Das Deutsche Kaiserreich von 1871 bis 1918 hat in der modernen Geschichtswissenschaft immer wieder eine herausgehobene Rolle gespielt. Lange wurde es als Höhepunkt, ja sogar als eine Art Vollendung der deutschen Nationalgeschichte betrachtet, die im "Reichsgründer" Otto v. Bismarck ihre Personalisierung fand. Grundlegend geändert hat sich diese Sichtweise erst seit den 1970er Jahren, als eine jüngere Generation von Historikern begann, die neuere deutsche Geschichte nicht nur der Weimarer Republik, sondern auch des 19. Jahrhunderts als Vorgeschichte des Nationalsozialismus zu betrachten und kritisch darauf hin zu untersuchen. Das wohl einflussreichste und zugleich am meisten diskutierte historische Werk dieser Zeit war Hans-Ulrich Wehlers "Das Deutsche Kaiserreich". Erstmals 1973 erschienen, wurde "Wehlers Kaiserreich" für lange Jahre zum zentralen Bezugspunkt fast aller Untersuchungen und Auseinandersetzungen über die deutsche Geschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
QuellentextHans-Ulrich Wehler, Einleitung zu "Das Deutsche Kaiserreich"
Eine Geschichte des Deutschen Kaiserreichs von 1871 kann heute meines Erachtens nicht mehr im Stil der herkömmlichen Ereigniserzählung geschrieben werden.
Denn wenn man weiter auf den Darstellungs- und Interpretationskonventionen der deutsche Geschichtsschreibung seit dem 19. Jahrhundert beharrt, wenn man sich fügsam innerhalb der dominierenden Zunfttradition mit ihrem verengten Begriff "der" Politik bewegt, wenn man die nur historisch erklärbaren Grenzzäune zwischen den historisch-sozialwissenschaftlichen Fächern respektiert – dann kann man schwerlich berechtigten Ansprüchen an ein neues Buch, in dem hundert Jahre nach der Reichsgründung eine kritische Bilanz zu ziehen versucht wird, gerecht werden. Richten sich diese Ansprüche doch darauf, daß Information mit Erklärung verbunden wird, daß die Entwicklungslinien in Wirtschaft und Gesellschaft verfolgt und auch von daher politische Entscheidungsprozesse transparent gemacht werden, daß nach den Bedingungen und den Folgen dieser Entwicklungen und Entscheidungen gefragt wird.
Da aber die überkommene historische Darstellung: der chronologische Bericht über die Ereignisgeschichte, nicht nur anfechtbar ist, sondern auch dem analytischen historischen Interesse unserer Zeit zuwiderläuft, wird man einen legitimen Weg aus diesem Dilemma heraus in der problemorientierten historischen Strukturanalyse der deutschen Gesellschaft und ihrer Politik in den fünfzig Jahren zwischen 1871 und 1918 erblicken dürfen.
Die Auswahl der Probleme und Strukturelemente, die dabei in den Mittelpunkt rücken, wird selbstverständlich durch erkenntnisleitende Interessen bestimmt. Auf einige ist hier vorab hinzuweisen. Sie sind
mit dem Fundamentalproblem der modernen deutschen Geschichte seit den Revolutionen des ausgehenden 18. Jahrhunderts verknüpft, mit der Erklärung des verhängnisvollen Sonderwegs der Deutschen, vor allem seit dieser Zeit. Immer wieder wird es daher, ohne daß die westeuropäisch-nordamerikanische Entwicklungen mit ihren vergleichbaren Problemen zu positiv gezeichnet werden soll, um die Frage nach den eigentümlichen Belastungen der deutschen Geschichte gehen, nach den schweren Hemmnissen, die der Entwicklung zu einer Gesellschaft mündiger, verantwortlicher Staatsbürger entgegengestellt worden sind – oder sich ihr entgegengestellt haben –, nach dem zielstrebigen und nur zu erfolgreichen Widerstand erst gegen eine liberale, dann gegen eine demokratische Gesellschaft, einem Widerstand mit fatalen Folgen, sofort oder später. Ohne eine kritische Analyse der historischen Bürde, die namentlich im Kaiserreich immer schwerer geworden ist, läßt sich der Weg in die Katastrophe des deutschen Faschismus nicht erhellen. Und so wenig auch die neuere deutsche Geschichte ausschließlich unter diesem Gesichtspunkt von Aufstieg und Untergang des Nationalsozialismus beurteilt werden soll, so unausweichlich ist es doch, vorrangig von diesem Problem auszugehen. Nur ein Dutzend Jahre nach dem Ende des Kaiserreichs stand die "Machtergreifung" Hitlers bevor. Wir könnte man bei einem Erklärungsversuch ohne die historische Dimension und das heißt auch immer: die Geschichte des Kaiserreichs auskommen?
