In Ostdeutschland wird gewählt, in zwei Wochen ist Tag der deutschen Einheit. Darum heute frisch in eurem Lieblings-Newsletter: Wie steht's denn wirtschaftlich um die deutsche Einheit? Wir schauen uns an, welche Folgen Wende und Währungsunion für die Wirtschaft der Ex-DDR hatten, aber auch, wie der Osten in den vergangenen Jahren wirtschaftlich aufgeholt hat. Und ein bisschen schauen wir auch in die Zukunft: denn der demografische Wandel wird sowohl Ost als auch West, wird sowohl Stadt als auch Land treffen – nur eben ganz anders.
Die vergangene Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (6. September) sowie die anstehenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin (20. September) gelten als Testfall für die Demokratie in Deutschland. In Sachen-Anhalt, wo die „Alternative für Deutschland“ (AfD) vom Landesamt für Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ eingestuft wird, gewann sie fast 44 Prozent der abgegebenen Stimmen, und Umfragen sagen voraus, dass die AfD auch in Mecklenburg-Vorpommern stärkste Kraft werden und in Berlin auf Platz zwei oder drei landen könnte. Auch in Westdeutschland erzielte die Partei, seit 2021 vom Bundesamt für Verfassungsschutz als Interner Link: rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wird, deutliche Stimmenzuwächse. Von Regierungsmehrheiten ist sie dort allerdings ein deutliches Stück entfernt.
Die Aussicht auf Wahlerfolge der AfD im Osten hat zuletzt eine heftige politische und mediale Debatte ausgelöst, die Zeichen einer Entfremdung trägt: Während einige Kommentatoren den „zahlenden Westen“ ins Feld führten, der dagegenhalten müsse, wenn als extremistisch eingestufte Landesparteien in die Regierung gewählt werden, verbaten sich Stimmen aus Ostdeutschland gleichzeitig Belehrungen aus dem Westen.
Fast 36 Jahre nach dem Ende der DDR wird damit öffentlich die Frage gestellt, ob die Wiedervereinigung gescheitert sei: In dieser Folge von „Interner Link: Zahlen, bitte!“ soll es um die messbare wirtschaftliche Entwicklung gehen. Denn abseits historischer, kultureller oder sozialpsychologischer Argumente spielen ökonomische Faktoren immer wieder eine zentrale Rolle in der Debatte.
⚠️ Wo ist das Problem?
Auch dreieinhalb Jahrzehnte nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten zeichnet sich die ehemalige Grenze immer noch eindeutig in den Statistiken ab: Nach wie vor ist der Osten im Schnitt weniger wohlhabend als der Westen. Vier der ostdeutschen Bundesländer zählen zu den wirtschaftsschwächsten, darunter auch die beiden Wahlschauplätze Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.
Die privaten Vermögen im Osten sind niedriger, ebenso die Erbschaften. Nach Externer Link: Berechnungen des Ifo-Instituts verfügten ostdeutsche Haushalte 2023 im Mittel über ein Vermögen von 36.000 Euro, Westhaushalte über 143.000 Euro. Interner Link: Privateigentum war in der DDR nur in geringem Ausmaß erlaubt, deshalb starteten die Deutschen-Ost 1990 von einer niedrigeren Basis aus in die Marktwirtschaft. Weniger Leute besaßen Immobilien, und die Häuserpreise sind in den vergangenen Jahrzehnten besonders stark in den – zumeist westdeutschen – Ballungsräumen gestiegen. Die Privatisierung des einst „volkseigenen“ Vermögens durch die Treuhand-Anstalt öffnete westlichen Investoren die Tür, hielt die heimische Bevölkerung aber davon fern, Mitbesitzer von Betriebsvermögen zu werden.
