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Erinnerungen nach dem Holocaust | Polen | bpb.de

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Erinnerungen nach dem Holocaust

Katrin Steffen

/ 11 Minuten zu lesen

Polens Erinnerungskultur ist von unterschiedlichen Opfererfahrungen im Zweiten Weltkrieg geprägt. Der Widerstand gegen eine einseitige Geschichtserzählung wächst und mit ihm das Ringen um die Anerkennung aller Opfer.

Reste der Warschauer Ghettomauer, die etwa drei Meter hoch und 18 Kilometer lang war. Das Warschauer Ghetto wurde 1940 von den deutschen Besatzern errichtet. Dorthin wurden über die Jahre fast eine halbe Million jüdischer Menschen verschleppt. Auch Sinti und Roma wurden dort eingepfercht. Das Leben auf engstem Raum war bestimmt von Überwachung und Terror, von Hunger und Epidemien. Zahlreiche Menschen starben vor Ort, weitere wurden von dort in Vernichtungslager deportiert. 1943 kam es zum Warschauer Ghettoaufstand, der brutal niedergeschlagen wurde. Nur wenige tausend Menschen überlebten. (© picture-alliance/AP)

Die Erinnerungskultur in Polen ist auch 80 Jahre nach Interner Link: Beendigung des Zweiten Weltkriegs in hohem Maße von den Ereignissen während der nationalsozialistischen und der sowjetischen Okkupation des Landes von 1939 bis 1945 geprägt. Der Krieg hat tiefe und mannigfache Spuren hinterlassen, gibt es doch kaum eine in den damaligen Grenzen Polens lebende Familie, die von diesem Krieg unberührt blieb. Dies gilt für alle Gruppen in Polen; gleichwohl waren die jüdische und die nichtjüdische Bevölkerung während dieses Kriegs „ungleiche Opfer“, weil sie unterschiedlichen Verfolgungslogiken ausgesetzt waren. Denn für die jüdische Bevölkerung war im Holocaust jede potentielle Begegnung mit den deutschen Besatzern tödlich, hatten die Nazis sie doch ganz unten in ihrer rassistischen Hierarchie platziert und löschten sie fast vollständig aus: Mindestens drei Millionen polnische Jüdinnen und Juden wurden ermordet, mehr als 90 Prozent der jüdischen Vorkriegsbevölkerung des Landes.

Die nichtjüdische, überwiegend katholische Bevölkerung litt ebenfalls erheblich unter dem nationalsozialistischen Terror: Die Deutschen ermordeten große Teile der Eliten und der Zivilbevölkerung sowie Mitglieder der Widerstandsbewegung. Die Anzahl der nichtjüdischen Opfer ist nur schwer zu benennen – es wird geschätzt, dass 1,8 bis 1,9 Millionen Zivilist:innen ihr Leben unter anderem während Deportationen, Umsiedlungen, Zwangsarbeit, in Lagern, im bewaffneten und unbewaffneten Widerstand oder als Partisan:innen verloren.

Nach 1945: Staatliche Erinnerung und Antisemitismus

Jüdische und nichtjüdische Erinnerungen an die Kriegszeit drifteten infolge der unterschiedlichen Kriegserfahrungen nach 1945 auseinander. Nichtjüdische Polinnen und Polen betrauerten ihre „eigenen“, immensen Opfer des Nationalsozialismus und der stalinistischen Verbrechen von 1939 bis 1941, als der östliche Teil des Landes Interner Link: nach dem Hitler-Stalin-Pakt von der Sowjetunion besetzt worden war. Für Jüdinnen und Juden hingegen Interner Link: bildete der Holocaust das Fundament jeglicher Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Diese Erinnerung an die ermordete jüdische Bevölkerung als eigenständige Opfergruppe spielte in der gesamtpolnischen Öffentlichkeit nach dem Krieg aber keine herausragende Rolle.

Volksrepublik Polen

Eine kurze Blütezeit für offen geführte Debatten war Interner Link: ab 1948/1949 mit der kommunistischen Machtergreifung und der damit einhergehenden Gleichschaltung an ein Ende gekommen. Von den etwa 250.000 Jüdinnen und Juden, die sich nach ihrer Rückkehr aus dem Exil in der Sowjetunion in Polen hatten registrieren lassen, hatte zu jenem Zeitpunkt etwa die Hälfte Polen bereits wieder verlassen. Zunächst hatten viele gehofft, das kommunistische Regime würde ihnen politische Teilhabe und Schutz gewähren. Aber der Nachkriegsantisemitismus, dessen bekanntester Ausdruck das Pogrom von Kielce im Jahr 1946 mit 42 jüdischen Todesopfern war, machte diese Hoffnungen rasch zunichte.

