölkerungswachstum als etwas Positives verstanden, da eine größere Bevölkerung mehr Soldaten und mehr Steuerzahlende bedeutete.

Die Bevölkerungsgröße eines Staates entwickelte sich im Zeitalter des Imperialismus, also im späten 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg, zu einer zentralen strategischen Größe. Die Größe der Bevölkerung wurde aus einem nationalistischen Blickwinkel betrachtet und der Anstieg der Bevölkerung zwischen den europäischen Staaten als Wettbewerb verstanden, wobei alle europäischen Länder damals ein rapides Bevölkerungswachstum verzeichneten. Dabei wurde die Geburtenrate für die Reputation einer Nation und das Stärkeverhältnis der Staaten untereinander zu einer relevanten Größe. Sogar bei der Beurteilung von Kriegschancen einzelner Staaten(-bünde) spielten Geburtenraten eine Rolle – letztlich wurden private Entscheidungen zur Familienplanung von Teilen der damaligen politisch-militärischen Elite instrumentalisiert. Der Zusammenhang zwischen militärischer Macht und Bevölkerungswachstum wird vor allem bei den Kriegen zwischen Frankreich und Deutschland deutlich. Während Frankreich zu Zeiten Napoleons eine größere Bevölkerung aufwies als die damaligen deutschen Staaten, verschob sich dieses Verhältnis bis zum Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Der Grund war die bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts rückläufige Geburtenrate in Frankreich, viele Jahrzehnte vor Deutschland.

QuellentextFamilienpolitik zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Die Thematisierung von Kinderzulagen ist in Deutschland […] aufs engste mit der Problematisierung der Bevölkerungsentwicklung verbunden. In Deutschland begann eine intensive öffentliche Beschäftigung mit dem sogenannten Geburtenrückgang um 1912. Auslöser war wohl eine Enquete der Preußischen Medizinalverwaltung. Schlagartig wurde der Geburtenrückgang zu dem Modethema medizinischer, sozialhygienischer, sozialpolitischer Zeitschriften und Kongresse. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erhielt die Bevölkerungsfrage eine noch dramatischere Bedeutung, gewissermaßen als eine "nationale Frage auf Leben und Tod." […] Staatlicherseits ging die Initiative zur Beschäftigung mit dem Geburtenrückgang nicht von der Reichsregierung, sondern von Preußen aus. Im dortigen Ministerium des Innern wurden in kurzem Zeitabstand zwei einschlägige Denkschriften verfaßt. Die erste Denkschrift von 1915 war schwerpunktmäßig mit der Analyse der Ursachen befaßt und auf der Basis einer 1911 eingeleiteten Enquete intern erstellt. Darauf aufbauend wurden dann Beratungen einer Expertenkommission über die Bekämpfung des Geburtenrückgangs eingeleitet, deren Ergebnisse 1917 veröffentlicht wurden. Parallel dazu bildeten sich im Reichstag, im Preußischen Landtag sowie in anderen Länderparlamenten spezielle Parlamentsausschüsse, die sich mit der Bevölkerungsfrage befassten. In den Beratungen der Expertenkommission im Preußischen Innenministerium wurden sechs Bereiche erörtert: gesundheitliche und sozialhygienische Maßnahmen, Maßnahmen gegen die Verbreitung von Empfängnisverhütung, wirtschaftliche und steuerpolitische Begünstigungen kinderreicher Familien, Verbesserung der wohnlichen Unterbringung kinderreicher Familien, innerere Kolonisation und Bekämpfung der Landflucht sowie schließlich Aufklärung weiter Volkskreise über die Bedeutung der Bevölkerungspolitik.

[…] Erst 1918 wurden relevante Gesetzesvorhaben auf den Weg gebracht. Ihr Schwerpunkt lag auf Maßnahmen der Körperpolitik: Verbesserung des Säuglings- und Mutterschutzes, Erschwerung des Zugangs zu Kontrazeptiva, Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten und Abtreibung. […] Die staatlichen Aktivitäten waren also stärker auf hygienische und repressive als auf positive, geburtenfördernde Maßnahmen gerichtet. […] Der Geburtenrückgang wurde zuvorderst als Zeichen eines sittlichen Verfalls, als Degeneration gewertet. Die "Rationalisierung des Sexuallebens" wurde nicht als Ausdruck fortschreitender Kulturentwicklung gesehen, sondern als Überhandnehmen von "Materialismus", Egoismus, Luxus und Bequemlichkeit, insbesondere bei den Frauen. […]

Diese Politik war zugleich Teil einer gegen Frauen gerichteten "mannhaften" Geschlechterpolitik. So waren bereits in der ersten Denkschrift Artikel aus Beamtenzeitschriften abgedruckt, die die Beschäftigung von Frauen im öffentlichen Dienst für die zunehmende Ehelosigkeit männlicher Beamter verantwortlich machen. In der zweiten Denkschrift heißt es dann unmißverständlich, Frauen sollen nach dem Kriege nicht aus Ersparnisgründen beschäftigt werden, sondern nur, wenn sie besser geeignet sind [.] […] Hiermit wird die Richtung benannt, die die Nachkriegspolitik nach der Revolution prägen sollte. Mit dem sogenannten Demobilabkommen zwischen den Gewerkschaften und den Unternehmen mußten alle Frauen, die "versorgt" waren, ihre Arbeitsplätze räumen. Dies galt auch für Frauen, die im öffentlichen Dienst beschäftigt waren, wenn sie nicht verbeamtet, sondern auf Basis eines Privatvertrages angestellt waren. […]

