Der
Sogenannte Neue Rechte eiferten nicht dem Nationalsozialismus nach, wenngleich sie dessen Verbrechen häufig verharmlosten oder jegliche historische Verantwortung dafür strikt von sich wiesen. Ihre weltanschaulichen Bezüge knüpften meist an antidemokratische Denker der Weimarer Republik an, deren Ideen ihrerseits nicht eindeutig vom Nationalsozialismus zu trennen sind. Um größeren Einfluss auf die politische Kultur der Bundesrepublik zu gewinnen, bezeichneten sich Neue Rechte oft als konservativ, bekämpften jedoch die Werte und Prinzipien der liberalen Demokratie.
Hinsichtlich des Antisemitismus erscheinen Vertreterinnen und Vertreter der Neuen Rechten zunächst zurückhaltend. Antisemitische Motive wurden selten plakativ formuliert, sondern durch verschiedene Formen intellektueller Verbrämung verdeckt. Gleichwohl bildet Antisemitismus eine zentrale Säule im ideologischen Gefüge der Neuen Rechten. Besonders der Kampf gegen vermeintliche Exzesse der bundesdeutschen „Vergangenheitsbewältigung“ wird seit Jahrzehnten mit antisemitischen Argumentationsmustern aufgeladen.
Im Folgenden werden dieser Antisemitismus und die damit einhergehenden Strategien seiner Verschleierung bei Vertreterinnen und Vertretern der Neuen Rechten unterschiedlicher Generationen näher untersucht.
Ein Blick zurück: die Apologetik des Nationalsozialismus durch die alte Rechte
In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg inszenierte sich die alte extreme Rechte als „nationale Opposition“ und tat sich insbesondere durch die Verbreitung heroischer Kriegserinnerungen und der Memoiren ehemaliger NS-Funktionäre sowie durch Schriften, die den Nationalsozialismus rechtfertigten, seine Verbrechen relativierten oder ganz leugneten, hervor. Die Nürnberger Prozesse und die juristische Verfolgung von NS-Täterinnen und -Tätern in der Bundesrepublik wurden von ihr oft als „Siegerjustiz“ oder „Umerziehung“ durch die Alliierten delegitimiert (vgl. Botsch 2012, S. 17-59). Diese Generation extremer Rechter war vielfach personell aus dem Nationalsozialismus hervorgegangen und suchte in ihrer publizistischen Tätigkeit dessen Rehabilitierung zu betreiben. Das gilt auch für spätere Vertreter, die keine biographische Verstrickung mehr in den Nationalsozialismus hatten.
Es entstand ein Netzwerk rechtsextremer Verlage, die ab den späten 1940er-Jahren geschichtsrevisionistische Werke veröffentlichten. Die Zeitschrift Nation Europa stach besonders hervor. Sie war 1951 von ehemaligen NS-Propagandisten gegründet worden und galt über Jahrzehnte als wichtigstes Organ des intellektuellen Rechtsextremismus. Ihr Herausgeber, Arthur Ehrhardt (1896-1971), verstand das Blatt auch als Forum für völkische Schriftsteller wie den von ihm verehrten Hans Grimm (1875-1959). Grimm, Autor des Romans Volk ohne Raum (1926) und damit einer der geistigen Wegbereiter des Nationalsozialismus, war nach 1945 einer seiner bekanntesten Apologeten: In Nation Europa stellte er die offiziellen Zahlen zur nationalsozialistischen Mordpolitik infrage, um das Geschehen insgesamt zu relativieren (Müller-Zetzsche 2023). Auch Werke wie Adolf von Thaddens (1921-1996) Richter und Antisemiten (1959) waren in diesem Milieu beliebt. Von Thadden, später Mitbegründer der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), verbreitete darin die These, Juden seien am Antisemitismus selbst schuld gewesen.
