Seit Jahrzehnten kämpft Afrika mit organisierter Kriminalität und Gewalt – und dennoch sind beide Phänomene weiterhin tief in den politischen Strukturen vieler Länder verankert und breiten sich seit 2020 weiter aus. ENACT, ein Unterstützungsprogramm zur Bekämpfung transnationaler organisierter Kriminalität in Afrika, stellt fest, dass „in den vergangenen fünf Jahren die Kriminalität in ganz Afrika stetig zugenommen hat und keinerlei Anzeichen einer Verlangsamung zeigt“.
Zwar unterscheiden sich Ausmaß und Formen der Kriminalität in den fünf Regionen des Kontinents – in West-, Ost-, Nord-, Süd- und Zentralafrika. Aber überall sind die häufigsten Faktoren, die diesen Trend begünstigen, Konflikte und politische Instabilität. Dieser Beitrag untersucht die Verflechtungen zwischen organisierter Kriminalität und Gewalt in Afrika, ihre regionalen Besonderheiten und vergleicht die fünf Regionen des Kontinents miteinander.
Einen systematischen Überblick liefert der ENACT Organized Crime Index – Africa, ein Instrument des Institute for Security Studies (ISS) in Zusammenarbeit mit INTERPOL, das messen soll, wie stark Länder von organisierter Kriminalität (OK) betroffen sind und wie widerstandsfähig ihre Institutionen gegenüber solchen Aktivitäten bleiben. Im Jahr 2023 litten laut Index etwas mehr als 37 Prozent der afrikanischen Staaten unter „extremer Kriminalität“. Gemeint sind damit hochgradig illegale Aktivitäten, die gegen gesellschaftliche Werte und Normen verstoßen und die öffentliche Sicherheit besonders beeinträchtigen. Dazu zählen etwa schwere Gewalttaten wie Mord oder Terrorismus. Rund 61 Prozent der afrikanischen Bevölkerung leben in Ländern, die in diese Kategorie fallen (Laura et al., 2023, S. 18).
Erschwert wird die Bekämpfung der OK durch ein Problem, das in vielen Staaten tief verwurzelt ist: Hochrangige Funktionsträger, die eigentlich für den Kampf gegen kriminelle Netzwerke verantwortlich sind, sind selbst in solche Strukturen verwickelt oder kollaborieren mit ihnen, häufig zum eigenen Profit (Shaw & Reitano, 2019)
Die Folgen treffen vor allem die Zivilbevölkerung. In vielen Ländern erleben Bürgerinnen und Bürger, dass staatliche Kontrollmechanismen korrupt oder wirkungslos sind – und beginnen, selbst gegen OK vorzugehen. Doch diese Formen der Selbstjustiz schüren neue Unruhen, führen zu einem weiteren Anstieg von Gewalttaten und haben in manchen Fällen sogar großflächige Konflikte ausgelöst – bis hin zu Kriegen wie im Fall der Zentralafrikanischen Republik (Laura et al., 2023, S. 8).
QuellentextDefinitionen organisierter Kriminalität
Nach Definition des United Nations Office on Drugs and Crime UNODC bezeichnet organisierte Kriminalität ein „fortbestehendes kriminelles Unternehmen, das planvoll darauf ausgerichtet ist, aus illegalen Aktivitäten Profit zu ziehen, die häufig einer hohen öffentlichen Nachfrage unterliegen. Sein fortdauernder Bestand wird durch die Korruption staatlicher Amtsträger sowie durch den Einsatz von Einschüchterung, Drohungen oder Gewalt zur Absicherung der eigenen Operationen gewährleistet.“
Gewalt hingegen bezeichnet ein Verhalten, bei dem physische Kraft eingesetzt wird, um jemanden oder etwas zu verletzen, zu schädigen oder zu töten. Zu den häufigsten kriminellen Aktivitäten auf dem Kontinent seit 2018 zählen Menschenhandel und -schmuggel, Wilderei, der Handel mit illegalen Drogen, Zigaretten, Treibstoff und gefälschten Medikamenten sowie der Schmuggel von Klein- und Leichtwaffen (Small Arms and Light Weapons, SALW).
