Kinder der jüdischen Grundschule in Frankfurt am Main sitzen zusammen an einem Tisch

11.5.2021 | Von:
Anthony Kauders

Leben im Schatten der Shoah: Juden im geteilten Deutschland (1945-1989)

Die Geschichte der Juden in der Bundesrepublik muss immer auch als eine besondere Emotionsgeschichte verstanden werden. Denn Angst spielte eine große Rolle: vor traumatisierenden Erinnerungen, vor einer ungewissen Zukunft sowie vor der Indifferenz der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Holocaust und Antisemitismus.

Westend-Synagoge Frankfurt am MainWestend-Synagoge Frankfurt am Main (© ANGABE FEHLT NOCH)

In seiner "anderen Geschichte" der alten Bundesrepublik unternimmt der Historiker Frank Biess den Versuch, die historiographischen Leitvorstellungen von Amerikanisierung, Westernisierung, Liberalisierung und Demokratisierung zu hinterfragen. Statt den bisherigen linearen Erfolgsgeschichten eine weitere hinzuzufügen, untersucht er die verschiedenen Angstzyklen, die das Leben vieler Menschen in den Jahrzenten nach dem Krieg beeinflussten. Für Biess ist ein solcher Zugang zwingend, denn angesichts der Nazidiktatur und des Holocaust sei die Unsicherheit groß gewesen, ob sich das Land jemals wieder befrieden bzw. demokratisieren ließe. [1] Aus diesem Grund müsse man die westdeutsche Geschichte auch als Emotionsgeschichte begreifen. In dieser Geschichte kollektiver Ängste, so Biess, sei die anfängliche Skepsis gegenüber öffentlich artikulierten Emotionen in den späten sechziger Jahren immer mehr in Frage gestellt worden, sodass von einem "Übergang von einer repressiven zu einer expressiven Gefühlordnung" gesprochen werden könne. [2]

Auch für die Juden in der Bundesrepublik spielte Angst eine große Rolle: die Angst vor den traumatisierenden Erinnerungen, die Angst vor einer ungewissen Zukunft, die Angst vor einer Umwelt, die vom Massenmord zumeist nichts wissen und den Antisemitismus nur zögerlich als Menschheitsproblem begreifen wollte. Neben der Angst gesellten sich aber auch andere Gefühle hinzu, insbesondere Schuldgefühle gegenüber dem neuen jüdischen Staat sowie gegenüber Juden auf der ganzen Welt. Denn für diejenigen, die in der Bundesrepublik blieben, bedeutete diese Entscheidung, sich auf die eine oder andere Weise rechtfertigen zu müssen. Anders als Ängste, die als solche artikuliert werden können, spielen Schuldgefühle im Gefühlshaushalt oft eine subtilere Rolle. Außerdem werden Ängste häufig kollektiv zum Ausdruck gebracht, während das bei Schuldgefühlen eher selten vorkommt. Dennoch prägte das schlechte Gewissen, im "Land der Mörder" zu leben, die westdeutsche jüdische Gemeinschaft. Deren Kollektivbiografie ist also auch immer eine besondere Emotionsgeschichte.

Kurz nach Kriegsende befanden sich ca. acht Millionen europäischer Flüchtlinge – so genannter Displaced Persons (DPs) – in den westlichen Besatzungszonen, darunter auch Zehntausende Überlebende der Shoah. Nach und nach wurden die meisten DPs von den Besatzungsmächten in ihre Heimatländer zurückgeführt. Auch die jüdischen DPs, von denen Ende 1946 ca. 250.000 vor allem in der US-Zone ausharrten, hofften, so bald wie möglich das "blutgetränkte" Land verlassen zu dürfen. Als am 14. Mai 1948 das britische Mandat in Palästina endete und noch am selben Tag der Staat Israel ausgerufen wurde sowie einen Monat später die USA ihr Einwanderungsgesetz novellierten, wanderten fast alle jüdischen DPs nach Israel, den Vereinigten Staaten und weiteren Ländern aus. [3] Übrig blieben DPs, die aus Gesundheits- und Altersgründen nicht emigrieren konnten oder wollten. Sie zogen es vor, in Lagern wie Föhrenwald unter sich zu bleiben oder aber in Großstädte wie München und Frankfurt überzusiedeln, um dort ein neues Leben zu beginnen. [4] Viele benötigten noch Jahre lang Hilfeleistungen, Zuschüsse und Darlehen von der 1951 unter neuem Namen wiedergegründeten Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland. Manche eröffneten kleine Geschäfte, betrieben Bars oder waren im Import-Export-Handel beschäftigt. Einige gingen Beziehungen zu nichtjüdischen Deutschen ein. Solche Liebesverhältnisse, aber auch der sich einstellende wirtschaftliche Erfolg erleichterten den Verbleib im Land.

