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Auf der Mauer am Brandenburger Tor

5.3.2021 | Von:
Duc Ngo Ngoc

"Wir würden gerne mitfeiern, aber wurden aufgefordert zu gehen"

Eine Filmbesprechung zu "Bruderland ist abgebrannt" und "Wir bleiben hier"

Die Dokumentarfilme "Wir bleiben hier" und "Bruderland ist abgebrannt" bilden vietnamesische Perspektiven auf die deutsche Wiedervereinigung Anfang der 1990er Jahre ab. Der Regisseur Duc Ngo Ngoc nähert sich beiden Filmen auf Grundlage seiner persönlichen Geschichte.

Filmstill aus dem Dokumentarfilm "Wir bleiben hier"Nach dem Mauerfall besuchen die ehemaligen DDR-Vertragsarbeiter Ha und Son gemeinsam mit ihrer Tochter Hamburg. (Filmstill aus dem Dokumentarfilm "Wir bleiben hier") (© DEFA, ICESTORM Entertainment GmbH)

Wenn ich an den Mauerfall denke, habe ich direkt Bilder von friedvoll feiernden Menschen im Kopf. Aber es waren vor allem die weißen, deutschen Bürger*innen, die sich feierlich in den Armen lagen. Wie erging es eigentlich den insgesamt 60.000 ehemaligen vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen, die in die DDR gekommen waren um den Arbeitskräftemangel zu kompensieren? Wie haben sie die Wiedervereinigung und die darauffolgenden Jahre erlebt?

Das vietnamesische Paar Ha und Son hat die Wiedervereinigung zu Hause vor dem Fernseher verbracht. Gerne hätten sie mit ihren Arbeitskolleg*innen gefeiert, doch aus Angst vor rassistischen Überfällen sind sie lieber in den eigenen vier Wänden geblieben. Das erzählen sie im Dokumentarfilm "Wir bleiben hier" von Dirk Otto aus dem Jahr 1990. Diese unsichere Situation von Vietnames*innen in der Zeit nach dem Mauerfall wird auch im Dokumentarfilm "Bruderland ist abgebrannt" der Regisseurin Angelika Nguyen aus dem Jahr 1992 deutlich. Ein Vietnamese berichtet darin vom einem rassistischen Angriff, bei dem die Täter in den vermeintlich sicheren Ort der eigenen Wohnung eindrangen und seinen Bruder und ihn brutal zusammenschlugen.

Mein Vater gehört zu den wenigen vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen, die nach der Wende in Deutschland geblieben sind. Die Mehrzahl seiner Kolleg*innen war aufgrund des Rückführungsabkommens der Bundesregierung nach Vietnam zurückgekehrt. In dieser Zeit bin ich als fünfjähriger Junge in das nur drei Jahre zuvor wiedervereinte Deutschland gekommen und musste mich neu sozialisieren. Für mich war es ein aufregender Lebensabschnitt, geprägt von Heimweh und Neugier zugleich – vordergründig eine heile Welt. Für meine Eltern war es ein belastender Schwebezustand mit vielen Sorgen und großen Ängsten, die sie mir vorenthalten haben, um mich zu beschützen.

Die beiden Dokumentarfilme "Wir bleiben hier" und "Bruderland ist abgebrannt" begleiten das vietnamesische Leben in Ostberlin während und kurz nach der Wiedervereinigung. Sie werfen also auch einen Blick auf meine Kindheitserfahrungen und spiegeln diese Zeit sehr eindringlich wider. Ich möchte diese Filme, die mich nicht nur als Regisseur, sondern auch als Deutsch-Vietnamese zweiter Generation beschäftigen, einander gegenüberstellen und analysieren. Hierbei arbeite ich zunächst heraus, wie der Einsatz von Voice-over und Musik die unterschiedliche Haltung der Filmemacher*innen gegenüber der vietnamesischen Community unterstreicht. Im zweiten Teil des Textes beleuchte ich dann, auf welche Weise Interviews als dokumentarisches Mittel die Erfahrungen der Protagonist*innen spürbar machen.

Eine zeitgenössische Momentaufnahme der Lage ehemaliger Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter aus Vietnam kurz nach der Wiedervereinigung. Ein Film über rechtliche und soziale Unsicherheit, über das Ankommen und den Abschied auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. (© 1991 Angelika Nguyen)

"Bruderland ist abgebrannt"

Der Film "Bruderland ist abgebrannt" von Angelika Nguyen ist in sechs Episoden aufgeteilt und zeigt pro Episode unterschiedliche Perspektiven von Vietnames*innen und deutschen Zeitzeug*innen, die mit der vietnamesischen Diaspora in Ostberlin in Berührung standen. Der Film beginnt mit Eindrücken vom Flughafen Schönefeld. Wir sehen Anzeigetafeln, Polizeibeamt*innen, beklebte Koffer und viele Vietnamesen*innen, die sich auf die Rückreise nach Vietnam vorbereiten.