Zeitungen wie die 1950 gegründete Deutsche Soldaten-Zeitung richteten sich an Alt- und später auch Neonazis. Unter dem Verleger Gerhard Frey (1933-2013) wurde daraus die National-Zeitung, eines der berüchtigtsten rechtsextremen Propagandamedien der Bundesrepublik. Besonders aggressiv wurde dort die deutsche Schuld an der Shoah kleingeredet oder geleugnet. Während des Sechstagekriegs 1967
Der Antisemitismus der extremen Rechten nach 1945 diente vor allem der Schuldabwehr, griff aber weiterhin auf alte Stereotype wie jüdische Gier, Rachsucht oder Verschwörungen zurück (vgl. Rensmann 2004, S. 241-295). In fast allen genannten Medien wurde auch Israel angegriffen. Zwischen Holocaustleugnung und
Die Neue Rechte griff ähnliche Strategien der Schuldabwehr auf, allerdings in einer intellektuell überformten Variante, deren Strukturen erst offengelegt werden müssen.
Was ist neu am Antisemitismus der Neuen Rechten?
Die sogenannte Neue Rechte unterscheidet sich in einigen Punkten von der alten Rechten. Ihre Ideologie ist nicht mehr auf das Dritte Reich ausgerichtet und biographische Prägungen durch den Nationalsozialismus fallen deutlich weniger ins Gewicht. Gleichwohl soll eine „Ordnung der Ungleichheit“ errichtet werden, die entweder „durch Natur, Tradition, Glauben, angenommene Herkunft oder Leistung begründet“ (Hagedorny 2025, S. 34) wird. Dadurch sind die Grenzen zwischen der alten und Neuen Rechten nicht immer klar zu ziehen.
Dass sich Akteurinnen und Akteure der Neuen Rechten oft selbst so bezeichnen, dient der Markierung einer vermeintlich klaren Differenz zur extremen Rechten. Das ist besonders auffällig bei heutigen Neuen Rechten. Insbesondere das Institut für Staatspolitik (IfS) um Götz Kubitschek (geb. 1970), der „Zentralstelle neurechter Ideologiepflege“ (Tändler 2025a, S. 11), nutzt den Begriff für sich. Das IfS wurde 2021 durch den Verfassungsschutz Sachsen-Anhalts als „gesichert rechtsextreme Gruppierung“ eingestuft und löste sich 2024 offiziell auf; dennoch setzt das ehemalige IfS seine Aktivitäten unter neuer Struktur fort (Bundesministerium des Innern 2025, S. 93 bzw. 115).
Seit etwa 1970 strebt die Neue Rechte ebenfalls nach einem politischen und kulturellen Wiederaufstieg Deutschlands, der unter Rückgriff auf diverse illiberale, autoritäre und nationalistische Topoi konzipiert ist. Die Neue Rechte bildet eine rechtsintellektuelle Subkultur mit eigenen Organisationen, publizistischen Foren und Gesprächszirkeln. Neurechte Positionen waren – und sind bis heute – oft situativ und taktisch geprägt, Begriffe und Strategien werden nach politischem Nutzen eingesetzt. Besonders im Umgang mit dem Nationalsozialismus zeigt sich diese taktische Ausrichtung.
Ein Schlüsselakteur ist der Publizist Armin Mohler (1920-2003). Mohlers Einfluss auf die Neue Rechte kann kaum überschätzt werden. Mit der sogenannten Konservativen Revolution (Weiß 2015) hatte er einen gemeinschaftsstiftenden Mythos geschaffen: In seiner 1950 erschienenen Dissertation waren antidemokratische Autoren der Weimarer Rechten posthum zu einer geistigen Strömung zusammengefasst, die angeblich klar vom Nationalsozialismus abgrenzbar sei (Mohler 1950). Darunter befanden sich prominente Feinde der Republik unterschiedlichster Couleur, Vorläufer und Wegbereiter, Konkurrenten und Dissidenten, aber auch Profiteure und Mitgestalter des Nationalsozialismus. Dass nicht wenige von ihnen auch ausgemachte Judenfeinde waren, sollte Einfluss auf die antisemitischen Strategien der Neuen Rechten haben. Wie diese intellektuellen Vorbilder inszenierten auch Vertreter und Vertreterinnen der Neuen Rechten einen intellektuellen Antisemitismus, der sich vom „Radau-Antisemitismus“, etwa von Neonazis, elitär abgrenzte.
