Die Frage nach der Rolle des Bürgertums, insbesondere des gehobenen Wirtschafts- und Bildungsbürgertums im Deutschen Kaiserreich hat die Geschichtswissenschaft immer wieder beschäftigt. Im Zeichen des Sonderweg-Paradigmas wurde vor allem die politische Schwäche des deutschen Bürgertums betont. Es sei ihm nicht gelungen, so lautete die Kritik, auf revolutionärem Wege eine den westlichen Maßstäben entsprechende Liberalisierung der politischen Verfassung und Kultur in Gang zu bringen. Stattdessen habe es sich nach der gescheiterten Revolution von 1848, spätestens aber seit der Reichsgründung den alten Gewalten der Monarchie und Aristokratie unterworfen, einen Prozess der „Feudalisierung“ durchlaufen, sich auf seine wirtschaftlichen Interessen beschränkt und kulturell eine unpolitische Innerlichkeit gepflegt. Dieses sehr kritische Bild des deutschen Bürgertums ist von der neueren Forschung allerdings in vieler Hinsicht revidiert, modifiziert und ergänzt worden. Das gilt sowohl für das traditionelle bürgerliche Selbstverständnis und seine Gestaltungskraft als auch für vielfältige vom Bürgertum ausgehende Reformbestrebungen.
Die Untertanenmentalität
Bestand hat das Bild von einem schwachen Bürgertum vor allem für die Kernbereiche der politischen Herrschaft und Kultur behalten. Große Teile des Bürgertums haben sich tatsächlich mit dem monarchischen Obrigkeitsstaat und der Dominanz seiner weiterhin aristokratischen Herrenschichten arrangiert. Der von Heinrich Mann in der Figur des Diederich Heßling so anschaulich dargestellte bürgerliche „Untertan“ war zwar eine Karikatur. Doch traf sie zweifellos reale Orientierungen und Verhaltensweisen. Auch ein liberaler Bürger wie der Großindustrielle und spätere liberal-demokratische Reichsaußenminister Walter Rathenau etwa warf dem wilhelminischen Großbürgertum rückblickend eine „schmachvolle Haltung“ und „geistige Verräterei“ vor, weil es „durch Beziehungen und Vergünstigungen preiswert bestochen, seinen Vorteil im Ankriechen an die herrschende Schicht und in der Lobpreisung des Bestehenden suchte“.
Bürgerliche Arbeit, Geselligkeit und Werteordnung
Diese Kritik bezog sich vor allem auf Rolle und Verhalten in der ,großen‘ Politik. Zieht man weitere gesellschaftliche und politische Felder in die Betrachtung ein, dann verschiebt sich das Urteil. Nicht nur im Wirtschaftsleben traten die von ihrer Selbständigkeit geprägten Bürger mit wachsendem Selbstbewusstsein hervor, sondern auch in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens, insbesondere als sog. Bildungsbürger in Wissenschaft, Hochkultur und freien akademischen Berufen. Deutsche Universitäten wie Berlin oder Heidelberg zählten zu den besten der Welt, und deutsche Wissenschaftler gewannen in fast allen Disziplinen Weltruhm, wobei sich der Schwerpunkt zunehmend von den Geistes- zu den Naturwissenschaften verschob. Aber auch die deutsche Literatur, in der Thomas Mann zum bedeutendsten Repräsentanten aufstieg, die deutschen Schauspielhäuser und Musiktheater mit den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen und den Berliner Philharmonikern im Mittelpunkt, übten eine weltweite Faszination aus.
In den Kommunen wurden die Bürger, anders als im Staat, auch politisch zu „Herren der Stadt“ (Hans-Walter Schmuhl) und nahmen die Gestaltung ihrer Umwelt aktiv in die Hand. Spezifisch bürgerliche Formen der Geselligkeit in einer Vielzahl von Vereinen, von Schützen-, Turn- und Gesangsvereinen über Geschichtsvereine, Kulturstiftungen und Denkmalkomitees bis hin zu Logen und politischen Agitationsverbänden, prägten das öffentliche Leben ebenso wie bürgerliche Tugenden und Wertvorstellungen. Arbeit, Fleiß und Bildung standen nicht nur im "bürgerlichen Wertehimmel" (Manfred Hettling) an oberster Stelle, sondern sie prägten zunehmend auch die Mentalität der bürgerlichen Gesellschaft des Kaiserreiches insgesamt. Hinzu kamen die Orientierung an einer rationalen Lebensführung, der Ausbau von Wissenschaft und Forschung sowie die typisch bürgerliche Verbindung von Nationalismus und weltbezogener Religiosität, wie sie vor allem im Kulturprotestantismus ihre deutlichste Ausprägung fand.
Auch wenn das Gesamtbild dieser „Bürgerlichkeit“ durch persönliche Verweigerungen und avantgardistische Bewegungen, durch die sich verbreitende Evolutionslehre und nicht zuletzt auch durch die psychoanalytische Infragestellung des selbstbestimmten Individuums manche Erschütterungen erfuhr, konnte sie im Kaiserreich ihre kulturelle Hegemonie doch noch weitgehend bewahren.