Zu den aus Osteuropa stammenden DPs, die schon bald die Mehrheit vieler jüdischer Gemeinden ausmachten, gesellten sich deutsche Juden, die den Massenmord im Versteck überlebt hatten oder aus dem Exil zurückgekehrt waren. Zu den Rückkehrern gehörten Anwälte, Übersetzer und Journalisten, die für die Besatzungsarmeen arbeiteten oder sich dafür einsetzten, dass die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus entschädigt werden würden. Wie schon bei den DPs ist es nicht mehr möglich, die genauen Zahlen zu eruieren. Sie dürften zwischen 15.000 und 20.000 gelegen haben. [5] Einige Überlebende und Rückkehrer, darunter auch prominente Funktionäre, verließen Deutschland wieder. Die Zahl der Gemeindemitglieder in der Bundesrepublik belief sich Ende der fünfziger Jahre auf 23.000, nahm in den sechziger Jahren zu und pendelte sich danach bei etwa 30.000 ein. [6] Einwanderungen aus Israel, Iran oder der Sowjetunion konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Altersaufbau der jüdischen Gemeinschaft wiederholt Anlass zur Sorge gab, denn die Gemeindeführer registrierten über den gesamten Zeitraum hinweg mehr Sterbefälle als Geburten. So lag der Altersdurschnitt im Jahr 1970 bei 50,6 Jahren, ein Wert, der in der Folge kaum zurückging. [7] Erst mit dem Zuzug sogenannter Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach 1990 sollte sich die demographische Lage der jüdischen Gemeinschaft entspannen.

Die Beziehungen zwischen deutschen und osteuropäischen Juden gestalteten sich anfangs schwierig. Viele deutschstämmige Funktionäre hofften, auf Traditionen zurückgreifen zu können, die vor dem "Dritten Reich" das Gemeindeleben bestimmt hatten. Dazu gehörten Gottesdienste nach liberalem Ritus sowie die deutsch-jüdische Geistesgeschichte (von Moses Mendelssohn bis Hermann Cohen). In Frankfurt etwa hatten die Gemeindegründer nicht vor, heimatlose Juden aus Osteuropa zu betreuen, sondern die "zwangsweise unterbrochene Tradition der Vorkriegsgemeinde fortzusetzen". [8] In München und Stuttgart erhielten Ausländer zunächst kein Stimmrecht in ihren Gemeinden, während die Hannoveraner Gemeinde nichtdeutsche Juden erst gar nicht aufnahm. Augsburg war in dieser Hinsicht ein extremes Beispiel: Dort wurden ausländische Juden bis Mitte der 1950er Jahre von der Gemeinde ausgeschlossen. [9]

Auch wenn die Münchner und Augsburger Gemeindeführer ihren Einfluss durch Vorgaben und Einschränkungen zementieren wollten, konnten sie die demographischen Entwicklungen im Land nicht aufhalten. In Bayern machten die osteuropäischen Juden im Jahr 1949 über 93 Prozent der jüdischen Gesamtbevölkerung aus, in Württemberg lag die Zahl mit 81 Prozent nur geringfügig darunter. Deutsche Juden dominierten dagegen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, wo sie ca. 70 beziehungsweise 85 Prozent der Gemeindemitglieder ausmachten. Dieses Nord-Süd-Gefälle erklärt auch, weshalb sich bedeutende deutsch-jüdische Institutionen wie der Zentralrat der Juden und die Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Düsseldorf ansiedelten, während osteuropäisch-jüdische Traditionen die Gemeinden in Bayern prägten. Bei diesen Unterschieden ging es nicht nur um religiöse Riten oder Verständigungsprobleme auf Grund sprachlicher Differenzen. Oft kennzeichnete eine "nationaljüdische" Politik die osteuropäisch dominierten Gemeinden, für die der ethnische Zusammenhalt besonders wichtig war. Dieser sollte durch jüdische Schulen und einen intensiven Austausch mit Juden in aller Welt sichergestellt werden. Die Spannungen zwischen "alteingesessenen" und "zugezogenen" Juden erinnerten manchmal an die Weimarer Konflikte zwischen der zionistischen Volkpartei, oft von osteuropäischen und orthodoxen Juden unterstützt, und den Liberalen, die das Judentum vor allem als Konfession begriffen. Dennoch glaubten die wenigsten Überlebenden aus Osteuropa an eine nationalreligiöse Zukunft in Deutschland. Für sie stand fest, dass die meisten verbliebenen Juden das Land in Richtung Israel verlassen würden. [10]