Teresa Kulawik: Frauenrechte oder Männerlasten. Kinderzulagen in Schweden und Deutschland vor 1933, in: Rainer Mackensen (Hg.): Bevölkerungslehre und Bevölkerungspolitik vor 1933, VS Verlag für Sozialwissenschaften | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH, Wiesbaden 2002, S. 215–226, hier: S. 216–218

Infolge des Geburtenrückgangs Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Auswirkungen dieser Entwicklung aus nationalistischer Perspektive in vielen europäischen Ländern in Wissenschaft und Politik diskutiert. Da die Geburtenrate in den 1920er- und 1930er-Jahren teilweise unter das Bestandserhaltungsniveau fiel, gab es Forderungen, die Verbreitung von Verhütungsmitteln einzuschränken und Abtreibungen hart zu bestrafen.

In Deutschland wurde vermehrt die Angst vor dem "Aussterben des deutschen Volkes" verbreitet. Ein prominentes Beispiel ist der damals einflussreiche Demograf Friedrich Burgdörfer, der Mitglied der NSDAP war. Seine in den 1920er-Jahren durchgeführte Berechnung einer massiven Schrumpfung Berlins trat jedoch niemals ein. Berlin hat heute 3,7 Millionen Einwohner, kaum weniger als 1925 (4 Millionen). Burgdörfer nutzte das Phänomen der niedrigeren Geburtenraten in Großstädten wie Berlin, Paris oder New York, um ein Schreckensszenario zu entwerfen. Diese im Vergleich zur Bevölkerung auf dem Land niedrige Geburtenrate wird allerdings oft durch Binnenwanderung in die Metropolen (über)kompensiert. Mit seinen demografischen Arbeiten wie beispielsweise die Schrift "Volk ohne Jugend" schürte Burgdörfer unbegründete Ängste und untermauerte die aggressive nationalistische Politik des "Dritten Reichs".

Der nationalistische Diskurs über Bevölkerung ist keine westeuropäische Besonderheit und konnte auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs in anderen Ländern beobachtet werden. So begrüßte in den 1950er-Jahren der chinesische Herrscher Mao Tse-tung das Bevölkerungswachstum und ließ Förderer der Geburtenbeschränkung verfolgen. Zur gleichen Zeit forderte in der Sowjetunion der damalige Parteichef und 1. Sekretär der KPdSU Nikita Chruschtschow ein Bevölkerungswachstum, um das Land zu stärken. Und Jahrzehnte später in den 2010er-Jahren bezeichnete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan eine Kinderzahl von drei Kindern pro Familie ebenfalls aus nationalistischen Gründen als patriotisch.

Eugenik und "Rassenhygiene"

Die eugenische Deutung des demografischen Wandels hat ihre Wurzeln im ausgehenden 19. Jahrhundert und geht auf den britischen Naturforscher und Schriftsteller Francis Galton zurück. Dieser wurde maßgeblich durch das Werk seines Cousins Charles Darwin zur natürlichen Selektion geprägt und übertrug den Vererbungsgedanken zur Verbesserung einer Tierrasse auf den Menschen. Dabei überschätzte er jedoch die erblichen Faktoren von Intelligenz und öffnete der späteren Diskriminierung weniger gebildeter und vermeintlich weniger intelligenter Menschen Tür und Tor. Galton verfolgte eine biologistische und humangenetische Deutung der Demografie, die schlichtweg rassistisch war und die Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen mit vermeintlich biologisch begründeten Kriterien legitimieren sollte. Es sei jedoch betont, dass die Einteilung von Menschen unterschiedlicher Ethnien in Rassen jeglicher wissenschaftlichen Grundlage entbehrt.

Die Eugenik war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland sowie in mehreren Ländern wie den USA, Großbritannien oder Japan weit verbreitet, wurde teilweise aber auch kritisch abgelehnt. Sie ermöglichte die Rassenideologie der Nationalsozialisten, die von "Rassenhygiene" sprachen, und war eine der Grundlagen für die barbarischen Verbrechen des NS-Regimes.

Nicht zuletzt wegen der Unvereinbarkeit der Folgen von Eugenik mit der Würde des Menschen und der Tatsache, dass ein Großteil der Welt die Gefahr von Eugenik zur Rechtfertigung von Verbrechen in NS-Deutschland mit Schrecken beobachtetet hatte, ließ diesen Diskurs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an Bedeutung verlieren. Allerdings gab es beispielsweise in den USA bis zum Jahr 2002 Zwangssterilisationen.

