Die Erinnerungskultur in Polen ist auch 80 Jahre nach
Die nichtjüdische, überwiegend katholische Bevölkerung litt ebenfalls erheblich unter dem nationalsozialistischen Terror: Die Deutschen ermordeten große Teile der Eliten und der Zivilbevölkerung sowie Mitglieder der Widerstandsbewegung. Die Anzahl der nichtjüdischen Opfer ist nur schwer zu benennen – es wird geschätzt, dass 1,8 bis 1,9 Millionen Zivilist:innen ihr Leben unter anderem während Deportationen, Umsiedlungen, Zwangsarbeit, in Lagern, im bewaffneten und unbewaffneten Widerstand oder als Partisan:innen verloren.
Nach 1945: Staatliche Erinnerung und Antisemitismus
Jüdische und nichtjüdische Erinnerungen an die Kriegszeit drifteten infolge der unterschiedlichen Kriegserfahrungen nach 1945 auseinander. Nichtjüdische Polinnen und Polen betrauerten ihre „eigenen“, immensen Opfer des Nationalsozialismus und der stalinistischen Verbrechen von 1939 bis 1941, als der östliche Teil des Landes
Volksrepublik Polen
Eine kurze Blütezeit für offen geführte Debatten war
Antisemitische Regierungskampagne von 1968
In mehreren Emigrationswellen verließen Tausende das Land. Damit fehlten die unmittelbaren Träger:innen eines Gedächtnisses an den Holocaust. Zu Beginn der 1960er Jahre waren noch ca. 25.000 bis 37.000 Jüdinnen und Juden in Polen verblieben. Eine diverse Gemeinschaft, die eher säkular und antizionistisch eingestellt war und sich überwiegend polnisch identifizierte und von denen viele in staatlichen Behörden und im Kulturbetrieb arbeiteten.
Die antisemitische Kampagne von 1968 zeigte aber auch ihnen auf, wie wenig sie im Land erwünscht waren: Offiziell galt die Kampagne als „antizionistische“ Säuberungsaktion als Reaktion
Die Kampagne fügte sich in eine seit 1949 vorherrschende „amtliche Erinnerung“ der staatssozialistischen Machthaber ein. Diese konzentrierte sich auf die Nationalgeschichte, die Idee einer kollektiven Unschuld und einen martyrologischen Kampf Polens gegen die deutschen Besatzer.
Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau
Mit dieser politisierten Erinnerungskultur wollte sich die Regierung als Hüterin des Patriotismus in Polen legitimieren. Beobachten ließ sich diese Konstellation etwa in der Gedenkstätte Auschwitz, in der 1947 zunächst nicht die ermordeten Jüdinnen und Juden im Vordergrund des Erinnerns standen, sondern die zahlreichen nichtjüdischen Polinnen und Polen, die dort getötet wurden. Der Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1979 und die Errichtung eines etwa sechs Meter hohen Holzkreuzes betonte noch einmal die religiös polnisch-katholische Bedeutung der Gedenkstätte – die spezifische jüdische Erinnerung an das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurde so marginalisiert. Die Narrative von Unschuld, kollektiver Solidarität und Martyrologie aus der Zeit des Kalten Kriegs erfuhren in den 1980er Jahren mit dem Aufbrechen der polnischen Gesellschaft im Zuge der
Erinnerungskultur und jüdisches Leben nach 1989
Im Zuge der Demokratisierung des Landes nach 1989 entstanden weitere Debatten über zuvor wenig in der Öffentlichkeit verhandelte Themen. Dazu gehörten das polnisch-jüdische Verhältnis,
Jüdische Gemeinschaften
Für die jüdische Gemeinschaft änderte sich nach dem Zusammenbruch des Regimes das Umfeld grundlegend. Demokratische Freiheiten ermöglichten eine institutionelle, religiöse und kulturelle Erneuerung der Gemeinschaft, über deren Größe Volkszählungen annähernd Auskunft geben: 2011 definierten sich demnach etwa 7.300 Personen als ethnisch jüdisch. Eine Zahl, die Schätzungen zufolge seit 1989 relativ konstant geblieben war. Aufgrund von Zuzug, Rückkehr oder die Wiederentdeckung einer jüdischen Herkunft stieg diese Zahl bis 2021 auf 15.700 an. Denn viele Polinnen und Polen stellten erst nach 1989 fest, dass sie jüdische Vorfahren hatten, woraus vielfältige Formen von Identifizierung resultieren.
