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Spiel- und Dokumentarfilme zum Themenfeld Rechtsextremismus

Jan-Philipp Kohlmann

/ 28 Minuten zu lesen

Die kritische Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus findet seit vielen Jahren auch in Film und Fernsehen statt. Der Wandel des Phänomens selbst lässt sich auch in dieser filmischen Auseinandersetzung nachzeichnen. Spiel- und Dokumentarfilme der letzten Jahre mach(t)en deshalb zunehmend auch Aspekte wie unter anderem Queerfeindlichkeit und digitale Lebenswelten offensiv zum Thema. Für den InfoPool Rechtsextremismus hat der Filmjournalist Jan-Philipp Kohlmann eine Auswahl an Filmen kuratiert und stellt diese hier samt möglicher Fragen für ein (pädagogisches) Gespräch ausführlich vor.

Eine Installation vor dem Estnischen Filmmuseum im Schlosspark Maarjamäe in Tallinn. (© Hendrik Gunz)

Rechtsextremismus hat sich gewandelt, ist salonfähiger geworden und stellt ein zunehmendes Problem für demokratische Gesellschaften dar. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit, Verschwörungsideologien und autoritäre Weltbilder treten in organisierten Netzwerken, digitalen Öffentlichkeiten oder im Handeln einzelner Täter:innen zutage. Die polizeilich erfassten Fälle rechtsextremer Straftaten sind seit 2020 drastisch gestiegen (vgl. BMI/BKA 2025, S. 4f.).

Filme können dabei helfen, aufzuklären und kritisch über diese Entwicklungen zu reflektieren. Sie erzählen von konkreten Ereignissen, geben Betroffenen eine Stimme und vermitteln Informationen auf einer analytischen und Erfahrungen auf einer emotionalen Ebene. Die folgende Liste versammelt Spiel- und Dokumentarfilme, die sich aus verschiedenen Perspektiven mit Rechtsextremismus auseinandersetzen. Berücksichtigt wurden unterschiedliche Themenbereiche: von rechtsterroristischen Anschlägen und deren Folgen über ideologische Netzwerke bis hin zu Formen gesellschaftlichen Widerstands.

Die ausgewählten Filme zeichnen sich sowohl durch ihre filmische Qualität als auch durch ihre Relevanz für Bildungs- und Vermittlungskontexte aus. Viele eröffnen konkrete Ansatzpunkte für Gespräche über rechtsextreme Ideologien, Demokratie, Erinnerungskultur oder Medienkompetenz. Zugleich konzentriert sich die Liste auf Produktionen seit 2019 – mit besonderem Fokus auf den Jahren 2024 und 2025 –, um aktuelle Entwicklungen und Debatten abzubilden.

Spielfilme:

Staatsschutz

Eine Szene aus dem Spielfilm „Staatsschutz“. (© Lotta Kilian/Jünglinge Film)

  • Spielfilm von Faraz Shariat, Deutschland 2026, 113 min

  • [Noch keine FSK-Angabe], Pädagogische Empfehlung ab 15 Jahren

  • Zielgruppen und Bildungsbereiche: Schulunterricht, Offene Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung

  • Kinostart im Herbst 2026

Faraz Shariats zweiter Kinofilm, auf der Berlinale 2026 mit dem Panorama-Publikumspreis prämiert, thematisiert rechtsextreme Gewalt und deren mangelnde juristische Aufarbeitung. Im Zentrum der Handlung steht die junge Staatsanwältin Seyo Kim, die seit kurzem an einem Gericht in einer ostdeutschen Kleinstadt arbeitet. Eines Tages wird sie in einem öffentlichen Park Opfer eines rassistischen Angriffs. Seyo überlebt mit leichten Brandverletzungen, beteiligt sich vor Ort noch an der Spurensicherung und findet selbst wenig später einen der Tatverdächtigen. Vor Gericht ist sie als Geschädigte und Nebenklägerin nun in ungewohnter Position. Sie beginnt, die Rolle der Staatsanwaltschaft in Zweifel zu ziehen, als diese kaum zum Motiv des Angeklagten und seinen Verbindungen zur Neonazi-Szene ermittelt. In ihren eigenen Nachforschungen stößt sie auf mehrere Gewalttaten, die in der Gegend durch ein rechtsextremes Netzwerk verübt wurden.

Der Film erzählt sowohl aus der Perspektive einer „Staatsschutz“ erzählt fiktional von Ereignissen, die an reale Fälle in Deutschland erinnern, etwa an die rechtsterroristischen Interner Link: NSU-Morde. Der Film erzählt sowohl aus der Perspektive einer Betroffenen als auch mit Blick auf eine Institution. So verhindert die Hauptfigur Seyo Kim als Staatsanwältin zu Beginn selbst, dass die mutmaßlich politischen Motive einer Straftat berücksichtigt werden: Nach sachlicher Ermittlung sei es bloß ein üblicher Fall von Kleinkriminalität. Sie scheint von der Maxime geprägt, für die „objektivste Behörde der Welt“ zu arbeiten – ein Bonmot des Berliner Generalstaatsanwalts Hugo Isenbiel aus dem Jahr 1900, das in mehreren Szenen als Glaubenssatz zitiert wird. Die Gerichtsszenen im Film bieten anschauliches Material, Aufgabe und Selbstverständnis der deutschen Staatsanwaltschaft zu erarbeiten.

Neben Aspekten des Gerichtsfilms funktioniert „Staatsschutz“ aber auch als antirassistische Gegenerzählung mit Pop- und Genre-Elementen. Nach dem Neonazi-Angriff erkämpft sich Seyo peu à peu wieder Haltung und Handlungsmacht. Mit einem kugelsicheren Sportwagen, der an die 1980er-Jahre-Serie „Knight Rider“ erinnert, und R‘n‘B-Sounds im Auto-Radio sammelt die Juristin eigenhändig Indizien zu rechtsterroristischen Strukturen und den Versäumnissen ihrer eigenen Behörde. Die empowernde Inszenierung der Figur unterscheidet sich signifikant von anderen medialen Erzählungen über rassistische Gewaltverbrechen.

Fragen für ein Filmgespräch

  • Worin besteht die Aufgabe der Staatsanwaltschaft? Wie wird dies im Film am Beispiel von Seyo erzählt? Woher stammt die Aussage, die Staatsanwaltschaft sei „objektivste Behörde der Welt“ und warum sieht der Film diese Zuschreibung äußerst kritisch?

  • Welche Parallelen gibt es zwischen der Filmhandlung und realen rechtsextremen Gewalttaten in Deutschland? In welchem Setting (Ort und Zeit der Handlung) ist der Film angesiedelt und wie bezieht er sich damit auf aktuelle politische Debatten?

  • Wie verändert die Doppelrolle der Hauptfigur (Staatsanwältin und Opfer rassistischer Gewalt) ihren Blick auf Justiz und Ermittlungsbehörden? Was zeigt der Film darüber, wie Betroffene rassistischer Gewalt institutionell wahrgenommen werden?