Merkmale organisierter Kriminalität in verschiedenen Regionen:
Nordafrika
Nordafrika hat im Vergleich der Regionen die dritthöchste Kriminalitätsrate des Kontinents. Nach Angaben von ENACT haben zwischen 2021 und 2023 „alle kriminellen Akteure ihren Einfluss in Nordafrika ausgeweitet. Meist handelt es sich dabei um staatlich Verankerte (etwa Mitarbeiter im Militär und Geheimdienst, im Grenzschutz oder Zoll, politisch verbundene Geschäftsleute oder lokale Milizen) – insbesondere in Libyen. Kriminelle Netzwerke sind allgegenwärtig und kontrollieren den Schmuggel von Drogen und gefälschten Produkten bis hin zu Menschen“.
2023 erzielte Libyen auf dem Africa Organized Crime Index beim Schmuggel mit 9,5 von 10 Punkten den höchsten Wert (Laura et al., 2023, S. 47). Der Zusammenbruch des libyschen Regimes im Jahr 2011 schürte Konflikte und Gewalt. Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR, 2011) führten diese zur Vertreibung von mehr als 550.000 Libyerinnen und Libyern und trugen zur Flucht von über 900.000 Staatsangehörigen und Drittstaatsangehörigen bei.
In ganz Nordafrika stützen sich die Volkswirtschaften zunehmend auf informelle Sektoren. Das begünstigt den Schmuggel subventionierter Güter – etwa von Treibstoff, Zigaretten und Medikamenten. Schmuggel mit Klein- und Leichtwaffen (SALW), Menschenhandel und Umweltkriminalität zählen zu den häufigsten Formen organisierter Kriminalität in Nordafrika.
Einige Länder der Region, etwa Algerien, haben zwar verstärkt Grenzkontrollen eingeführt, um den Schmuggel einzudämmen. Aber Algeriens durchlässige Grenzen in der Sahara begünstigen weiterhin den illegalen Handel mit Ländern wie Libyen und Tunesien. Die große Menge unkontrollierter Waffen in Libyen, die terroristischen Netzwerke, der Zerfall staatlicher Autorität und das Ausbleiben einer koordinierten internationalen Entwaffnung führten dazu, dass Waffen rasch in die Hände von Milizen, Schmugglern und Aufstandischen gelangten.
Die Konflikte und die politische Instabilität in Libyen eröffneten Kriminellen neue Möglichkeiten (Laura et al., 2023, S. 82). In der Folge wurden Schmuggelnetzwerke, die bereits vor dem Krieg bestanden, reaktiviert und ausgeweitet. Sie erleichtern den Transport von Waffen über poröse Grenzen nach Niger, Tschad, Mali, Sudan, Algerien und darüber hinaus. Ehemalige Tuareg-Kämpfer, die in Gaddafis Armee gedient hatten, kehrten schwer bewaffnet nach Mali zurück – und lösten eine Rebellion aus, die die staatlichen Kräfte überforderte und zu einem Putsch in Bamako führte (Clyde, King and Overton, 2025).
Diese Dynamiken treiben die Instabilität in den nordafrikanischen Staaten weiter voran und verstärken die Sorge, dass die Region zunehmend unfähig ist, illegale Aktivitäten wirksam zu bekämpfen.
Südliches Afrika
Im südlichen Afrika dominiert die Wilderei von beispielsweise Löwen, Elefanten, Nashörnern und Schuppentieren. Diese Tiere sind äußert selten, fast ausgerottet und streng geschützt – Jagd, Fang, Handel oder Besitz sind in jeglicher Form verboten. Kriminelle schließen sich daher zusammen, um diese Tiere zu wildern und zu ihrem eigenen Profit in andere Regionen zu schmuggeln.