Das filmische Element des Voice-Overs wird in den ersten Szenen direkt eingeführt. Die Stimme der Regisseurin Angelika Nguyen gibt Informationen über die vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen: "60.000 leben 1989 in der DDR. [...] Rund 14.000 sind noch hier. [...] 80 Prozent sind arbeitslos. Eine Geschichte geht zu Ende. Die Geschichte der gegenseitigen Hilfe zweier Bruderländer." Im Zusammenspiel mit dem kurz darauf eingeblendeten Titel lässt sich bereits erahnen, dass es kein würdiger Abschied für die ehemaligen Vertragsarbeiter*innen aus Deutschland ist. Es scheint, als wären die einst solidarischen Bruderstaaten nur noch ein abgebrannter Trümmerhaufen, der beseitigt werden muss.

Voice-Over der Regisseurin als kritischer Kommentar

Später im Film sieht man eine weitere Szene auf dem Flughafen Schönefeld. Ein Koffer nach dem anderen wird am Gepäckband abgewiesen. Die Regisseurin Nguyen kommentiert: "Alle haben mehr Gepäck als zugelassen. Der Umzug nach jahrelanger Arbeit von einem reichen Weltteil in einen armen bringt das mit sich was in der Amtssprache 'Übergepäck' heißt." Der kritische Unterton sowie die Wortwahl der Regisseurin untermalen die absurde Situation am Flughafen und wirken fast komödiantisch. Dazu trägt auch die Montage der darauffolgenden Sequenz bei: Ein Vertragsarbeiter rechtfertigt sein Übergepäck im Gespräch mit einem Mitarbeiter der Fluggesellschaft mit dem geringeren Körpergewicht von Vietnames*innen gegenüber Europäer*innen. Als nächste Szene montiert Nguyen die Aufnahme eines dickleibigen, weißen Mannes, der ebenfalls mit seinem Gepäck am Flugschalter wartet. Angelika Nguyen, die selbst Tochter einer deutschen Mutter und eines vietnamesischen Vaters ist und aufgrund ihres Aussehens Ausgrenzungserfahrungen erlebte, positioniert sich durch diese Montage auf der Seite der Vietnames*innen.

In einem Interview, das ich vergangenes Jahr mit ihr geführt habe, erzählte sie mir: "Durch meine halb vietnamesische Herkunft habe ich eine besondere Beziehung zu ihnen. Mir war klar, dass ich einen Film über vietnamesische Menschen in Ostberlin machen wollte. Die massenhafte Arbeitslosigkeit, der ungeklärte Aufenthaltsstatus, sowie der steigende Rassismus machten die soziale Lage extrem prekär für die Vietnames*innen."

Der Einsatz des Voice-Overs als kritischer Kommentar wird auch in einer Szene deutlich, in der es um die Wohnsituation der Vietnames*innen im Heim geht. Nguyen bezieht erneut klar Haltung und äußert sich zu den überteuerten Mieten: "Von dem Rest kann kein Mensch leben. Diese Wohnsituation ist die krasseste Aufforderung von Seiten der Institutionen an die Vietnamesen das Land zu verlassen." Nguyen kommentiert die Missstände dieser Zweiklassengesellschaft kritisch und direkt. Als Zuschauer*in spürt man das Mitgefühl der Regisseurin und ihre Verärgerung über die deutsche Gesellschaft und ihre Institutionen.

So vermittelt das filmische Mittel des Voice-Overs in Bruderland ist abgebrannt nicht nur Zahlen und Infos, sondern verdeutlicht die Verbundenheit der Regisseurin mit der vietnamesischen Bevölkerung in Deutschland und unterstreicht ihre Haltung als Filmemacherin.