Die Rede von den "gepackten Koffern", auf denen die meisten Juden in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik lebten, gibt bestimmte Befindlichkeiten wieder, insbesondere das Gefühl, nie mehr richtig heimisch werden zu können. Gleichzeitig musste das Leben weiter gehen, selbst wenn es nur ein vorübergehendes "Verweilen" bedeuten sollte. Zu dieser Normalität gehörte außer den täglichen Hausarbeiten, beruflichen Verpflichtungen und alltäglichen kleinen Freuden vor allem der von Gemeindevertretern forcierte Aufbau einer jüdischen Infrastruktur. Bei zwischen 25.000 bis 30.000 Mitgliedern beschränkte sich dieser Aufbau zumeist auf Städte wie Berlin oder München, in denen der Bedarf nach jüdischen Einrichtungen groß genug war, um bestimmte Investitionen rechtfertigen zu können. So wurden in den fünfziger und sechziger Jahren Synagogen gebaut, Jugendzentren eingerichtet, Kindergärten gegründet und ein Ferienheim etabliert. Trotzdem fehlten koschere Metzgereien, Bäckereien, Lebensmittelläden und Restaurants, auf die insbesondere traditionelle Juden angewiesen waren.

Darüber hinaus versuchten die Gemeinden oft vergeblich, qualifizierte Rabbiner einzustellen. Wenn einige sich dennoch überwinden konnten, im "Land der Täter" zu wirken, dann blieben sie häufig nicht lange oder übten das Rabbinat nur als zweiten Beruf aus. Noch im Jahr 1960 amtierten in ganz Deutschland nur sieben ausgebildete Rabbiner. Viele Gemeinden engagierten deshalb Gastrabbiner, die an den Hohen Festtagen Gottesdienste abhielten. Anders als sich das viele deutschstämmige Juden vorgestellt hatten, setzte sich in fast allen Gemeinden der orthodoxe Ritus durch. Kleinere, dem liberalen Judentum nahestehende Gruppen entstanden Ende der sechziger Jahre, existierten aber oft nicht lange, so wie in Frankfurt, wo sich die Gruppe 1976 wieder auflöste. [11] So kann man durchaus konstatieren, dass deutsche Juden für sich in Anspruch nahmen, die Gemeinschaft nach außen hin zu repräsentieren, während osteuropäische Juden in Sachen Religion das Sagen hatten.

Dessen ungeachtet spielte die Religion für die meisten Juden in diesem Zeitraum keine große Rolle: Die Synagogen füllten sich nur an den Hohen Feiertagen, die Speisegesetze blieben zumeist unbeachtet, Liebesbeziehungen fanden häufiger mit nichtjüdischen als mit jüdischen Partnern statt. [12] Auch die Beteiligung am Gemeindeleben war überschaubar. So beschwerten sich Funktionäre immer wieder darüber, dass Gemeindemitglieder, insbesondere die Jugend wenig Engagement zeigte. In den späten sechziger Jahren setzte ein langsamer Wandel ein, zumindest was das Engagement der Gemeindeführer angeht. Ende 1970 gründete der Zentralrat der Juden dann eine "Initiativgruppe für Jugendfragen beim Zentralrat”, die Seminare zu aktuellen Themen organisierte. Die erste Jugend- und Kulturtagung, ebenso vom Zentralrat ins Leben gerufen, fand 1977 in Würzburg statt, weitere solcher Treffen sollten bis 1985 folgen. Dennoch blieb das Interesse an solchen Veranstaltungen bescheiden. Viele jungen Juden wollten einfach nur das machen, was ihre nichtjüdischen Altersgenossen auch taten – die Adoleszenz für sich entdecken, ohne Bevormundung von den Erwachsenen. Oder sie wollten, geprägt von 1968 und dem Beginn der sozialliberalen Ära, mehr Demokratie wagen, ob in den Gemeinden oder anderswo.