Dass die daraus folgenden Unterschiede auch eine Generation später fortbestehen, ist einerseits nicht überraschend. Andererseits beeinflusst die Vermögenslücke auch ganz aktuell die Politik: Das Aufbegehren der Ost-Ministerpräsidenten gegen die geplante Abschaffung der Rente nach 45 Beitragsjahren (früher: „Rente mit 63“) gründet maßgeblich auf dem Befund der schwächeren Vermögensausstattung.
Auch die Schaltstellen wirtschaftlicher Macht liegen bis heute überwiegend im Westen. Kein einziger Konzern, der im Aktienindex Dax gelistet ist, hat seine Zentrale in einem Ost-Land. Große mittelständische Unternehmen residieren ganz überwiegend im Westen. Die Hotspots der Finanzbranche finden sich nach wie vor in Frankfurt am Main (Banken, Börse) und München (Versicherungen, Private Equity), nicht in Leipzig oder Cottbus. Personen mit Ostbiografie sind in Vorständen und Aufsichtsräten großer Unternehmen schwach vertreten. Selbst nach der langen Kanzlerinnenschaft Angela Merkels (aufgewachsen und sozialisiert in der DDR), die zeitweise von Joachim Gauck (einst Pastor in Rostock) als Bundespräsident ergänzt wurde, ist es mit der ökonomischen Emanzipation offenkundig noch nicht so weit her.
Aus westdeutscher Sicht wurde lange Zeit auf die immensen Kosten der deutschen Einheit verwiesen. In den 1990er und 2000er Jahren waren West-Ost-Transfers immer wieder Diskussionsthema. Inzwischen erlebt das Argument in der aufgeheizten Debatte eine Renaissance.
Schätzungen zufolge hat die alte Bundesrepublik die neuen Länder über die Jahre mit Nettozahlungen (abzüglich im Osten erhobener Steuern und Abgaben) von mehr als 1,5 Billionen Euro unterstützt. Entsprechende Zahlen werden nicht systematisch veröffentlicht. Ihre genaue Ermittlung ist komplex, da verschiedene bundesstaatliche Töpfe beteiligt sind. Ein Großteil der Transfers lief und läuft unsichtbar über die Sozialversicherungen: Renten- und Arbeitslosengeldzahlungen machten in den ersten beiden Jahrzehnten nach 1990 den überwiegenden Teil der Transfers aus, wie die Wirtschaftsforscher Robert Lehmann und Joachim Ragnitz Externer Link: ermittelt haben. Entsprechend stiegen infolge der Einheit Sozialversicherungsbeiträge, Steuern und Staatsschulden in Gesamtdeutschland.
Das lag nicht zuletzt auch daran, dass die Interner Link: Währungs- und Sozialunion im Sommer 1990 der DDR-Wirtschaft den Rest gab. Mit diesem Schritt führte die DDR auf einen Schlag die D-Mark sowie den westdeutschen Sozialstaat ein. Die Regierung in Ostberlin verpflichtete sich, „die gesetzlichen Bestimmungen der marktwirtschaftlichen Ordnung der Bundesrepublik unverzüglich einzuführen“. Das Problem: Die schwache Wirtschaft der späten DDR musste von heute auf morgen mit westdeutschen Sozialabgaben und Steuern auf dem Weltmarkt klarkommen, ohne dass der Wechselkurs als Airbag bereitgestanden hätte. Mit eigener Währung hätte die DDR abwerten und ihre Produkte günstiger machen können. Dazu kamen die raschen Lohnsteigerungen, die die Westgewerkschaften durchsetzten, wohl auch um einen Lohnwettbewerb mit dem Osten zu verhindern, so ein verbreiteter Vorwurf.
Insgesamt war das Resultat ein rapider Zusammenbruch weiter Teile der Ex-DDR-Wirtschaft. Die Folgen versuchte man durch Sozialleistungen und Subventionen abzupuffern.