Das südliche Afrika verzeichnet derzeit einen Anstieg der Wilderei: Auf dem Kriminalitätsindex von 0 (keine Kriminalität) bis 10 (maximale Ausprägung) nahm sie dort um +0,30 Punkte auf 5,65 zu. Haupttreiber dieser Entwicklung sind Südafrika (mit einem Kriminalitätsindex von 8,0) und Mosambik (8,0), gefolgt von Madagaskar (7,50) und Botswana (7,50). Mit Ausnahme von Eswatini, Lesotho und Mauritius (jeweils 3,0) erzielt Wildtierkriminalität im südlichen Afrika überall hohe Werte
ENACT Africa hat sechs zentrale Entwicklungen in der Wilderei identifiziert:
1. Verlagerung der Elfenbeinmärkte
Seit China den Elfenbeinhandel verboten hat, sind neue florierende Absatzmärkte in Laos, Thailand und Vietnam entstanden.
2. Anhaltend hohe Nashornwilderei
Im Jahr 2024 wurden in Südafrika 1.028 Nashörner gewildert – kaum weniger als 2016 (1.054 Nashörner). Aber die Hotspots verschieben sich: In der Provinz KwaZulu-Natal stieg die Zahl der getöteten Tiere um fast 50 Prozent. So wurden beispielsweise im Hluhluwe-iMfolozi-Wildreservat innerhalb von zwei Wochen sieben Nashörner getötet.
3. Neue Schmuggelrouten für kleinere Arten
Schmugglernetzwerke haben ihren Fokus stärker auf kleinere, aber hoch profitable Arten verlagert, etwa das Schuppentier (Pangolin), das als das weltweit am häufigsten gehandelte Wildtier gilt. Wichtige Routen verlaufen derzeit über Kamerun und Gabun. Auch andere Arten wie die Meeresschnecke Abalone werden illegal gefangen und etwa an den zentralen Absatzmarkt nach Hongkong verschifft.
4. Umweltschützer werden zunehmend zur Zielscheibe
Mächtige kriminelle Wilderer-Syndikate gehen immer rücksichtsloser gegen diejenigen vor, die sich ihnen in den Weg stellen. Global Witness dokumentierte 2024 insgesamt neun Ermordungen von Umwelt- und Landrechtsverteidigern und -Verteidigerinnen in Afrika: vier in der Demokratischen Republik Kongo, drei in Liberia, eine in Kamerun und eine in Madagaskar. Lokale Aktivistinnen und Aktivisten sind zunehmend Drohungen, Gewalt und gezielter Kriminalisierung ausgesetzt, wenn sie ihre Gemeinden und natürlichen Ressourcen schützen wollen.
5. Gesetzesänderungen
Mehrere Staaten reagieren mit neuen Gesetzen und politischen Reformen – doch deren Wirksamkeit hängt stark von der Umsetzung ab.
6. Viele Festnahmen, doch kaum Verurteilungen
In einigen Ländern werden zwar mehr Täter festgenommen, aber nur selten verurteilt. Damit bleiben zentrale Strukturen der Wildereinetzwerke weitgehend intakt.
Westafrika
Seit 2019 gilt Westafrika als die Region mit den „höchsten Punktzahlen bei kriminellen Märkten auf dem gesamten Kontinent“ – darunter der Handel mit Kokain und Cyberkriminalität. Nirgendwo ist der kriminelle Markt seit 2021 stärker gewachsen
Ein zentraler Treiber von Gewalt und organisierter Kriminalität in Westafrika ist der Anstieg von Staatsstreichen in den letzten Jahren, etwa in Burkina Faso, Niger, Mali und Guinea, ausgelöst durch politische Spannungen. Denn während Konflikten oder Staatsstreichen sind Menschen anfälliger für Menschenhandel und Schleuserkriminalität. Besonders Frauen und Mädchen sind dann einem höheren Risiko ausgesetzt, ausgebeutet und sexuell missbraucht zu werden.
