Kinder der jüdischen Grundschule in Frankfurt am Main sitzen zusammen an einem Tisch

11.5.2021 | Von:
Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka

"Der gemeinschaftliche Fortschritt zum Besseren"

Das liberale Judentum in Deutschland

Anfang des 20. Jahrhunderts war das liberale Judentum hierzulande die vorherrschende religiöse Richtung. Die Ursprünge der jüdischen Reformbewegung, für die sich um 1870 herum der Begriff "liberal" herausbildete, reichen dabei bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts zurück.

2011 wurde Alina Treiger, die erste nach der Schoa in Deutschland ordinierte Rabbinerin, Gemeinderabbinerin in Oldenburg.2011 wurde Alina Treiger, die erste nach der Schoa in Deutschland ordinierte Rabbinerin, Gemeinderabbinerin in Oldenburg. (© picture-alliance/akg, Kai Niemann)
Als das Land Nordrhein-Westfalen der Union progressiver Juden in Deutschland am 30. September 2015 die Körperschaftsrechte verlieh, hieß es in der Begründung, dass dieser bundesweite Verband an das liberale Judentum zur Zeit der Weimarer Republik anknüpfe und dass dies "seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wieder eine eigenständige Gestalt angenommen hat." Tatsächlich war das liberale Judentum hierzulande Anfang des 20. Jahrhunderts die vorherrschende religiöse Richtung; sein bis heute bekanntester Repräsentant ist Rabbiner Leo Baeck (1873‒1956). Die Ursprünge der jüdischen Reformbewegung, für die sich um 1870 herum der Begriff "liberal" herausbildete, liegen aber schon in der Zeit von Moses Mendelssohn (1729‒1786), dem Wegbereiter der jüdischen Aufklärung, der die Tora ins Deutsche übertrug und das Judentum gegenüber der christlichen Mehrheitsgesellschaft gleichsam anschlussfähig machte. Zusammen mit anderen jüdischen Aufklärern bereitete er den Boden für Wege in die Emanzipation einer Gemeinschaft, die darum rang, deutsch zu werden und jüdisch zu bleiben. [1]

Mendelssohn selbst blieb der jüdischen Tradition verbunden. Er prägte den Begriff "Zeremonialgebot" für die aus biblischen und talmudischen Geboten abgeleiteten Rituale, die inzwischen an religiöser Bedeutung verloren hatten, unterschied dabei aber noch nicht zwischen kulturellen Ausprägungen und jüdischer Ethik, d.h. zwischen Zeitgebundenem und dem ewig Guten. [2] Diesen Schritt wagte dann Israel Jacobson (1768‒1828), als er 1808 feststellte, "dass die Bigotterie alles, Schale wie den Kern, für gleich heilig hält" ‒ und zwar in allen Religionen. [3] Sein Ziel war der "gemeinschaftliche Fortschritt zum Besseren." Eine Berliner Gedenktafel würdigt den Unternehmer Jacobson als Erneuerer des jüdischen Schulwesens in Deutschland, insofern als er 1801 in der norddeutschen Kleinstadt Seesen eine Religions- und Industrieschule für arme jüdische Jungen gründete, die ihnen einen bürgerlichen Moralkodex und eine Berufsausbildung vermitteln sollte. Vor allem aber errichtete er 1810 in Seesen die weltweit erste Reformsynagoge. Seesen gehörte ab 1807 zum Königreich Westphalen, einem französischen Satellitenstaat, der nach dem Feldzug Napoleons gegen Preußen für ein paar Jahre bestand und in dem Napoleons Bruder Jérôme herrschte. Sein Modellstaat sollte die Errungenschaften der französischen (Nach-) Revolutionszeit auf deutschen Boden führen. Jacobson war durch die Ideale der Aufklärung geprägt, und er wandte sich zunächst in Seesen und Kassel, dann in Berlin der Reform jüdischer Bildung und jüdischen Gottesdienstes zu. Die Resonanz war beträchtlich. [4] Der Historiker Michael A. Meyer hat detailliert beschrieben, wie die Gottesdienste würdiger wurden, moralisch erbauliche Predigten in deutscher Sprache gehalten, einige Gebete eher auf Deutsch als auf Hebräisch gesprochen wurden, wie Orgel und Knabenchor eingeführt wurden und von nun an die Feier begleiteten (Synagogenorgeln existierten zuvor schon in Prag und Venedig, aber nicht in Deutschland). Gewisse Gebete, insbesondere diejenigen, die von der Hoffnung auf die Rückkehr ins Land Israel, vom Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem und der Wiedereinführung des Opferdienstes handeln, wurden schließlich ganz und gar weggelassen. [5] Als Jacobson 1815 – nach dem Zusammenbruch des Königreiches Westphalen – in Berlin diese neuartigen Gottesdienste einrichtete, musste man wegen des großen Andrangs zu den Feiertagen in das geräumigere Haus von Jacob Beer ausweichen, das Platz für bis zu 1.000 Personen bot, etwa ein Drittel der damaligen Berliner Judenschaft. Von Berlin aus machten die liberalen Gottesdienste über Hamburg, Leipzig und Frankfurt am Main bald in ganz Deutschland und schließlich auch in Nordamerika Schule. Aufgrund veränderter politischer, kultureller und sozialer Verhältnisse entsprachen sie viel mehr den Bedürfnissen seiner Zeitgenossen ‒ vor allem der jüngeren Generation ‒ nach Würde, Andacht und Erbauung. [6]