So politisierten sich junge Juden wie Micha Brumlik, Dan Diner und Cilly Kugelmann, die von den Funktionären forderten, einige ihrer zentralen Grundsätze wie den Zionismus oder die Ablehnung von "Mischehen" zu hinterfragen. Manchmal wurden Auseinandersetzungen zu diesen Themen innerhalb der Gemeinden geführt, auch auf den Jugend- und Kulturtagen. Nicht immer jedoch beschränkten sich diese Aktivitäten auf rein innerjüdische Debatten. So äußerte sich die wachsende Kritik an Israel auch in Demonstrationen außerhalb der Gemeindeforen, etwa gegen den Libanonkrieg im Sommer 1982. In Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Köln formierten sich Gruppen, die die Politik Israels – und hier besonders das passive Verhalten der Armee angesichts der Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila (dort nutzten christlich-libanesische Milizen den israelischen Einmarsch während des Libanonkrieges und ermordeten im September 1982 hunderte von Palästinensern) – scharf verurteilten. Zu den Teilnehmern an diesen Demonstrationen gehörten die noch jungen Historiker Julius H. Schoeps und Mitchell Ash. Im Juni des Jahres 1982 gingen Diner und Brumlik zusammen mit zwei Dutzend anderen Mitgliedern der Frankfurter Jüdischen Gruppe auf die Straße, um unweit der israelischen Botschaft in Bonn für ein Ende der Gewalt im Libanon sowie für die politische Anerkennung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) einzutreten. [13] Solche Kundgebungen zeugten von einem größeren Selbstvertrauen der jungen Generation, zumal es bis dahin nur selten vorgekommen war, dass Juden bewusst als Juden in der westdeutschen Öffentlichkeit auftraten oder wahrgenommen wurden – es sei denn, sie gehörten zu den offiziellen Repräsentanten der Gemeinschaft. Dieses neue Selbstverständnis erreichte 1985 einen Höhepunkt, als die jüdische Gemeinde in Frankfurt gegen die Aufführung des antisemitischen Stücks Der Müll, die Stadt und der Tod von Rainer Werner Fassbinder am Schauspielhaus intervenierte. "Trotzig bis ängstlich" blockierten Vertreter der Frankfurter Jüdischen Gemeinde mit selbstgemalten Transparenten die Bühne des Schauspielhauses und verhinderten damit die Aufführung des inkriminierten Stückes. [14]

Viele Teilaspekte der jüdischen Emotionsgeschichte nach 1945 sind bereits gestreift worden: die unterschiedlichen Auffassungen zur Zukunft in der Bundesrepublik, das damit zusammenhängende Desinteresse vieler Juden am Gemeindeleben oder die zunehmende Bereitschaft der jüngeren Generation den Status Quo zu hinterfragen. Jedes Mal stand auch die Rolle Israels für die jüdische Gemeinschaft zur Debatte. Abschließend soll auf diesen besonderen Punkt eingegangen werden, um die besondere emotionale Lage der Juden in Westdeutschland zu veranschaulichen.

Überall auf der Welt freuten sich Juden über die Gründung des Staates Israel. Nirgendwo auf der Welt wurde dieser Staat aber von Juden so sehr als eine Art Identitätsersatz betrachtet wie in der Bundesrepublik. Das war auch nicht weiter verwunderlich. Jüdische Überlebende und Remigranten fanden sich in einem Land wieder, das für den Holocaust verantwortlich und dessen demokratische Zukunft noch nicht abzusehen war. Israel diente aber nicht nur als Sehnsuchts- oder Zufluchtsort. In den ersten Jahrzehnten nach 1945 mussten sich westdeutsche Juden wiederholt fragen lassen, weshalb sie immer noch in Düsseldorf, Hamburg oder Berlin wohnten. Die Antworten darauf fielen unterschiedlich aus, je nach dem, wer sich angesprochen fühlte. Mitglieder des Zentralrats etwa erklärten, sie müssten bleiben, um für ein besseres Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und Israel zu sorgen, auch dann noch, als beide Staaten 1965 diplomatische Beziehungen aufgenommen hatten. Oder sie gaben an, über die westdeutsche Demokratie wachen zu müssen, um mahnend eingreifen zu können, wenn diese in Gefahr sei. Anderen wiederum fiel es oft schwer, wahrheitsgemäß zu antworten. Denn die Gründe waren vielschichtig: Mal blieb man wegen des nichtjüdischen Partners, mal wegen der Sprache, mal wegen der schwierigen klimatischen Bedingungen in Tel Aviv. Die allermeisten fühlten sich freilich auf die eine oder andere Art schuldig, Deutschland nicht den Rücken gekehrt zu haben. Und so versuchten sie mit ihrer kognitiven Dissonanz umzugehen, indem sie Israel überhöhten, Kritik am Land nicht zuließen und alles dafür taten, ihre unbedingte Solidarität mit dem jüdischen Staat unter Beweis zu stellen.