Zum zweiten aber – und das hängt aufs engste mit der Problemwahl zusammen – wird hier die Geschichtswissenschaft als eine kritische Gesellschaftswissenschaft verstanden, die zwar den verschiedenen "Temporalstrukturen" (R. Koselleck) der Geschichte voll Rechnung trägt, aber vor allem auch bewußt zur Schärfung eines freieren, kritischen Gesellschaftsbewußtseins beitragen möchte. Anders gesagt: Hier wird sowohl nach dem Sinn gefragt, an dem historische Akteure im Erfahrungshorizont ihrer Zeit sich orientiert haben, als auch nach demjenigen Sinn, den historische Aktionen unter theoretischen Gesichtspunkten von heute annehmen können. Beiden Aufgaben muß sich der Historiker stellen, nicht nur der ersten, wie es einer Illusion des späten Historismus entsprach. Die emanzipatorische Aufgabe einer derart verstandenen Geschichtswissenschaft besteht dann darin, ideologiekritisch den Nebel mitgeschleppter Legenden zu durchstoßen und stereotype Mißverständnisse aufzulösen, die Folgen von getroffenen oder die sozialen Kosten von unterlassenen Entscheidungen scharf herauszuarbeiten und somit für unsere Lebenspraxis die Chancen rationaler Orientierung zu vermehren, sie in einen Horizont sorgfältig überprüfter historischer Erfahrungen einzubetten. In diesem Sinn wird sich das Wort von der "Historia Magistra Vitae" erneut bewähren können: für das Verhalten demokratischer Bürger in einem Gemeinwesen, zu dessen Geschichte noch immer spürbar auch das Kaiserreich gehört. Der Standpunkt, von dem aus bestimmte Probleme herausgegriffen und beurteilt werden, sollte mithin dem Leser nicht unklar bleiben, obwohl der vorläufig noch sehr allgemeine Umriß erst bei der Problemanalyse schärfere Konturen gewinnen kann. Von jener esoterischen Schule, die Geschichte "um ihrer selbst willen" betreibt, unterscheidet er sich ebenso wie vom gegenwärtigen Neohistorismus mit seiner verfeinerten Apologie des jeweiligen Status quo.