Überbevölkerung und Ökologie

Die Welt geht "einem dunklen Zeitalter des Elends, des Hungers" entgegen. "Wir glauben, daß die (…) freiwillige Anwendung der (…) Geburtenkontrolle ein wesentlicher Faktor (…) zur Hebung des Welt-Lebensstandards (…) ist." Appell von 172 Persönlichkeiten aus 19 Ländern, darunter 39 Nobelpreisträger, 1960 an die UN.

Die Angst vor Überbevölkerung ist seit den 1950er-Jahren ein prägender weltweiter Diskurs. Zu diesem Zeitpunkt lag die Weltbevölkerung bei knapp 3 Milliarden, viele Länder des globalen Südens befanden sich im Demografischen Übergang, sodass zunächst ein starker Weltbevölkerungsanstieg prognostiziert wurde. Im Unterschied zum Malthusianismus war der medial sehr wirkungsvolle UN-Appell von 1960 humanistisch geprägt, durch Geburtenkontrolle sollte der Lebensstandard für Menschen in Ländern des globalen Südens verbessert werden.

Der Diskurs sprach aber teilweise auch Ängste an. Das Buch "Population Bomb" des deutschen Mediziners und Forschers Paul Ehrlich aus dem Jahr 1968 hat die öffentliche Debatte weltweit verstärkt. Triebkontrolle und rationale Familienplanung wurden auch infolge dieses Diskurses in Deutschland als Tugend der Moderne angesehen, Kinderreichtum war in manchen Medien als asozial verpönt und entsprechende Klischees wurden transportiert. Zum verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität und Familienplanung gehörte für viele die Anwendung von Verhütungsmitteln und die Orientierung an einer Zwei-Kind-Norm.

Die Diskurse über den demografischen Wandel spiegeln sich auch in der Medienlandschaft wider. So erschien 1962 eine Spiegel-Ausgabe mit dem Titelthema "Überbevölkerung" und 2004 eine Ausgabe über die Alterung und Schrumpfung der deutschen Gesellschaft. (© Links: DER SPIEGEL 15/1962 / 34; rechts: DER SPIEGEL 2/2004)

Der Überbevölkerungsdiskurs hat sich seit den 1970er-Jahren mit ökologischen Diskursen verbunden. Die "Grenzen des Wachstums" wurden durch eine Forschergruppe um den US-amerikanischen Ökonom Dennis Meadows 1972 sowie vom Club of Rome, einem Zusammenschluss von Expertinnen und Experten für eine nachhaltige Zukunft, in die Öffentlichkeit gerückt. Das 1994 entwickelte Konzept des ökologischen Fußabdrucks hat einen Nachhaltigkeitsindikator für unter anderem Wasser, Kohlendioxid und Müll geschaffen, der den ökologischen Diskurs sehr geprägt hat. Für den ökologischen Fußabdruck eines Landes spielt die Bevölkerungszahl ebenso wie der Ressourcenverbrauch pro Kopf eine Rolle, da letzterer in Relation zur Biokapazität, also der Kapazität des Ökosystems Menschen zu ernähren und von ihnen erzeugte Abfallstoffe aufzunehmen, gestellt wird. So haben die USA, China oder Deutschland ein ökologisches Defizit und weniger dicht besiedelte Länder wie Finnland und Kanada eine ökologische Reserve. Allerdings sind die Handlungsempfehlungen, die aus diesem Diskurs abgeleitet werden, weniger auf Maßnahmen in Bezug auf die Bevölkerungsentwicklung ausgelegt als auf die Transformation der Wirtschaft in ein nachhaltiges System mit weniger Ressourcenverbrauch pro Kopf.

QuellentextDie Warnung des Club of Rome

Es war nur ein schmales Paperback. 205 Seiten, keine Bilder, dafür lauter Diagramme. Aber es war ein globales Medienereignis, als […] im März 1972, der Club of Rome seinen Bericht "Die Grenzen des Wachstums" vorstellte. Das Feuerwerk der medialen Resonanz reichte vom Wissenschaftsjournal Science bis zum Playboy, vom Economist bis zur Peking-Rundschau. Die Grenzen des Wachstums wurde zu einem der größten Bucherfolge des 20. Jahrhunderts. […]

Begonnen hatte alles vier Jahre zuvor, im April 1968. In Rom hatte sich ein kleiner, international zusammengesetzter Kreis versammelt: Philanthropen, Wissenschaftler, Kader von OECD und Unesco. Eingeladen hatte der damals 60-jährige italienische Industriemanager Aurelio Peccei. Sein Antrieb war die Sorge, dass die "unausweichliche und nicht reduzierbare Wechselbeziehung zwischen der Menschheit und der Biosphäre" in eine tiefe Krise geraten sei. Nötig sei eine neue "kopernikanische Wende". Um das "Metasystem der Probleme" besser zu verstehen, vereinbarte man regelmäßige Gesprächsrunden. Daraus ging der Club der Rome hervor.

In der Folge identifizierte der Club fünf Megatrends: beschleunigte Industrialisierung, rasches Bevölkerungswachstum, verbreitete Unterernährung, Erschöpfung nicht erneuerbarer Ressourcen, zunehmende Verschmutzung der Umwelt. Was würde bei einem "Weiter so" passieren? Wie könne man die Weltöffentlichkeit auf die zukünftigen Risiken aufmerksam machen und ihr die Notwendigkeit schnellen Handelns vermitteln?