Solidarität mit Israel äußerte sich etwa in einer regen Spendentätigkeit. Der Zentralrat der Juden erstellte Ranglisten, die von den Anstrengungen der Gemeinschaft im Vergleich zu anderen jüdischen Gemeinschaften zeugen sollten. Anfang August 1967, nach Israels Sieg im Sechs-Tage-Krieg, war der Generalsekretär des Zentralrats voll des Lobes ob der Bereitschaft westdeutscher Juden, dem jüdischen Staat finanziell unter die Arme gegriffen zu haben. Laut Hendrik van Dam kamen die Juden in der Bundesrepublik auf die Spendensumme von 250 Dollar pro Kopf, was angeblich die höchste Rate weltweit darstellte. Er ging sogar so weit die britischen Juden zu tadeln, deren Spendenaufkommen von angeblich 30 Dollar pro Kopf nicht so recht zum "großen englischen Reichtum” passen wollte. [15] Wenig später informierte er – um nachzuzeichnen, wie die Summe von knapp zehn Millionen Mark zusammengekommen war – die israelische Botschaft darüber, welche Großgemeinden und Landesverbände wie viel gespendet hatten. [16]

Manchmal ließ die Spendenbereitschaft in den Augen der Funktionäre zu wünschen übrig, die in solchen Fällen nicht davor zurückschreckten, massiven Druck auszuüben. In Dortmund etwa wurde wiederholt dazu aufgerufen, seinen Verpflichtungen gegenüber Israel nachzukommen. Mitte 1969 drohten sowohl der Vorsitzende als auch der Rabbiner einzelnen Gemeindemitgliedern damit, letztere persönlich an ihrer Arbeitsstätte oder Wohnung aufzusuchen, um "den Ernst der Lage zu besprechen" und eine "angemessene" Spende entgegen zu nehmen. [17] Wenn die üblichen Appelle oder Ermahnungen nicht fruchteten, griffen die Gemeinden zu anderen Mitteln, darunter auch öffentlichen Beschämungen. Die Frankfurter und Münchener Sektionen des Solidaritätsfonds für Israel veröffentlichten im Frühjahr und Herbst 1969 folgenden Beschluss: "Alle Solidaritätsfondzahler sollen 1. keiner gesellschaftlichen Einladung derjenigen Personen Folge leisten, die sich nicht an der Solidaritätsaktion 1968 beteiligt haben und somit das jüdische Volk und den Staat Israel in schwerer Stunde im Stich gelassen haben, 2. keine Einladungen an sie ergehen lassen, 3. keinerlei Einladungen annehmen, zu denen diese Personen geladen sind. 4. Dieser Beschluss soll sich auf Festlichkeiten von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Frankfurt (bzw. München, A.K.), die in Israel und im Ausland stattfinden, erstrecken." [18]