  • Wie unterscheidet sich die Darstellung von Seyo von anderen medialen Bildern von Betroffenen rassistischer Gewalt? Welche Wirkung hat es, wenn Opfer als Handelnde statt als Ohnmächtige gezeigt werden?

Die Nichte des Polizisten

  • Spielfilm von Dustin Loose, Deutschland 2025, 90 min

  • Freigegeben ab 12 Jahren, Pädagogische Empfehlung ab 16 Jahren

  • Zielgruppen und Bildungsbereiche: Schulunterricht (Oberstufe), Erwachsenenbildung

  • Externer Link: Verfügbar in der ARD-Mediathek (bis 02.10.2026)

Baden-Württemberg, Mitte der 2000er-Jahre: Die junge Polizistin Rebecca Henselmann arbeitet bei einer Einheit der Bereitschaftspolizei, die bei Demos und Ermittlungen gegen Organisierte Kriminalität eingesetzt wird. Die Ansprüche unter dem Vorgesetzten Menke sind hoch, das Training hart, in der Truppe herrscht Korpsgeist. Rebecca gefällt die Arbeit, trotz des rauen Umgangs mit hauptsächlich männlichen Kollegen. Sie will Karriere machen. Ein Besuch bei ihrem Onkel in der thüringischen Heimat verknüpft jedoch familiäre Sorgen mit ihrer beruflichen Rolle: Ihre Cousine Hanni nimmt Drogen und hat Kontakte zur rechtsextremen Szene. Beim nächsten Einsatz in Heilbronn merkt Rebecca, dass die Neonazis aus dem Osten auch in Westdeutschland vernetzt sind, und zwar nicht nur im kriminellen Milieu, sondern auch in der Polizei. Dass sie den Rechtsextremisten bekannt ist, bringt Rebecca als verdeckte Ermittlerin in Gefahr.

„Diese Geschichte ist fiktional, aber nicht nur: Auch das Mögliche, Verlorene und Vergessene wird erzählt.“ So heißt es in der Titelsequenz des Films, die mit einer Mord-Szene beginnt und an einen realen Fall erinnert: Am 25. April 2007 wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn in ihrem Dienstwagen erschossen, ihr Kollege wurde schwer verletzt. Seit der rechtsterroristische NSU sich 2011 selbst enttarnte, gilt der Fall als Teil der NSU-Mordserie, der in allen anderen Fällen Menschen mit Migrationsgeschichte zum Opfer fielen. „Die Nichte des Polizisten“ von Dustin Loose übernimmt biographische Eckdaten von Kiesewetter, fiktionalisiert die Protagonistin aber deutlich. Einerseits, um mit szenischen Details an eine junge Frau zu erinnern, die Träume hatte und sich in ihrem Beruf mit Überzeugung engagierte. Andererseits, um mit den Mitteln des Kriminalfilms die Spannung der Geschichte zuzuspitzen (dass Kiesewetter ihre mutmaßlichen Mörder persönlich gekannt haben könnte, ist im realen Fall hingegen nicht belegt). Dabei beschreibt der Film das Polizei-Milieu jener Jahre, als die Mordserie an Migranten noch nicht einmal als politisch motivierte Gewalt untersucht wurde, differenziert, aber sehr wohl mit dem Problembewusstsein, dass die Aufarbeitung des NSU-Komplexes und Skandale um rechtsextreme Einstellungen unter Polizeibeamten seitdem hervorgebracht haben.

Der öffentlich-rechtliche Polizeithriller wurde 2026 in der Kategorie Fiktion mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Fragen für ein Filmgespräch

  • „Die Nichte des Polizisten“ hat eine fiktive Hauptfigur. Warum ist der Film dennoch als eine Form des Gedenkens an Michèle Kiesewetter zu verstehen? In welchen historischen Kontext ist die Handlung des Films eingebettet?

  • Wie erzählt der Film von Themen wie Machtmissbrauch und rechtsextremen Einstellungen innerhalb der Polizei? Behandelt er diese Themen als strukturelle Probleme oder als persönliches Fehlverhalten?

  • Wie beeinflusst die Dramaturgie des Films, die den Mord an der Protagonistin gleich zu Beginn und nicht erst am Schluss erzählt, die Wahrnehmung der Hauptfigur (und ihres realen Vorbilds)?

  • Welche Bedeutung haben die zwei Songs „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ (1984) von Nena und „L‘amour toujours“ (1999) von Gigi d‘Agostino aus dem Soundtrack des Films in den jeweiligen Szenen? Wie positioniert sich der Film mit der Wahl dieser Songs? Beim Song von Nena hilft die ARD-Doku „Warum starb Michèle Kiesewetter?“ bei der Recherche.

Dokumentarfilme:

Soldaten des Lichts

  • Dokumentarfilm von Julian Vogel & Johannes Büttner, Deutschland 2025, 108 min

  • Freigegeben ab 16 Jahren, Pädagogische Empfehlung ab 16 Jahren

  • Zielgruppen und Bildungsbereiche: Schulunterricht (Oberstufe), Erwachsenenbildung, Multiplikator:innen der politischen Bildung

  • Externer Link: Verfügbar in der ZDF-Mediathek (nach 22 Uhr)

Der investigative Dokumentarfilm der Regisseure Julian Vogel und Johannes Büttner folgt dem Influencer und selbsternannten Gesundheitsguru „Mister Raw“ sowie seinem Umfeld. Mister Raw propagiert Heilung und Selbstoptimierung durch roh-vegane Ernährung, Nahrungsergänzungsmittel und spirituelle Rituale. In einem beobachtenden Stil zeigt der Film, wie sich um ihn eine Szene aus Life-Coaches, Interner Link: Reichsbürger:innen und Verschwörungsgläubigen bildet, die esoterische Lehren mit rechtsextremer Ideologie verknüpft. Dabei macht das Regie-Duo durch den Standpunkt der Kamera, punktuell aber auch durch Dialoge mit den Protagonist:innen deutlich, dass sie deren Weltanschauung äußerst kritisch betrachten. Der Film begleitet gleichzeitig Timo, der zunehmend in Abhängigkeit des Influencers gerät: Er arbeitet für Mister Raw anscheinend unentgeltlich und hofft durch extreme Fastenrituale persönliche Probleme zu bewältigen. Während Timos Familie versucht, ihn aus der rechtsesoterischen Szene zurückzuholen, macht der Film sichtbar, wie im Umfeld von Mister Raw ideologische Verführung, sektenartige Strukturen und Geschäftsinteressen ineinandergreifen.