Antisemitische Regierungskampagne von 1968

In mehreren Emigrationswellen verließen Tausende das Land. Damit fehlten die unmittelbaren Träger:innen eines Gedächtnisses an den Holocaust. Zu Beginn der 1960er Jahre waren noch ca. 25.000 bis 37.000 Jüdinnen und Juden in Polen verblieben. Eine diverse Gemeinschaft, die eher säkular und antizionistisch eingestellt war und sich überwiegend polnisch identifizierte und von denen viele in staatlichen Behörden und im Kulturbetrieb arbeiteten.

Die antisemitische Kampagne von 1968 zeigte aber auch ihnen auf, wie wenig sie im Land erwünscht waren: Offiziell galt die Kampagne als „antizionistische“ Säuberungsaktion als Reaktion Interner Link: auf den Sieg Israels im Sechstagekrieg 1967, vor allem aber wurden damit langjährige antijüdische Stereotypen als vermeintlich illoyale Feinde des polnischen Staates wiederbelebt und in die Narrative des Kalten Krieges eingebettet, wonach „Zionisten“ Agenten des westlichen Imperialismus seien. Die Kombination aus bekannten Vorurteilen und politischem Antisemitismus fand Resonanz in Teilen der polnischen Gesellschaft. Mit dieser „anti-zionistischen” Kampagne vertrieben die Kommunisten im März 1968 die letzte große Gruppe polnischer Jüdinnen und Juden (etwa 13.000 bis 15.000) aus dem Land.

Die Kampagne fügte sich in eine seit 1949 vorherrschende „amtliche Erinnerung“ der staatssozialistischen Machthaber ein. Diese konzentrierte sich auf die Nationalgeschichte, die Idee einer kollektiven Unschuld und einen martyrologischen Kampf Polens gegen die deutschen Besatzer. In der Folge verschwanden jüdisches Leben, Alltagspraktiken, Erinnerung und Zeugnisse jüdischer-polnischer Koexistenz allmählich aus dem öffentlichen Raum: Friedhöfe und Synagogen verfielen oder wurden oft als Lagerräume umgenutzt, weitere jüdische Einrichtungen vom Staat enteignet. So wurden Räume, die vormals jüdisch waren, angeeignet und überschrieben.

Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau

Mit dieser politisierten Erinnerungskultur wollte sich die Regierung als Hüterin des Patriotismus in Polen legitimieren. Beobachten ließ sich diese Konstellation etwa in der Gedenkstätte Auschwitz, in der 1947 zunächst nicht die ermordeten Jüdinnen und Juden im Vordergrund des Erinnerns standen, sondern die zahlreichen nichtjüdischen Polinnen und Polen, die dort getötet wurden. Der Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1979 und die Errichtung eines etwa sechs Meter hohen Holzkreuzes betonte noch einmal die religiös polnisch-katholische Bedeutung der Gedenkstätte – die spezifische jüdische Erinnerung an das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurde so marginalisiert. Die Narrative von Unschuld, kollektiver Solidarität und Martyrologie aus der Zeit des Kalten Kriegs erfuhren in den 1980er Jahren mit dem Aufbrechen der polnischen Gesellschaft im Zuge der Interner Link: Solidarność-Bewegung von linken und katholischen Intellektuellen wie Jan Józef Lipski und dem Literaturwissenschaftler Jan Błoński in seinem Essay „Die armen Polen blicken auf das Ghetto” von 1987 eine kritische Betrachtung. Jener Essay löste eine intensive Debatte über die Gleichgültigkeit der nichtjüdischen Polen während des Holocaust aus.

Erinnerungskultur und jüdisches Leben nach 1989

Im Zuge der Demokratisierung des Landes nach 1989 entstanden weitere Debatten über zuvor wenig in der Öffentlichkeit verhandelte Themen. Dazu gehörten das polnisch-jüdische Verhältnis, Interner Link: Antisemitismus in Polen, die Mitwirkung der lokalen Bevölkerung am Holocaust oder die Vermögensrückgabe an die Nachfahren jüdischer Polinnen und Polen.