Es ist ein verbreiteter Irrtum, der zeitliche Abstand als solcher eröffne bereits automatisch die Perspektiven, die ein sicheres Urteil begünstigen. So wird zwar häufig eine pseudotheoretische Grundlage der Geschichtsschreibung beschrieben. Diese Rede von der zeitlichen Distanz verschleiert aber nur die Notwendigkeit historischer Theorie, ganz gleich, wie weit die zu interpretierende Vergangenheit zurückliegt. Das ist ein Tatbestand, über den sich die wissenschaftliche Zeitgeschichte, die Historische Soziologie und die Politikwissenschaft weniger Täuschungen leisten können. Global formuliert besteht das Koordinatensystem, in das die folgende Strukturanalyse eingespannt ist, aus drei miteinander verzahnten Komplexen:
dem ungleichmäßigen, oft gestörten, seinem Säkulartrend nach aber anhaltenden industrie- und agrarwirtschaftlichen Wachstum;
dem sozialen Wandel der Gesamtgesellschaft, ihrer Gruppen und Klassen – auch innerhalb dieser und im Verhältnis zueinander als Voraussetzung, Begleiterscheinung und Folge der ökonomischen Entwicklung;
der Politik als Kampf um Machtchancen und als Resultat der gesellschaftlichen Kräftekonstellationen unter dem Primat der Systemerhaltung oder -veränderung. Auch die Wirksamkeit handlungsbestimmender Ideologien läßt sich innerhalb dieses Dreiecks hinreichend genau bestimmen, handle es sich nun um Antisemitismus und Sozialdarwinismus, Pangermanismus oder Anglophobie. Und ganz wie die Gegenwart aus der Vergangenheit, so kann auch oft die Vergangenheit mit Hilfe der Gegenwart, d. h. moderner sozialwissenschaftlicher Kategorien und Modelle (z.B. Rolle, Status, Bezugsgruppe, Persönlichkeitstyp) erklärt werden. Diese besitzen einen so hinreichend hohen Allgemeinheitsgrad auch für die Analyse von historischen Sozialstrukturen, daß der berechtigte Ruf nach zeitadäquater Begriffsbildung den heuristischen Nutzen dieser theoretischen Instrumente nicht zu entwerten vermag.
Damit ist noch nichts über die Priorität eines dieser Bereiche gesagt. Logisch zwingend kann auch vorab nicht darüber entschieden werden: Erst der "Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten"
Diesem Bündel von Leitperspektiven sind noch drei hinzuzufügen: die Frage nach dem Gründungs-Problem, nach der Kontinuität von 1871 bis 1945 und nach dem Gegenmodell als einem der Wertmaßstäbe, mit denen der Geschichtsverlauf beurteilt wird.
Aus der Individual- und Sozialpsychologie, aber auch aus der Geschichte zeitgenössischer Entwicklungsländer ist die buchstäblich grundlegende Bedeutung der formativen Anfangsperioden in der Geschichte der Individuen und Gruppen bekannt. In dieser Phase werden oftmals die Weichen für die spätere Entwicklung gestellt, Verhaltensmuster eingeschliffen, Sozialideologien fest verankert. Diese Prägung erfahren auch gesellschaftliche Großgruppen wie Nationen, vor allem in Epochen der Revolution oder der staatlichen Neugründung, mithin auch das Deutsche Reich von 1871. "Über den Ländern bilden sich" dann, um es in der Metapher von Eugen Rosenstock-Huessy auszudrücken "geistige Klimata", die lange Zeit über ihnen "stehen bleiben".
Unverkennbar hat auch die Gründungsperiode des neuen deutschen Staates von 1866 bis 1879 diesen Charakter einer Inkubationsphase, in der über vieles entschieden, vieles festgemacht wurde, das dann lange gehalten hat. Auf den eigentümlichen Charakter der Konstellation der Reichsgründungszeit: die Überschneidung von Agrarrevolution, Industrieller Revolution und Staatsbildung wird sogleich im I. Kapitel eingegangen, und der mühsame, vielfach blockierte Weg in die moderne Industrielle Welt wird in den drei folgenden Kapiteln unter wechselnden Aspekten nachgeschritten werden. Jedoch muß dazu unverzüglich eine grundsätzliche Überlegung zu bedenken gegeben werden. Unstreitig ist, auch in universalgeschichtlicher Perspektive, die Industrialisierung eine der großen Bewegungskräfte der modernen Welt, aber es ist die Frage, ob nicht von (und in) der Agrargesellschaft langfristig wirksame Vorentscheidungen getroffen worden sind, die die Entwicklung der Industrialisierung fundamental, jedenfalls auf lange Zeit, mitbeeinflußt haben. Diese Auffassung ist unlängst allgemein in vergleichenden Studien von Barrington Moore, im Hinblick auf die reichsdeutsche Geschichte besonders von Hans Rosenberg pointiert vertreten worden. B. Moore, Soziale Ursprünge von Diktatur u. Demokratie, 2. Aufl. Frankfurt 1971: H. Rosenberg, Probleme der deutschen Sozialgeschichte, Frankfurt 1969; ders., Große Depression u. Bismarckzeit, Berlin 1967.