Während sich die einen der jüdischen Gemeinde anschließen, leben andere ihre jüdische Herkunft im Bewusstsein familiärer Erinnerung oder kulturellem Engagement. Institutionell erlebte die jüdische Gemeinschaft in der Dritten Polnischen Republik einen bemerkenswerten Aufschwung. In Städten wie Warschau, Krakau, Wrocław und Łódź entstanden religiöse Gemeinden und Organisationen, Bildungsangebote, Sportvereine, Kinderbetreuungseinrichtungen und jüdische Kulturzentren.
Sichtbarkeit von Jüdinnen und Juden
Das Museum der Geschichte der polnischen Juden (POLIN) wurde 2013 anlässlich des 70. Jahrestags des Beginns des Aufstands im Warschauer Ghetto in Teilen eröffnet. (© picture-alliance, Zoonar | HGVorndran)
Das Museum der Geschichte der polnischen Juden (POLIN) wurde 2013 anlässlich des 70. Jahrestags des Beginns des Aufstands im Warschauer Ghetto in Teilen eröffnet. (© picture-alliance, Zoonar | HGVorndran)
Diese Institutionen tragen zu einer Normalisierung jüdischer Präsenz im Alltag bei. Hinzu kommt etwa das Jüdische Kulturfestival in Krakau, das sich seit 1988 großer Popularität erfreut. Dies gilt ebenso für das Museum „Polin“ in Warschau, dessen Dauerausstellung zur tausendjährigen Geschichte der polnischen Jüdinnen und Juden 2014 eröffnete und seitdem ein wichtiger Ort für öffentliche Bildung, Forschung und Begegnung ist. Lokale Initiativen, oft getragen von Freiwilligen, arbeiten in ganz Polen die Geschichte von jüdischen Gemeinden auf, tragen zur Einrichtung von Erinnerungsorten bei und engagieren sich für den Erhalt oder die Restaurierung von Synagogen und Friedhöfen. Sie verstehen sich als „Hüter der Erinnerung“ an die jüdische Bevölkerung, die vor allem im Osten Polens viele kleinere Orte vor dem Holocaust mitgeprägt hat.
Unterstützung erhalten sie unter anderem seit 2002 von der Stiftung zum Erhalt des jüdischen Erbes (FODZ). Einrichtungen wie das Jüdische Historische Institut in Warschau oder das Zentrum für Holocaust-Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften erforschen die polnisch-jüdische Geschichte ebenso intensiv wie die Durchführung des Holocausts in Polen. Jüdische Themen und das gemeinsame polnisch-jüdische Erbe finden ebenso Eingang in diverse kulturelle Repräsentationen wie Filme, Bücher und Kunst.
Während viele dieser Initiativen von genuinem Interesse am Erbe der jüdischen Bevölkerung in Polen zeugen, werden sie auch kritisch gesehen, kommt es doch auch zu stereotypen Darstellungen von Juden als Klezmer-Musikanten oder Geldverleihern. Teilweise wird ein idealisiertes Bild eines stets harmonischen Zusammenlebens in der Geschichte gezeichnet, um die jüdische Bevölkerung posthum in das polnische Gedächtnis zu integrieren, wodurch spezifisch jüdische Erfahrungen in den Hintergrund treten.