Durch Wissen zum Glauben

Auf die Ästhetisierung des Kultus folgten mit Leopold Zunz (1794‒1886) und Rabbiner Abraham Geiger (1810‒1874) die Etablierung der Wissenschaft des Judentums als akademische Disziplin und die Formulierung einer systematischen jüdischen Theologie. Geigers Anliegen war es, "aus dem Judenthum heraus die Judenheit neu und frisch belebt gestalten.“ [7] Geiger sah das Judentum in ständiger Fortentwicklung und stellte die Offenbarung als dynamisches menschlich-geistiges Schöpfungswerk in einen historischen Kontext. Einer seiner Grundsätze lautet: "Durch die Erforschung des Einzelnen zur Erkenntnis des Allgemeinen, durch Kenntnis der Vergangenheit zum Verständnis der Gegenwart, durch Wissen zum Glauben." [8] Wenn Wissen uns zum Glauben führt, dann spricht aus dieser Erwartung ein großes Vertrauen in die vernunftmäßige Erkenntnisfähigkeit des Menschen. Abraham Geiger war der Erste, der für die Errichtung einer jüdischen Fakultät an einer deutschen Universität plädierte. [9] Er veröffentlichte 1836 seinen Aufsatz "Die Gründung einer jüdisch-theologischen Facultät, ein dringendes Bedürfnis unserer Zeit". [10] Am 8. Mai 1872 eröffnete schließlich die Hochschule für die Wissenschaft in Berlin, die erste zentrale Einrichtung des liberalen Judentums weltweit. Die Hochschule hatte bis zu ihrer erzwungenen Schließung 1942 insgesamt 730 Studierende, darunter in den 1920er und 1930er Jahren auch eine Reihe von Frauen. [11]

"Liberal zu sein ist so viel schwerer“

Um 1800 lebte der Großteil der jüdischen Bevölkerung in Deutschland noch als Viehhändler, Hausierer oder Bettler auf dem Land. Mit dem Eintritt der Juden in die bürgerliche Gesellschaft und ihrer fortschreitenden Urbanisierung vollzog sich im deutschsprachigen Raum eine religiöse Pluralisierung, und in den 1860er Jahren folgte der überwiegende Teil der Synagogen in den Großstadtgemeinden dem "neuen Ritus". Inbegriff dessen ist die 1866 eröffnete Neue Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin, für die ihr Musikdirektor Louis Lewandowski (1821‒1894) die Liturgie der jüdischen Gottesdienste ordnete und im romantischen Ton des späten 19. Jahrhunderts durchkomponierte. [12] 1869 fand unter dem Vorsitz von Abraham Geiger die "Israelitische Synode" in Leipzig statt; sie zeugte von der Stärke des liberalen Judentums in Mitteleuropa, vom Engagement für Einheit und Fortschritt, und gab den Impuls zur Gründung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes am 29. Juni 1869, der ersten überregionalen Interessenvertretung der deutschen Juden. [13]

Was aber ist liberal? Abraham Geiger betonte als Wegbereiter einer wissenschaftlichen jüdischen Theologie die universellen Aspekte der jüdischen Lehre und strebte danach, Liturgie und Glaubenslehre mit dem bürgerlichen Wertekanon seiner Zeit zu verbinden. Auch forderte er bereits 1837 die Gleichberechtigung der Frauen in religionspraktischen Dingen. [14] 1846 wurde er darin von der liberalen Rabbinerkonferenz in Breslau bestätigt, [15] auch wenn es mit der Umsetzung noch Jahrzehnte dauern sollte: 1926 kamen liberale Gemeinderepräsentanten und -repräsentantinnen in Berlin erstmals auf das weibliche Rabbinat zu sprechen. [16] 1935 wurde mit der Berlinerin Regina Jonas (1902‒1944) die weltweit erste Rabbinerin ordiniert.