Mit der Form der Langzeitbeobachtung gelingt es „Soldaten des Lichts“, Facetten über ein Milieu zu enthüllen, die der investigativen Presse- und TV-Berichterstattung zum Reichsbürgerkomplex noch relevante Aspekte hinzufügen. So ist das Filmteam direkt bei konspirativen Treffen im Raum, etwa wenn der Reichsbürger Peter Fitzek über seinen Fantasiestaat „Königreich Deutschland“ sowie angebliche Wunderheilungen spricht, die er durchgeführt habe. Am Beispiel des Films lässt sich herausarbeiten, warum gesundheitliche Heilsversprechen und völkische Ideologien eine gemeinsame Zielgruppe finden: Mister Raw und andere bieten vermeintliche Lösungsangebote für komplexe Probleme oder persönliche Notlagen. Der Film zeigt, wie sie ihre Überzeugungskraft gezielt gegenüber verunsicherten oder verzweifelten Menschen einsetzen und dabei finanzielle Interessen im Blick haben.

Im Rahmen der Filmvermittlung sollte die Positionierung zu diesen Protagonisten analysiert werden: Wie distanziert sich das Regie-Duo in Kameraarbeit und Montage von Mister Raw? Wie unterscheidet sich die Inszenierung der verschiedenen Personen? Und wodurch zeigt der Film, dass die Protagonist:innen sehr wohl wissen, dass sie nicht von „Verbündeten“ gefilmt werden? Vor allem aufgrund der Geschichte von Timo ist „Soldaten des Lichts“ erst ab 16 Jahren freigegeben. Das selbstschädigende Verhalten von Timo sollte im Bildungskontext umsichtig thematisiert werden. An dem Beispiel kann sich auch eine Diskussion über die ethische Verantwortung des Dokumentarfilm-Teams entwickeln. Dessen Aufgabe besteht nicht darin, aktiv in das Leben einzugreifen. Julian Vogel und Johannes Büttner haben indes viel Wert darauf gelegt, Timo möglichst sensibel und respektvoll zu porträtieren.

Fragen für ein Filmgespräch

  • Was sind die verbindenden Elemente zwischen rechtsextremen, völkischen und esoterischen Ideologien? Warum sind Menschen anfällig für diese Ideologien? Welche Bedürfnisse und Probleme spricht Mister Raw etwa bei seinen Anhängerinnen und Anhängern an?

  • Woran ist zu erkennen, dass sich der Film kritisch zur Weltanschauung der Reichsbürgerszene positioniert? In welchen Szenen wird dies deutlich und durch welche formalen oder stilistischen Mittel?

  • Welche Erkenntnisse ermöglicht die dokumentarische Langzeitbeobachtung? Was erfährt man im Film zum Beispiel über das Geschäftsmodell von Mister Raw?

  • Welche ethische Verantwortung haben Dokumentarfilmschaffende gegenüber den Menschen vor der Kamera? Wie nehmt ihr die Situation des Protagonisten Timo wahr? Wie zeigt der Film Empathie für ihn?

Das deutsche Volk

  • Dokumentarfilm von Marcin Wierzchowski, Deutschland 2025, 132 min

  • Freigegeben ab 6 Jahren, Pädagogische Empfehlung ab 15 Jahren

  • Zielgruppen und Bildungsbereiche: Schulunterricht, Offene Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Multiplikator:innen der politischen Bildung

  • Externer Link: Verfügbar auf DVD bei absolut medien. Noch nicht in den Mediatheken verfügbar.

Mitten auf dem Hanauer Marktplatz erinnert ein Denkmal an die wohl berühmtesten Söhne der Stadt. Seine Inschrift: „Den Brüdern Grimm. Das deutsche Volk“. Seit dem 19. Februar 2020 allerdings ist der Name Hanau noch mehr mit dem rassistischen Anschlag verbunden, der an diesem Tag neun Menschen das Leben kostete – außerdem ermordete der Täter seine Mutter und Ibrahim Akkuş, der 2026 an den Spätfolgen seiner Verletzungen starb. Schon unmittelbar nach der Tat begann der Filmemacher Marcin Wierzchowski mit den Dreharbeiten und filmte die Überlebenden und Angehörigen, die das furchtbare Geschehen nicht loslässt. Auch sie wollen erinnern. Auf Gedenkveranstaltungen und Demonstrationen oder in Diskussionen mit Politikern:innen kämpfen sie um ein Gedenken, das die Opfer in den Mittelpunkt stellt, und rufen dabei immer wieder die Namen der Ermordeten: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov. Waren nicht auch sie Kinder Hanaus? Gehörten sie nicht dazu? Wer ist das deutsche Volk?

Wie das wuchtige Grimm-Denkmal selbst steht diese Frage im Zentrum des Dokumentarfilms. Alle Opfer des Täters hatten eine Migrationsgeschichte. Weil er sie nicht für Deutsche hielt, wurden sie zur Zielscheibe. Liegt darin auch die schleppende Aufklärung begründet? Angehörige wie Niculescu Păun und Armin Kurtović, die ihre Söhne verloren, oder Gökhan Gültekins Bruder Çetin wollen alles wissen: Warum war der Notausgang des Tatorts, der Shisha-Bar „Arena-Bar“, verschlossen? Wie gelangte der schon zuvor psychisch auffällige Täter in den legalen Besitz von Waffen? In pietätvollem Schwarz-Weiß und ruhigen, oft statischen Einstellungen zeigt Wierzchowski ihren verzweifelten Kampf gegen das Vergessen. Reale Bilder des Täters und seines Verbrechens sind hingegen nicht zu sehen.

„Was haben wir euch getan? Warum hasst ihr uns?“ Diese Worte einer Mutter richtet auch der Film an die ganze Gesellschaft. Für die Angehörigen steht fest: Aus den Anschlägen von Mölln, der Mordserie des NSU oder auch dem Mord am CDU-Politiker Walter Lübcke durch einen Neonazi wurde nichts gelernt. Die Ursachen rassistischer Gewalt liegen tiefer, als es zerknirschte Politikerworte wahrhaben wollen. Und so mischt sich in die Trauer auch große Wut. An der stilistischen Oberfläche kühl und distanziert, tatsächlich aber voller Empathie und radikal subjektiv gibt Wierzchowskis Film diesem Schmerz der Betroffenen Raum und stellt ihre Fragen zur Diskussion. In seiner getragenen Wucht wirkt er fast wie ein Ersatz für das Mahnmal, das ihnen die Stadt Hanau nicht zugestehen will – zumindest nicht auf dem Marktplatz. Das betroffene Schweigen der Mehrheitsgesellschaft verstärkt nur ihre Trauer.

Fragen für ein Filmgespräch

  • Was ist für euch das Thema des Films? Wie interpretiert ihr in diesem Zusammenhang den Titel?

  • Warum fühlen sich die Angehörigen als „Bürger zweiter Klasse“ behandelt? Inwiefern hat der Film eure Sichtweisen auf den Umgang mit rassistischer Gewalt verändert?

  • Welchen Eindruck vermittelt die ästhetische Gestaltung des Films? Empfindet ihr sie als angemessen?

