Meine Merkliste

Kommentar: Memorial als wichtiger geschichtswissenschaftlicher Akteur

Russland-Analysen Regimedynamiken (20.06.2022) Analyse: Wladimir Putin – Führer, Diktator, Kriegsherr Analyse: Krieg, Protest und Regimestabilität Analyse: Die politische Ökonomie der Abfallwirtschaft in Russland dekoder: "Fast noch mehr von der Realität abgekoppelt als Putin selbst" dekoder: Bystro #34: Können Sanktionen Putin stoppen? Chronik: 23. – 29. Mai 2022 Emigration, Exil, Flucht (16.05.2022) Analyse: "Emigration mit Verantwortung": Die Aktivitäten russischer demokratisch orientierter Migrant:innen und ihre Reaktionen in der EU auf Russlands Krieg gegen die Ukraine Dokumentation: Evakuierung 2022: Wer ist wegen des Krieges in der Ukraine aus Russland emigriert, und warum? Erste Forschungsergebnisse von OK Russians Kommentar: Emigration im Jahr 2022: Schule der Demokratie für russische Geflüchtete Analyse: Brücke zum "anderen Russland" Russische Exilgruppen brauchen neue staatliche und private Förderprogramme Kommentar: Die Schrecken des Krieges und deren demografische Folgen für Russland Notizen aus Moskau: Ausgeschlossen Chronik: 17. – 24. April 2022 Steuerung der öffentlichen Meinung / Sanktionen (21.04.2022) Analyse: Narrative russischer staatlicher Medien über Corona-Impfstoffe im Westen Analyse: Was denken gewöhnliche Russ:innen wirklich über den Krieg in der Ukraine? Analyse: Festung Russland: Völlig verloren im wirtschaftlichen Sanktionskrieg, tiefe Wirtschaftskrise unausweichlich Analyse: Zwischen Katastrophe und harter Bruchlandung Kommentar: Wirtschaftliche Aufarbeitung der Ukraine-Invasion und Reparationen Chronik: 14. – 18. März 2022 Sicherheitspolitik (21.03.2022) Analyse: Sichtbare Entfremdung. Der Blick auf Russland im Sicherheitsradar 2022 Analyse: Die Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit in der russischen Außen- und Sicherheitspolitik Analyse: Militärmanöver: Scheinschlachten oder Vorboten des Krieges? Kommentar: Der geplante Krieg dekoder: Russisch-kasachisches Win-win dekoder: Krieg oder Frieden Chronik: 28. Februar – 06. März 2022 Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma (15.02.2022) Editorial: Politische Rhetorik des Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Die sozialen Sorgen der Bevölkerung in der politischen Rhetorik Kommentar: Das Verhältnis zwischen dem Zentrum und den Regionen in der Rhetorik des russischen Präsidenten und der Staatsduma Kommentar: Nationalitätenpolitik: Russländische Nation versus russisches Volk? Kommentar: Russland entdeckt die Energiewende: Ein Sonderweg zur Dekarbonisierung? Kommentar: Die Ukraine in der Rhetorik russischer Präsidenten und der Staatsduma Chronik: 17. Januar 2022 – 29. Januar 2022 Aufmarsch an der Grenze der Ukraine (22.02.2022) Von der Redaktion: Aufmarsch an der Grenze der Ukraine Kommentar: Die Minsker Vereinbarungen als Chance? Kommentar: (Keine neuen) Erkenntnisse gewonnen Kommentar: Alles auf Status. Russlands riskantes Kriegsspiel mit (in) Europa Kommentar: Russlands Motive Kommentar: Die Gründe für Russlands Vorschläge Kommentar: Würde Putin vom eigenen Volk für eine Invasion in die Ukraine abgestraft werden? Kommentar: Kriegsoptimismus im Russland-Ukraine-Konflikt: Grund zum Pessimismus? Kommentar: Desinformation: ein hoch aktuelles Konzept aus dem letzten Jahrhundert Kommentar: Die Russland-Ukraine Krise: Wo steht Deutschland? Kommentar: Russlands Passportisierung des Donbas: Von einer eingeschränkten zu einer vollwertigen Staatsbürgerschaft? Kommentar: Die OSZE-Sonderbeobachtermission in der Ukraine: Wunsch und Wirklichkeit Umfragen: Meinungsumfragen zu den Spannungen zwischen Russland und der Ukraine Chronik: 01. – 20. Februar 2022 Wirtschaftsbeziehungen im Fernen Osten (24.01.2022) Analyse: Die Bedeutung des russischen Fernen Ostens für die Asien- und Pazifik-Politik Russlands Chronik: Covid-19-Chronik, 06. – 24. Dezember 2021 Chronik: 06. Dezember 2021 – 15. Januar 2022

Kommentar: Memorial als wichtiger geschichtswissenschaftlicher Akteur

Martin Aust

/ 3 Minuten zu lesen

Ruinen des Gefangenenlagers Butugychag aus der Sowjetzeit in der Region Kolyma im Nordosten Russlands. Das Foto wurde am 10.1989 aufgenommen. (© picture-alliance, Nikolai Nikitin)