"Suchen oder festhalten?"‒ anhand dieses Begriffspaares unterschied Rabbiner Leo Baeck (1873‒1956) zwischen Reformbewegung und Orthodoxie. [17] Ein wesentliches Kriterium ist der Offenbarungsbegriff. Für das liberale Judentum ist der Offenbarungsprozess nicht abgeschlossen, er schreitet voran, so wie sich der Wille Gottes fortwährend entfaltet. Zentral ist dabei die Überzeugung von der Geschichtlichkeit der göttlichen Offenbarung am Berg Sinai und der jüdischen Tradition, die auch im liberalen Judentum jede halachische (also aus religiösen Vorschriften hervorgehende) Entscheidung prägt. Die Tora ist aus liberaler jüdischer Sicht ein autoritativer Text, ihr gebührt Aufmerksamkeit und Würdigung, sie besitzt aber keine letzte Autorität. [18] Liberale Juden und Jüdinnen sind sich der Schwierigkeit bewusst, Gottes Willen im Alltagsgeschehen zu begreifen, und betrachten die menschlichen Bemühungen darum als heilige Aufgabe, der man nach besten Kräften nachkommen soll. Diese Aufgabe spiegelt sich in Leo Baecks Bemerkung wider: "Den Orthodoxen macht der Schulchan Aruch [das mittelalterliche religionsgesetzliche Kompendium] vieles leichter und nur scheinbar schwerer: Der Orthodoxe hat darin die fertige Antwort, er hat die fertige Entscheidung, er weiß in jeder Stunde, was er tun soll. Liberal zu sein ist so viel schwerer.“ [19] Schwerer, weil man anders als die Orthodoxie eben keine fertigen Antworten hat. Für Baeck wurzelt jüdische Existenz im ethischen Monotheismus der Propheten: "Das Judentum ist nicht nur ethisch, sondern die Ethik macht sein Prinzip, sein Wesen aus." [20] Ethischer Monotheismus meint somit eine Ethik der sozialen Mitverantwortung über die 613 mosaischen Ge- und Verbote hinaus.

Das liberale Judentum ist auch nach der Schoa in Deutschland präsent geblieben: "Die Idee bleibt, um in neuen Formen weiterzuwirken", schrieb Leo Baeck (1873–1956) im Jahre 1946. [21] Er selbst wurde im Januar 1943 ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, überlebte das Lager und ging nach der Befreiung 1945 nach London. Die deutsch-jüdischen Überlebenden waren in der Nachkriegszeit unter den Displaced Persons aus Osteuropa zu einer Minderheit in der Minderheit geworden; es fehlte an rabbinischer Betreuung, an Bildungsarbeit und an sozialem Miteinander. [22] Michael Brenner hat diese Situation so beschrieben: "Nach 1945 konnte man diese deutsch-jüdischen Traditionen nur noch in der Emigration finden, von London über New York bis Montevideo. In Deutschland selbst jedoch setzte sich die jüdische Bevölkerung größtenteils aus osteuropäischen Juden zusammen, die ganz andere Traditionen mit sich brachten. Das dabei heute herrschende Missverständnis macht ihre Nachkommen oftmals zu "Orthodoxen", die streng an den jüdischen Religionsgesetzen festhalten. Dies trifft jedoch nur auf eine verschwindend kleine Minderheit zu. Wenn trotzdem die meisten "Drei-Tage-Juden" an den Hohen Feiertagen eine orthodoxe Synagoge besuchen, so hat dies vor allem mit einer gefühlsmäßigen Bindung an familiäre Traditionen zu tun." [23] Rabbiner Nathan Peter Levinson (1921‒2016), der von 1950 bis 1953 als Vertreter der World Union for Progressive Judaism (WUPJ) in Berlin amtierte, erinnerte sich folgendermaßen an jene Zeit: "Das Problem für einen nichtorthodoxen Rabbiner war es zunächst, sich in einer Gemeinde durchzusetzen, deren Mitglieder größtenteils aus Osteuropa stammten und an liberale Rabbiner ohne Bart und Schläfenlocken nicht gewöhnt waren. Dies, obwohl ich anfänglich, wie auch mein Vorgänger, nur für die liberalen Mitglieder der Gemeinde zuständig war". [24]