Der Text zu „Das deutsche Volk“ wurde von Philipp Bühler verfasst und zuerst auf Externer Link: kinofenster.de veröffentlicht, dem Filmbildungsportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Für den Beitrag in dieser Liste wurde der Text redaktionell bearbeitet.

Die Möllner Briefe

  • Dokumentarfilm von Martina Priessner, Deutschland 2025, 96 min

  • Freigegeben ab 12 Jahren, Pädagogische Empfehlung ab 14 Jahren

  • Zielgruppen und Bildungsbereiche: Schulunterricht, Offene Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Multiplikator:innen der politischen Bildung

  • Noch nicht in den Mediatheken oder auf DVD verfügbar

Am 23. November 1992 verübten Jugendliche in Mölln zwei rassistisch motivierte Brandanschläge auf Wohnhäuser türkeistämmiger Familien. Drei Menschen kamen dabei ums Leben, zahlreiche wurden verletzt. Die Regisseurin Martina Priessner greift in „Die Möllner Briefe“ die Perspektive der Betroffenen auf und erinnert an die drei Verstorbenen: Bahide Arslan (51 Jahre alt), ihre Enkelin Yeliz (10) und deren Cousine Ayşe Yilmaz (14). Ausgangspunkt ist ein bemerkenswerter Fund im Möllner Stadtarchiv: hunderte Briefe aus ganz Deutschland mit Solidaritätsbekundungen, Zeichnungen von Kindern und Beileidsschreiben an die betroffenen Familien. Doch die Briefe haben die Familien damals nicht erreicht. Von der Stadtverwaltung geöffnet und zum Teil sogar beantwortet, landeten sie im Archiv und gerieten in Vergessenheit.

Ein Protagonist des Films ist İbrahim Arslan. Er hat den Brandanschlag als kleines Kind überlebt und kämpft bis heute um eine Form des Erinnerns, die die Opfer in den Mittelpunkt stellt. Neben ihm kommen weitere Überlebende zu Wort, deren Gespräche eindringlich die schweren Traumata der Hinterbliebenen offenbaren. Die Täter spielen im Film keine Rolle. Indem sie den Überlebenden Zeit lässt, ihre eigenen Gefühle und Gedanken zu beschreiben und auf einordnende Kommentare verzichtet, versucht Martina Priessner, die individuelle Tragweite der Ereignisse zu vermitteln – und so den Weg für Solidarität und Empathie zu ebnen.

Auf die Frage, warum die Briefe die Familie nicht erreichten, gibt es im Film keine Antwort. Der ehemalige Bürgermeister von Mölln, der 1992 im Amt war, wollte sich dazu nicht äußern. Im Archiv entdeckt İbrahim Arslan zwar ein Schreiben, aus dem hervorgeht, dass es damals Versuche gab, die Familien der Opfer zu kontaktieren, um ihnen die Briefe zu übermitteln, aber anscheinend ohne Erfolg. Im Film wechseln sich längere Interviewsequenzen mit stillen Beobachtungen ab, etwa wenn im Dokumentationszentrum und Museum für die Migration in Deutschland (DOMiD) in Köln Gegenstände aus der Brandnacht sorgsam fotografiert und verzeichnet werden, darunter die Ohrringe, die Yeliz Arslan trug, als sie ums Leben kam. Als zusätzliches stilistisches Mittel zeigt der Film mehrfach Großaufnahmen der Möllner Briefe, die inzwischen digitalisiert wurden. Auch wenn die Hinterbliebenen die Briefe erst nach Jahrzehnten lesen konnten, verdeutlicht der Film, dass sie ihre Bedeutung – als Zeichen der Solidarität und der Unterstützung für die Opfer von rassistischer Gewalt – nicht verloren haben.

Fragen für ein Filmgespräch:

  • Was passierte 1992 in Mölln? Welche ähnlichen rassistisch motivierten Gewalttaten ereigneten sich in jener Zeit in Deutschland? Wie haben die Betroffenen im Film die Stimmung im Land damals erlebt?

  • Was bedeutet es, dass die Briefe die betroffenen Familien nie erreichten? Wie äußert sich in den Briefen die Anteilnahme am Leid der Hinterbliebenen? Inwiefern steht diese im Gegensatz zum bürokratischen Umgang mit den Zusendungen?

  • Der Film zeigt unterschiedliche Formen des Erinnerns: die persönlichen Erinnerungen der Betroffenen, die Solidaritätsbriefe als historische Dokumente, eine Gedenkkundgebung in Mölln sowie die Archivarbeit vom Dokumentationszentrum und Museum für die Migration in Deutschland (DOMiD). Was leisten diese verschiedenen Formen der Erinnerung – emotional, gesellschaftlich, politisch?

  • Martina Priessner verzichtet auf einordnende Kommentare und lässt den Überlebenden viel Raum. Welche Wirkung hat diese Entscheidung auf euch? Was ermöglicht diese Form des Erzählens – und was fordert sie vom Publikum?

  • Die Briefe liest İbrahim Arslan im Film erst 30 Jahre später, trotzdem haben sie auf ihn und andere Überlebende eine große Wirkung. Was nehmt ihr aus dem Film mit für die Frage, wie wir heute auf rassistische Gewalt reagieren und wie wir Solidarität zeigen sollten?

Der Text zu „Die Möllner Briefe“ wurde von Andreas Kötzing verfasst und zuerst auf Externer Link: kinofenster.de veröffentlicht, dem Filmbildungsportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Zu dem Film gibt es auf kinofenster.de auch Externer Link: Hintergründe, pädagogische Impulse und Arbeitsblätter für den Unterricht. Für den Beitrag in dieser Liste wurde der Text redaktionell bearbeitet.

Im Osten was Neues

  • Dokumentarfilm von Loraine Blumenthal, Deutschland 2025, 82 min

  • Freigegeben ab 12 Jahren, Pädagogische Empfehlung ab 12 Jahren

  • Zielgruppen und Bildungsbereiche: Schulunterricht, Offene Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung

  • Externer Link: Verfügbar in der ZDF-Mediathek

Der Dokumentarfilm von Regisseurin Loraine Blumenthal begleitet den ehemaligen Neonazi Thomas „Eichi“ Eichstätt, der in Torgelow, Mecklenburg-Vorpommern, die Fußballmannschaft FC Pio trainiert. Das Team besteht überwiegend aus jungen Geflüchteten, die auf dem Platz Gemeinschaft finden, während sie im Alltag mit Rassismus, traumatischen Fluchterfahrungen, Arbeitslosigkeit und unsicheren Aufenthaltsperspektiven kämpfen. Neben Eichi porträtiert der Film den jungen Tschetschenen Asad und den aus Sierra Leone geflüchteten Thomas Bundu. Asad sucht ohne Schulabschluss einen Ausbildungsplatz und fragt sich, wo er künftig leben möchte. Thomas Bundu ist mit Frau und Kindern nach Torgelow gekommen und wünscht sich ein Bleiberecht mit Jobperspektive. Auch beim Familienvater Eichi, der ehrenamtlich als Fußballtrainer arbeitet, geht es immer wieder um die Suche nach Lohnarbeit.