Die Staatsanwaltschaft Russlands hat die Auflösung von Memorial beantragt. Die zuständigen Gerichte haben ihre weitere Befassung mit dem Antrag der Staatsanwaltschaft in die zweite Dezemberhälfte dieses Jahres verlegt. Zuvor wird die drohende Auflösung von Memorial Gegenstand eines Treffens zwischen Präsident Putin und dem Rat für Menschenrechte in Russland sein. Ob sich damit die drohende Schließung von Memorial abwenden lässt, steht dahin. Allein die Beantragung der Schließung unter dem fadenscheinigen Vorwand, Memorial habe gegen Bestimmungen des Gesetzes über ausländische Agenten verstoßen, lässt schlimmes befürchten. Der Vorstoß der Staatsanwaltschaft richtet sich gegen die älteste und größte Menschenrechtsorganisation in Russland. Memorial ist 1989 in der Sowjetunion unter maßgeblicher Beteiligung des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow und der Germanistin und Historikerin Irina Scherbakowa gegründet worden. Der Antrag der Staatsanwaltschaft stellt einen beispiellosen Angriff auf die Zivilgesellschaft und Meinungsfreiheit in Russland dar. Zugleich gilt er aber auch einer wissenschaftlichen Institution, die wie keine andere für das Gedächtnis Russlands steht.

Die Anfänge Memorials in der Sowjetunion fallen in die Phase der Glasnost, als Gorbatschow es zuließ, dass die blinden Flecken der sowjetischen Geschichte und insbesondere des Stalinismus ausgeleuchtet werden. Die Erfahrung des stalinistischen Terrors hatte sich buchstäblich in beinahe jede Familiengeschichte in der Sowjetunion eingeschrieben, musste dort jedoch im Zeichen von Angst und Furcht häufig beschwiegen werden. Memorial vermaß und dokumentierte diese Geschichte. Memorial kartierte die Lager des Gulags und der Erschießungsstätten. Memorial rekonstruierte die Namen der Opfer, gab ihnen ihre Stimme zurück. Memorial sammelte Lebensinterviews von Überlebenden und ihren Nachfahren, initiierte und unterstützte die Eröffnung von Gedenkstätten des stalinistischen Terrors wie beispielweise in Perm und neuer Erinnerungspraktiken wie "Die letzte Adresse", die den letzten Wohnort von Opfern des stalinistischen Terrors mit Plaketten an Hauswänden im öffentlichen Raum sichtbar macht.

Memorial ist in dreifacher Hinsicht ein wichtiger geschichtswissenschaftlicher Akteur. Das gilt zuerst für die konzeptionelle Weiterentwicklung von Geschichtswissenschaft. In den 1990er Jahren wandte sich die Geschichtsschreibung in vielen Ländern verstärkt den einzelnen Menschen, ihren Erfahrungen und Selbstbeschreibungen zu. Die große Geschichte von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erhielt eine anthropologische Dimension. Wie einzelne Menschen Umbrüche erfahren haben, unter welchen Zwängen Menschen lebten, aber auch über welche Handlungsmacht sie verfügten und wie sie sie nutzten, wie sie ihr eigenes Leben erzählten – dies waren neue und drängende geschichtswissenschaftliche Fragen der 1990er Jahre. Memorial hat sie in Russland maßgeblich mit entwickelt und sie in der Geschichtsschreibung etabliert. Zweitens hat Memorial dabei Unschätzbares für die Internationalisierung von Geschichtsschreibung geleistet. Die Moskauer Zentrale von Memorial ist in einem Netzwerk mit Filialen in Belarus, der Ukraine, Deutschland, Tschechien, Frankreich, Belgien und Italien verbunden. Memorial steht exemplarisch dafür, dass Geschichtswissenschaft allein als internationale Kooperation gelingen kann. Drittens hat Memorial über die Jahrzehnte ein einzigartiges Archiv angelegt. Es ist in verschiedene Sammlungen unterteilt. Sie umfassen ein Archiv der Geschichte des Gulags von 1918 bis 1956, ein Archiv der poststalinistischen Dissidenz in der Sowjetunion, ein Archiv der Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter, die die Deutschen zur Zwangsarbeit im Reich deportiert hatten, mit mehr als 320.000 Briefen und Memoiren, ein Archiv lebensgeschichtlicher Videos und Audiodateien zur Tätigkeit von Memorial, ein Fotoarchiv des 20. Jahrhunderts und ein Zentrum der Oral History. Die Geschichte der Sowjetunion kann ohne diese Materialien nicht geschrieben werden.

Der russländische Staat mag Memorial als Organisation verbieten können. Doch wir Historikerinnen und Historiker müssen alles uns Mögliche dazu beitragen, dass Memorial als Idee, Gedächtnis, Archiv und Partner der Geschichtswissenschaft weiterlebt.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Martin Aust ist Professor für Geschichte und Kultur Osteuropas an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und Vorsitzender des Verbands der Osteuropahistorikerinnen und -historiker Deutschlands. Jüngste Publikationen: Die Schatten des Imperiums. Russland seit 1991 (München 2019); Erinnerungsverantwortung. Deutschlands Vernichtungskrieg und Besatzungsherrschaft im östlichen Europa 1939 – 1945 (Bonn, 2021).