Meine Merkliste Geteilte Merkliste PDF oder EPUB erstellen

Kommentar: Memorial als wichtiger geschichtswissenschaftlicher Akteur | Russland-Analysen | bpb.de

Russland-Analysen Strafverfolgung völkerrechtlicher Verbrechen und Übergangsjustiz (16.12.2023) Analyse: Russland vor Gericht bringen: Strafverfolgung völkerrechtlicher Verbrechen Dokumentation: Die Brüsseler Erklärung Analyse: Optionen der Übergangsjustiz für Russland dekoder: "Das unbestrafte Böse wächst" dekoder: "Ist es nicht Patriotismus, wenn alle Kinder zu uns gehören?" Chronik: 01. – 19. November 2023 Getreidehandel in Kriegszeiten / Wasserwege (06.12.2023) Analyse: Russlands Getreideexporte und Angebotsrisiken während des Krieges gegen die Ukraine Analyse: Russland setzt den Getreidehandel als Waffe gegen die Ukraine ein Analyse: Die strategische Bedeutung des russischen Wolga-Flusssystems Chronik: 23. – 29. Oktober 2023 Hat das Putin-Regime eine Ideologie? (15.11.2023) Von der Redaktion: 20 Jahre Russland-Analysen Analyse: Macht und Angst Die politische Entwicklung in Russland 2009–2023 Kommentar: Russlands neuer Konservatismus und der Krieg Kommentar: Chauvinismus als Grundlage der aggressiven Politik des Putin-Regimes Analyse: Verschwörungstheorien und Russlands Einmarsch in die Ukraine Kommentar: Die konzentrischen Kreise der Repression dekoder: Ist Russland totalitär? Chronik: 03. – 20. Oktober 2023 LGBTQ und Repression (30.09.2023) Analyse: Russlands autoritärer Konservativismus und LGBT+-Rechte Analyse: Russlands Gesetz gegen „Propaganda für Homosexualität“ und die Gewalt gegen LGBTQ-Personen Statistik: Gewalt gegen LGBTQ+-Menschen und Vertrauen in Polizei und Gerichte unter LGBTQ+-Menschen in Russland Dokumentation: Diskriminierung von und Repressionen gegen LGBTQ+-Menschen in Russland Kommentar: Wie sehr geht es bei der strafrechtlichen Verfolgung von "Rehabilitierung des Nazismus" um politische Repressionen? Von der Redaktion: Ausstellung: "Nein zum Karpfen" Chronik: 31. Juli – 04. August 2023 Chronik: 07. – 27. August 2023 Chronik: 28. August – 11. September 2023 Technologische Souveränität / Atomschlagdebatte (20.07.2023) Von der Redaktion: Sommerpause, на дачу – und eine Ankündigung Analyse: Die Sanktionen machen sich bemerkbar: Trübe Aussichten für die russische Chipindustrie Analyse: Kann Russlands SORM den Sanktionssturm überstehen? Kommentar: Russisches Nuklearroulette? Die Atomschlagdebatte in der russischen Think-Tank-Fachöffentlichkeit Dokumentation: Die russische Debatte über Sergej Karaganows Artikel vom 13. Juni 2023 "Eine schwerwiegende, aber notwendige Entscheidung. Der Einsatz von Atomwaffen kann die Menschheit vor einer globalen Katastrophe bewahren" Umfragen: Die Einstellung der russischen Bevölkerung zu einem möglichen Einsatz von Atomwaffen Chronik: 13. Juni – 16. Juli 2023 Chronik: 17. – 21. Juli 2023 Wissenschaft in Krisenzeiten / Prigoshins Aufstand (26.06.2023) Kommentar: Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine – Ein "Virolog:innen-Moment" für die deutsche Osteuropaforschung? Kommentar: Osteuropaforschung im Rampenlicht: ein Drahtseilakt zwischen Wissenschaft und Aktivismus Kommentar: Ein Moment der Selbstreflexion für Russlandstudien Kommentar: Wissenschaft im Krieg: Die Verantwortung der Regionalstudien und was daraus folgt Kommentar: Verträgt sich politisches Engagement und Wissenschaft? Zur öffentlichen Position des Fachs Osteuropäische Geschichte dekoder: Mediamasterskaja: Wissenschaftsjournalismus – seine Bedeutung und seine Herausforderungen dekoder: Prigoshins Aufstand gegen den Kreml: Was war das? dekoder: Prigoshins Aufstand: eine Chronologie der Ereignisse Chronik: 15. Mai – 12. Juni 2023 Deutschland und der Krieg II / Niederlage und Verantwortung (26.05.2023) Kommentar: Ostpolitik Zeitenwende? Deutschland und Russlands Krieg gegen die Ukraine Kommentar: Deutsche Wirtschaft und der Krieg Kommentar: Deutschland, der Krieg und die Zeit Kommentar: Nach einem Jahr Krieg: Deutschland im Spiegel der russischen Medien Kommentar: Der Ukrainekrieg: Kriegsängste, die Akzeptanz von Waffenlieferungen und Autokratieakzeptanz in Deutschland Umfragen: Die Haltung der deutschen Bevölkerung zum Krieg gegen die Ukraine: Waffen, Sanktionen, Diplomatie Statistik: Bilaterale Hilfe für die Ukraine seit Kriegsbeginn: Deutschland im internationalen Vergleich Notizen aus Moskau: Niederlage Chronik: 24. April – 14. Mai 2023 Auswanderung und Diaspora (10.05.2023) Analyse: Politisches und soziales Engagement von Migrant:innen aus Russland im Kontext von Russlands Krieg gegen die Ukraine Dokumentation: Ukraine-Krieg: Bislang nur wenig humanitäre Visa für gefährdete Russen Statistik: Asylanträge russischer Bürger:innen in Deutschland Analyse: Emigration von Wissenschaftler:innen aus Russland: Kollektive und individuelle Strategien Dokumentation: Schätzungen zur Anzahl russischer Emigrant:innen nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine Chronik: 01. März – 23. April 2023 Sanktionen (27.03.2023) Analyse: Die Wirkung von Krieg und Sanktionen auf Russlands Volkswirtschaft im Jahr 2022 Statistik: Russlands Wirtschaft Analyse: Russische wirtschaftliche Anomalie 2022: Ein Blick aus Unternehmensperspektive Umfragen: Wahrnehmung von Sanktionen durch die russische Bevölkerung Chronik: 01. – 28. Februar 2023 Feminismus / Kriegswahrnehmung / Gekränktes Imperium (13.03.2023) Analyse: Feminist_innen machen in Russland Politik auf eine andere Weise Statistik: Kennzahlen und Indizes geschlechterspezifischer Ungleichheit Analyse: Nicht Befürworter:innen und nicht Gegner:innen: Wie verändert sich bei der Bevölkerung in Russland mit der Zeit die Wahrnehmung des Krieges in der Ukraine? dekoder: Die imperiale Formel ist: Russland hat keine Grenzen Repression und stiller Protest / Die Botschaft des Präsidenten (06.03.2023) Analyse: "Nein zum Karpfen": Stiller Protest im heutigen Russland Dokumentation: Repressionen wegen Antikriegs-Akten in Russland seit 2022 dekoder: Die Schrecken des Kreml Analyse: Ein langer Krieg und die "Alleinschuld des Westens". Präsident Putins Botschaft an die Föderalversammlung am 23. Februar 2023 Kriegsentwicklung / Kirchen im Ukrainekrieg (23.02.2023) Analyse: Unerwartete Kriegsverläufe Analyse: Die Invasion der Ukraine nach einem Jahr – Ein militärischer Rück- und Ausblick Kommentar: Die Unterstützung der NATO-Alliierten für die Ukraine: Ursachen und Folgen Kommentar: Der Krieg und die Kirchen Karte: Kriegsgeschehen in der Ukraine (Stand: 18. Februar 2023) Eliten (16.02.2023) Analyse: Ansichten der russischen Eliten zu militärischen Interventionen im Ausland Analyse: Zusammengeschweißt und gefesselt durch Illegitimität Ranking: Die politische Elite im Jahr 2022 Meinungsumfragen im Krieg (02.02.2023) Kommentar: Sind Meinungsumfragen im heutigen Russland sinnvoll? Kommentar: Diese vier Fragen sollten Sie sich stellen, bevor Sie Meinungsumfragen darüber lesen, was Russ:innen über den Krieg denken Kommentar: Es gibt noch immer keine öffentliche Meinung – der Krieg in der Ukraine und die Diktatur in Russland lassen uns das besser erkennen Kommentar: Die Meinungsumfragen des Lewada-Zentrums auf der Discuss Data Online-Plattform. Zur Diskussion um die Aussagekraft der Daten Kommentar: Telefonische Umfragen im autoritären Russland: der Ansatz von Nawalnyjs Stiftung für Korruptionsbekämpfung Kommentar: Annäherungen an eine Soziologie des Krieges Kommentar: Methodologische Probleme von russischen Meinungsumfragen zum Krieg Kommentar: Befragungen von Emigrant:innen: Herausforderungen und Möglichkeiten dekoder: "Die öffentliche Meinung ist ein Produkt von Umfragen" Dokumentation: Umfragen zum Krieg (Auswahl) Chronik: 01. – 31. Januar 2023