Dennoch bestehen bis heute deutliche wirtschaftliche Ost-West-Unterschiede, die sich kaum wegdiskutieren lassen, genauso wie die Kosten der Einheit in beide Richtungen. Denn für viele steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt, inwiefern westdeutsche Unternehmen und private Investoren durch die Wiedervereinigung wirtschaftlich profitiert haben, so etwa der Soziologe Steffen Mau Interner Link: in diesem Beitrag. Allerdings muss man auch sagen: Wer nur auf die fortbestehenden Ost-West-Lücken starrt, übersieht die Dynamik der Annäherung zwischen beiden Landesteilen.
📰 Ist das neu?
1991 betrug das Ost-BIP pro Einwohner mit 44 Prozent nicht einmal die Hälfte des gesamtdeutschen Durchschnitts. Es folgte eine Phase des Aufholens, die etwa bis Mitte der 2000er Jahre andauerte. Dann entwickelte sich der Westen, getrieben vor allem von der Globalisierung der Industrie, eine Zeitlang deutlich besser. Zuletzt hat sich die Schere wieder weiter geschlossen, unter anderem, weil der Westen in einer tiefgreifenden Strukturkrise steckt.
Ostdeutsche Haushalte verfügten 1991 über Einkommen in Höhe von 57 Prozent des gesamtdeutschen Niveaus.
Ein Jahrzehnt nach der staatlichen Vereinigung hatte sich der Abstand bereits auf 20 Prozent verringert. Aktuell beträgt die Differenz weniger als 10 Prozent, vergleichbar mit einer wirtschaftsschwachen Westregion wie dem Saarland.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) verweist denn auch in einer Studie darauf, dass die Unterschiede zwischen Ballungsräumen einerseits und ländlichen Gebieten andererseits heute viel bedeutsamer seien als die Ost-West-Perspektive. Dieser Befund trifft auf die Einkommenssituation genauso zu wie auf die wirtschaftliche Entwicklung. Gegenden in Westdeutschland, die einst von Kohle, Stahl, Textil, Bekleidung oder großen Militärstandorten lebten, haben relativ zur gesamtstaatlichen Entwicklung verloren. So erwirtschaftete das Saarland zum Zeitpunkt der Einheit ein BIP pro Einwohner knapp unter deutschem Durchschnittsniveau. Heute liegt es 20 Prozent darunter. Ähnlich erging es der Westpfalz oder Teilen des Ruhrgebiets. Wirtschaftsstarke Regionen wie Bayern hingegen konnten ihren Vorsprung halten.
Ostdeutschland erwirtschaftet pro Einwohner 25 Prozent weniger als der deutsche Durchschnitt. Die durchschnittlich verfügbaren Einkommen sind allerdings nur um 10 Prozent niedriger – was die nivellierende Wirkung des bundesstaatlichen Steuer- und Sozialsystems unterstreicht.
Soziale Indikatoren bestätigen das Bild eines soliden Aufholprozesses. So sind die Geburtenziffern (die im Zeitraum direkt nach der Einheit rapide gesunken waren) und auch die Lebenserwartung deutlich gestiegen – beides Hinweise auf ein gestiegenes gesellschaftliches Wohlbefinden.
Die Geschichte der Einheit lässt sich mithin als Erfolgsstory erzählen – oder auch als Experiment mit ungewissem Ausgang. Wie immer, ist die Wirklichkeit vielschichtiger und uneindeutiger. Außerdem geht die Geschichte natürlich weiter. Die Frage ist nur, in welche Richtung.
⏩ Was passiert als nächstes?
Um die ostdeutsche Entwicklung zu verstehen, bedarf es eines Blicks auf einen Faktor, der in diesem Text bis hierher keine Rolle gespielt hat: Demografie. Im Osten (ohne Berlin) ist die Bevölkerung seit der Einheit um Externer Link: zweieinhalb Millionen Menschen zurückgegangen. Das ist ein Verlust von 16 Prozent. Übrigens hat in diesem Zeitraum kein Bundesland so viele Einwohner eingebüßt wie Sachsen-Anhalt – ein Viertel. Im Westen hingegen wuchs im gleichen Zeitraum die Bevölkerung um zehn Prozent.