In den Veröffentlichungen der Neuen Rechten werden offen antisemitische Aussagen meist vermieden. Stattdessen kommen häufig demonstrative Schein-Distanzierungen von Antisemitismus und andere Strategien zum Tragen.
Wichtige frühe Vertreter wie Armin Mohler und Caspar von Schrenck-Notzing (1927-2009), Herausgeber der Zeitschrift Criticón, verschrieben sich dem Kampf gegen die „Vergangenheitsbewältigung“, also jeglicher juristischer Strafverfolgung und gesellschaftlicher Aufarbeitung nationalsozialistischer Täter- und Komplizenschaft. Diese beschrieben sie als „Charakterwäsche“ der Deutschen (Schrenck-Notzing 1965, Mohler 1968). Sie bemühten sich jedoch um intellektuelle Respektabilität und vermieden offene NS-Apologien. Insbesondere Mohler redete fortbestehenden Antisemitismus in der Bundesrepublik klein und behauptete darüber hinaus, die übertriebene Aufarbeitung der Vergangenheit beschwöre Antisemitismus überhaupt erst herauf. Zudem relativierte er in seinen Büchern und Artikeln NS-Verbrechen durch Vergleiche mit anderen historischen Ereignissen wie Kolonialismus oder Stalinismus. Erst in den späten 1970er-Jahren nahm er offen revisionistische Positionen ein. Zuvor hatten seine Polemiken gegen die „Vergangenheitsbewältigung“ auch in rechtskonservativen Milieus Gehör gefunden. Zu etwa derselben Zeit gab es auch in der Zeitschrift Criticón eine Hinwendung zum Geschichtsrevisionismus. Herausgeber Schrenck-Notzing vermied jedoch offen antisemitische Töne. Allerdings kam auch in der Zeitschrift Mohlers Strategie zum Tragen, unter Berufung auf vermeintliche jüdische Kronzeugen antisemitische Erklärungsmuster zu platzieren (vgl. Weber 2025, S. 275-286). Diese Alibi-Strategie ist unter Neuen Rechten der Gegenwart weiterhin beliebt.
Die 1986 gegründete Wochenzeitung
Zwischen „Schuldkult“ und Holocaustleugnung: Strategien der historischen Relativierung
Heute zeigen fast nur noch Neonazis einen demonstrativen Antisemitismus, etwa durch provokante Anspielungen auf den Nationalsozialismus bei Aufmärschen oder auf Plakaten. Seit den späten 1950er-Jahren leugnen sie auch immer wieder den Holocaust. Autorinnen und Autoren der Neuen Rechten wie Mohler tun dies nicht direkt, fordern aber das Recht auf Leugnung als Ausdruck von Meinungsfreiheit (vgl. Weiß 2019, S. 142).
Im neurechten Milieu herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Debatten über den Nationalsozialismus beendet werden sollten. Rückbezüge auf die deutsche Verantwortung für die NS-Verbrechen gelten als Hindernis für nationale Souveränität; sie würden heutige Deutsche nicht mehr betreffen. Somit wird nicht das historische Ereignis an sich geleugnet, sondern die Relevanz für die Gegenwart.
Verschiedene Strategien der historischen Relativierung haben sich etabliert. Mohler negierte bereits Mitte der 1960er-Jahre die Singularität nationalsozialistischer Verbrechen, indem er sie durch Vergleiche mit Verbrechen des Stalinismus oder europäischer Kolonialmächte letztlich als belanglos erklärte (vgl. Mohler 1965, S. 172 f). Später versuchte er sie mit Verweisen auf die alliierte Kriegsführung zu bagatellisieren. Gleichzeitig ging er dazu über, geschichtsrevisionistische Thesen aufzugreifen, und forderte wiederholt ein, ohne selbst direkt den Holocaust zu leugnen, entsprechende Werke in die Debatte aufzunehmen.