Um es vorweg zu sagen: Es spricht in der Tat sehr viel dafür, daß gerade auch in Deutschland nach 1866/71 wichtige ökonomische, gesellschaftliche und politische Entscheidungen im Interesse der agrargesellschaftlichen Führungseliten gefällt worden sind, die dann aufs Nachhaltigste die Entfaltung der reichsdeutschen Industriegesellschaft mitbestimmt haben. Ja, ein Gutteil der auffälligen Diskrepanzen und "Verwerfungen" dieser Gesellschaft läßt sich eben darauf zurückführen. Als einer der Grundkonflikte des Kaiserreichs: der Status-quo-Verteidigung gegen die unaufhaltsame politische Mobilisierung von Bürgern eines Industriestaats wird diese Problematik mehrfach thematisiert werden. Es mag Friedrich Engels aufs Ganze gesehen mit seinem Urteil ja durchaus Recht haben, daß "alle Regierungen, seien sie noch so unabhängig, ...’en dernier lieu’ nur die Vollstrecker der ökonomischen Notwendigkeiten der nationalen Lage" sind. "Sie mögen diese Aufgabe in verschiedener Weise – gut, schlecht oder leidlich – besorgen; sie mögen die ökonomische Entwicklung und ihre politischen und juristischen Konsequenzen beschleunigen oder hemmen, aber schließlich müssen sie ihr folgen".
Das Kontinuitätsproblem in der modernen deutschen Geschichte wird im Grunde erst wieder seit der Debatte über die Kriegszielpolitik im Ersten Weltkrieg ernsthaft diskutiert. Bis dahin war es konservativen Historikern gelungen, eine selbstkritische Diskussion zu ersticken – man denke nur an die Abwürgung der Militarismusdiskussion durch Gerhard Ritter oder an die ursprüngliche Reaktion auf Karl-Dietrich Brachers Sezierung des Weimarer Zerfalls –, um die, verglichen mit Weimar und Hitlers Deutschland, angeblich heile Welt vor 1914 zu verteidigen. Mit einer gewissen Kurzatmigkeit wurden auch von anderen Sozialwissenschaftlern die Hauptursachen für den Nationalsozialismus überwiegend in der Zeit nach 1918 gesucht. Nun steht es der Geschichtswissenschaft, der die historische Kontinuität zu Recht als Kernbegriff gilt, ohnehin schlecht an, diese Kategorie nurmehr mit tausend Vorbehalten anzuwenden oder statt ihrer die Diskontinuität zu kultivieren, obwohl es natürlich Brüche und neues Beginnen gibt. Welche Gründe auch immer für diese Scheu verantwortlich waren – meist handelte es sich doch um einen mehr oder weniger bewußten oder explizit gerechtfertigten Eskapismus, der die nationalsozialistische Politik als angeblich illegitimes Ergebnis der deutschen Geschichte verdrängen wollte, statt sie zuerst einmal als ein Resultat tief verwurzelter Kontinuitäten eben dieser Geschichte anzuerkennen. Die beliebte Formel von der allgemeinen Krise des Nationalstaates, der Demokratie, der Industriegesellschaft half hier, genau gesehen, auch nicht weiter, als den Vergleich mit weniger bedrohlichen Fehlentwicklungen in anderen Ländern zu einer beruhigenden Apologie zu mißbrauchen. Das Problem des deutschen Radikalfaschismus mit seiner Kriegspolitik im Inneren und nach außen ist unstreitig nicht ein allgemeines Problem okzidentaler Gesellschaften, "sondern zunächst eins der besonderen Bedingungen der deutschen Gesellschaft vor 1933".
