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Zwischen Euphorie und Ernüchterung – das vereinte Deutschland Anfang der 1990er-Jahre | Gemeinsame deutsche Nachkriegsgeschichte 1945–1990 | bpb.de

Informationen zur politischen Bildung Nr. 358/2024

Zwischen Euphorie und Ernüchterung – das vereinte Deutschland Anfang der 1990er-Jahre

Dierk Hoffmann

/ 7 Minuten zu lesen

Das wiedervereinte Deutschland sieht sich vielen Hindernissen gegenüber: Vor allem muss die Bundesrepublik eine einheitliche politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Ordnung aufbauen.

Die Transformation der ostdeutschen Wirtschaft setzt einen beispiellosen Prozess der Entsicherung für Betriebe, Arbeitskräfte und Konsumentinnen und Konsumenten in Gang: Demonstration für den Erhalt von Arbeitsplätzen vor dem Schacht Bleicherode der Kali Südharz AG, undatiertes Foto von 1990. (© picture-alliance, zb | Thomas Lebie)

Grenzenlose Euphorie

Im Sommer 1990 war die Euphorie in Deutschland grenzenlos. Die deutsche Einheit erfolgte mit Zustimmung der europäischen Nachbarländer und der vier Siegermächte des Zweiten Welt­krieges (Zwei-plus-Vier-Vertrag), bei letzteren lagen die „Rechte und Verantwortlichkeiten […] in Bezug auf Deutschland als Ganzes einschließlich der Wiedervereinigung Deutschlands“. Das war alles andere als selbstverständlich. Niemand hatte es für möglich gehalten, dass die Sowjetunion dieser Entwicklung ihre Zustimmung erteilen würde. Dass Moskau einer Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands in der NATO nicht im Wege stehen würde, war lange Zeit undenkbar gewesen.

(© picture-alliance, dpa-infografik, Globus 13730; Quelle: Deutsches Historisches Museum)

Darüber hinaus ging es auch um die Zukunft der europäischen Staatenordnung. Als Deutschland im Endspiel in Rom am 8. Juli 1990 auch noch Fußballweltmeister wurde, kannten die schwarz-rot-goldenen Siegesfeiern kein Ende mehr. Teamchef Franz Beckenbauer ließ sich zu der törichten Aussage hinreißen, dass die Nationalmannschaft angesichts der sich auch im Fußball vollziehenden Wiedervereinigung auf Jahre hinaus „nicht mehr zu besiegen“ sei. Alles schien möglich.

Rasche Ernüchterung

Doch die Ernüchterung kam schnell. Es wurde rasch deutlich, dass viele DDR-Betriebe den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft nicht schaffen würden. Die Einführung der D-Mark (zum Umrechnungskurs 1:1) war mit einem Aufwertungsschock verbunden: Die ostdeutschen Unternehmen, die keine finanziellen Rücklagen besaßen, mussten Löhne und Gehälter in der neuen Währung auszahlen. Außerdem waren sie gezwungen, ihre Produkte nun zu D-Mark-Preisen zu verkaufen, die sich viele Kundinnen und Kunden in Osteuropa nicht leisten konnten.

Daraufhin brachen dort die Absatzmärkte für ostdeutsche Waren zusammen. Erste Untersuchungen, die die frei gewählte DDR-Regierung von Lothar de Maizière (CDU) in Auftrag gegeben hatte, lieferten ernüchternde Ergebnisse. Nach Bewertung von 2.600 Betrieben lag die Rate der als konkursgefährdet eingestuften Unternehmen im Juni 1990 bei 39 Prozent. Dieses Ergebnis veranlasste das Bonner Wirtschaftsministerium, das Privatisierungstempo zu erhöhen, um dadurch schnell verfüg­bare Erlöse zum Ausgleich für die steigenden Verluste zu erzielen.

Die Verlierer der Einheit: Frauen und ausländische Arbeitskräfte

Bereits im Sommer 1990 tauchte in der ostdeutschen Öffentlichkeit ein Gespenst auf, das es in den zurückliegenden vier Jahrzehnten nicht gegeben hatte: Arbeitslosigkeit. Mitte Juli 1990 lag die Arbeitslosenzahl schon bei 224.000; eine halbe Million Beschäftigte befanden sich in Kurzarbeit. Zu den Verlierern gehörten zunächst vor allem Frauen und ausländische Arbeitskräfte. Nach Angaben der Gleichstellungsbeauftragten der DDR-Regierung, Marina Beyer, lag der Anteil erwerbsloser Frauen im August 1990 bei 53 Prozent – Tendenz steigend. Und die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF), Inge Wettig-Danielmeier, wies darauf hin, dass in einigen Arbeitsamtsbezirken circa 60 Prozent der Arbeitslosen Frauen seien. In einigen Wirtschaftsbranchen würden Frauen auch die Mehrzahl der Kurzarbeitenden stellen.