1970 nahm der Club Kontakt zu Dennis Meadows auf, einem 28-jährigen Experten für Systemdynamik am MIT, dem weltweit renommierten Massachusetts Institute of Technology. Dessen Idee: mithilfe von Computersimulationen die fünf variablen Wachstumsprozesse abzubilden, sie in Beziehung zu setzen und daraus zukünftige Entwicklungen abzuleiten. Meadows erhielt den Auftrag und stellte ein Team aus 17 Personen zusammen, zwölf Männer und fünf Frauen, unter ihnen seine Frau, die Biophysikerin (und Bio-Bäuerin) Donela Meadows, und der norwegische Ökonom Jørgen Randers. Das Durchschnittsalter lag unter dreißig.

Für die Finanzierung des Projekts sorgte Eduard Pestel, Professor für Mechanik an der TU Hannover, der nicht nur im Club of Rome Mitglied war, sondern auch im Kuratorium der Volkswagen Stiftung. Die stellte im November 1970 775.000 D-Mark bereit. Übrigens nicht ohne Hinweise auf Schwachstellen des Antrags: Ihre Gutachter bemängelten den "starken technokratischen Grundzug" des Projekts und sein "unspezifisches eschatologisches Katastrophenszenario". Wenn man die ökologischen Probleme nicht an den ganz spezifischen Interessen von Verursachern festmache, drohe eine "Generalhaftbarmachung der Menschheit".

Schon ein Jahr später legte die Gruppe die Ergebnisse vor. Ihr Bericht entwarf ein "Weltmodell". Die Erde ist begrenzt. Wenn Wachstum und Expansion von Teilsystemen ungebremst weitergehen, erleben wir eine Periode des overshoot, also das Überschreiten von Grenzen. Diese Prozesse würden um die Mitte des 21. Jahrhunderts zu einem "plötzlichen und unkontrollierbaren Niedergang" der gewohnten Lebensbedingungen führen – zum Kollaps. Die Alternative bestehe darin, möglichst bald die Wachstumsprozesse abzubremsen und in Richtung eines Zustands des globalen Gleichgewichts umzusteuern.

An einer entscheidenden Stelle heißt es: "Wir suchen nach einem Modell, das ein Weltsystem abbildet, das 1. nachhaltig (sustainable) ist ohne plötzlichen und unkontrollierbaren Kollaps; und 2. fähig ist, die materiellen Grundansprüche aller Menschen zu befriedigen." Hier taucht zum ersten Mal das Wort sustainable in seiner modernen Bedeutung auf, als Gegenbegriff zu "Kollaps". Der Klimawandel wird 1972 nur am Rande erwähnt: Die Verbrennung fossiler Energieträger müsse reduziert werden, bevor ein ernsthafter „ökologischer und klimatologischer Effekt“ eintrete.

WAS TUN? Für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit

Mitte Mai 1972 präsentierten Aurelio Peccei und die Führungsriege des Club of Rome den Bericht im schweizerischen St. Gallen. Die konservativen Veranstalter hatten dafür gesorgt, dass die Fronten hart aufeinanderprallten. Der neoliberale amerikanische Ökonom Henry Wallich brachte zentrale Gegenargumente an: "Eine Modellvorstellung, die mit beschränkten Reserven arbeitet und nicht deren unbeschränkten Ersatz durch Einsatz von Technik zulässt", sagte er, "ist unrealistisch." Die Bedrohung durch Umweltverschmutzung lasse sich bewältigen, die Bevölkerungszahl werde sich stabilisieren. Zudem würde ein Wachstumsstopp "Milliarden Menschen jede Zukunftshoffnung nehmen". Wallich resümierte: Die Methoden des Berichts seien falsch, die Ergebnisse unbrauchbar. Solche frontalen Attacken auf die Grenzen des Wachstums waren zu dem Zeitpunkt schon weitverbreitet. Sie entfesselten eine machtvolle – und von mächtigen Interessen gewollte – Dynamik des "Weiter so". Bis heute.

Ulrich Grober, "Die Erde zuerst. Der Bericht 'Die Grenzen des Wachstums' und eine blaue Murmel im All: Wie vor 50 Jahren die globale Umweltbewegung begann", in: DIE ZEIT Nr. 4 vom 20. Januar 2022

Alterssicherung und Altersbilder

In seinem 2004 veröffentlichten Buch "Das Methusalem-Komplott" spricht der Journalist Frank Schirrmacher von einem Krieg der Generationen und warnt vor negativen Stereotypen in Hinsicht auf das Alter und Alterungsprozesse. Der Diskurs zur Alterung umfasst zwei Aspekte, die häufig verwoben werden: die Belastung der Sozialsysteme und Bilder einer alternden, gebrechlichen Gesellschaft.