Die Ausbreitung terroristischer Gruppen zählt in Westafrika zu den verbreitetsten Formen organisierter Kriminalität. Dazu gehören etwa der „Islamic State in West Africa Province“ (ISWAP) und der „Islamic State in the Greater Sahel“ (ISGS). Hinzu kommen bewaffnete Aufstandsbewegungen, die meist aufgrund politischer Instabilität und Armut entstanden sind.
Ein Beispiel dafür ist Nigeria. Die bekannteste bewaffnete Gruppet im Land heißt Boko Haram – was soviel bedeutet wie „westliche Bildung ist verboten“. Sie hat tausende von Menschen getötet und viele weitere in Flüchtlingslager verdrängt. Nach Angaben des UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (UNOCHA)
Insgesamt wird Boko Haram für 15.889 Todesopfer verantwortlich gemacht. Seit dem Jahr 2000 wurden infolge der Krise im Land insgesamt 107.479 Menschen getötet. Angriffe von Boko Haram machten 15 Prozent aus. Sie erstreckten sich aber über mindestens 22 Bundesstaaten und über 100 lokale Verwaltungsbezirke
Zu den weiteren organisierten Verbrechen in Westafrika zählen illegale Ölförderung in Nigeria, Drogenhandel in Ghana, Guinea-Bissau, Senegal und Sierra Leone, Schmuggel von Klein- und Leichtwaffen (SALW), Flora- und Faunadelikte sowie Geldfälschung.
Zentralafrika
Laut ENACT ist nirgendwo in Afrika die organisierte Kriminalität stärker ausgeprägt als in Zentralafrika. Demnach weist die Region „die höchste Punktzahl auf dem gesamten Kontinent in Bezug auf kriminelle Märkte“ auf, allen voran beim Schmuggel von nicht erneuerbaren Ressourcen wie Gold und Diamanten. Seit 2021 hat zudem der Waffenhandel aufgrund wiederaufflammender Konflikte und politischer Instabilität etwa in Zentralafrika und der Demokratischen Republik Kongo (DRC) weiter zugenommen. Ein besonders dynamischer neuer Markt ist der Schmuggel mit gefälschten Produkten, allen voran mit Pharmazeutika und Markenware. Gleichzeitig ist seit 2021 der Einfluss ausländischer Akteure gestiegen. Infolgedessen haben Umweltverbrechen, etwa Wilderei, illegaler Holzeinschlag und der Schmuggel natürlicher Ressourcen, zugenommen. Auch der Menschenschmuggel zählt seit 2021 zu den am stärksten wachsenden kriminellen Märkten der Region (vgl. Methodik unter https://africa.ocindex.net/assets/downloads/english/enact_report_2023.pdf).
Die zunehmende Gewalt führt zu Vertreibungen, zu Todesfällen und dazu, dass Betroffene gezwungen sind, alternative Lebensgrundlagen zu finden. Laut dem Regional Refugee Response Plan (RRP)
Diese Konflikt- und Krisenszenarien treiben Menschen zunehmend dazu, ihr Überleben mit illegalen Aktivitäten zu sichern. Der African Organized Crime Index 2023 dokumentiert, dass 90 Prozent des in der DRC geförderten Goldes illegal abgebaut und außer Landes geschmuggelt wird, bevor es über verschiedene Stationen weiter in globale Märkte gelangt. Opfer der anhaltenden Gewalt geraten darüber hinaus häufig in die Fänge von Menschenhändlern, die sich als vermeintliche Retter ausgeben und die Notlage der Menschen gezielt ausnutzen.
Ostafrika
Finanzdelikte zählen zu den häufigsten Formen organisierter Kriminalität in Ostafrika. Dabei handelt es sich um illegale Aktivitäten, bei denen etwa Vermögenswerte, Bargeld oder Verträge manipuliert werden, um Gewinne aus kriminellen Aktivitäten in scheinbar legales Geld umzuwandeln. In den vergangenen Jahren haben insbesondere mobile Finanzdienste
Zwischen 2019 und 2023 dominierte in der Region das Schleusen von Migrantinnen und Migranten sowie der Menschenhandel – ein komplexer Markt