Jüdische Gemeinschaften

Für die jüdische Gemeinschaft änderte sich nach dem Zusammenbruch des Regimes das Umfeld grundlegend. Demokratische Freiheiten ermöglichten eine institutionelle, religiöse und kulturelle Erneuerung der Gemeinschaft, über deren Größe Volkszählungen annähernd Auskunft geben: 2011 definierten sich demnach etwa 7.300 Personen als ethnisch jüdisch. Eine Zahl, die Schätzungen zufolge seit 1989 relativ konstant geblieben war. Aufgrund von Zuzug, Rückkehr oder die Wiederentdeckung einer jüdischen Herkunft stieg diese Zahl bis 2021 auf 15.700 an. Denn viele Polinnen und Polen stellten erst nach 1989 fest, dass sie jüdische Vorfahren hatten, woraus vielfältige Formen von Identifizierung resultieren.

Während sich die einen der jüdischen Gemeinde anschließen, leben andere ihre jüdische Herkunft im Bewusstsein familiärer Erinnerung oder kulturellem Engagement. Institutionell erlebte die jüdische Gemeinschaft in der Dritten Polnischen Republik einen bemerkenswerten Aufschwung. In Städten wie Warschau, Krakau, Wrocław und Łódź entstanden religiöse Gemeinden und Organisationen, Bildungsangebote, Sportvereine, Kinderbetreuungseinrichtungen und jüdische Kulturzentren.

Sichtbarkeit von Jüdinnen und Juden

Das Museum der Geschichte der polnischen Juden (POLIN) wurde 2013 anlässlich des 70. Jahrestags des Beginns des Aufstands im Warschauer Ghetto in Teilen eröffnet. (© picture-alliance, Zoonar | HGVorndran)

Diese Institutionen tragen zu einer Normalisierung jüdischer Präsenz im Alltag bei. Hinzu kommt etwa das Jüdische Kulturfestival in Krakau, das sich seit 1988 großer Popularität erfreut. Dies gilt ebenso für das Museum „Polin“ in Warschau, dessen Dauerausstellung zur tausendjährigen Geschichte der polnischen Jüdinnen und Juden 2014 eröffnete und seitdem ein wichtiger Ort für öffentliche Bildung, Forschung und Begegnung ist. Lokale Initiativen, oft getragen von Freiwilligen, arbeiten in ganz Polen die Geschichte von jüdischen Gemeinden auf, tragen zur Einrichtung von Erinnerungsorten bei und engagieren sich für den Erhalt oder die Restaurierung von Synagogen und Friedhöfen. Sie verstehen sich als „Hüter der Erinnerung“ an die jüdische Bevölkerung, die vor allem im Osten Polens viele kleinere Orte vor dem Holocaust mitgeprägt hat.

Unterstützung erhalten sie unter anderem seit 2002 von der Stiftung zum Erhalt des jüdischen Erbes (FODZ). Einrichtungen wie das Jüdische Historische Institut in Warschau oder das Zentrum für Holocaust-Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften erforschen die polnisch-jüdische Geschichte ebenso intensiv wie die Durchführung des Holocausts in Polen. Jüdische Themen und das gemeinsame polnisch-jüdische Erbe finden ebenso Eingang in diverse kulturelle Repräsentationen wie Filme, Bücher und Kunst.

Während viele dieser Initiativen von genuinem Interesse am Erbe der jüdischen Bevölkerung in Polen zeugen, werden sie auch kritisch gesehen, kommt es doch auch zu stereotypen Darstellungen von Juden als Klezmer-Musikanten oder Geldverleihern. Teilweise wird ein idealisiertes Bild eines stets harmonischen Zusammenlebens in der Geschichte gezeichnet, um die jüdische Bevölkerung posthum in das polnische Gedächtnis zu integrieren, wodurch spezifisch jüdische Erfahrungen in den Hintergrund treten.

Streit um die Erinnerungskultur

Denn trotz der erfolgten Pluralisierung der Erinnerungskultur nach 1989 hielten vor allem Vertreter der nationalen rechten Parteien und Interner Link: des Episkopats an alten Mythen fest. Das Bild der katholischen Nation als zentrales Opfer des Krieges gehört ebenso dazu, wie die Überzeugung, die jüdische Bevölkerung hätte zum Schaden Polens sowohl vor, während und nach dem Krieg mit den Sowjets zusammengearbeitet. Es kam daher nach 1989 zu zahlreichen Auseinandersetzungen über die Erinnerungskultur in Polen. Ein Streitpunkt blieb zunächst auch die Erinnerung an die Opfer des Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die einseitige Aneignung von Auschwitz ist unterdessen überwunden, so dass Auschwitz heute ein polnisches, ein jüdisches, ein multinationales und ein universelles Symbol ist.