Die Herausforderungen, die die demografische Alterung für die Sozialsysteme darstellt, können dazu führen, dass die Beiträge der arbeitenden Generation erhöht oder die Renten reduziert werden. Der seit den 1970er-Jahren in Deutschland entstandene Diskurs wurde in den 2000er-Jahren, als die Auswirkungen unmittelbar bevorstanden, immer intensiver geführt. Teilweise wurde dabei ein materieller Generationenkonflikt thematisiert, insbesondere im Kontext konkreter Rentenreformen. Durch den Rückgang der Arbeitslosigkeit und die langfristige Erhöhung der Lebensarbeitszeit infolge der Agenda 2010-Reformen, die in den Jahren 2003–2004 unter der Regierung Gerhard Schröders eingeführt worden waren, wurde dieser Diskurs in den 2010er-Jahren weniger kontrovers geführt als in den Nuller-Jahren.

Beim Diskurs zu den Altersbildern werden oftmals negative Altersstereotype, oft anhand von Fotos in Berichten über den demografischen Wandel, transportiert. Auch werden alte Gesellschaften als saturiert und weniger innovativ dargestellt. Im Versorgungsdiskurs wird die Abhängigkeit und Hilfsbedürftigkeit alter Menschen betont. Andererseits wird die Zunahme der Lebenszeit häufig, wie vom Schweizer Historiker Arthur Imhof, als "gewonnene Jahre" dargestellt sowie auf die Potenziale, die ein aktives Altern mitbringt, hingewiesen. Ein Konflikt zwischen den Generationen wird teilweise durch die verwandtschaftlichen Bindungen zwischen Jung und Alt begrenzt, weil Kinder, Enkel, Eltern und Großeltern eine familiäre Solidarität leben. Konträr zu der These des Krieges der Generationen trägt die 2013 verabschiedete Demografiestrategie der Bundesregierung das Motto "Jedes Alter zählt"

QuellentextBoomer und Zoomer im Generationenkonflikt

[…] Wir stecken, so scheint es, immer tiefer im Generationenkonflikt: […] Wer muss umziehen, wenn durch den Klimawandel die ersten Städte überschwemmt werden? Wer bezahlt die Milliardenschulden, die wir heute machen, morgen zurück? Und was passiert, wenn aufgrund des demografischen Wandels das Rentensystem zusammenbricht?

Der Konflikt besteht im Wesentlichen zwischen zwei Altersgruppen, die man vereinfacht als "die Jungen" und "die Alten" bezeichnen könnte. Auf der einen Seite stehen die Babyboomer – also die Vertreter der geburtenstarken Jahrgänge nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Babyboomer haben die Wirtschaftswunderzeit noch erlebt und sie sind zahlenmäßig noch immer die größte Alterskohorte im Land. Seit Jahrzehnten besetzen sie viele Führungspositionen in Politik, Wirtschaft und bei den Medien.

Auf der anderen Seite stehen vor allem junge Menschen, die in den 80er-Jahren und später geboren wurden. Die Generation Y. Sie sind, so heißt es immer wieder, mit beruflich und privat schier unendlichen Möglichkeiten aufgewachsen, in erster Linie jedoch auf einem Selbstverwirklichungstrip, konsumgeil und unpolitisch. Das habe sich erst mit der sogenannten Generation Z geändert: Vollständig mit dem Internet sozialisiert und – wie es scheint – mit Themen wie Klima-Aktivismus und Black Lives Matter, zum ersten Mal seit Langem mal wieder so richtig politisiert. Auf Boomer folgt Zoomer. […]

Die Politik ist sich selten schnell einig. Um eine Rezession zu verhindern, muss investiert werden – und zwar so schnell und so viel wie möglich. Doch nicht alle finden das gut. Der Politologe Jörg Tremmel lehrt an der Universität Tübingen. Er ist einer der Experten zum Thema "Generationengerechtigkeit" in Deutschland.

"Politiker tun mit den Milliarden rumjonglieren, als käme es halt auf ein Dutzend mehr oder weniger auch gar nicht an. Und diese Whatever-it-takes-Einstellung halte ich für problematisch. Wenn es heißt, ein starker Sozialstaat ist gefordert wie nie zuvor und wir werden das Notwendige tun und wenn es nicht ausreicht, bessern wir nach. Niemand wird seinen Arbeitsplatz verlieren, etc. So als würden wirklich die Grundsätze der letzten Jahrzehnte nicht mehr gelten müssen."

In Anlehnung an keinen geringeren als den amerikanischen Philosophen John Rawls mit seiner "Theorie der Gerechtigkeit" hat Tremmel 2012 seine "Theorie der Generationengerechtigkeit" vorgelegt. Für ihn ist das staatliche Schuldenmachen geradezu die Blaupause des Generationenkonflikts: Das Geld, das wir uns heute über jahrzehntelang laufende Staatsanleihen besorgen, müssen die jüngeren Generationen morgen zurückzahlen. […] Quang Paasch ist einer der Aktivisten von Fridays for Future. […] Er erklärt, er gehört zur sogenannten Generation Z, wenn man so will die Generation Greta. Doch wer Paasch zuhört, möchte seine Altersgenossen aber am liebsten die Generation W nennen. W wie Weltschmerz.