Immer wieder werden antisemitische Andeutungen gemacht, etwa in der IfS-Zeitschrift Sezession: In die fortwährenden Niedergangsnarrative über den vermeintlichen Verlust nationaler Identität werden meist en passant Verweise auf eine angebliche ‚Holocaustindustrie‘ oder ‚Holocaust-Lobby‘ eingeflochten (vgl. Piper 2001). Wer hinter einer solchen Lobby stehe oder politisch und finanziell von ihr profitiere, muss dabei nicht ausbuchstabiert werden.
Dieser eingeschleuste Antisemitismus richtet sich vor allem an Eingeweihte. Die Faktizität des Holocaust wird nicht direkt bestritten, aber seine Rolle in der Gegenwartspolitik als maßlos übertrieben dargestellt. Damit bewegen sich diese Polemiken häufig verdächtig nahe an der Grenze zur Leugnung. So beklagte eine Autorin in der Sezession 2015 ein „völlig einseitiges historisches Narrativ“, das „nicht einmal angezweifelt werden darf“ (Waldvogel 2015, S. 4). Welche ‚geheime Macht‘ dies angeblich verhindere, bleibt im Dunklen, regt in der Leserschaft jedoch antisemitische Deutungen an.
Schon Mohler behauptete in den 1960er-Jahren, eine intensive Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus führe zu kollektiven Neurosen bei den Deutschen oder zu einem verinnerlichten „Nationalmasochismus“ (Mohler 1965, S. 141), wie er es beschrieb. Erinnerungskultur wird von der Neuen Rechten als politisches Instrument betrachtet. Mohler machte dafür meist „das Ausland“, die Alliierten oder linke Journalisten verantwortlich. Seltener werden offen Juden als Urheber dieser nationalen „Entortung“ benannt, wie es Hans-Dietrich Sander (1928-2017) tat, ein bis heute im Milieu verehrter Autor.
Die Instrumentalisierung jüdischer Stimmen
Für die Neue Rechte stehen Jüdinnen sowie Juden und Deutsche einander als grundsätzlich verschiedene Gruppen gegenüber, deren Interessen sich hinsichtlich der Erinnerung an die NS-Verbrechen überkreuzten, wenn nicht gar in fundamentalem Gegensatz zueinander stünden. Dennoch lassen sich einzelne Jüdinnen und Juden auch in die neurechte Inszenierung einbinden. Die alte Rechte berief sich zwar auch gern auf jüdische Holocaustleugner als „Alibi-Juden“. Die Neue Rechte dagegen versucht an eine Tradition anzuknüpfen, mit rechten Jüdinnen und Juden zu debattieren (Lichtmesz/Abramovych 2023). Die unter dem Titel „Streit um Israel“ zwischen Martin Lichtmesz und Artur Abramovych geführte Diskussion über die Hamas-Gräueltaten vom 7. Oktober 2023 nimmt Bezug auf einen historischen Vorläufer: Im Jahr 1933 hatte der völkische Antisemit Hans Blüher mit dem aus der bündischen Jugend kommenden Juden Hans-Joachim Schoeps über das Judentum debattiert (Blüher/Schoeps 1933).
Zudem werden Äußerungen von Juden, die man nicht selbst offen aussprechen möchte, aus dem Zusammenhang gerissen und für die eigenen Zwecke weiterverwendet. So gab Antaios, der Verlag des aufgelösten und neustrukturierten Instituts für Staatspolitik, einen Text des jüdischen Philosophen Theodor Lessing neu heraus, um seinem Publikum unter dem Titel „Intellekt und Selbsthaß“ eine „Studie über den jüdischen Geist“ vorzulegen (Lessing 2007).