Auch wenn wir nicht mehr nachverfolgen können, wie viele Gemeindemitglieder solche außergewöhnlichen Maßnahmen unterstützten, blieb Israel lange Zeit konstitutives Element deutschjüdischer Identität. Erst allmählich fiel es Juden in der Bundesrepublik leichter, den zionistischen Staat zu kritisieren, wovon die Demonstrationen gegen den Libanonkrieg zeugten. Das schlechte Gewissen, im "Land der Täter" zu leben, nahm ab, je mehr sich Juden dort heimisch fühlten, je mehr sie der westdeutschen Demokratie vertrauten und je mehr sich das Verhältnis der Bundesrepublik zur jüdischen Welt normalisierte. Nach der Vereinigung beider deutscher Staaten sollten sich die Schuldgefühle weiter abschwächen. Den meisten Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion waren derartige Gewissensbisse sowieso fremd, viele von ihnen hatten sich gegen eine Emigration nach Israel und für eine Zukunft in Deutschland entschieden. Wenn es dennoch weiterhin Zweifel an der Zukunft jüdischen Lebens im Land gibt, dann geht es dabei nicht mehr so sehr um Schuldgefühle als um Angst. Mit dem Aufkommen der Alternative für Deutschland (AfD) stellt sich für viele Juden wieder die Frage, ob die Mehrheitsgesellschaft bereit sei, den Antisemitismus nicht nur als Menschheitsproblem zu begreifen, sondern auch zu bekämpfen. In den Worten des Historikers Michael Brenners: "Bis vor wenigen Jahren hieß das Motto immer: Normalisierung jüdischen Lebens. Man fragte sich, wann es wieder "normales" jüdisches Leben in Deutschland geben würde. Heute fragt man sich, ob es vielleicht bald wieder gar kein jüdisches Leben in Deutschland mehr geben könnte." [19] Anders als die früheren Schuldgefühle, die sich oft in einer besonderen Einstellung zu Israel manifestierten, wurden und werden solche Ängste offen und kollektiv geäußert. Sie zeugen davon, wie sehr jüdisches Leben im Schatten der Shoah vom Erfolg der liberalen Demokratie abhängt.

Fußnoten

1.
Frank Biess, Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik, Reinbek bei Hamburg 2019, S. 19. Eine andere Geschichte der Angst hat Bettina Hitzer geschrieben: Krebs Fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2020.
2.
Ebd., S. 36. Zur Emotionsgeschichte allgemein siehe Jan Plamper, Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte, München 2012; William Reddy, The Navigation of Feeling. A Framework fort he History of Emotions, Cambridge 2001; Barbara H. Rosenwein, Worrying about Emotions in History, in: American Historical Review 107 (2002), S. 821-845.
3.
Zur Geschichte der DPs gibt es mittlerweile eine Literatur. Eine gute Zusammenfassung bieten Atina Grossmann und Tamar Lewinsky, Erster Teil. 1945-1949. Zwischenstation, in: Michael Brenner (Hrsg.), Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart: Politik, Kultur und Gesellschaft, München 2012, S. 67-152.
4.
Tobias Freimüller, Frankfurt und die Juden. Neuanfänge und Fremdheitserfahrungen 1945-1990, S. 54.
5.
Andrea Sinn, Returning to Stay? Jews in East and West Germany after the Holocaust, in: Central European History 53 (2020), S. 393-413, hier S. 393-394.
6.
Erica Burgauer, Zwischen Erinnerung und Verdrängung. Juden in Deutschland nach 1945, Reinbek bei Hamburg, 1993, S. 26.
7.
Constantin Goschler und Anthony D. Kauders, Dritter Teil. 1968-1989. Positionierungen, in: Brenner, Geschichte der Juden, S. 295-378, hier S. 297.
8.
Freimüller, Frankfurt und die Juden, S. 65.
9.
Dazu siehe Michael Brenner, Nach dem Holocaust. Juden in Deutschland 1945-1950, München 1995, S. 70-71, sowie Anke Quast, Jüdische Gemeinden in Niedersachsen seit 1945 – das Beispiel Hannover, Göttingen 2001, S. 165-167.
10.
Anthony D. Kauders, Democratization and the Jews. Munich 1945-1965, Lincoln und London, 2004, S. 48-51.
11.
Freimüller, Frankfurt und die Juden, S. 361.
12.
Laut Statistischem Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland lag der Prozentsatz in den Jahren 1951 bis 1958 zwischen 62,9 Prozent und 81,7 Prozent. Zwischen 1973 und 1981 heirateten etwa zwei Drittel aller Juden Nichtjuden. Siehe Donate Strathmann, Auswandern oder Hierbleiben? Jüdisches Leben in Düsseldorf und Nordrhein 1945-1960, Essen 2003, S. 225, sowie Zentralarchiv zur Erforschung der Juden in Deutschland (ZA B.), 1/7., 332, Dr. Navè Levinson, Standesamtliche Eheschließungen von Juden 1973-1981 (...).
13.
Goschler und Kauders, Positionierungen, S. 326.
14.
Brumlik: Kein Weg als Deutscher und Jude. Eine bundesrepublikanische Erfahrung, München 2000, S. 172–173. Zum Hintergrund der Ereignisse siehe Freimüller, Frankfurt und die Juden, S. 463-478.
15.
ZA B. 1/7., 466, van Dam an Werner Nachmann, 1.8.1967, mit einer detaillierten Liste verschiedener Nationen, inklusive Südafrika, Argentinien, Kanada und Italien. Siehe auch Max Willner, Die Jüdische Gemeinschaft in Deutschland, in: Keren Hayessod (Hrsg.), Israel und Wir. Keren-Hayessod-Jahrbuch der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland 1967-1970, Frankfurt am Main 1970, S. 59.
16.
ZA B. 1/7., 466, van Dam an A. Idan, 25.8.1967.
17.
ZA B. 1/2., 51, Rabbiner Emil Davidovic und Fritz Klestadt, 29.5.1969 "Sehr geehrter Herr..."
18.
ZA B. 1/2., 52, Solidaritätsfonds für Israel, Frankfurt am Main, 28.3.1969 und Solidaritätsfonds für Israel, München, September 1969. Die Namen der Beschämten standen auf dem schwarzen Brett der Synagoge. Siehe Tobias Merkel, Die Israel-Arbeit in München, in: Keren Hayessod (Hrsg.), Israel und Wir. Keren-Hayessod-Jahrbuch der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland 1967-1970, Frankfurt am Main 1970, S. 242.
19.
Süddeutsche Zeitung, "Thüringen: ‚Das erinnert verdächtig an Weimarer Verhältnisse’", 6.2.2020.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Anthony Kauders für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Jüdisch in Europa, Teil 1