Einheit in der Vielfalt

Die allgemeine Stagnation in den jüdischen Gemeinden Deutschlands seit 1945 hatte mit der Wende 1989 und dem Zuzug von Juden aus der früheren Sowjetunion ein Ende. Für viele der etwa 222.000 russischsprachigen Zuwandererinnen und Zuwanderern jüdischer Herkunft galt, was der Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde "Perusch“ im Ruhrgebiet, Lev Schwarzmann, 2008 so formulierte: "Wenn diese Menschen ‚Religion‘ hören, halten sie erst einmal Abstand." Aber die offene, liberale Richtung gebe ihnen die Möglichkeiten, doch noch den Zugang zum Judentum zu finden: "Wir wollen unsere Religion nicht einfach hinnehmen, sondern uns mit ihr auseinandersetzen, wir wollen Formen finden, das Judentum in unser aktuelles Leben sinnvoll einzubinden", sagte Schwarzmann, der selbst aus Moldawien stammt. [25] Für Liberale ist die Gleichwertigkeit aller Menschen unabhängig von ihrem Familienstand oder sexueller Orientierung ebenso selbstverständlich wie das Bekenntnis zu Demokratie und sozialer Gerechtigkeit innerhalb und außerhalb der jüdischen Gemeinschaft. Der inhaltliche Sinn der Mitzwot, der Ge- und Verbote, hat Vorrang vor ihrer verbindlichen Festlegung als "Zeremonialgesetz". Die gelebte Ethik steht über dem leeren Ritual. Die Gebote sind also nicht aufgehoben, ihre Beachtung und Umsetzung wird aber der Gewissensentscheidung des Einzelnen überlassen. [26]

Der Wunsch nach mehr Pluralismus in der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands brachte in den 1990er Jahren auch immer mehr alteingesessene Juden und Jüdinnen dazu, initiativ zu werden. [27] Ebenso brachte der Abzug der amerikanischen Truppen liberale Betergemeinschaften dazu, die früheren amerikanischen Chaplains Centers in Synagogengemeinden zu überführen, was zur religiösen Vielfalt beitrug. Im Juni 1997 wurde in München die Union progressiver Juden in Deutschland (UPJ) gegründet: sie ist Mitglied der seit 1926 bestehenden World Union for Progressive Judaism und hat ihren Sitz in Jerusalem. Als weltweit größter religiöser Verband im Judentum repräsentiert sie über 1,8 Millionen Mitglieder. Die UPJ ist eine religiöse Arbeitsgemeinschaft von gegenwärtig 26 jüdischen Gemeinden sowie weiteren Vereinigungen – darunter auch das Abraham Geiger Kolleg; sie wird in religiösen Fragen von der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland betreut und ist neben dem Zentralrat der Juden in Deutschland der einzige jüdische Bundesverband mit Körperschaftsrechten.

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Union progressiver Juden in Deutschland

Die im Juni 1997 gegründete Union progressiver Juden in Deutschland K.d.ö.R. ist eine Arbeitsgemeinschaft 26 liberaler jüdischer Gemeinden mit rund 5.200 Mitgliedern sowie einer Reihe von Institutionen wie das Abraham Geiger Kolleg an der Universität Potsdam und arzenu Deutschland, Bund progressiver Zionisten e.V. Sie knüpft an die Tradition des liberalen Judentums an, das im Deutschland des 19. Jahrhunderts entstand und hier bis zur Schoa die jüdische Gemeinschaft mehrheitlich prägte. Sie arbeitet in religiösen Fragen mit der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland (ARK) zusammen. Die UPJ hat ihren Sitz in Bielefeld, veranstaltet Jahrestagungen und Seminare, unterhält eine eigene Jugendabteilung und vergibt alle zwei Jahre den Israel-Jacobson-Preis, der Meilensteine des liberalen Judentums würdigt. Weitere Informationen unter www.liberale-juden.de.