Die Mehrzahl dieser Bedingungen, wenn auch nicht alle wichtigen, ist im Kaiserreich zu finden oder als Ergebnis seiner Politik aufzufassen. Man wird es ja verstehen können, daß einer älteren Generation das kleindeutsche Großpreußen von 1871 als Erfüllung nationaler Wünsche galt; daß nach 1918 für viele ein kritisches Urteil so bald schwer möglich war; daß auch ein starkes psychisches Bedürfnis nach 1945 bestand, die Epoche der kaiserlichen Reichseinheit zu idealisieren und von der "Verfallsgeschichte" seit 1918, zumindest des "Dritten Reiches" scharf abzuheben. Die Folgen dieser Haltungen sind jedoch nachweisbar unheilvoll gewesen. Heute tritt in einem kritischen Rückblick die Kontinuität von 1871 bis 1945 – auf einigen Gebieten auch noch darüber hinaus – klar hervor; einzelne Entwicklungsstränge dieser Kontinuität, vor allem die eigentlichen "Krisenherde" , werden im folgenden näher analysiert werden.
Unverkennbar jedoch hingen – und hängen – die Bedenken gegenüber dieser Kontinuitäts-diskussion auch mit der Theoriefeindschaft und Theoriearmut der deutschen Historiographie zusammen. Ohne die Ausnutzung von Theorien benachbarter Sozialwissenschaften läßt sich aber weder die politische Ereignisgeschichte, noch ein zu wenig reflektierter historischer Verstehens-begriff positiv überwinden. Die traditionale Haltung der politisch meist konservativ oder nationalliberal eingestellten deutschen Historiker verdichtete sich nach 1871 zu einer Kollektivmentalität, die mit Hilfe effektiver Zulassungs- und Verteidigungs-mechanismen Andersmeinende aus der "Zunft" fernhielt und ihnen dann ein "wissenschaftliches" Geschichtsbild absprach; ihre wissenschaftstheoretisch konservative Haltung, die auf sozialkonservativem Nährboden ohnehin bevorzugt gedeiht, verhinderte andererseits die Rezeption neuer Forschungsansätze. Diese beiden sich gegenseitig verstärkenden Prozesse haben jedenfalls das Resultat gehabt, jahrzehntelang eine kritische Analyse deutscher Kontinuitätsprobleme zu blockieren. Nur beiläufig sei erwähnt, daß sie auch die völlige Wehrlosigkeit der Universitätshistoriker gegenüber dem Nationalsozialismus und ihre fast reibungslose Anpassung mit herbeigeführt haben. Vor 1914 war hier angelegt, was zwischen 1933 und 1945 unübersehbar deutlich wurde.Der kritischen Bewertung des realhistorischen Verlaufs der deutschen Geschichte liegt die Auffassung zugrunde, daß zu der fortschreitenden ökonomischen Modernisierung der deutschen Gesellschaft eine Modernisierung der Sozialverhältnisse und Politik gehört hätte. Der Industrialisierung mit ihrer permanenten technologischen Revolution, institutionellen Umformung und sozialen Veränderung hätte eine Entwicklung in Richtung auf eine Gesellschaft rechtlich freier und politisch verantwortlicher, mündiger Staatsbürger mit Repräsentativkörperschaften entsprochen, von deren Vertretern die Verantwortung für die Politik zu tragen war. Alle Parlamentarisierungs- und Demokratisierungsfragen vor 1918 hingen hiermit zusammen. Die eigentliche Aufgabe der deutschen Politik nach dem Durchbruch der Industriellen Revolution zwischen 1850 und 1873 bestand mithin darin, Deutschland "bewußt und endgültig auf die Bahn der modernen Entwicklung zu leiten, seine politischen Zustände seinen industriellen Zuständen anzupassen" (F. Engels). Das hat aber von den "beiden stärksten politischen Köpfen Deutschlands" seit 1870 allein Engels bejaht, Bismarck dagegen mit schlimmen Ergebnissen nur zu wirksam bekämpft.