Strategische Distanzierung der Identitären Bewegung vom Antisemitismus
Konstitutiv für die Neue Rechte ist es, sich vom Nationalsozialismus und der alten Rechten abzugrenzen. Entsprechend betonen heute Neue Rechte ihre Distanz zu offen judenfeindlichen Ressentiments. Die Themen Antisemitismus und Erinnerungskultur werden jedoch nicht nur umgangen, sondern gezielt als strategische Felder genutzt. Anders als die alte Rechte, die häufig auf direkte Täter-Opfer-Umkehr und offen antisemitische Projektionen setzte, greifen Neue Rechte inzwischen auf scheinbar unverfängliche oder diskutierbare Positionen zurück. Um zu demonstrieren, wie klar sie mit dem Nationalsozialismus gebrochen hätten, inszenieren sich Neue Rechte gerne mit demonstrativer Antisemitismuskritik. Tatsächlich werden der Nahostkonflikt und Erscheinungsformen des Antisemitismus dabei nicht kritisch reflektiert, sondern nach einer lediglich vorgetäuschten Distanzierung in scheinbar harmlose Ideologeme überführt.
Ein Beispiel hierfür lieferte die Gruppe Der Funke 2014 mit dem Text „Elemente einer identitären Antisemitismustheorie“. Die Gruppe fiel seit 2011 in Wien durch Aktionen und ein Weblog auf und gilt als Vorläufer der
In dem Text wurde Antisemitismus abgelehnt, da er lediglich eine Ausprägung des erklärten Grundübels „Universalismus“ sei. Liberalismus, Menschenrechte und Gleichheit wurden als Ursachen für „Entwurzelung“ und „Zersetzung der alten Werte“ kritisiert. Der Nationalsozialismus habe seinerseits eine exklusive Wahrheit beansprucht, indem er sich selbst als alleinigen Erlöser, „die Juden“ hingegen zu allein Schuldigen dieser Entwicklung erklärt habe. Die Ablehnung des Antisemitismus erfolgte also nicht aus moralischen Gründen, sondern wurde strategisch begründet: „Wir kämpfen nicht gegen ‚die Juden‘, sondern gegen die moderne Welt.“ In diesem Zusammenhang erscheint auch die Ablehnung des nationalsozialistischen Antisemitismus bemerkenswert: Er habe sich „volkswirtschaftlich“ und „strategisch“ nicht gelohnt. Die vermeintliche Distanzierung vom Antisemitismus alter Prägung verfolgte schließlich zwei strategische Ziele: Zum einen sollte die eigene Gruppe gegen Antisemitismusvorwürfe immunisiert werden; zum anderen diente sie als Ausgangspunkt für Angriffe auf politische Gegnerinnen und Gegner: Wer universalistische Ansätze vertrete, sei letztlich nicht anders als die Nationalsozialisten. „Wer den [identitären] Kampf gegen den Universalismus mit Antisemitismus gleichsetzt, bedient sich letztlich des Denkens des Nationalsozialismus.“
Das neurechte Ideologem des
Die identitäre Strategie bestand von Anfang an darin, antisemitische Bezüge und Denkgewohnheiten zu verschleiern. Der Funke lehnte den Antisemitismus der Nazis nominell ab, griff aber weiterhin auf antisemitische Anspielungen zurück, etwa auf die in der Vergangenheit oftmals als „verjudet“ bezeichnete kritische Wissenschaft.
Juden und der „Große Austausch“: Antisemitismus in Verschwörungstheorien
Die Feindschaft zum Universalismus ist auch im Kontext der neurechten Verschwörungstheorie vom „Großen Austausch“ zu sehen. Diese behauptet, hinter Migrationsbewegungen nach Europa stünde ein geheimer Plan globalistischer Eliten, die europäische Kulturen zerstören wollten. Antisemitische Codes werden dabei häufig verwendet, um vermeintliches jüdisches Beteiligt-Sein anzudeuten – etwa durch Hinweise auf die Rolle der USA und Israels oder auf jüdische Befürworterinnen und Befürworter von Zuwanderung (Lichtmesz 2023).