Wendepunkt: Die Jedwabne-Debatte

Zu einem bahnbrechenden Wendepunkt kam es im Jahr 2000 mit der Veröffentlichung von Jan Tomasz Gross' Buch „Nachbarn” über die Ermordung Hunderter Jüdinnen und Juden durch ihre nichtjüdischen Nachbarn in der Kleinstadt Jedwabne im Jahr 1941. Indem er eine polnische Mitverantwortung für den Holocaust beschrieb, löste Gross die intensivste und emotionalste Debatte über die polnisch-jüdischen Beziehungen und den Antisemitismus in Polen in der gesamten Nachkriegszeit aus.

Zum 70. Jahrestag des Massakers von Jedwabne legen Teilnehmende der Gedenkveranstaltung Steine auf das Denkmal. (© picture-alliance/AP, Czarek Sokolowski)

Sie spaltete die polnische Gesellschaft: Die einen begrüßten diese Debatte als überfällig, betrachteten sie als Eingeständnis einer polnischen Mitschuld und als reinigende Katharsis. Dazu gehörte der damalige polnische Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski, der sich bei der jüdischen Bevölkerung entschuldigte. Die andere Seite brandmarkte die Debatte und Jan Tomasz Gross als „anti-polnisch” und befürchtete, sie würde Polens Ansehen in der Welt schädigen. Insgesamt rüttelte die Jedwabne-Debatte an den Grundfesten der Interpretation des Zweiten Weltkriegs in Polen und war ein bedeutender Schritt auf dem Weg einer Pluralisierung des kollektiven Gedächtnisses.

Geschichtspolitik der PiS

Wie die polnische Beteiligung am Holocaust einzuordnen ist, beschäftigt seither sowohl die Öffentlichkeit als auch die Zeitgeschichte. In der historischen Forschung werden die widersprüchlichen, komplexen und sehr unterschiedlichen Verhaltensweisen immer differenzierter aufgearbeitet. Sie konnten von Gleichgültigkeit oder informierter Beobachtung angesichts des Schicksals von Jüdinnen und Juden bis hin zu aktiverer Beteiligung wie Denunziation, Mord oder Aneignung von Eigentum und Vermögenswerten reichen. Andere riskierten ihr Leben, um Jüdinnen und Juden zu verstecken und ihnen beim Überleben zu helfen. Während Historiker:innen darauf verweisen, dass ein Teil der polnischen Gesellschaft nicht nur geholfen hat, sich versteckende Jüdinnen und Juden aufzuspüren, sondern an weiteren Orten an ihrer Ermordung beteiligt war. Solche Befunde der Geschichtswissenschaft stießen seit 2015 in der Regierung der nationalistisch-populistischen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) auf Widerstand. Sie förderte und initiierte aktiv eine Geschichtspolitik, deren Ziel es war, die Darstellung der Mitschuld einiger Polinnen und Polen am Holocaust und die Existenz von polnischem Antisemitismus durch die offizielle Propaganda zu ersetzen. Demnach hätten Millionen von ihnen Jüdinnen und Juden gerettet und seien im schlimmsten Fall zur Passivität gezwungene Zuschauer gewesen.

Diese Sicht Interner Link: popularisierte die Regierung seit 2015 in Bildungs- und Forschungseinrichtungen wie dem Pilecki-Institut in Warschau mit einer Dependance in Berlin, oder in Museen, wie dem 2016 eröffneten „Museum für die Polen, die während des Zweiten Weltkrieges Juden gerettet haben – Museum für die Familie Ulma“ in Markowa. Darüber hinaus begann sie die Arbeit jener Forscherinnen und Forscher zu erschweren, die nicht ihrem Geschichtsbild entsprach. Im Jahr 2018 versuchte sie per Gesetz Äußerungen zu kriminalisieren, die Polen eine Mitverantwortung für NS-Verbrechen zuschrieben. Der erhebliche nationale und internationale Protest gegen dieses Gesetz führte allerdings zur Rücknahme der strafrechtlichen Sanktionen. Hier zeigt sich die globale Dimension von Erinnerungsdebatten im 21. Jahrhundert – aufgrund der intensiven internationalen Medialisierung seit 1989 haben es mythisierende Selbstbilder oder einseitige politische Erinnerungskonstruktionen zumindest in funktionierenden demokratischen Öffentlichkeiten schwerer, sich durchzusetzen. Der Widerstand gegen das Gesetz in Polen betonte darüber hinaus erneut eine Ausdifferenzierung des historischen Gedächtnisses in Polen.