Der Arte-Zweiteiler thematisiert die kulturellen Wurzeln der Juden in Europa, ihren Alltag und ihr Selbstverständnis ebenso wie die Mythen und den Umgang mit ihnen.

Jetzt ansehen

Jüdisch in Europa, Teil 2

Der Arte-Zweiteiler thematisiert die kulturellen Wurzeln der Juden in Europa, ihren Alltag und ihr Selbstverständnis ebenso wie die Mythen und den Umgang mit ihnen.

Jetzt ansehen

Dossier

Geteilte Geschichte

Deutsche Geschichte ist auch jüdische Geschichte, und jüdische Geschichte ist auch deutsche Geschichte. Eine geteilte Geschichte - eine "Shared History". Um die wechselvolle jüdische Geschichte im deutschen Sprachraum zu schildern, zeigt die bpb in diesem Dossier viele verschiedene Objekte. Sie erzählen von einer jüdischen Identität, die seit Jahrhunderten tief verwoben ist mit der Geschichte der Mehrheitsbevölkerung.

Mehr lesen

Jerusalem mit Klagemauer und Tempelberg, vom dem aus die goldene Kuppel der Al-Aqsa-Moschee in den Himmel ragt.
Israel

Israel

Die Entwicklung Israels ist eine Erfolgsgeschichte: Seit seiner Gründung hat es Menschen aus über 120 Ländern in einen jüdisch-demokratischen Staat integriert. Aus einem landwirtschaftlich geprägten Land ist eine Hightech-Nation geworden.

Mehr lesen

Dossier

Antisemitismus

Antisemitismus ist eine antimoderne Weltanschauung, die in der Existenz der Juden die Ursache aller Probleme der heutigen Welt sieht. Das Dossier beleuchtet Geschichte und Gegenwart der Judenfeindschaft und hilft, sie zu entlarven.

Mehr lesen

Elf Familiengeschichten zeigen, was Verfolgung, Kriege und Ost-West-Konflikt für Juden in Europa konkret bedeuten konnten. Jede der elf Biographien wird in einem Film erzählt. Interaktive Karten lassen die Größenordnung des Völkermordes und die Flucht- und Auswanderungsbewegungen vor und nach 1945 nachvollziehen. Texte beleuchten u.a. die Situation im Nachkriegseuropa sowie nach 1990.

Mehr lesen

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

Mehr lesen

Dossier

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Als er 1945 endete, lag Europa in Trümmern. Über 60 Millionen Menschen waren tot. Wie konnte es soweit kommen? Und wie sollte es weitergehen mit einem Land, das den größten Zivilisationsbruch der Geschichte begangen hatte?

Mehr lesen