„Im Osten was Neues“ porträtiert diese drei Personen, deren Wege sich beim Fußball kreuzen, im Wechsel. Eichi und seine Geschichte stehen dabei im Vordergrund. Mit seiner Vergangenheit in der rechtsextremen Szene setzt er sich offen auseinander, etwa wenn er sich vor dem versammelten Fußballteam zu seiner Neonazi-Vergangenheit bekennt. Konkrete Details über seine Taten berichtet er allerdings nicht. Seine Läuterung versucht Eichi aktiv zu gestalten, indem er Menschen einen Schutzraum bietet, die früher Ziel seines Hasses gewesen wären. Dabei verzichtet der Film aufKommentarstimme oder Interview-Szenen. Im beobachtenden Stil zeigt Blumenthal die Spannungen und Chancen von Integration im ländlichen Osten, in dem Fußball zu einem Symbol für Wandel, Verantwortung und eine Form von Zusammengehörigkeit wird.

Fragen für ein Filmgespräch

  • Die Anspielung auf den Antikriegsroman von Erich Maria Remarque („Im Westen nichts Neues“, 1928) greift der Film inhaltlich nicht auf, vielmehr bezieht er sich auf gesellschaftliche Bilder und Vorurteile über den Osten von Deutschland. Worin liegt das „Neue“, das der Filmtitel in Aussicht stellt? Was wäre im Vergleich dazu eine „alte“ Geschichte über den Osten?

  • Wie glaubwürdig ist der persönliche Wandel von Eichi – und woran sollte man ihn messen? Wie reagieren Personen aus seinem Umfeld, im Fußball und anderswo, auf seine rechtsextreme Vergangenheit? Für einen Kontext zu Eichis Radikalisierung in den 1990er Jahren kann man unter dem Stichwort „Baseballschläger-Jahre“ recherchieren.

  • Welche Parallelen zeigt der Film zwischen den drei Protagonisten im Hinblick auf (Re-)Integration und der Suche nach einem Platz in der Gesellschaft? Worin liegen die fundamentale Unterschiede in ihren Erfahrungen? Welche spezifischen Erfahrungen machen die Geflüchteten in einem ländlichen Raum wie diesem?

  • Wie kann Sport dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen? Wo liegen, am Beispiel des Films, die Grenzen des Sports in dieser Hinsicht?

Im Visier der Grauen Wölfe

Der Wolfsgruß - hier gezeigt in einer Szene des Dokumentarfilms „Im Visier der Grauen Wölfe“. (© streetsfilm)

  • Dokumentarfilm von Jan-Philipp Scholz, Yağmur Ekim Çay & Annkathrin Weis, Deutschland 2025, 44 min

  • Keine Angabe zur Altersfreigabe, Pädagogische Empfehlung ab 16 Jahren

  • Zielgruppen und Bildungsbereiche: Erwachsenenbildung, Multiplikator:innen der politischen Bildung

  • Externer Link: Verfügbar in der ARD-Mediathek (bis 06.04.2028)

Der Dokumentarfilm von Jan-Philipp Scholz, Yağmur Ekim Çay und Annkathrin Weis aus der Reihe „ARD Story“ untersucht die Interner Link: Strukturen und Aktivitäten der türkisch-ultranationalistischen Bewegung „Graue Wölfe“ in Deutschland. Die Rechtsextremisten bezeichnen sich selbst als „Ülkücü“-Anhänger (auf Deutsch etwa: „fanatischer Idealismus“). Die geschätzt mehr als 12.900 Personen mit meist türkischer Migrationsgeschichte bilden eine der größten rechtsextremen Organisationen in Deutschland (BMI 2025: S. 274). Die Recherche konzentriert sich auf deren Netzwerke und zeigt, wie eng sie mit Kultur- und Sportvereinen, Moscheen, kommerziellem Gewerbe und auch organisierter Kriminalität verbunden sind. Ausgangspunkt ist ein Vorfall bei der Fußball-Europameisterschaft der Männer 2024: Der türkische Nationalspieler Merih Demiral feierte damals ein Tor mit dem sogenannten Wolfsgruß, den auch zahlreiche Fans der türkischen Nationalmannschaft zeigten. Strafbar ist dieser Gruß in Deutschland nicht. Der Vorfall rief der Öffentlichkeit aber ins Bewusstsein, dass rechtsextreme Ideologien auch in transnationalen Bewegungen verbreitet sind und dass die „Grauen Wölfe“ in Deutschland relativ unbehelligt agieren.

Durch investigative Recherchen und teilweise verdeckte Aufnahmen gelingt es dem Filmteam, Einblicke in das Umfeld der Bewegung zu gewinnen. Die Dokumentation zeigt Veranstaltungen, Koran-Klassen und Vereinstreffen, bei denen – oftmals im vermeintlich unpolitischen Kontext – nationalistische Ideologie vermittelt wird. Zu den Kernelementen der „Ülkücü“-Ideologie gehören die rassistische Vorstellung der Überlegenheit der Turkvölker und das Ideal eines „großtürkischen“ Reichs vom Balkan bis weit in den asiatischen Kontinent. Politische Bezugspunkte in der Türkei sind die Interner Link: „Partei der Nationalistischen Bewegung“ (MHP – Milliyetçi Hareket Partisi) sowie verwandte Organisationen. Ein autoritärer Kult um den Partei-Gründer Alparslan Türkeş sowie Interner Link: Antisemitismus, Sexismus und Queer-Feindlichkeit sind weit verbreitet. Ferner wird das Gewaltpotenzial der Bewegung sichtbar. Formal nutzt der Film neben investigativen dokumentarischen Szenen eine Kommentarstimme und Interview-Sequenzen mit Expert:innen zur Einordnung. Grafische Elemente und ein düsterer Soundtrack bedienen sich etwas aufdringlich bei der Ästhetik von Kino-Thrillern, um Spannung zu evozieren. Mit Ünal, Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen), der Wiener Grünen-Abgeordneten Berivan Aslan sowie Civan Akbulut vom Essener Integrationsrat lässt der Film zahlreiche Stimmen aus der migrantischen Community zu Wort kommen. Der Investigativfilm setzt allerdings voraus, dass ideologische Aspekte wie Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus bekannt sind und als Gefahr für die Demokratie verstanden werden. Mit diesem Gestus spricht der Film keine jugendliche Zielgruppe an, sondern eher Multiplikator:innen der politischen Bildung.

Fragen für ein Filmgespräch

  • Wie stellt der Film die Ideologie der „Ülkücü“-Bewegung dar? Was sind deren historische Wurzeln? Was verbindet sie mit anderen rechtsextremen Kräften?