Die Ursache liegt vor allem in Wanderungsbewegungen. Zum einen zogen in den 1990er und 2000ern Jahr für Jahr Externer Link: deutlich mehr Ostdeutsche in die Westländer als umgekehrt. Zum anderen ließen sich im Osten weniger Zuwanderer aus dem Ausland nieder. Während in Westdeutschland in den 2010er Jahren insbesondere die Migration aus dem übrigen Europa die Dynamik anfeuerte, blieb dieser Effekt in den östlichen Ländern aus. Berlin ist in dieser Beziehung stets die große Ausnahme.
Für die wirtschaftliche Entwicklung spielt die Bevölkerungsdichte eine entscheidende Rolle. Außerhalb von Ballungsräumen lassen sich hochproduktive Wirtschaftsstrukturen kaum aufbauen. Größe entfaltet Gravitationskräfte: Wo viele gut ausgebildete Menschen sind, ziehen Unternehmen hin, die dann weitere mobile Menschen anlocken, was wiederum zusätzliche Investitionen auslöst…
Bevölkerungsarmut ist denn auch ein Grundproblem der Ökonomie Ost. In locker besiedelten ländlichen Gebieten lässt sich auch mit hohen Subventionen und Steuererleichterungen kaum ein dynamischer Entwicklungsprozess anschieben. Neben der Metropole Berlin samt ihrem Umland können noch Leipzig sowie mit Abstrichen Dresden mit einer weiterhin wachsenden Bevölkerung rechnen. Der Rest Ostdeutschlands wird nach einer Langfristprognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) massiv an Bevölkerung verlieren. Währenddessen können große Teile Westdeutschlands den Berechnungen zufolge auch in den kommenden zwei Jahrzehnten mit stabiler oder wachsender Bevölkerung rechnen, insbesondere der dichtbesiedelte Süden (Oberbayern).
Die regionalökonomische Dynamik läuft auch in die Gegenrichtung: Wo weniger Leute leben, investieren auch Firmen kaum, sodass gute Jobs rar sind, was wiederum mobile jüngere Leute zur Abwanderung treibt, wodurch die wirtschaftlichen Perspektiven noch trüber werden…
Das Ifo-Institut warnte bereits: „Der Aufholprozess ist in Gefahr“. Denn: Im Osten gibt es nicht nur weniger Sachkapital, auch „Humankapital“, zumal Beschäftigte mit akademischer Qualifikation, ist knapp. Die Zahl der Erwerbstätigen schrumpft – am stärksten in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Studierendendichte ist niedrig. Für Forschung und Entwicklung wird wenig ausgegeben. Start-up-Gründungen gibt es noch weniger als im Westen.
Dass 2025 erstmals seit Jahren wieder mehr Ostdeutsche gen Westen zogen als umgekehrt, könnte eine Trendwende markieren. Die ökonomische Schere zwischen West und Ost würde sich künftig wieder öffnen.
Für die politische Kultur verheißt eine solche wirtschaftliche und demografische Polarisierung nichts Gutes. Extremistische Politik ist nicht dazu angetan, Probleme zu lösen. Wenn künftige Landesregierungen die Zuwanderung bewusst behindern und Ansässige mit Migrationshintergrund vergraulen – oder gar ausweisen wollen (unter dem Kampfbegriff „Remigration“) – sollten, wenn sie das Bildungssystem beschädigen und die Kulturszene einebnen, dann wird die wirtschaftliche Entwicklung zusätzlich in Mitleidenschaft gezogen.
Eine fortschreitende ostwestliche Entfremdung ist weder zwangsläufig noch unumkehrbar. Für den Moment jedoch sieht es so aus, als würden mehrere Signale gleichzeitig in die falsche Richtung zeigen.
❓ Noch Fragen?
Zu den letzten Ausgaben haben uns einige Leserfragen erreicht. Die Anworten darauf bekommt ihr nächste Woche in einem ZB-Spezial.