Streit um die Erinnerungskultur
Denn trotz der erfolgten Pluralisierung der Erinnerungskultur nach 1989 hielten vor allem Vertreter der nationalen rechten Parteien und
Wendepunkt: Die Jedwabne-Debatte
Zu einem bahnbrechenden Wendepunkt kam es im Jahr 2000 mit der Veröffentlichung von Jan Tomasz Gross' Buch „Nachbarn” über die Ermordung Hunderter Jüdinnen und Juden durch ihre nichtjüdischen Nachbarn in der Kleinstadt Jedwabne im Jahr 1941.
Zum 70. Jahrestag des Massakers von Jedwabne legen Teilnehmende der Gedenkveranstaltung Steine auf das Denkmal. (© picture-alliance/AP, Czarek Sokolowski)
Zum 70. Jahrestag des Massakers von Jedwabne legen Teilnehmende der Gedenkveranstaltung Steine auf das Denkmal. (© picture-alliance/AP, Czarek Sokolowski)
Sie spaltete die polnische Gesellschaft: Die einen begrüßten diese Debatte als überfällig, betrachteten sie als Eingeständnis einer polnischen Mitschuld und als reinigende Katharsis. Dazu gehörte der damalige polnische Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski, der sich bei der jüdischen Bevölkerung entschuldigte. Die andere Seite brandmarkte die Debatte und Jan Tomasz Gross als „anti-polnisch” und befürchtete, sie würde Polens Ansehen in der Welt schädigen. Insgesamt rüttelte die Jedwabne-Debatte an den Grundfesten der Interpretation des Zweiten Weltkriegs in Polen und war ein bedeutender Schritt auf dem Weg einer Pluralisierung des kollektiven Gedächtnisses.
Geschichtspolitik der PiS
Wie die polnische Beteiligung am Holocaust einzuordnen ist, beschäftigt seither sowohl die Öffentlichkeit als auch die Zeitgeschichte. In der historischen Forschung werden die widersprüchlichen, komplexen und sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen immer differenzierter aufgearbeitet. Sie konnten von Gleichgültigkeit oder informierter Beobachtung angesichts des Schicksals von Jüdinnen und Juden bis hin zu aktiverer Beteiligung wie Denunziation, Mord oder Aneignung von Eigentum und Vermögenswerten reichen. Andere riskierten ihr Leben, um Jüdinnen und Juden zu verstecken und ihnen beim Überleben zu helfen. Während Historiker:innen darauf verweisen, dass ein Teil der polnischen Gesellschaft nicht nur geholfen hat, sich versteckende Jüdinnen und Juden aufzuspüren, sondern an weiteren Orten an ihrer Ermordung beteiligt war. Solche Befunde der Geschichtswissenschaft stießen seit 2015 in der Regierung der nationalistisch-populistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) auf Widerstand. Sie förderte und initiierte aktiv eine Geschichtspolitik, deren Ziel es war, die Darstellung der Mitschuld einiger Polinnen und Polen am Holocaust und die Existenz von polnischem Antisemitismus durch die offizielle Propaganda zu ersetzen. Demnach hätten Millionen von ihnen Jüdinnen und Juden gerettet und seien im schlimmsten Fall zur Passivität gezwungene Zuschauer gewesen.
Diese Sicht
Neuere antisemitische Entwicklungen
Allerdings kam es in der Folge zu einem Anstieg von antisemitischen Äußerungen und Aktionen in der Öffentlichkeit. Diese hatten sich bis 2018 meist auf die rechtsextremen Randbereiche der Politik beschränkt. 2018 aber entstand ein offen antisemitisches Wahlbündnis unter dem Kurznamen „Konföderation“, dessen Europaabgeordneter Grzegorz Braun, im Dezember 2023 mit einem Feuerlöscher den Chanukka-Leuchter im Parlament auslöschte. Als Präsidentschaftskandidat 2025 erhielt Braun immerhin sechs Prozent der Stimmen.