Beobachtungen in einer vietnamesischstämmigen Familie nach dem Zusammenbruch der DDR. Auf die Freude über den politischen Wandel und die Wiedervereinigung folgen Erfahrungen mit wachsendem Rassismus und die Angst, nach Vietnam abgeschoben zu werden. (© 1990 DEFA, ICESTORM Entertainment GmbH)

"Wir bleiben hier"

Dirk Otto wählte in seiner Fernsehdokumentation "Wir bleiben hier" einen anderen Ansatz: Er portraitiert Ha und Son, ein vietnamesisches Ehepaar, das in der DDR studiert und gearbeitet hat. Nach dem Mauerfall haben sie ihre Tochter aus Vietnam nach Deutschland geholt. Sie geht in Ostberlin in die Grundschule und lernt Deutsch. Ha ist Dolmetscherin und übersetzt für vietnamesische Vertragsarbeiter*innen bei Arzt- und Amtsbesuchen. Son arbeitet in der Textilindustrie. Ihre Arbeitsverträge neigen sich dem Ende zu, und sie werden als Arbeiter*in bald nicht mehr gebraucht. Trotz der ungewissen Zukunft wollen sie in Deutschland bleiben. "Wir bleiben hier" ist somit nicht nur der Filmtitel, sondern steht auch für die Einstellung der jungen vietnamesischen Familie, die diese Aussage hoffnungsvoll wiederholt. Sie nutzen den Film als Bühne, um diese Botschaft zu den Zuschauer*innen zu tragen. Der Regisseur Dirk Otto gibt ihnen Raum und lässt sie umfassend und eindringlich zu Wort kommen.

Das Voice-Over in "Wir bleiben hier" taucht im Gegensatz zum Film von Angelika Nguyen nur zu Beginn auf. Die Worte des Sprechers werden von einer Orchestermusik Richard Wagners begleitet. Die Tonalität der Musik wirkt dabei fehl am Platz und übertrieben dramatisch. Zugleich sehen wir die vietnamesische Familie – Vater, Mutter, Tochter – die inszeniert über einen leeren Platz läuft. Die männliche Stimme des Voice-Overs untermalt die Bilder wie folgt: "Vietnamesen in Deutschland. Geflohen vor Hunger und politischer Verfolgung, in den Westen oder im Osten über ein Regierungsabkommen als Gastarbeiter in ein Land geholt, das es nicht mehr gibt. So wie Ha und Son, die mit ihrer Tochter in Ostberlin wohnen. Wir haben sie in den Tagen um die deutsche Vereinigung und auf ihrem ersten Ausflug nach Hamburg begleitet."

Herablassende Distanz und empathische Nähe zugleich

Die Wortwahl des Kommentars in Verbindung mit der zugespitzten Musik erinnert an eine Tierdokumentation, die die vermeintlich "seltenen und politisch verfolgten" Vietnames*innen zeigt, die sich im Osten und Westen Deutschlands angesiedelt haben. Somit suggeriert das Voice-Over direkt zu Beginn der Dokumentation einen sehr herablassenden Blick auf die Familie. Das Resultat ist die Herstellung einer Distanz zwischen Zuschauer*in und Protagonist*innen. Wir schauen mit westlichem, weißem Blick auf die vietnamesischen Protagonist*innen und aufgrund des Voice-Overs erscheint es direkt unmöglich ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.

Der Einsatz des Titels mit Abschluss des Voice-Overs verfestigt diese Wahrnehmung. Auf einer perfekt gerahmten Kameraeinstellung der Familie erscheint in blutroter Schrift der Filmtitel "Wir bleiben hier". Wieder steigt die Orchestermusik bedrohlich an und zeichnet in Verbindung mit der Farbwahl des Titels ein Gefühl von Gefahr, das man als Zuschauer*in auf die vietnamesische Familie im Bild beziehen kann. Somit schafft der Regisseur ein klares Bild der "Anderen", das keine Nähe sondern Distanz aufzeigt. Diese Anfangssequenz des DEFA-Films spiegelt den deutschen Blick auf die damaligen Vertragsarbeiter*innen sehr treffend wider. Unter dem Deckmantel der Solidarität kommt ein strukturierter und mehr oder weniger subtiler Rassismus zum Vorschein.

Der Filmeinstieg erzeugte bei mir eine abwehrende Haltung, die mich beim Sichten des Films weiter begleitete. Klammert man allerdings das anfängliche Voice-Over und den wiederholten Einsatz der dramatischen Musik aus, so gelingt es doch eine Verbindung zu den Protagonist*innen aufzubauen. Im Kontrast zum Einstieg des Films wird den Protagonist*innen im weiteren Verlauf der Dokumentation in einem Interview Raum gegeben, ihre Wünsche und Ängste zu äußern. Die Montage lässt die Interviewfragen bewusst außen vor, sodass man als Zuschauer*in gänzlich bei den Worten und Gedanken der Protagonist*innen verweilen kann. Diese Montagetechnik erzeugt ein Gefühl des Beisammenseins – man könnte denken, dass man gemeinsam mit den Protagonist*innen am Tisch sitzt.