Das Abraham Geiger Kolleg ist 1999 als An-Institut der Universität Potsdam gegründet und Ende 2000 eröffnet worden. Als außeruniversitäre wissenschaftliche Einrichtung zur Förderung des deutsch-jüdischen Kulturerbes ist es strukturell und in seiner Finanzierung vergleichbar mit der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Die 2013 von der Universität Potsdam errichtete School of Jewish Theology wurde durch das Kolleg mitinitiiert. Durch eine Bündelung der Ressourcen entstand die erste fakultätsähnliche jüdisch-theologische Einrichtung der deutschen Universitätsgeschichte, an der auch die nicht-orthodoxen Rabbiner und Rabbinerinnen, Kantoren und Kantorinnen auf ihren akademischen Abschluss vorbereitet werden. [28] Das Kolleg war damit die erste Ausbildungsstätte für Rabbiner und Kantoren des liberalen Judentums in Kontinentaleuropa nach der Schoa. Seit seiner ersten Ordinationsfeier 2006 hat das Abraham Geiger Kolleg bereits über vierzig Absolventen und Absolventinnen in ihr geistliches Amt eingeführt. Zusammen mit der School of Jewish Theology, und seiner Schwestereinrichtung, dem konservativ ausgerichteten Zacharias Frankel College, bildet es auf dem Campus der Universität Potsdam am Neuen Palais ein einzigartiges europäisches Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit.

Einerseits gehen die Mitgliederzahlen der jüdischen Gemeinden in Deutschland stetig zurück, andererseits ist abzusehen, dass sich die Heterogenität der jüdischen Gemeinschaft inner- und außerhalb der klassischen Gemeindestrukturen weiter entfaltet. [29] Die Einheitsgemeinde, unter deren gemeinsamen Dach beispielsweise in Berlin unterschiedliche jüdische religiöse Strömungen leben können, ist ein Erfolgsmodell für solch ein Miteinander. Das hat bereits 2010 Jan Mühlstein betont, der damalige Vorsitzende der UPJ in Deutschland: "Zentralrat und Union progressiver Juden haben erkannt, dass Stärke in der Vielfalt liegt." [30]