Auf die dramatische Lage auf dem Arbeitsmarkt reagierte die Regierung in Ost-Berlin unter anderem mit einem „Rückkehrprogramm“ für die rund 85.000 sogenannten Vertragsarbeitenden, das die vorzeitige Heimkehr der Beschäftigten aus Mosambik, Angola und Vietnam mit einer Abfindung vorsah. In dem Zusammenhang berichtete die Ausländerbeauftragte der ostdeutschen Regierung, Almuth Berger, dass sich in den Betrieben Ausländerfeindlichkeit ausbreite. Anfang Oktober gab es in der Presse erste Hinweise auf „Ausländerhass“ und „Angst unter den Gastarbeitern“.

Ausländerfeindlichkeit und rechtsextreme Anschläge

Das Ende der DDR führte dazu, dass die bereits latent vorhandene Ausländerfeindlichkeit offen zu Tage trat. Es kam zu einer Entgrenzung der Gewalt mit zahlreichen Toten und Verletzten in Ost- und Westdeutschland, wo Ausländerfeindlichkeit auch vor 1989/90 existiert hatte: Im September 1991 wurden Unterkünfte von Geflüchteten und Arbeitsmigrantinnen und -migranten im sächsischen Hoyerswerda mit Molotowcocktails angegriffen. Zwischen dem 22. und 26. August 1992 gab es rassistisch motivierte Angriffe auf die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter in Rostock-Lichtenhagen (Mecklenburg-Vorpommern).

Bei einem rechtsextremistischen Brandanschlag auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser in Mölln (Schleswig-Holstein) am 23. November 1992 wurden drei Menschen getötet und neun schwerverletzt. Fünf Menschen fielen einem Brand­anschlag in Solingen (Nordrhein-Westfalen) am 29. Mai 1993 zum Opfer, der ebenfalls einen rechtsextremen Hintergrund hatte. Dabei wurden 17 Personen zum Teil lebensgefährlich verletzt.

Von der Plan- zur Marktwirtschaft

Vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der DDR und der Herstellung der deutschen Einheit fand in den ostdeutschen Bundesländern die Transformation von der Planwirtschaft sozialistischen Typs zur sozialen Marktwirtschaft statt. Die damit verbundene Privatisierung der Wirtschaft nach 1990 hat die Eigentumsstruktur und die Produktionsverhältnisse auf dem Gebiet der ehemaligen DDR radikal verändert. Dieser Prozess, der mit Massenarbeitslosigkeit verbunden war, ist beispiellos in der Geschichte moderner Industriegesellschaften.

Die Treuhandanstalt im Zentrum der Kritik

Ende 1990 hatte das Privatisierungsziel, das die Volkskammer mit der Verabschiedung des Treuhandgesetzes vom 17. Juni 1990 fixiert hatte, in der Öffentlichkeit noch nichts an Anziehungskraft verloren. In der Presse wurde Treuhandpräsident Detlev K. Rohwedder beim Verkauf der Treuhandunternehmen ein „Schneckentempo“ vorgeworfen, obwohl die ersten Betriebsschließungen bereits Proteste hervorgerufen hatten. In der Folgezeit rückte eine Behörde ins Scheinwerferlicht: die Treuhandanstalt. Sie spielte eine entscheidende Rolle bei der ökonomischen Transformation in Ostdeutschland, da sich die ehemals volkseigenen Betriebe (VEB) in ihrer Obhut befanden.

Von DDR-Bürgerrechtlerinnen und -rechtlern ursprünglich zum Schutz des Volkseigentums konzipiert, war die Treuhandanstalt schon bald dafür zuständig, die ostdeutschen Betriebe zu privatisieren. Von der Politik bekam sie weitere Aufgaben zugewiesen. So sollte sie eine Lösung für die Altschuldenproblematik finden, einen Beitrag zur Sanierung der ökologischen Altlasten leisten und zusammen mit den Tarifparteien Sozialpläne aufstellen.

In ihrer Tätigkeit allein ein behördliches Versagen zu erkennen wäre daher ahistorisch (= außerhalb der Historie) und einseitig, auch wenn die Bilanz ihrer Tätigkeit niederschmetternd ist. Denn von den rund vier Millionen Industriearbeitsplätzen blieb nur ein Drittel übrig. Von den etwa 12.000 Treuhandbetrieben wurde ein Drittel in die sogenannte Liquidation geschickt, das heißt aufgelöst. Deshalb ist das öffentliche Urteil über die Treuhandanstalt überwiegend negativ. Die öffentliche Kritik setzte ein, als die Behörde mit ihrer Arbeit begann.