Auch die subtile Anwesenheit der Tochter, die selbst nie Interviewfragen beantwortet, schafft eine familiäre Atmosphäre, die mich sehr an meine eigene Kindheit erinnert hat. Das junge Mädchen steht symbolisch für die Hoffnung und Zukunft der Familie. Durch sie gelingt es mir Empathie für das Elternpaar zu empfinden und ich erkenne mich in ihrer Welt und Situation wieder. Während sie ihren Kaugummi kaut oder Frühlingsrollen brät, lauscht sie den Worten ihrer Eltern aufmerksam. Man spürt, dass sie die Sorgen und Ängste ihrer Familie wahrnimmt. Trotzdem vermitteln die Eltern ihr ein sicheres Gefühl von Geborgenheit. Die Tatsache, dass der Film "Wir bleiben hier" diese kindliche Gefühlswelt anhand eines Familienporträts für Außenstehende spürbar macht, empfinde ich als wertvoll. Im Gegensatz zu "Bruderland ist abgebrannt" gelingt es Dirk Otto damit auch, den Blick sowohl auf die Vertragsarbeiter*innen als auch auf die zweite Generation von Deutsch-Vietnames*innen zu lenken.

Kurzporträts vs. Familienporträt

Die episodische Erzählweise von Angelika Nguyen steht im Kontrast zum Porträt Dirk Ottos. Aufgrund der gewählten Form können die Protagonist*innen in "Bruderland ist abgebrannt" nur vergleichsweise kurz zu Wort kommen. Sie erscheinen und verschwinden. Gleichzeitig repräsentieren die unterschiedlichen Protagonist*innen einen guten Querschnitt der damaligen Lage und Situation der Vietnamesen*innen in Ostberlin. So begegnen wir dem Vertragsarbeiter, der davon erzählt, wie er im Wohnheim von vier maskierten Jugendlichen überfallen und körperlich verletzt wurde. Die Tatsache, dass dieser Fall nicht strafrechtlich verfolgt wurde, ist ein Beispiel dafür, in welchem Ausmaß Rassismus von staatlichen Behörden und Institutionen hingenommen wurde.

Die geschilderte Szene erinnert auch an einen Moment in Dirk Ottos Film, in dem der Familienvater Son einen ähnlichen rassistischen Überfall im Hinterhof seines Wohnhauses beschreibt. Allerdings gelingt es Nguyen im Gegensatz zu Otto durch die Mehrzahl an Protagonist*innen, das Thema Rassismus aus unterschiedlichen Perspektiven darzustellen. Dies wird beispielsweise deutlich, als sie ein deutsch-vietnamesisches Paar dazu befragt, welche Unterschiede sie zwischen ihrem Leben und dem Leben der im Wohnheim untergebrachten Vertragsarbeiter*innen sehen. Der junge, vietnamesische Vater antwortet daraufhin, dass seine Familie weniger Miete zahlen müsse als seine Kollegen*innen im Wohnheim. Die Partnerschaft mit einer deutschen Frau gebe ihm zudem mehr Freiheiten. Doch vor nächtlichen, gewaltsamen Übergriffen hätten er und seine Frau trotzdem Angst. Rassismus begegne auch ihnen im Alltag, beispielsweise wenn alte deutsche Männer ihnen "Die Ausländer nehmen uns unsere Frauen weg!" hinterherriefen. Durch gezielte Interviewfragen, die im Schnitt des Films hörbar bleiben, lässt Angelika Nguyen ihre Protagonist*innen Ungerechtigkeiten aussprechen und erkennen.

Auch Ha und Son im Dokumentarfilm "Wir bleiben hier" sprechen offen von ihrer Angst vor rassistischen Angriffen. Am Abend der Wiedervereinigung fällt ein Satz, den ich in ähnlicher Form auch von meinem Vater nur zu gut kenne: "Wir freuen uns auch sehr mit dem deutschen Volk, aber [...] wir haben auch Angst dabei. Die Ausländerfeindlichkeit ist sehr zugespitzt." Die Familie verfolgt den historischen Abend vor dem Fernseher, und die gezielte Montage von Bildern, die den Blick aus dem Fenster auf Berlin festhalten, lässt die Kluft zwischen der Freude und der Angst und Ausgrenzung spürbar werden. Obwohl das Ehepaar Deutsch spricht, in der DDR studiert hat und jahrelang in Berlin gearbeitet hat, gehören sie nicht zum vereinigten Deutschland. Sie verweilen aus Angst vor Rassismus zu Hause und können ihre Freude nicht mit Kolleg*innen teilen.