"Weltschmerz ist Tatsache gerade so mein Lieblingswort, weil es für mich persönlich, aus meiner Realität her unsere Generation beschreibt. Nicht nur hier in Deutschland, sondern in ganz Europa und weltweit, weil wir einfach irgendwo auch vernetzt sind und wir ganz klar wissen, dass die Probleme im globalen Norden auch im globalen Süden existieren."

Der Klimaaktivismus, das Kämpfen für die Menschen im globalen Süden, das Einstehen für benachteiligte ethnische und sexuelle Minderheiten, der Kampf gegen Rassismus. Alles hängt für Paasch zusammen, nichts und niemand ist unschuldig. W wie Weltschmerz.

W wie Woke! Das kommt von "to wake up", also aufwachen und – wie immer noch die meisten Trends – aus den USA. Woke speist sich aus einer großen Portion Internetkultur. Es ist keine Ideologie, vielmehr eine Haltung: Die jungen Leute sind aufgewacht, sie haben endlich die Augen aufmachen. Woke verbindet Konsumkritik, queeres Alternativdenken, Bürgerrechtsströmungen und erhebt einen moralischen Anspruch gegen ein Feindbild, das man wohl am ehesten als den "alten, weißen Mann" beschreiben kann. […]

In den vergangenen Monaten seien zwei Wörter zum Ausdruck […] der jüngeren an die ältere [Generation] geworden: "Ok Boomer". Der Ausdruck wurde 2019 zum Internetphänomen. Der Begriff ist laut New York Times das "Ende der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den Generationen". Mit ihm sagt die junge Generation den Babyboomern – also all jenen, denen es wirtschaftlich so unverschämt gut ging und die das Klima kaputtgemacht haben sollen – auf sozialen Netzwerken mit nur zwei Wörtern den Kampf an. […]

Monika Queisser, die Direktorin für Sozialpolitik bei der OECD, findet es zwar gut und wichtig, dass junge Menschen für eine entschiedenere Klimapolitik protestieren. Doch […] sie sagt, dass Schlagwörter wie "OK Boomer" die Sicht eher verstellen.

"Insofern finde ich, dass die Babyboomer-Generation häufig etwas plakativ und vereinfacht geführt wird und man doch im Detail hinschauen muss, wie viel an Transfers in Geld und Zeit zwischen den Generationen tatsächlich stattfinden und wer von diesen Transfers am meisten profitiert."

Denn auch wenn es stimmt, dass das staatliche Umverteilung wie etwa das Rentensystem mit dem demografischen Wandel immer schwieriger wird: Die Babyboomer-Generation hat kräftig in ihre Kinder investiert. […]

Rebecca Reinhart, die stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift "Hohe Luft" beobachtet, dass der Generationenkonflikt kein neues Phänomen ist.

"Das ist ein Topos, der Generationenkonflikt, der so alt ist wie die Menschheit selbst. Der überhaupt nichts zu tun hat mit der heutigen Zeit, sondern der einfach mit bestimmten Faktoren, biologischen Faktoren, zu tun hat. Dass nämlich junge Menschen mal sehr platt ausgedrückt ihre ganze Zeit noch vor sich haben. Die Alten hingegen nur noch relativ wenig Zeit vor sich haben, was auch mitbedingt, dass die Jungen die Alten überleben werden, und zwar nicht nur, was das reine Leben betrifft, sondern auch natürlich, was die ganzen Benefits betrifft, die das Leben noch bringt." […]

Queisser gibt auch zu bedenken, dass sogar die Sache mit der Staatsverschuldung [...] in Wirklichkeit viel komplizierter ist: Denn in Zeiten von niedrigen oder gar negativen Zinsen kann es sich für spätere Generationen sogar finanziell lohnen, Schulden zu machen.

Auszüge aus einem Feature von Tassilo Hummel und Jan Karon, "Der neue Generationenkonflikt", in: Deutschlandfunk Kultur vom 15. September 2020; Externer Link: www.deutschlandfunkkultur.de/ok-boomer-der-neue-generationenkonflikt-100.html

Schrumpfung

"Die Bevölkerung, die am Beginn des Vorausschätzungszeitraums (1998) die deutsche Staatsangehörigkeit hatte, nimmt unter den dargestellten Annahmen von 1998 bis 2030 von 74,6 Mio. auf 62,2 Mio., bis 2050 auf 49,0 Mio. und bis 2100 auf 21,2 Mio. ab" (Herwig Birg, 2003).

Wenn Geburtenraten mit einem Wert von 1,4 über mehrere Generationen stagnierten, würde die betreffende Bevölkerung langfristig erheblich schrumpfen. Bevölkerungswissenschaftler wie beispielsweise Herwig Birg haben dies berechnet. Allerdings wirkt eine regelmäßige Zuwanderung einer Schrumpfung entgegen, wobei auch Zuwandernde (und ihre Nachkommen) die deutsche Staatsangehörigkeit unter bestimmten Bedingungen erhalten können. Zudem kann heute niemand wirklich vorhersagen, ob und inwieweit sich die Geburtenrate im Verlauf der in die Hochrechnung eingeflossenen 100 Jahre doch wieder ändern wird. Solch langfristige Projektionen eignen sich eher für Schreckensszenarien als für wasserfeste Prognosen.