Der abstrakte Hauptfeind „westlicher Universalismus“ wird immer wieder im Judentum konkretisiert. In einem 2025 bei Antaios erschienenen Essayband wird eine breite Palette judenfeindlicher Klischees aufbereitet: Von der Antike bis zur Gegenwart wird der vermeintlich nomadische Charakter des Judentums nachgezeichnet. Denn sobald andere Kulturen universalistische Tendenzen entwickelten, so der neurechte Autor Simon Kießling, würden ‚die Juden‘ davon „nahezu magisch“ angezogen. In der Menschheitsgeschichte seien stets ‚die Juden‘ für die als verderblich betrachteten universalistischen Beschleunigungen verantwortlich gewesen, da sie „im Sinne ihres Sendungsauftrags“ die verschiedenen Völker und Kulturen in einem Weltstaat aufzulösen trachten (Kießling 2025, S. 17 und 78).
Während Kießling die Auflösung kultureller Traditionen und nationaler Zugehörigkeiten nahezu ausschließlich ‚den Juden‘ zuschreibt, betont er an entsprechenden Stellen alibihaft, er meine keineswegs alle Jüdinnen und Juden. Dennoch spricht er unbeirrt von „den Juden“ im Gattungsplural, wenn er ihren eskalierenden Einfluss im Kontext universalistischer Zersetzungsprozesse denunziert, die wenig originell unter den Schlagworten Kapitalismus, Kommunismus und Globalismus zusammengefasst werden. Es passt ins Bild, dass Kießling den prozentualen Anteil von Jüdinnen und Juden unter Hollywoodproduzenten oder den reichsten Personen der USA verfälscht und damit wenig subtil den jüdischen Einfluss auf die Mehrheitsgesellschaft übertreibt.
Schließlich inszeniert Kießling eine Pseudo-Kritik am Antisemitismus, indem er behauptet, der Antisemitismus sei lediglich eine Reaktion auf das jüdische Verhalten. Auch dieser Topos war in der extremen Rechten der Bundesrepublik gang und gäbe, etwa in der bereits erwähnten Schrift von Adolf von Thadden aus dem Jahr 1959. Seine Darstellung ist von klassischen antisemitischen Klischees geprägt, etwa der Vorstellung jüdischer Macht und Rachsucht. Sobald sich eine Kultur den Juden gewaltsam erwehre, sei ihr Untergang gewiss – ein Motiv, das als historisches Gesetz präsentiert wird. Seine Gegenwartsdiagnose erinnert an das Szenario des „Großen Austauschs“: Jüdische Philanthropen würden Massenmigration fördern, um die „Desintegration“ der westlichen Staaten voranzutreiben. Gleichzeitig verfolgten Juden in Gestalt des „Neokonservatismus“ geheime Machtziele über die US-Außenpolitik. Ziel sei eine „Weltrepublik“, in der alle Völker verschmelzen, während sich das „ewig unvergängliche Volk der Juden“ erhalte. Zum Antisemitismus in kulturphilosophischem Gewand gesellte sich bei Kießling ein tiefreichender Antizionismus, als er das hochgerüstete, nationalistische Israel anklagte, sich „aggressiv auszuweiten“ (Kießling 2025, S. 94 und 99).