Fassade der Solidarität

Angelika Nguyens Film Bruderland ist abgebrannt hält auch diese Kolleg*innen vor der Kamera fest. Die Deutschen, die zu Wort kommen, vertreten meist Institutionen und Vereine und repräsentieren somit deren Haltung gegenüber den Vertragsarbeiter*innen. Beispielsweise begegnen wir einer Mitarbeiterin der ARWOGE Wohnungsbaugesellschaft, die die miserable Wohnungssituation der Vietnames*innen auf die Betriebe und die Politik schiebt. Sie verweist die Schuld auf andere, unterstützt aber durch ihre Arbeit selbst das System, das rassistisch und diskriminierend handelt. Ähnlich wie sie verstecken sich auch drei deutsche Mitarbeiter*innen eines Betriebes am Flughafen gekonnt hinter ihrer beruflichen Rolle. Bei der Auszahlung der Prämie für die "freiwillige" Ausreise der vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen fängt die situative Kameraführung die Interaktion grandios ein: der eine bewacht den Geldkoffer, die andere protokolliert und noch ein weiterer sitzt lässig da und zählt das Geld. Die Deutschen begrüßen ihre vietnamesischen Kolleg*innen beim Vornamen, fertigen sie dann aber förmlich ab: "Trang, mach‘s gut!", sind die letzten Worte, die eine der Vertragsarbeiterinnen hinterhergerufen bekommt. Ein trauriger Abschied, der von einer merkwürdigen zwischenmenschlichen Beziehung zeugt und deutlich macht, dass die so beteuerte Solidarität der DDR mit dem vietnamesischen Volk nur eine Fassade war, um billige, effiziente Arbeitskräfte einzustellen und schlussendlich wieder loszuwerden. Und so endet der Film, wo er auch angefangen hat: am Flughafen Schönefeld. Eine schöne dramaturgische Klammer, die die episodischen Erzählungen abschließt.

Dirk Otto und Angelika Nguyen haben mit den Filmen "Wir bleiben hier" und "Bruderland ist abgebrannt" zwei wertvolle historische Dokumente der deutschen als auch der vietnamesischen Geschichte geschaffen. Angelika Nguyen positioniert sich klar auf der Seite der vietnamesischen Vertragsarbeiter*innen und nutzt das Voice-Over, diese Haltung zu verdeutlichen. Konträr zu dieser Position verhält sich die Eröffnungsszene von "Wir bleiben hier". Durch die Platzierung des Voice-Overs und die dramatische Orchestermusik wird die vietnamesische Familie bedrohlich inszeniert. Jedoch gelingt es beiden Filmen durch den Austausch mit den jeweiligen Protagonist*innen ein vielschichtiges Bild der Situation von Vertragsarbeiter*innen und ihren Kindern in der Wendezeit zu schaffen. Besonders die Erfahrungen mit Rassismus im alltäglichen Leben und die damit zusammenhängenden Ängste der Vietnames*innen treten durch die gekonnte Interviewführung der Regisseur*innen in den Vordergrund.

Angelika Nguyen erzählte im Interview mit mir, dass zum Zeitpunkt des Drehs kein deutscher Fernsehsender an ihrem Filmprojekt Interesse zeigte. Sie sagte: "Die Deutschen hatten damals ihre eigenen Sorgen. Was sollten sie mit migrantischen Geschichten?" Sowohl ihr als auch mir fällt auf, dass das Interesse für die deutsch-vietnamesischen Realitäten in Deutschland in den letzten Jahren zunimmt. Zu Recht bekommen diese beiden wichtigen Dokumentarfilme momentan wieder Aufmerksamkeit. Doch obwohl das dreißigjährige Jubiläum der deutschen Einheit ein guter Anlass ist, um diese Filme zu besprechen, sollte Solidarität gegenüber Minderheiten auch ohne Jubiläum in der Gesellschaft vorhanden sein. Ich bin heute, mehr als dreißig Jahre später, stolzer Sohn eines vietnamesischen Vertragsarbeiters, besitze einen deutschen Pass und obwohl ich es liebe mit meinen Mitmenschen zu feiern, werde auch ich immer wieder aufgefordert zu gehen.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 4.0 - Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International" veröffentlicht. Autor/-in: Duc Ngo Ngoc für bpb.de

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