Der Strukturwandel Ostdeutschlands im Zeitraffer

Die Privatisierung der ostdeutschen Industrie ging mit einem ökonomischen Strukturwandel einher. Darin bestand die größte Herausforderung für die Treuhandanstalt. Da für die SED-Führung die Garantie der Vollbeschäftigung oberste Priorität genoss („Recht auf Arbeit“), war die Anpassung der DDR-Wirtschaft an die globalen Veränderungsprozesse in den 1970er- und 1980er-Jahren weitgehend ausgeblieben. Kurz vor dem Mauerfall 1989 wies Ostdeutschland gegenüber Westdeutschland einen technologischen Rückstand von ungefähr zehn Jahren auf. Der verschlafene Strukturwandel war eine schwere Hypothek für die ostdeutschen Betriebe.

Die wirtschaftliche Transformation Ostdeutschlands vollzog sich in nur wenigen Jahren und überforderte restlos alle. Zum Vergleich: Der Strukturwandel im westdeutschen Ruhrgebiet setzte Ende der 1950er-Jahre langsam ein und fand erst Ende 2018 seinen Abschluss. Damit treten die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der ökonomischen Umbrüche in Ost und West signifikant zum Vorschein. Die Beschäftigtenzahlen brachen in einzelnen Wirtschaftsbranchen dramatisch ein.

Mit den Betriebsschließungen verschwand die betriebszentrierte sozialistische Arbeitswelt, die in der DDR eine Rundum­versorgung mit Polikliniken, Kitas, Ferienheimen und Kulturhäusern garantiert hatte. Die Erfahrung, die viele Ostdeutsche erstmals mit der Massenarbeitslosigkeit machten, prägte die politischen, kulturellen und mentalen Einstellungen vieler Menschen in den ostdeutschen Bundesländern nachhaltig.

Verlusterfahrungen

Eine weitere Verlusterfahrung kommt hinzu, die erst im Vergleich zur westdeutschen Kohle- und Stahlindustrie deutlich erkennbar wird: Im Ruhrgebiet hatte es zwar große Proteste und Demonstrationen gegen die Schließung von Zechen und Stahlöfen gegeben. Gleichzeitig hatte sich aber eine Kommunikationsstrategie langfristig herausgebildet, die für viele betroffene Bergarbeiter und Stahlkocher glaubhaft und authentisch erschien. Als am 21. Dezember 2018 offiziell die letzte Zeche in Bottrop geschlossen wurde, waren unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen Armin Laschet (CDU) anwesend. Am Vorabend hatte ein ökumenischer Gottesdienst im Essener Dom stattgefunden.

Die dabei medial ausgestrahlten Bilder, die eine kulturell eingeübte Praxis des Abschiednehmens von einer großen Indus­triebranche dokumentierten, sucht man in Ostdeutschland nach 1990 vergebens. Das hängt nicht nur mit dem rasanten Tempo des Strukturwandels östlich der Elbe zusammen, sondern auch mit der Gleichzeitigkeit der politischen Umwälzungen. Die Akteure der alten Ordnung (SED, Blockparteien und Massenorganisationen) waren durch die friedliche Revolution delegitimiert. Sie hätten den sozioökonomischen Strukturwandel nicht mehr glaubhaft begleiten können. Da sich die Institutionen der neuen Ordnung im Aufbau befanden, verfügten sie noch nicht über das nötige Vertrauen. Die Entkirchlichung des Landes, die nach vier Jahrzehnten der SED-Herrschaft weit fortgeschritten war, und das Fehlen fester zivilgesellschaftlicher Strukturen kamen erschwerend hinzu.

Die Langlebigkeit von Mythen und Legenden

Bis heute verbinden sich mit der Treuhandanstalt enttäuschte Hoffnungen, überzogene Erwartungen, aber auch Selbsttäuschungen und Mythen. Dazu gehört das Versprechen von den „blühenden Landschaften“, welches Bundeskanzler Kohl, aber auch andere westdeutsche Politiker und Wirtschaftsvertreter der ostdeutschen Bevölkerung im Sommer 1990 gaben. Zu den zählebigen Legenden, die bis heute nachwirken, gehört aber auch die von Honecker 1967 in die Welt gesetzte Behauptung, die DDR zähle zu den zehn größten Industrieländern der Erde.

Die Geschichte der deutschen Einheit ist insofern auch die Geschichte einer missglückten Kommunikationsstrategie. Daraus lassen sich zwei Lehren ziehen: Erstens gilt es, die Komplexität der ökonomischen Herausforderung zu erkennen, die mit der Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft verbunden war. Dafür gab es keine Vorbilder oder Blaupausen. Zweitens geht es darum, die unterschiedlichen Erfahrungswelten der Menschen in Ost und West stärker zu berücksichtigen, die sich im Zuge der Teilung über 40 Jahre herausgebildet haben und die über die Zäsur von 1989/90 noch lange nachwirken. Auf diese Weise ließen sich viele neue Geschichten über das geteilte und dann vereinte Deutschland erzählen, die ganz unterschiedliche Perspektiven eröffnen.