Dabei sollte Industrialisierung nicht im Sinne einer ökonomistisch-technokratischen Auffassung als autonomer, allein das Entwicklungstempo bestimmender Faktor verstanden, sondern in den sozio-politischen Kontext eingebettet werden. Demokratisierung gilt daher auch nicht als nahezu automatisches, nur mit einem gewissen "Lag" nachfolgendes Ergebnis der Industrialisierung, sondern sie muß von gesellschaftlichen Kräften erkämpft werden, da sie am ehesten eine der sozialökonomischen Entwicklung und den politischen Ideen der Moderne adäquate Verfassung darstellt.
Diese notwendige Synchronisierung von sozialökonomischer und politischer Entwicklung ist im Kaiserreich bis zuletzt vereitelt worden. Ob sie freilich im Kräftefeld der Zeit überhaupt zu realisieren war, wird noch eingehender zu prüfen sein. Vielleicht liegt hierin: im realen Stärkeverhältnis der gesellschaftlichen Antagonisten das eigentliche Dilemma der deutschen Politik. Eine partielle Modernisierung unter konservativer Ägide ist auch im Gehäuse des Kaiserreichs möglich gewesen, jedoch um den Preis ungeheurer Disparitäten in der Sozial- und Machtstruktur, mit Konsequenzen bis 1945. Gerade eine ökonomisch erfolgreiche Modernisierung ohne die Ausbildung einer freiheitlichen Sozial- und Staatsverfassung wirft aber auf die Dauer Probleme auf, die auf dem Wege friedlicher Evolution kaum mehr gelöst werden können. Daran, und nicht nur an dem verlorenen Weltkrieg, den seine Führung auf der Flucht vor innerer Veränderung bewusst riskiert hat, ist das Kaiserreich zerbrochen. Kriegsauslösung, Niederlage und Revolution, die sein Ende besiegelt haben, resultieren aus der Unfähigkeit, im Frieden die Staats- und Gesellschaftsstruktur den Bedingungen eines modernen Industriestaates anzupassen.
Aus: Hans-Ulrich Wehler, Das Deutsche Kaiserreich 1871–1918, Göttingen 1980, S. 11–18
Fußnoten
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K. Marx, Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie (1857). MEW 13, 1961, 632. – Belegt werden im allgemeinen nur Zitate. Die Bibliographie im Anhang V. 3 gibt in der Reihenfolge der numerierten Abschnitte einen knappen Überblick über die wichtigste Literatur.
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E. Rosenstock-Huessy, Die europäischen Revolutionen u. der Charakter der Nationen, 3. Aufl. Stuttgart 1962, 526.
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E. Engels an Danielson, 18.6.1892, MEW 38, 1968, 365.
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R. Dahrendorf, Demokratie u. Sozialstruktur in Deutschland, in: ders., Gesellschaft u. Freiheit, München 1961, 262.
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Vgl. dazu H.-U. Wehler, Krisenherde des Kaiserreichs 1871–1918, Göttingen 1970, 12 f.
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K. F. Werner, NS-Geschichtsbild u. Geschichtswissenschaft, Stuttgart 1967, 97.
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F. Engels, 1887/88, MEW 21, 1962, 454; A. Rosenberg, Entstehung u. Geschichte der Weimarer Republik, 13. Aufl. Frankfurt 1971, 95.