  • Wie konnte die Bewegung sich in Deutschland so stark ausbreiten? Welche Rolle spielt dabei der transnationale Charakter? Seit wann werden die „Grauen Wölfe“ als rechtsextreme Struktur in Deutschland betrachtet?

  • Warum ist die Sozialisierung von Kindern im Umfeld der Bewegung so wirkmächtig und schwierig zu unterbinden? Welche Rolle spielt dabei der sogenannte vorpolitische Raum? Am Beispiel des Fußballvereins oder am Beispiel der Geschichte des Aussteigers Erol Ünal, der im Film interviewt wird, kann exemplarisch diskutiert werden.

  • Welche Strategien fehlen derzeit, um erfolgreich gegen den Einfluss der „Grauen Wölfe“ vorzugehen?

  • Wie inszeniert der Film die Bewegung? Welche Wirkung entfalten Elemente wie Musik, Schnitt und investigativ gefilmte Kamerabilder in der Rezeption?

Shut up, Bitch! Der Kampf um Männdlichkeit

  • Dokumentarfilm von Stefanie Delfs & Antonia Märzhäuser, Deutschland 2025, 45 min

  • Freigegeben ab 6 Jahren (ARD-Angabe), Pädagogische Empfehlung ab 14 Jahren

  • Zielgruppen und Bildungsbereiche: Schulunterricht, Offene Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Multiplikator:innen der politischen Bildung

  • Externer Link: Verfügbar in der ARD-Mediathek (bis 01.09.2026)

Der Dokumentarfilm von Stefanie Delfs und Antonia Märzhäuser untersucht, wie sich frauenfeindliche Ideologien und traditionelle Männlichkeitsbilder in sozialen Medien verbreiten. Die Produktion aus der Reihe „ARD Story“ blickt dabei auf digitale Netzwerke aus Influencer:innen und politischen Akteur:innen, die vor allem auf YouTube und TikTok mit ihren Botschaften Millionen junge Männer erreichen. Im Mittelpunkt stehen zwei Jugendliche, deren Lebenswege sich durch den Kontakt mit diesen Inhalten verändern: Alex begann im Alter von 16 Jahren scheinbar harmlose Fitness- oder Lifestyle-Videos zu konsumieren, doch nach nur kurzer Zeit wurden ihm zunehmend Beiträge aus der sogenannten Interner Link: „Manosphere“ vorgeschlagen. Die Videos, etwa vom Interner Link: Antifeministen Andrew Tate, veränderten sein Weltbild, wie Alex selbst berichtet. Lea beobachtete im Alter von 15 eine ähnliche Entwicklung bei ihrem damaligen ersten Freund. Nach einer Weile stellte sie ihn zur Rede und erkennt, dass er die in der „Manosphere“ propagierten Geschlechterrollen und die teils offene Frauenfeindlichkeit nicht nur als provokante Unterhaltung begreift, sondern zunehmend teilt.

Die beiden Jugendlichen, die im Film anonymisiert auftreten, stehen für den sogenannten „Gender Gap“ (Geschlechterunterschied), den immer mehr Studien und Umfragen in der Generation Z (geboren von 1997 bis 2012) feststellen. Hinweise dazu finden sich etwa im Wahlverhalten oder in einer globalen Umfrage aus dem März 2026, in der ein Drittel der männlichen Befragten angab, dass wichtige Entscheidungen in der Ehe bei Männern liegen sollten. Soziale Medien spielen für diese Entwicklung eine wesentliche Rolle. Der Dokumentarfilm beleuchtet neben den persönlichen Geschichten auch die strukturellen Bedingungen, die zur Verbreitung dieser Ideologien beitragen. Er zeigt anschaulich, wie Algorithmen soziale Medien so strukturieren, dass provokante und polarisierende Inhalte besonders sichtbar werden. Kurze Video-Ausschnitte werden in Bilder von öffentlichen Orten hineinmontiert, der „Manosphere“-Content erscheint allgegenwärtig. Eine Kommentarstimme ordnet den Kontext der Clips sachlich ein: Die Positionen in den viralen Videos reichen von Plädoyers für starke „Alpha-Männer“ über die Ablehnung von Gleichberechtigung bis zu Gewaltfantasien gegen Frauen, vor allem gegen Feministinnen. In der Relation an sich heterogener Accounts vermittelt der Film auf überzeugende Weise, dass Interner Link: Antifeminismus sich als sogenannte Brückenideologie etabliert hat. Zugleich wird deutlich, dass hinter vielen dieser Accounts sowohl ökonomische Interessen als auch politische Strategien stehen.

Fragen für ein Filmgespräch

  • Was ist unter dem Begriff „Manosphere“ zu verstehen? Wie erklärt der Film dieses Phänomen am Beispiel des Protagonisten Alex?

  • Alex bekennt sich unter anderem als Fan des AfD-Politikers Maximilian Krah. Im Film ist einer von dessen TikTok-Clips zu sehen, darin heißt es: „Echte Männer sind rechts, echte Männer sind Patrioten – dann klappt‘s auch mit der Freundin.“ Wie zeigt sich an diesem Clip die Verknüpfung von alltäglichen Themen, Männlichkeitsbildern und Politik? Kennt ihr andere Accounts, die ähnlichen Content haben?

  • Jugendliche und junge Männer fühlen sich oftmals vernachlässigt oder verunsichert. Im Vergleich zu gleichaltrigen Mädchen oder jungen Frauen haben sie zum Beispiel im Durchschnitt öfter Interner Link: Probleme in der Schule. Welche Angebote bietet die „Manosphere“ jungen Männern in Bezug auf diese Gefühle?

  • Warum beeinflussen soziale Medien in so kurzer Zeit die politischen Einstellungen und sozialen Werte von Alex? Wie beschreibt er sein Konsumverhalten? Was haben das Design und die Algorithmen von TikTok, YouTube oder Instagram damit zu tun?

  • Im Film sind sehr unterschiedliche Accounts aus den sozialen Medien zu sehen. Ihr verbindendes politische Element ist Interner Link: Antifeminismus. Was bedeutet Feminismus per Definition? Wie beziehen sich die Influencer im Film darauf? Welche Argumente nennen sie dafür, Frauen gleiche Rechte verweigern oder sogar erlangte Rechte wieder nehmen zu dürfen?

  • Wie werden Männer in den Videos der „Manosphere“ inszeniert? Was denkt ihr über die Vorstellung, dass sich ein Mann durch Härte auszeichnen sollte? Welche Eigenschaften schätzt ihr an Jungen in eurem Umfeld oder an euch selbst?