Fußnoten

1.
Vgl. Michael Brenner, Stefi Jersch-Wenzel und Michael A. Meyer: Deutsch-jüdische Geschichte in der Neuzeit, Bd. 2: Emanzipation und Akkulturation 1780-1871, München 2000, 208-259.
2.
Moses Mendelssohn, Gesammelte Schriften, Jubiläumsausgabe, Bd.7, hrsg. von Simon Rawido-wicz, Berlin 1930, 14.
3.
"Rede bei der Eröffnung des Königlich Westphälischen Consistoriums der Israeliten. Gehalten von dem Präsidenten Israel Jacobson“, in: Sulamith: eine Zeitschrift zur Beförderung der Cultur und Humanität unter den Israeliten, Jg. 2, (1808-1809), Bd. 1, H. 6, 418.
4.
"Feyerliche Einweihung des Jacobs-Tempels in Seesen", in: Sulamith: eine Zeitschrift zur Beförde-rung der Cultur und Humanität unter den Israeliten, Jg. 3, (1810-1811), Bd.1, H. 5, 309f.
5.
Vgl. Michael A. Meyer, Antwort auf die Moderne. Geschichte der Reformbewegung im Judentum, Wien 2000, 263-277.
6.
Vgl. Hartmut Bomhoff, Israel Jacobson. Wegbereiter jüdischer Emanzipation, Berlin 2010, S. 39-43, 48-55.
7.
Abraham Geiger in einem Brief an Leopold Zunz vom 25.04. 1831, zitiert in: Ludwig Geiger, „Aus. L. Zunz‘ Nachlaß", in: Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland, Jg. 5, H. 2 (1892), 244.
8.
Bildunterschrift (Motto) auf dem Porträt Abraham Geigers, das um 1840‒43 in Breslau aufgenommen wurde; das Porträt liegt in den American Jewish Archives, Cincinnati.
9.
Zitiert nach Ludwig Geiger (Hrsg.), Abraham Geiger’s nachgelassenen Schriften, Bd. 5, Breslau 1885, 27.
10.
Abraham Geiger, "Die Gründung einer jüdisch-theologischen Facultät, ein dringendes Bedürfnis unserer Zeit", in: Wissenschaftliche Zeitung für jüdische Theologie, Bd. 2, H. 1 (1836), 16.
11.
Vgl. Esther Seidel, Women Pioneers of Jewish Learning. Ruth Liebrecht and Her Companions at The “Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" in Berlin 1930‒1934, Berlin 2002.
12.
Vgl. Jascha Nemtsov u. Hermann Simon: Louis Lewandowski: "Liebe macht das Lied unsterblich!“ (= Jüdische Miniaturen, Bd. 114), Berlin 2011.
13.
Hartmut Bomhoff, Abraham Geiger. Durch Wissen zum Glauben, Teetz und Berlin 2006, 24.
14.
Abraham Geiger, "Zur Stellung des weiblichen Geschlechts in dem Judenthume unserer Zeit", in: Wissenschaftliche Zeitschrift für jüdische Theologie, Bd. 3 (1837), S. 1.
15.
Protokolle der 3. Versammlung der deutschen Rabbiner, Breslau, den 13.bis 24. Juli 1846, Fünfzehn-te Sitzung, Breslau 1847, S. 265.
16.
Vgl. Hartmut Bomhoff, "The Woman in the House of God‘ (1926) Revisited", in: Hartmut Bomhoff, Denise L. Eger, Kathy Ehrensperger u. Walter Homolka (Hrsg.), Gender and Religious Leadership. Women Rabbis, Pastors, and Ministers, Lanham MD 2019, 71‒87.
17.
Leo Baeck, Ansprache zur Feier der Amtseinfuhrung des Herrn Rabbiners Dr. Bruno Italiener im "Israelitischen Tempel", Gemeindeblatt der Deutsch- Israelitischen Gemeinde Hamburg, 4. Jg., Nr. 2 (10.02.1928), o. S.
18.
Vgl. Moshe Zemer, Jüdisches Religionsgesetz heute – Progressive Halacha, Neukirchen 1999.
19.
Leo Baeck, "Die Botschaft des liberalen Judentums an den Juden von heute", in: First Conference of the World Union for Progressive Judaism Held at Berlin, Saturday, August 18th-Monday, August 20th, hrsg. von der WUPJ, o. O., 1928, 148‒150
20.
Leo Baeck, Das Wesen des Judentums, Frankfurt am Main 1905, 32.
21.
Leo Baeck, "Die Idee bleibt", in: K.C. Blätter. Festschrift, New York 1946, 1f.
22.
Vgl. Walter Homolka, "Neuanfang und Rückbesinnung. Das liberale Judentum in Deutschland nach der Schoa", in: Elke-Vera Kotowski (Hrsg.), Das Kulturerbe deutschsprachiger Juden. Eine Spurensuche in den Ursprungs-, Transit- und Emigrationsländern, Berlin/München/Boston 2015,453-469.
23.
Michael Brenner, "Als in der Synagoge die Orgel erklang. Reinheit des Glaubens oder Einheit der Gemeinden? Zur Geschichte des Streits zwischen orthodoxen und liberalen Juden", in: Die Welt, 14. Mai 2004.
24.
Nathan Peter Levinson, Ein Ort ist, mit wem du bist. Lebensstationen eines Rabbiners, Berlin 1996, 108f.
25.
Anke Klapsing-Reich, "Perusch kämpft um Anerkennung. Lev Schwarzmann über die Liberale Jüdi-sche Gemeinde Ruhrgebiet", in: Kescher. Informatonen über liberales Judentum im deutschsprachigen Raum, Jg. 6 (9/2008), 24.
26.
Vgl. Andreas Nachama, Walter Homolka u. Hartmut Bomhoff, Basiswissen Judentum, Freiburg/Basel/Wien 2015, 117-124.
27.
Vgl. Heinz-Peter Katlewski, Judentum im Aufbruch. Von der neuen Vielfalt jüdischen Lebens in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Berlin 2002.
28.
Vgl. Walter Homolka, "Der Rabbinerberuf in Deutschland. Zur Entwicklung seiner Ausbildungsstruk-turen seit dem 19.Jahrhundert“, in Bernd Schröder (Hrsg.), Pfarrerin bzw. Pfarrer werden und sein, Leipzig 2020, 113-119, ders., "‘Eine erstaunliche Diversität von Orientierungen‘ – zur Pluralität im gelebten Judentum in Deutschland", in: Bernd Schröder (Hrsg.) Jahrbuch der Religionspädagogik, Göttingen 2020, 40-52.
29.
Vgl. Eliezer Ben-Rafael, Yitzhak Sternberg und Olaf Glöckner: Juden und jüdische Bildung im heutigen Deutschland. Eine empirische Studie im Auftrag des L. A. Pincus Fund for Jewish Education in the Diaspora, Jerusalem 2010.
30.
Jan Mühlstein, "Was zusammengehört", in: Jüdische Allgemeine, 10. Dezember 2010.
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