Das Kaiserreich im Sonderwegs-Paradigma
Wehler vertrat nicht nur einen modernen, mit Theorien arbeitenden, der traditionell dominierenden Politikgeschichte sozialgeschichtliche Perspektiven entgegenstellenden Ansatz. Er ordnete seine Deutung des Kaiserreichs auch programmatisch in die Theorie eines "deutschen Sonderwegs" in die Moderne ein, der letztlich zum Nationalsozialismus geführt habe. Bei der „Sonderwegstheorie“ handelte es sich ursprünglich um ein positives Deutungsmuster der neueren deutschen Geschichte, nach dem die deutsche Nationalstaatsbildung "von oben", unter der Vorherrschaft eines starken, auf Monarchie, Militär und Bürokratie gestützten Staates, der westlich-liberalen, auf Revolutionen "von unten" aufbauenden Entwicklungsform überlegen gewesen sei. Dieses lange in der deutschen Geschichtswissenschaft vorherrschende Deutungsmuster wurde unter dem Eindruck des Nationalsozialismus, zuerst von Emigranten aus Nazi-Deutschland, gewissermaßen in sein Gegenteil verkehrt: Ausgehend von der gescheiterten Revolution 1848, wurden nun alle Aspekte der deutschen Staats- und Gesellschaftsentwicklung daraufhin untersucht, wie sie die Ausbildung einer liberal-demokratischen Ordnung behindert und schließlich die Entstehung des Nationalsozialismus gefördert haben.
In den Mittelpunkt rückte das Deutsche Kaiserreich von 1871, das nun nicht mehr primär in seinen außenpolitischen Dimensionen von militärischer Reichsgründung, Selbstbehauptung und weltpolitischem Anspruch als vielmehr in seinen inneren, gesellschaftsgeschichtlichen Grundlagen, ja unter einem die sich radikalisierende Außenpolitik antreibenden „Primat der Innenpolitik“ (Eckart Kehr) betrachtet wurde. Dabei schien es sich nicht nur wegen der vergleichsweise späten Nationalstaatsgründung um eine "verspätete Nation" (Helmut Plessner) zu handeln. Herausgearbeitet wurde vor allem der obrigkeitsstaatliche, militaristische Charakter des in hohem Maße von Preußen bestimmten Kaiserreichs, dessen Fürsten- und Adelsherrschaft in einem eklatanten Widerspruch zu den dynamischen Basisprozessen einer sich rapide industrialisierenden und modernisierenden Gesellschaft stand. Die für die europäische Entwicklung des ‚langen‘ 19. Jahrhunderts generell typische, industrielle und politische „Doppelrevolution“ (Eric J. Hobsbawm) vollzog sich in Deutschland nicht in unterschiedlichen Phasen, sondern sie überlagerte sich im Zeitalter der Reichsgründung und setzte in kurzer Zeit eine Vielzahl von miteinander verbundenen ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Dynamiken und von ihnen ausgelösten Konflikten frei. Dieser Modernisierungsschub brachte eine ausgeprägte „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (Ernst Bloch) mit sich, die nicht nur krisenhaft war, sondern auch massive Abwehrreaktionen hervorrief.
Gestützt auf eine „Pseudodemokratisierung der Rittergutsbesitzerklasse“ (Hans Rosenberg), gelang es den „alten Eliten“ aus vorindustrieller Zeit, so das Deutungsmuster, mit einer Mischung aus partiellen Modernisierungsformen, integrativen Ideologien und manipulativen Herrschaftstechniken ihre überkommene Herrenstellung gegen alle weiterreichenden Reform- und Demokratisierungsbestrebungen zu verteidigen. Das ursprünglich liberale Bürgertum habe sich zunehmend als eine Art „feudalisierter“ Juniorpartner in die überkommene Herrschaftsordnung integriert und so dazu beigetragen, die vollständige Durchsetzung einer bürgerlich-demokratischen Gesellschaft nachhaltig zu behindern. Als Folge davon wurden eine reformerische Blockierung und nationalistische Radikalisierung der Reichspolitik sowie eine Deformation der politischen Kultur des Kaiserreichs aufgezeigt, die nicht nur in den Ersten Weltkrieg und zum Untergang des Kaiserreichs geführt, sondern auch den Aufbau einer demokratischen Staats- und Gesellschaftsordnung nach 1918 behindert und so den Weg in den Nationalsozialismus vorbereitet habe.