Jamel – Lauter Widerstand

Eine Gesprächsszene aus dem Film „Jamel – Lauter Widerstand“. (© ARD/Kultur_Labo/Smudo)

  • Dokumentarfilm von Martin Groß, Deutschland 2024, 68 min

  • FSK: Keine Angabe, Pädagogische Empfehlung ab 12 Jahren

  • Zielgruppen und Bildungsbereiche: Schulunterricht, Offene Kinder- und Jugendarbeit

  • Externer Link: Verfügbar in der ARD-Mediathek (bis 20.11.2031)

Der Dokumentarfilm von Martin Groß führt in das kleine Dorf Jamel in Mecklenburg-Vorpommern, das bundesweit als Symbol für eine starke rechtsextreme Präsenz bekannt geworden ist. Im Mittelpunkt steht das Ehepaar Birgit und Horst Lohmeyer. Die beiden sind vor über 20 Jahren aus Hamburg nach Jamel gezogen und engagieren sich vor Ort öffentlich gegen Rechtsextremismus. Während zahlreiche Häuser im Dorf von Neonazis bewohnt werden, haben die Lohmeyers ihr Grundstück zu einem Ort des kulturellen Widerstands gemacht. Der Film begleitet sie im Alltag zwischen Nachbarschaftskonflikten, politischem Engagement und der Organisation des von ihnen initiierten Musikfestivals „Jamel rockt den Förster“. Zahlreiche Größen der deutschen Popwelt wie Die Toten Hosen, Die Ärzte, Fettes Brot oder Ebow haben in Jamel bereits gespielt. Das Festival zieht jedes Jahr Bands und Publikum aus ganz Deutschland an, um ein Zeichen gegen Hass und Menschenfeindlichkeit zu setzen.

Der Film begleitet die Lohmeyers über einen längeren Zeitraum und belegt, dass ihr Engagement sowohl Mut als auch Belastung bedeutet. Immer wieder zeigt sich, dass der Widerstand im Dorfnicht nur symbolisch ist, sondern konkrete Risiken birgt. In Gesprächen mit Freund:innen, Unterstützer:innen und Festivalgästen wird sichtbar, wie sehr das Projekt auf Solidarität von außen angewiesen ist. Zugleich schildert das Paar, wie es sich anfühlt, im eigenen Wohnort zur politischen Minderheit zu gehören. Trotz Anfeindungen, Drohungen und sogar Brandanschlägen wollen sie in Jamel bleiben und Haltung zeigen. Ruhige Alltagsszenen, Eindrücke der Festivalvorbereitungen, Interviews und Konzertszenen wechseln sich im Film ab. So zeichnet Martin Groß ein Bild, wie Widerstand im Kleinen aussieht. Zwar ist das Festival vor allem ein Symbol. Allerdings eines, das aus dem kleinen Ort Jamel eine bundesweit wahrgenommene Bühne für die offene Gesellschaft macht – und so verhindert, dass der Ort gänzlich von Rechtsextremen vereinnahmt wird.

Fragen für ein Filmgespräch

  • Was könnt ihr über Jamel herausfinden (zum Beispiel Lage, Größe, Wahlergebnisse)? Warum sind die Lohmeyers dorthin gezogen? Wie begründen sie die Idee für das Festival in einem so kleinen Ort?

  • Am Beispiel der Gegend von Jamel werden Interner Link: rechtsextreme Siedlungsprojekte im Film erklärt. Was ist die Strategie dahinter? Wie relevant ist dieses Phänomen in Deutschland?

  • Im Film fallen regelmäßig Variationen des Begriffs Widerstand. Was bedeutet Widerstand und warum verbinden die Festivalgäste die Lohmeyers damit?

  • Welche Wirkung kann ein kulturelles Event wie ein Musikfestival gegen Rechtsextremismus entfalten? Wo liegen seine Grenzen? In diesem Zusammenhang könnte man sich in einer Diskussion positiv oder kritisch auf Begriffe wie Symbol oder Symbolpolitik beziehen.

  • Von den Konzertausschnitten im Film sticht der Song „Schrei nach Liebe“ der Band Die Ärzte hervor, der gleich zweimal performt wird. Wie wirkt der Protestsong von 1993 heute – und an diesem Ort? Welche andere Performance hat euch als politisches Statement gefallen?

Einzeltäter

Als Julian Vogel die Recherche über den rassistischen Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) in München begann, bei dem ein Jugendlicher 2016 neun Menschen ermordete, hatte der Regisseur nur einen Film geplant – keine Trilogie. Doch wenig später ereigneten sich weitere Anschläge mit ähnlichen Motiven: In Halle griff ein Rechtsextremist 2019 eine jüdische Synagoge an und erschoss anschließend zwei Menschen in der Umgebung; in Hanau tötete ein Mann 2020 aus rassistischen Motiven neun Menschen – ein zehnter erlag 2026 den Spätfolgen. Die Anschläge führten zu einer Debatte über die Einstufung als Rechtsterrorismus, weil die Täter – anders als etwa der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) – nicht im rechtsextremen Milieu sozialisiert waren. Angehörige kämpfen seitdem nicht nur um das Gedenken an die Opfer, sondern auch um die Anerkennung der Tatmotive, die Aufklärung behördlicher Fehler und den Schutz vor weiterer rechtsextremer Gewalt.

Die Dokumentarfilm-Trilogie „Einzeltäter“ ist weitgehend im Reportage-Stil inszeniert, jeder Teil widmet sich vor Ort einem der Anschläge. Zu sehen sind vor allem Angehörige der Opfer und Überlebende in ihrer persönlichen Umgebung, an Tatorten und auf Gedenkveranstaltungen; zu hören ist gelegentlich auch die Stimme des Regisseurs aus dem Off. Texteinblendungen und ein punktuell eingesetzter Voice-Over mit Gerichtsaussagen oder behördlichen Gutachten rahmen die Szenen mit einem sachlichen Kontext zu den jeweiligen Ereignissen. Entgegen der durch den Titel gesetzten Erwartung werden die Attentäter weder durch Bild- noch durch Textdokumente repräsentiert. Geht es in den Filmen über München und Hanau viel um die Gemeinschaft der Angehörigen und antirassistischen Aktivismus, fällt der Film über Halle etwas aus der Reihe: Weil Überlebende des Anschlags auf die Synagoge nicht Teil des Films sind, rückt das antisemitische Tatmotiv etwas in den Hintergrund. Das Gedenken von Karsten Lissau, dessen Sohn Kevin bei dem Anschlag getötet wurde, findet unter anderem in der Fankurve des Halleschen Fußballclubs statt.

Fragen für ein Filmgespräch

  • Was bedeutet der Begriff „Einzeltäter“ aus Sicht der Sicherheitsbehörden und warum wird und wurde er im Kontext der Anschläge kritisch diskutiert? Welche Assoziation weckt der Titel vor der Sichtung des Films?

  • Warum werden die Täter im Film jeweils als Rechtsextremisten verstanden? Inwiefern agierten sie, auch ohne unmittelbare Mithelfer:innen, im Kontext eines radikalen Netzwerks?

  • Wie wirken sich Anschläge wie diese auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus – und woran zeigt sich das auch in der Erfahrung der Angehörigen mit staatlichen Strukturen?

