Kinder der jüdischen Grundschule in Frankfurt am Main sitzen zusammen an einem Tisch

20.5.2021 | Von:
Adina Stern

Jüdische Emanzipation in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert

Jüdische Emanzipation in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)

Seit in der Folge der europäischen Aufklärung und der im deutschsprachigen Raum einsetzenden Reformpolitik die Durchsetzung eines modernen Staatsbürgerrechts zum Tragen kam, wurde auch die Forderung nach der politischen Gleichstellung der Juden zum Gegenstand der öffentlichen Debatte. Exemplarisch steht dafür die Schrift Über die bürgerliche Verbesserung der Juden des preußischen Juristen und Diplomaten Christian Konrad Wilhelm Dohms (1751-1820) aus dem Jahre 1781. Dohm prangert in dieser an, die Ursachen für die den Juden zugeschriebenen negativen Eigenschaften beruhten auf ihrer jahrhundertlangen rechtlichen und gesellschaftlichen Diskriminierung. Mit dem Wunsch nach gesellschaftlicher Verbesserung einher ging auch die Forderung nach religiöser Toleranz sowie die gleichzeitige Bereitschaft, sich in die christliche Mehrheitsgesellschaft einzugliedern.

Vor allem der Kreis um Video-Icon Moses Mendelssohn wollte das Judentum und die Jüdinnen und Juden durch Erziehung zu deutscher Sprache und Kultur in die christliche Gesellschaft eingliedern: In Berlin wurde 1778 die jüdische Freischule gegründet, in der zum ersten Mal neben jüdischen Fächern auch Deutsch, Französisch, Mathematik und Geografie gelehrt wurde. Einer der Schulgründer war der aus Königsberg stammende David Friedländer (1750-1806), der nach dem Tod Mendelssohns (verstorben 1786) zu einem der treibenden Kräfte der Modernisierung des Judentums wurde. Er verfasste das erste Lesebuch für jüdische Kinder und übersetzte das hebräische Gebetbuch ins Deutsche.

Friedländer setzte Mendelssohns Bemühungen um Annäherung zwischen Judentum und Christentum fort, denn seiner Meinung nach handelte es sich um eine "gemeinsame, natürliche Religion". So schrieb er 1799 ein Sendschreiben von einigen Hausvätern jüdischer Religion an den evangelischen Theologen Wilhelm Abraham Teller, in dem er praktische Vorschläge für den "Versuch einer Glaubensvereinigung" von Judentum und Protestantismus machte. Jüdinnen und Juden sollten zwar von einigen christlichen Riten und dem Glauben an Jesus als Messias befreit werden, aber die Taufe hielt er durchaus für annehmbar. Friedländer hatte keinen Erfolg mit seinem Versuch, die "bürgerliche Verbesserung" auf diese Art voranzubringen, sondern wurde vielmehr von christlichen wie jüdischen Kritikern gleichermaßen beschuldigt, sie erkaufen zu wollen. Zu seinen Kritikern gehörten etwa Rabbiner Meyer Simon Weyl (1744-1826) sowie der Theologe Friedrich Schleiermacher (1786-1834) und der Dichter, Theologe und Philosoph Johann Gottfried Herder (1744-1803).

Zu den Vertretern dieser ersten Emanzipationsbestrebungen gehörte auch Friedländers Schwager, der Bankier Isaak Daniel Itzig (1750-1806). Itzig wurde im Jahre 1791 von Friedrich Wilhelm II., von 1786 bis zu seinem Tode 1797 König von Preußen, zu einem der ersten jüdischen Beamten in Preußen ernannt. Doch diese Anerkennung blieb die Ausnahme – der breiten jüdischen Bevölkerung blieben Emanzipation und politische Partizipation nach wie vor verwehrt. Das Leben des größten Teils der jüdischen Bevölkerung spielte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach wie vor im Geist der jüdischen Tradition ab – im Kreise der Familie und der jüdischen Gemeinde. Die meisten lebten in ärmsten Verhältnissen und ihr Kontakt zum christlichen Umfeld war auf ein Minimum beschränkt. Nur in Berlin gelang es einer intellektuellen Elite, den Anschluss an die aufgeklärte, gebildete Welt zu finden. Zu dieser Gruppe gehörten unter anderem die Familien Herz und Levin.

Der in Berlin geborene Marcus Herz (1747-1803) war der Sohn eines Thora-Schreibers, ein traditioneller jüdischer Beruf. Während er auf Wunsch seines Vaters eine Kaufmannslehre in Königsberg absolvierte, wurde der Philosoph Immanuel Kant auf ihn aufmerksam. Er empfahl Herz, zurück nach Berlin zu gehen und dort ein Medizinstudium aufzunehmen, das ihm wiederum David Friedländer finanziell ermöglichte. Herz wurde zu einem der renommiertesten Ärzte seiner Zeit. Er leitete das damals neu gegründete Jüdische Krankenhaus und wurde 1787 von Friedrich Wilhelm II. zum Professor ernannt. Herz war mit Henriette Herz (geb. Lemos) verheiratet. Gemeinsam betrieben sie in ihrer Wohnung einen literarischen Salon, der zu einem Treffpunkt des intellektuellen Berlins wurde. Während Marcus Herz Vorlesungen und Gesprächsrunden über Kants Philosophie und andere wissenschaftliche und philosophische Themen führte, versammelte Henriette wiederum einen Kreis junger literaturinteressierter Männer und Frauen um sich, die vor allem die Werke Goethes diskutierten. Für Henriettes Gäste machten gesellschaftlicher Rang oder akademische Titel zumindest im Salon keinen Unterschied. Ihr Ehemann dagegen empfing bewusst hochgestellte Gäste aus Politik und Kultur. So trafen sich in diesem "Doppelsalon" bald ganz unterschiedliche Gesellschaftskreise; zu den berühmten und gesellschaftlich einflussreichen Besucher*innen gehörten unter anderem die Brüder von Humboldt, der Journalist Ludwig Börne oder Rahel Levin.