Der Schrumpfungsdiskurs ist eng mit dem Zuwanderungsdiskurs verknüpft. Mit Zugewanderten kommt Birgs Hochrechnung auf 46,1 Millionen Personen in 2100, also mehr als doppelt so viele, wie wenn nur die Nachfahren der 1998 in Deutschland lebenden deutschen Staatsbürger einberechnet werden würden. Diese Trennung suggeriert, dass Zugewanderte auch nach der dritten oder vierten Generation eine fremde Gruppe sind, wenn also beispielsweise die Ururgroßeltern aus einem anderen Land eingewandert sind. Zudem blendet es aus, dass es auch Kinder aus Partnerschaften von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gibt. Nicht nur die Schrumpfung, sondern vor allem der anteilsmäßige Rückgang von Deutschen ohne Migrationshintergrund in Relation zu Zugewanderten prägt den Diskurs und führt bei manchen Menschen zu Angst vor Überfremdung und Integrationsproblemen. Dieser Diskurs ist auf eine erhebliche Resonanz gestoßen, so hat sich die zu Recht umstrittene Streitschrift Thilo Sarrazins zum demografischen Wandel "Deutschland schafft sich ab" aus dem Jahr 2010 mehr als 1,5 Millionen Mal verkauft. Das frühere SPD-Mitglied Sarrazin wurde 2020 aufgrund seiner kontroversen und rassistischen Aussagen aus der Partei ausgeschlossen.

Auch durch dieses Beispiel wird deutlich, dass demografische Prognosen sich nach wie vor dazu eignen, Schreckensszenarien zu zeichnen und unbegründete Ängste zu schüren – und zwar immer dann, wenn einzelne, von anderen Faktoren isolierte Trends unter bestimmten Annahmen lange genug in die Zukunft fortgeschrieben werden. Wissenschaftliche Ansprüche erfüllen diese Prognosen dabei nicht.

Beim Diskurs zur Schrumpfung überrascht, dass die Bevölkerung Deutschlands bisher nicht nennenswert geschrumpft ist, sie liegt 2020 bei 83,2 Millionen und damit höher als in den vergangenen Jahrzehnten. Der Schrumpfungsdiskurs basiert auf der Erwartung der Zukunft, die in der Altersstruktur mit weniger Kindern und potenziellen zukünftigen Müttern angelegt ist. Anfang des Jahres 2015, als die Fluchtbewegung 2015/16 noch nicht absehbar war, lagen die beiden mittleren Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes für 2060 bei einer Einwohnerzahl zwischen 67,6 Millionen und 73,1 Millionen Menschen. Gegenüber den 80,8 Millionen Einwohnern in 2013 wäre das eine Schrumpfung von 8 bis 13 Millionen gewesen.

Einige Regionen schrumpfen bereits seit Jahrzehnten infolge von Binnenwanderung und Alterung, die vor allem ländliche Gebiete in Ostdeutschland und in Norddeutschland betreffen. Aussterbende Dörfer sind vereinzelt bereits Realität und zeichnen sich in immer mehr Regionen ab. Dies schürt auch Ängste bei der dort lebenden Bevölkerung vor einer Verödung ihrer Heimat und einem Rückgang der öffentlichen Daseinsvorsorge. Dazu kommt die Sorge, dass gerade aus diesen Regionen immer mehr junge Menschen abwandern.

QuellentextCharakteristika des demografischen Diskurses

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich einige Grundmotive in den demografischen Diskursen immer wieder wiederholt. Tabelle und Grafik geben einen Überblick zu den Hauptphasen der skizzierten sechs Diskurse und zur Geburtenentwicklung. Das Bestandshaltungsniveau in der Grafik gibt an, wie hoch die Geburtenrate sein müsste, um die Müttergeneration zu ersetzen. Diese liegt seit den 1960er-Jahren um 2,1 Kinder pro Frau, im 19. Jahrhundert war sie aufgrund der hohen Sterblichkeit höher. Liegt die Geburtenrate über dem Bestandserhaltungsniveau, wächst die Bevölkerung. In diesen Phasen ist die Sorge vor Überbevölkerung prägend, sei es im Malthusianismus, dem Neomalthusianismus oder im (weltweiten) Überbevölkerungsdiskurs in der Sozialpolitik bezüglich der Länder des globalen Südens oder in der Ökologie. Liegt die Geburtenrate dagegen unterhalb des Bestandserhaltungsniveaus, dominieren Diskurse der Alterung, der Schrumpfung und des Rückgangs der nationalen Bedeutung, im Nationalismus vor allem in Relation zu anderen Staaten.