  • Die Filme zu München und Hanau können miteinander verglichen werden. Was hat sich in der Zeit zwischen diesen beiden Anschlägen verändert, zum Beispiel in der Form des Gedenkens an Opfer rassistischer Gewaltverbrechen?

  • Wie zeigt sich Regisseur Julian Vogel durch die Wahl der Mitwirkenden (wer spricht – wer nicht?), die Bildgestaltung und den Off-Kommentar solidarisch mit den Betroffenen?

Der Text zu „Einzeltäter“ wurde von Jan-Philipp Kohlmann verfasst und zuerst auf Externer Link: kinofenster.de veröffentlicht, dem Filmbildungsportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Für den Beitrag in dieser Liste wurde der Text redaktionell bearbeitet.

Spuren – Die Opfer des NSU

  • Dokumentarfilm von Aysun Bademsoy, Deutschland 2019, 51 min

  • Freigegeben ab 12 Jahren, Pädagogische Empfehlung ab 14 Jahren

  • Zielgruppen und Bildungsbereiche: Schulunterricht, Erwachsenenbildung, Multiplikator:innen der politischen Bildung

  • Interner Link: Verfügbar in der bpb-Mediathek

Schon in den Jahren vor dem Urteil gegen Beate Zschäpe und vier weitere Mittäter im Juli 2018 sind mehrere Filme über den NSU-Komplex erschienen. Der Dokumentarfilm von Regisseurin Aysun Bademsoy setzt hingegen erst an jenem Tag an, der für viele der Betroffenen eine Enttäuschung darstellt. So beruft sich Ismail Yozgat, der Vater des in Kassel ermordeten Halit Yozgat, auf ein Versprechen Angela Merkels. Auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer des NSU hatte die Bundeskanzlerin 2012 angekündigt: „Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen.“ Für die Angehörigen aber ist die Aufklärung der Mordserie nach fünf Jahren Prozess unzureichend; das Strafmaß für die Mithelfer zu gering. In „Spuren – Die Opfer der NSU“ geht es ganz um die Perspektiven dieser Familien. Drei von ihnen berichten ausführlich von ihrem Verlust, den Verdächtigungen durch Medien und Ermittlungsbehörden und dem Leben danach: die Angehörigen von Enver Şimşek, Süleyman Taşköprü und Mehmet Kubaşik.

Zu Beginn setzt der Dokumentarfilm einen einordnenden und persönlichen Voiceover-Kommentar der Regisseurin. „Es hätte auch meine Familie treffen können“, sagt Aysun Bademsoy, die in der Türkei geboren wurde und als Kind nach Deutschland kam. Sie erinnert an den rassistischen Begriff „Döner-Morde“, der während der Mordserie an neun Männern mit Migrationshintergrund und einer Polizistin in den Medien kursierte. Zudem stellt sie fest, dass die Opfer fast alle selbstständige Ladenbesitzer waren: „Sie hatten sich ein Leben aufgebaut in diesem Land.“ Die Interviews mit den betroffenen Familien, die fortan im Zentrum stehen, zeugen vom Schmerz, in der neuen Heimat nie vollständig akzeptiert worden zu sein. Gefilmt wird in den Wohnungen der Angehörigen und an Arbeitsplätzen der Opfer oder an Erinnerungsorten wie Grabsteinen oder Denkmälern für die Verstorbenen. Adile Şimşek beschreibt die Ermittlungen nach dem Mord an ihrem Ehemann als Retraumatisierung – ähnlich wie schon die Zeitzeug:innen in den thematisch verwandten Dokumentarfilmen „Der zweite Anschlag“ (Mala Reinhardt, D 2018) und „Der Kuaför aus der Keupstraße“ (Andreas Maus, D 2015).

„Spuren – Die Opfer des NSU“ bietet die Möglichkeit, den NSU-Komplex im Bildungskontext aus der Sicht der Betroffenen zu vermitteln. Da der Film sich darauf konzentriert, sollten vorab die Geschichte des Falls und der Prozessverlauf bekannt sein. Die hier gewählte Perspektive ist bedeutend, weil die migrantische Community sich schon während der Mordserie als Ziel begriffen hatte und öffentlich demonstrierte, etwa 2006 in Kassel und Dortmund unter dem Motto „Kein 10. Opfer!“. Die berührenden Aussagen der Angehörigen regen eine kritische Reflexion darüber an, wie wenig ihre Stimmen von staatlichen Behörden und in den medialen Debatten dieser Zeit gehört wurden. Der Film stellt darüber hinaus auch den Diskurs über Terroranschläge in Frage. Oft erreichen die Täter Prominenz, während die Namen der Opfer kaum bekannt werden. Es sind jedoch gerade die Momente des öffentlichen Gedenkens – etwa, wenn BVB-Fans mit einem Banner an Mehmet Kubaşik erinnern –, die den Familien Trost und ein Gefühl der Zugehörigkeit geben. Regisseurin Aysun Bademsoy liest die Namen aller Getöteten im Film vor. Ihre dezidiertanteilnehmende Position als Dokumentarfilmerin zeigt sich in weiteren formalen Aspekten wie der Kameraarbeit und Montage.

Fragen für ein Filmgespräch

  • Was erzählt der Film über die Opfer des NSU und ihre Angehörigen? Was verbindet die Familien in der Erzählung des Films miteinander? Recherchiert eine Chronologie der Ereignisse.

  • Mit welchem Bild beginnt der Film? Was ist auf der Tonspur zu hören? Welchen Schwerpunkt und welche Haltung setzt Regisseurin Aysun Bademsoy auf diese Weise?

  • 2006 demonstrierten Angehörige der Mordopfer in Kassel. Wie wirkt die Szene im Film auf euch? Wovor warnen die Redner:innen auf der Demo? Wie unterscheidet sich deren Sicht auf die Ereignisse von der Perspektive der Behörden und der Medien zur gleichen Zeit?

  • Fast alle Familien der Ermordeten standen zunächst selbst im Fokus der Ermittlungen. Inwiefern kann man hier von strukturellem Rassismus sprechen? Recherchiert den Begriff und sucht im Film nach Beispielen.

  • Welche Formen von Gedenken an die Opfer zeigt der Film? Welche Gesten des Gedenkens werden von den Hinterbliebenen besonders geschätzt? Was hat sich seitdem im Gedenken an Opfer rassistischer Gewalt verändert?

Der Text zu „Spuren – Die Opfer des NSU“ wurde von Jan-Philipp Kohlmann verfasst und zuerst auf Externer Link: kinofenster.de veröffentlicht, dem Filmbildungsportal der Bundeszentrale für politische Bildung. Für den Beitrag in dieser Liste wurde der Text redaktionell bearbeitet.

Weitere Inhalte

Jan-Philipp Kohlmann leitete von 2017 bis 2019 die Redaktion der filmpädagogischen Webseite kinofenster.de. Seit 2020 ist er als freier Autor und Redakteur tätig.