„Deutsche Interessen“ und Israel
Die Identitäre Bewegung und ihr Umfeld sind nicht nur für aktivistische Provokationen bekannt, sondern auch als informelle Politikberatende und Mitarbeitende von AfD-Abgeordneten tätig. Die Partei hat zentrale Begriffe wie „
Obwohl die Neue Rechte Erinnerung als politisches Instrument betrachtet, das insbesondere von ‚den Juden‘ genutzt werde, stimmt sie nicht in Parolen wie „
Darüber hinaus forderte Martin Sellner nach dem 7. Oktober 2023 einen „Meinungspluralismus in geopolitischen Detailfragen“ (Sellner 2023), der allein „deutsche Interessen“ in den Vordergrund rücken solle. Lediglich das „rechte Hauptziel“ müsse eine „kompromisslose Einheit“ bleiben. Neue Rechte liefern also selbst einen – freilich kritisch zu rezipierenden – Interpretationshorizont ihrer strategischen Positionierungen. Sellner kritisiert „altrechte Antisemiten“ ebenso wie konservative sowie islam- und migrationsfeindliche populistische Stimmen, die mit Israel sympathisieren, die sich in ihren Haltungen letztlich vom Nationalsozialismus beziehungsweise von einer betonten Abgrenzung zu diesem leiten ließen. Besonders die von ihm als „Schuldkultpatrioten“ eingeordneten Islamkritiker und Konservativen liefen seiner Ansicht nach Gefahr, im Hinblick auf Israel lediglich einem „Ersatzpatriotismus“ zu frönen, anstatt sich konsequent auf Deutschlands Interessen zu konzentrieren. Damit greifen Neue Rechte die von Armin Mohler bereits 1972 formulierte Kritik auf, dass auch die politische Rechte weiterhin unter dem „Banne von Auschwitz“ stehe (Mohler 1972, S. 151).
Fazit
In der Publizistik der sogenannten Neuen Rechten ist Antisemitismus deutlich weniger präsent als in Strömungen, die sich eindeutiger der extremen Rechten zurechnen lassen. In ihrer Kritik an der bundesdeutschen „Vergangenheitsbewältigung“ wurde dennoch regelmäßig auf antisemitische Motive zurückgegriffen. In der verbissenen Abwehr von historischer Schuld scheuten Schlüsselfiguren wie Armin Mohler seit den späten 1970er-Jahren nicht davor zurück, geschichtsrevisionistische Thesen zu legitimieren. Von der Jungen Freiheit bis zur IfS-Rechten aus Schnellroda konzentrierte man sich zumeist darauf, die Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen zurückzuweisen, die in ihren Augen quasi-religiöse Ausmaße angenommen habe und sich fatal auf die nationale Identität der Deutschen auswirke. Das Anprangern eines vermeintlichen „Schuldkults“ gehörte jedoch ebenfalls zum beständigen Repertoire der extremen Rechten, wobei sie im Gegensatz zu radikaler auftretenden Stimmen den darin mitschwingenden Antisemitismus stärker verbargen.
Zumeist wandten Neue Rechte jedoch versiertere Strategien zur Verschleierung antisemitischer Denkfiguren an als andere Fraktionen der extremen Rechten. Die Abgrenzungsbemühungen, nicht zuletzt durch die Selbstbezeichnung als Neue Rechte, erweisen sich jedoch gerade hinsichtlich des Antisemitismus als fadenscheinig. Letztlich, wenn auch oftmals akribischer codiert oder intellektuell ausstaffiert, finden alte Stereotype über vermeintliche jüdische Gier, Rachsucht oder Verschwörungen regelmäßig Eingang in die Agitation. Frühen Vertretern bis zu den wesentlichen Akteurinnen und Akteuren der Gegenwart erschien es geboten, sich gegen den Verdacht des Antisemitismus zu immunisieren. Indem jüdische Stimmen zitiert oder sogar zu Diskussionen eingeladen wurden, ließ sich intellektuelle Unvoreingenommenheit inszenieren. Selbst in strategischen Distanzierungen von Antisemitismus, wie etwa bei der IB oder dem IfS, finden sich antisemitische Anspielungen.
Ausgeprägte antisemitische Weltdeutungen finden sich in der Neuen Rechten bislang nur vereinzelt. Neuere Texte – wie Kießlings Essay von 2025 – markieren jedoch eine bewusste Grenzüberschreitung und deuten auf die Absicht hin, künftig noch offensiver und extremer aufzutreten. Gerade vor dem Hintergrund des zunehmenden Einflusses neurechter Autorinnen und Autoren auf den parlamentarischen Betrieb geht davon ein erhebliches Gefahrenpotenzial aus.