Die Diskurse haben fünf Besonderheiten: Erstens sind sie oft mit elementaren Ängsten verbunden. Zweitens können sie sich zwischen dem länderspezifischen und dem weltweiten Diskurs unterscheiden. So gibt es gegenwärtig in vielen europäischen und ostasiatischen Ländern einen Diskurs über Schrumpfung und Alterung im eigenen Land und gleichzeitig über die weltweite Überbevölkerung. Drittens sind Diskurse zum demografischen Wandel oft mit anderen Diskursen verschränkt oder überlagert, beispielsweise mit der Reform des Wohlfahrtsstaats, dem Feminismus oder der Ökologie. Viertens werden die Diskurse von Zahlen geprägt, was ihnen eine starke Wirkungsmacht verleiht. Es gibt eine hohe Akzeptanz numerischer Argumente und eine leichte Verständlichkeit bei Grafiken. Dies erleichtert es, je nach Argumentationsziel vor Überbevölkerung, Alterung oder Schrumpfung zu warnen. Fünftens betreffen die Diskurse letztlich private und intime Entscheidungen und können zu staatlicher Einflussnahme in diese Privatsphäre führen. Dies kann einerseits ethisch fragwürdige Maßnahmen zur Folge haben, andererseits aber auch eine Verbesserung der Familienpolitik. Ein verantwortungsvoller Umgang ist bei diesen Diskursen und der Auswahl der gezeigten Statistiken zwingend erforderlich.

Datenquellen: Statistisches Bundesamt, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

Gibt es ein Bevölkerungsoptimum?

Angesichts der Vehemenz der Diskurse (und der demografischen Folgen) und immer dann, wenn der Abstand zwischen Bestandserhaltungsniveau und Geburtenrate längere Zeit sehr groß ist, wird gelegentlich über ein Bevölkerungsoptimum diskutiert. Bereits 1848 beschäftigte diese Frage den britischen Ökonomen John Stuart Mill. Zumindest implizit gehen viele Menschen von einem Bevölkerungsoptimum aus, also einem Gleichgewicht der Generationengröße, die sich beispielsweise auch in der Zwei-Kind-Norm widerspiegelt. Viele Diskurse tragen zu einer gesellschaftlichen Überzeugung bei, wonach eine stabile Bevölkerungsstruktur als Ideal angesehen wird. Allerdings gibt es auch Stimmen, die ein Wachstum der Bevölkerung des eigenen Landes befürworten, und solche, die einen Rückgang der eigenen Bevölkerung für optimal halten.

Aus demografisch-historischer Sicht ist es unrealistisch zu erwarten, dass sich die Geburtenrate dauerhaft auf ein Bestandserhaltungsniveau von genau 2,1 einpendelt. Die Gleichgewichtsthese der Theorie zum Demografischen Übergang hat sich nicht eingelöst, dazu sind die weltweiten gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zu komplex. Andererseits gibt es durch die Folgen demografischer Ungleichgewichte und die Diskurse teilweise Kräfte, die in Richtung eines Bevölkerungsoptimums wirken. Die Frage ist, inwieweit Geburtenraten zwischen 1,5 und 2,5, die Nettoreproduktionsraten von 0,7 bis 1,2 entsprechen, nicht als gewisses Gleichgewicht interpretiert werden können. Zumal es auch andere demografische Faktoren wie Bevölkerungswanderungen gibt und Geburtenraten selten über mehrere Generationen das exakt gleiche Niveau behalten.

Dazu kommt, dass Überlegungen zum Bevölkerungsoptimum und zu Geburtenraten auf aggregierten Zahlen beruhen, also auf der Summe vieler individueller Entscheidungen. Die Entscheidung für eine bestimmte Kinderzahl oder für ein Leben ohne eigene Kinder ist hochgradig individuell und eine im Grundgesetz geschützte Freiheit. Der Einfluss der Politik ist hier aus gutem Grund begrenzt.

PD Dr. Martin Bujard ist stellvertretender Institutsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden.

Nach beruflichen Erfahrungen in der Privatwirtschaft und der Politik zog es ihn in die Schnittstelle von Wissenschaft und Politikberatung. Von 2009–2011 war er im Projekt "Zukunft mit Kindern" an der Humboldt Universität zu Berlin tätig. Seit 2011 wirkt er am BiB in Wiesbaden, seit 2015 als Forschungsdirektor des Bereichs "Familie und Fertilität", seit 2020 als stellvertretender Institutsdirektor. Der habilitierte Sozialwissenschaftler hatte Lehraufträge an den Universitäten Berlin, Mainz und Bamberg inne. Er ist Mitgründer des Familiendemografischen Panels FReDA und forscht zu Geburtenentwicklung, Public Health mit Schwerpunkt Familien und Kinder sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Martin Bujard berät die Bundesregierung u. a. als Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Familienfragen des Bundesfamilienministeriums, bei der Demografiestrategie der Bundesregierung und in der Coronavirus-Pandemie bezüglich der Auswirkungen auf Jugendliche und Familien. Er ist Mitglied in wissenschaftlichen Gremien wie beispielsweise im Consortium Board des EU-weiten Generation and Gender Programme und der Arbeitsgruppe "Fortpflanzungsmedizingesetz" der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Ehrenamtlich setzt er sich als Präsident des evangelischen Familienverbandes eaf für Familien ein.

Danksagung: Der Autor dankt Samira Beringer, Felix Berth, Holger Bonin, Christian Fiedler, Mathias Huebener, Bernhard Köppen, Sandra Krapf, Elke Loichinger, Olga Pötzsch, Kerstin Ruckdeschel, Harun Sulak und Frank Swiaczny für viele wertvolle Kommentare zum Manuskript.