QuellentextWerner von Siemens 1886 über das naturwissenschaftliche Zeitalter
Vortrag vor der Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte
Die Gesellschaft der Naturforscher und Ärzte erhob vor bald sechzig Jahren zuerst in unserem Vaterlande das Banner der freien Forschung, indem sie durch ihre Wanderversammlungen die bis dahin nur im abgeschlossenen Kreise der Fachgelehrten betriebenen Naturwissenschaften dem öffentlichen Leben zugänglich und dadurch dienstbar machte. Es war dies ein folgenschwerer Schritt. Mit ihm begann ein neues Zeitalter der Menschheit, welche wir berechtigt sind, das naturwissenschaftliche Zeitalter zu nennen. (…)
Für den Naturforscher, der mehr als andere Menschenklassen daran gewöhnt ist, aus dem Verlaufe beobachteter Erscheinungen Schlüsse auf das sie beherrschende Gesetz zu ziehen, ist aber nicht der letztgebend Zustand der Entwicklung, für ihn sind die Ursachen und das dieselben bedingende Gesetz von überwiegender Bedeutung. Dies klar erkennbare Gesetz ist das der stetigen Beschleunigung unserer jetzigen Kulturentwicklung. (…)
Die hierdurch bedingte beschleunigt fortschreitende Entwicklung wird daher, falls nicht der Mensch in seinem Wahn sie selbst zerstört, so lange fortdauern, als die Naturwissenschaft selbst zu höheren Erkenntnisstufen fortschreitet. Je tieferen Einblick wir aber in das geheimnisvolle Walten der Naturkräfte gewinnen, desto mehr überzeugen wir uns, daß wir erst im ersten Vorhof der Wissenschaft stehen, daß noch ein ganz unermeßliches Arbeitsfeld vor uns liegt, und daß es wenigstens sehr fraglich erscheint, ob die Menschheit jemals zur vollen Erkenntnis der Natur gelangen wird. (…)
Es ist zwar ein hartes, aber leider auch unabänderliches soziales Gesetz, daß alle Übergänge zu anderen, wenn auch besseren Zuständen mit Leiden verknüpft sind. Es ist daher auch gewiß ein humanes Beginnen, diese Leiden der gegenwärtigen Generation zu mildern durch eine zweckmäßige Leitung und teilweise Beschränkung der neuen, unaufhaltsam hereinbrechenden Umwälzung in den sozialen Grundlagen des Völkerlebens; es wäre aber ein aussichtsloses Unternehmen, den Strom dieser Entwicklung unterbrechen oder gar zur Umkehr zwingen zu wollen. (…)
Und so, meine Herren, wollen wir uns nicht irre machen lassen in unserem Glauben, daß unsere Forschungs- und Erfindungstätigkeit die Menschheit höheren Kulturstufen zuführt, sie veredelt und idealen Bestrebungen zugänglicher macht, daß das hereinbrechende naturwissenschaftliche Zeitalter ihre Lebensnot, ihr Siechtum mindern, ihren Lebensgenuß erhöhen, sie besser, glücklicher und mit ihrem Geschick zufriedener machen wird. Und wenn wir auch nicht immer den Weg klar erkennen können, der zu diesen besseren Zuständen führt, so wollen wir doch an unserer Überzeugung festhalten, daß das Licht der Wahrheit, die wir erforschen, nicht auf Irrwege führen, und daß die Machtfülle, die es der Menschheit zuführt, sie nicht erniedrigen kann, sondern sie auf eine höhere Stufe des Daseins erheben muß!
Aus: Deutsche Geschichte in Quellen und Darstellungen, Bd. 8. S. 175-77.
Bürgerliches Familienideal
Die hegemoniale Kraft bürgerlicher Lebensformen und Werthaltungen trat nicht zuletzt in der Verbreitung des bürgerlichen Ehe- und Familienideals hervor, das auch die gesetzlichen Bestimmungen über die Rechte von Männern und Frauen auf patriarchalische Weise prägte. Ihm lag die Vorstellung naturhaft unterschiedlicher Geschlechtscharaktere zugrunde, die zu einer geschlechtsspezifischen Aufteilung nicht nur der Arbeit, sondern auch der Lebenssphären von Frauen und Männern führen müsse. Verbunden wurden diese als komplementär begriffenen Geschlechtseigenschaften in der Ehe, die auf freiwilliger Basis durch Liebe gestiftet und zusammengehalten werden sollte. Der als rational, zielstrebig und durchsetzungsfähig geltende Mann war demnach für das außerhäusliche Leben in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat zuständig. Er hatte den „Lebenskampf“ zu bestehen und sich im Beruf zu verwirklichen, ihm oblag es, den Lebensunterhalt zu verdienen und seine Familie sozial wie politisch zu repräsentieren, aber auch als Soldat zu verteidigen. Die Frau dagegen wurde als gefühlsbetont und fürsorglich betrachtet. Sie sollte dementsprechend ihre Erfüllung als treusorgende Gattin und Mutter finden, deren ureigene Lebenssphäre im bürgerlichen Haushalt zu finden sei. Hier sollte sie die gemeinsamen Kinder aufziehen und ihrem Ehemann ein Refugium vor den Härten des gesellschaftlichen Lebens bieten. Auch wenn dieses patriarchalische Ideal für weite Bevölkerungsschichten vor allem im bäuerlichen und im proletarischen Kontext nicht vollständig realisierbar war und darüber hinaus unter bürgerlichen Frauen und Männern nicht unangefochten blieb, entwickelte es sich doch zu einem Ziel, das weit über das Bürgertum hinaus wirksam war und etwa auch in Facharbeiterkreisen angestrebt wurde.