Kommentar: Memorial als wichtiger geschichtswissenschaftlicher Akteur

Martin Aust Martin Aust (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn)

/ 3 Minuten zu lesen

Ruinen des Gefangenenlagers Butugychag aus der Sowjetzeit in der Region Kolyma im Nordosten Russlands. Das Foto wurde am 10.1989 aufgenommen. (© picture-alliance, Nikolai Nikitin)

Die Staatsanwaltschaft Russlands hat die Auflösung von Memorial beantragt. Die zuständigen Gerichte haben ihre weitere Befassung mit dem Antrag der Staatsanwaltschaft in die zweite Dezemberhälfte dieses Jahres verlegt. Zuvor wird die drohende Auflösung von Memorial Gegenstand eines Treffens zwischen Präsident Putin und dem Rat für Menschenrechte in Russland sein. Ob sich damit die drohende Schließung von Memorial abwenden lässt, steht dahin. Allein die Beantragung der Schließung unter dem fadenscheinigen Vorwand, Memorial habe gegen Bestimmungen des Gesetzes über ausländische Agenten verstoßen, lässt schlimmes befürchten. Der Vorstoß der Staatsanwaltschaft richtet sich gegen die älteste und größte Menschenrechtsorganisation in Russland. Memorial ist 1989 in der Sowjetunion unter maßgeblicher Beteiligung des Friedensnobelpreisträgers Andrej Sacharow und der Germanistin und Historikerin Irina Scherbakowa gegründet worden. Der Antrag der Staatsanwaltschaft stellt einen beispiellosen Angriff auf die Zivilgesellschaft und Meinungsfreiheit in Russland dar. Zugleich gilt er aber auch einer wissenschaftlichen Institution, die wie keine andere für das Gedächtnis Russlands steht.

Die Anfänge Memorials in der Sowjetunion fallen in die Phase der Glasnost, als Gorbatschow es zuließ, dass die blinden Flecken der sowjetischen Geschichte und insbesondere des Stalinismus ausgeleuchtet werden. Die Erfahrung des stalinistischen Terrors hatte sich buchstäblich in beinahe jede Familiengeschichte in der Sowjetunion eingeschrieben, musste dort jedoch im Zeichen von Angst und Furcht häufig beschwiegen werden. Memorial vermaß und dokumentierte diese Geschichte. Memorial kartierte die Lager des Gulags und der Erschießungsstätten. Memorial rekonstruierte die Namen der Opfer, gab ihnen ihre Stimme zurück. Memorial sammelte Lebensinterviews von Überlebenden und ihren Nachfahren, initiierte und unterstützte die Eröffnung von Gedenkstätten des stalinistischen Terrors wie beispielweise in Perm und neuer Erinnerungspraktiken wie "Die letzte Adresse", die den letzten Wohnort von Opfern des stalinistischen Terrors mit Plaketten an Hauswänden im öffentlichen Raum sichtbar macht.

Memorial ist in dreifacher Hinsicht ein wichtiger geschichtswissenschaftlicher Akteur. Das gilt zuerst für die konzeptionelle Weiterentwicklung von Geschichtswissenschaft. In den 1990er Jahren wandte sich die Geschichtsschreibung in vielen Ländern verstärkt den einzelnen Menschen, ihren Erfahrungen und Selbstbeschreibungen zu. Die große Geschichte von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erhielt eine anthropologische Dimension. Wie einzelne Menschen Umbrüche erfahren haben, unter welchen Zwängen Menschen lebten, aber auch über welche Handlungsmacht sie verfügten und wie sie sie nutzten, wie sie ihr eigenes Leben erzählten – dies waren neue und drängende geschichtswissenschaftliche Fragen der 1990er Jahre. Memorial hat sie in Russland maßgeblich mit entwickelt und sie in der Geschichtsschreibung etabliert. Zweitens hat Memorial dabei Unschätzbares für die Internationalisierung von Geschichtsschreibung geleistet. Die Moskauer Zentrale von Memorial ist in einem Netzwerk mit Filialen in Belarus, der Ukraine, Deutschland, Tschechien, Frankreich, Belgien und Italien verbunden. Memorial steht exemplarisch dafür, dass Geschichtswissenschaft allein als internationale Kooperation gelingen kann. Drittens hat Memorial über die Jahrzehnte ein einzigartiges Archiv angelegt. Es ist in verschiedene Sammlungen unterteilt. Sie umfassen ein Archiv der Geschichte des Gulags von 1918 bis 1956, ein Archiv der poststalinistischen Dissidenz in der Sowjetunion, ein Archiv der Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter, die die Deutschen zur Zwangsarbeit im Reich deportiert hatten, mit mehr als 320.000 Briefen und Memoiren, ein Archiv lebensgeschichtlicher Videos und Audiodateien zur Tätigkeit von Memorial, ein Fotoarchiv des 20. Jahrhunderts und ein Zentrum der Oral History. Die Geschichte der Sowjetunion kann ohne diese Materialien nicht geschrieben werden.

Der russländische Staat mag Memorial als Organisation verbieten können. Doch wir Historikerinnen und Historiker müssen alles uns Mögliche dazu beitragen, dass Memorial als Idee, Gedächtnis, Archiv und Partner der Geschichtswissenschaft weiterlebt.

Fussnoten

Weitere Inhalte

Martin Aust ist Professor für Geschichte und Kultur Osteuropas an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und Vorsitzender des Verbands der Osteuropahistorikerinnen und -historiker Deutschlands. Jüngste Publikationen: Die Schatten des Imperiums. Russland seit 1991 (München 2019); Erinnerungsverantwortung. Deutschlands Vernichtungskrieg und Besatzungsherrschaft im östlichen Europa 1939 – 1945 (Bonn, 2021).