Neuere antisemitische Entwicklungen

Allerdings kam es in der Folge zu einem Anstieg von antisemitischen Äußerungen und Aktionen in der Öffentlichkeit. Diese hatten sich bis 2018 meist auf die rechtsextremen Randbereiche der Politik beschränkt. 2018 aber entstand ein offen antisemitisches Wahlbündnis unter dem Kurznamen „Konföderation“, dessen Europaabgeordneter Grzegorz Braun, im Dezember 2023 mit einem Feuerlöscher den Chanukka-Leuchter im Parlament auslöschte. Als Präsidentschaftskandidat 2025 erhielt Braun immerhin sechs Prozent der Stimmen.

Der Chanukka-Leuchter im polnischen Parlament wird gesichert, nachdem der rechtsextreme Politiker Grzegorz Braun mit einem Feuerlöscher die Kerzen löschte. (© picture-alliance, NurPhoto | Beata Zawrzel)

Eine weitere öffentliche Artikulation von Antisemitismus fand im Sommer 2025 in Jedwabne statt, als in der Nähe des offiziellen Denkmals sieben Tafeln aufgestellt wurden, die eine vermeintlich „anti-polnische“ Haltung der Juden behaupten und die polnische, nichtjüdische Mittäterschaft in Jedwabne leugnen. Neben diesem nationalen antisemitischen Diskurs macht sich auch in Polen der globale Resonanzraum bemerkbar, in dem Interner Link: nach dem 7. Oktober 2023 Antisemitismus und Israelfeindlichkeit sagbarer geworden sind. Es fanden vereinzelt Pro-Palästina-Proteste statt, die sich gegen die israelische Politik im Gazakrieg richteten, aber auch in einigen Fällen mit deutlichem Antisemitismus einher gingen. Dies führt auch in Polen zu Absagen von Veranstaltungen, die meist mit Sicherheitsbedenken begründet werden. Im Oktober 2025 sollte der Chor der Berliner Pestalozzi-Synagoge in Września an einem Konzert zu Ehren des bekannten jüdischen Komponisten Louis Lewandowski teilnehmen . Das Konzert wurde nach einer Kampagne des erwähnten Grzegorz Braun, die auf Resonanz in der Öffentlichkeit fiel, abgesagt.

Obwohl solche offenen Manifestationen von Antisemitismus nicht repräsentativ für die polnische Gesellschaft sind, verfolgt dieser die polnische Gesellschaft weiterhin, in neuen Formen und nach bereits bekannten Mustern. Jüngere Umfragen zeigen eine relative Stabilität antisemitischer Einstellungen in Polen und eine Ablehnung der kritischen Bewertung dieser Affektion in der Geschichte. So glauben zwei Drittel der Bevölkerung, dass nichtjüdische Polinnen und Polen während des Krieges ebenso viel gelitten hätten wie Jüdinnen und Juden. Die Zahl derjenigen hingegen, die meinen, die jüdische Bevölkerung in Polen hätte mehr gelitten als die nichtjüdische, nimmt seit 1992 beständig ab.

Fazit

In Polen halten sich in Teilen der Gesellschaft alte Mythen der Erinnerungskultur. Darunter sind eine fortgesetzte Opferkonkurrenz und die Weigerung, eine Mitschuld von Teilen der Bevölkerung am Holocaust anzuerkennen. Initiativen des rechten politischen Lagers forcieren diese oft einseitigen Erzählungen. Dagegen fordern Andere, darunter Historiker:innen oder lokale Initiativen, eine differenzierte Aufarbeitung der Geschichte. Sie etablieren neue und plurale Formen der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust. Dieser ist ein integraler Bestandteil der polnischen Geschichte und Erinnerung, auch wenn er nicht in Polen erfunden wurde. Die Tatsache, dass er zu einem großen Teil auf polnischem Territorium ausgeführt wurde, wodurch die nichtjüdische Gesellschaft in den Völkermord hineingezogen und in ihn verwickelt war, wirft immer wieder die Frage auf, welche nationale und internationale Erinnerung angemessen ist und wie ein ausgewogenes Gedenken an alle Opfer der deutschen Besatzung aussehen kann. Angesichts dessen und angesichts des Ausmaßes des Verbrechens ist es nicht verwunderlich, dass der Zweite Weltkrieg, Antisemitismus und der Holocaust in Polen nach wie vor starke Emotionen und wissenschaftliche Debatten hervorrufen.

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PD‘in Dr. Katrin Steffen ist Historikerin und Stellvertreterin der Direktorin am Nordost-Institut an der Universität Hamburg. Zuvor arbeitete sie als DAAD-Professorin für Europäische und Jüdische Geschichte und Kultur an der University of Sussex in Brighton, England.