Henriette Herz schloss sich nach dem frühen Tod ihres Mannes 1803 dem zweiten Zentrum des intellektuellen Berliner Lebens an: dem Salon ihrer Freundin Rahel Levin (1771-1833). Diese galt als "geistreichste Frau" ihrer Zeit und betrieb von 1790 bis 1806 in ihrer Wohnung eine "Republik des freien Denkens". Levins Lebenslauf steht beispielhaft für die Zerrissenheit des intellektuellen, nach politischer und gesellschaftlicher Partizipation strebenden jüdischen Bürgertums Preußens: In ihrem Salon spielten Standesunterschiede, Religion und Geschlecht keine Rolle; zu ihren Besuchern und Freunden gehörten unter anderem die Dichter Friedrich Schiller und Clemens von Brentano. Laut Hannah Arendt, die erste Biographin Rahel Levins, waren es vor allem die jüdischen Frauen mit ihren literarischen Salons, welche die eigentliche gesellschaftliche Partizipation vollzogen: "Gerade weil Juden außerhalb der Gesellschaft standen, wurden [die jüdischen Salons] für kurze Zeit eine Art neutraler Boden, auf dem sich die Gebildeten trafen." Und doch: Um 1814 den Diplomaten Karl August Varnhagen von Ense heiraten zu können, musste Levin zum Christentum übertreten. Zeit ihres Lebens war sie in ihrer Identität hin und hergerissen. Mal sprach sie von ihrer jüdischen Herkunft als von einem "Dolch, den man ihr ins Herz gestoßen" habe, dann wieder, kurz vor ihrem Tod, von einer Tatsache, die sie "um keinen Preis missen möchte".

Dieses christlich-jüdische gesellschaftliche intellektuelle Leben fand noch vor des teilweise rechtlichen Fortschritts, der mit dem 1812 vom preußischen König erlassenen "Edikts betreffend der bürgerlichen Verhältnisse der Juden in dem Preußischen Staate" einsetzte, statt. Das Edikt stufte die in Preußen lebende jüdische Bevölkerung juristisch nicht mehr als "Fremde" ein und machte sie von vormaligen "Schutzjuden" zu Staatsbürgern, doch hieß das noch lange nicht, dass die jüdische Bevölkerung nun von der christlichen Mehrheitsgesellschaft als gleichwertig akzeptiert wurde.

Der, wenn auch mit Einschränkungen versehene, rechtliche Fortschritt, den die Verleihung des Bürgerrechts für die Juden in Preußen bedeutete, wurde mit der Neuordnung Europas nach dem Sieg über Napoleon in Frage gestellt und währte nicht lange. Das gilt auch für das Königreich Westphalen, das als französischer Satellitenstaat und in Anlehnung an die napoleonische Gesetzgebung in Frankreich von 1807 bis 1813 seiner jüdischen Bevölkerung die weitreichendsten Rechte unter den deutschen Staaten gewährte. Auch diese wurden zum Teil wieder aufgehoben, so dass letztendlich zahlreiche Jüdinnen und Juden zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Christentum übertraten. Mit dem Taufzettel erhofften sie sich endlich das "Entreébillet zur europäischen Kultur", wie es der berühmteste deutsch-jüdische Dichter seiner Zeit, Heinrich Heine (1797-1856) nannte. Ebenso wie Rahel Levin-Varnhagen war auch Heine nicht nur enttäuscht von der Nutzlosigkeit seines Übertritts zum Christentum, sondern litt bis zu seinem Tod unter einem zwiespältigen Verhältnis zur jüdischen Religion. So machte er sich einerseits bisweilen über "jüdische Eigenschaften" lustig, andererseits blieb er dem Judentum emotional stets verhaftet: in seinen Hebräischen Melodien schrieb er "und es welke / meine rechte Hand, vergäße ich / Jemals dein, Jerusalem!"

Heinrich Heine und Rahel Levin-Varnhagen sollten die politische und gesellschaftliche Emanzipation der Jüdinnen und Juden nicht mehr erleben. Diese ließ noch bis 1862 auf sich warten, als das Großherzogtum Baden als erster deutscher Staat die uneingeschränkte Gleichberechtigung gewährte. Und erst 1871 wurde die bürgerliche und religiöse Gleichstellung aller Konfessionen im Deutschen Kaiserreich zu einem gesamtstaatlichen Gesetz.


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