Kinder der jüdischen Grundschule in Frankfurt am Main sitzen zusammen an einem Tisch

28.10.2021 | Von:
Yael Kupferberg

Was ist Judentum?

Was ist Judentum? (© 2021 Bundeszentrale für politische Bildung)

1. Grundlagen

Das Judentum existiert seit etwa dreitausend Jahren und gilt als die älteste der drei monotheistischen Weltreligionen. Hier ist die Idee von dem "einen", nicht-sichtbaren und allmächtigen Gott verbirgt, auf den sich auch Christentum und Islam berufen.

In den Jahrtausenden hat sich jüdische Geschichte und jüdische Praxis in vielen Ländern vielfältig ausgebildet. Jüdinnen und Juden sind einer Geschichts- und Traditionsgemeinschaft zugehörig, dessen Selbstverständnis auf einer ethischen, religiösen, säkularen und/oder ethnischen Grundlage fußt. Das Judentum betrachtet Taten als zentralen Ausdruck jüdischen Lebens, als alltägliche Praxis verankert ist es geboten, so formulierten es bereits die Propheten, an "tikkun haolam" (hebr. "Heilung/Reparatur der Welt") mitzuwirken.

2. Diaspora und Eretz Jisrael

Theologisch, soziologisch und historisch ist "Diaspora" (griech. "Zerstreuung") seit der Zerstörung des zweiten Tempels und der Vertreibung der Juden aus Jerusalem im Jahre 70 n.u.Z. mit jüdischer Existenz verknüpft. Die Sehnsucht nach "Zion" und die Hoffnung auf Rückkehr in das von Gott verheißene Land sind bedeutsame Topoi jüdischen Denkens aller Jahrhunderte. Jerusalem ("Stadt des Friedens") wurde zur Metapher von Vollkommenheit und Friede. Das "Gelobte Land" ist für die einen der konkrete Staat Israel, für die anderen universeller Frieden. Nach fast zweitausend Jahren im Exil, bzw. Diaspora, erfolgte in der postemanzipatorischen Zeit, im 19. Jahrhundert eine Wende: die politisch-nationale Konkretion. Ein Jüdischer Staat, Israel, sollte geschaffen werden, angesichts des zunehmenden Antisemitismus der europäischen Nationalstaaten Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Nach der Vertreibung und millionenfachen Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden wurde eine politische Existenz, ein eigener jüdischer Staat Realität: am 14. Mai 1948 wurde der Staat Israel gegründet.

3. Tora, Tanach, Talmud

Die "Tora" (hebr. "Gesetz", "Lehre") enthält die Fünf Bücher Mose. Als wichtigster Teil der Hebräischen Bibel, zu der zudem die "Propheten" (hebr. "newi’im") und die Schriften (hebr. "ketuwim") zählen, bildet die Tora die religiöse Quelle des Judentums. Die Hebräische Bibel ist sowohl Erzählung als auch Gesetzesbuch und wird im religiösen Jahreszyklus am Schabbat-Gottesdienst gelesen. Die Tora ist ursprünglich in hebräischer Sprache, d.h. nicht vokalisiert, geschrieben. Die Leser*innen müssen über sehr gute Hebräisch-Kenntnisse verfügen, um den Text verstehen und interpretieren zu können. Die in der Tora enthaltene Erzählung von der Schöpfungsgeschichte bis hin zur Landnahme Kanaans, die Offenbarung und der Bund mit Gott, d.h. die Übergabe der 613 Ge- und Verbote sind von paradigmatischer Bedeutung und verankert eine Ethik; insofern wird das Judentum auch als "ethischer Monotheismus" bezeichnet und gilt als "Gesetzesreligion". Der "Talmud" (hebr. "Belehrung", "Studium") ist neben der Tora das wichtigste Kompendium. Es enthält die Tora erläuternden rabbinischen Schriften, d.h. die schriftliche Fassung der Lehre und der gesetzlichen Vorschriften des nachbiblischen Judentums. Der Talmud umfasst Regeln für das gesellschaftliche und familiäre Zusammenleben (z.B. Steuer-, Zivil- und Strafrecht, Ehe- und Familiengesetzgebung, Krankheit und Hygiene, Opfer- und Schlachtbestimmungen sowie Reinheitsbestimmungen, etc.).

4. 613 Gesetze

Das Judentum ist eine lebensbejahende Religion. Das wichtigste Gebot besteht darin, Leben zu erhalten und zu retten. Die "Zehn Gebote" sind die Grundlage des jüdischen Religionsgesetzes. Darüber hinaus nennt die Tora weitere 613 "mizwot"; 248 davon sind Gebote, also religiöse Pflichten, 365 sind Verbote, darunter jenes Gebot, nur "koschere" ("reine") Tiere zu verzehren und das Verbot, am Schabbat zu arbeiten. Ein zentrales jüdisches Gebot ist es "deinen Nächsten zu lieben, denn er ist wie Du".

5. Bilderverbot

Das Zweite Verbot der "Zehn Gebote", das "Bilderverbot", verbietet nicht das Bild im Allgemeinen, sondern die Verehrung von Götzen. Es impliziert auch, den heiligen Namen Gottes nicht auszusprechen, denn Gott lässt sich weder in Bilder noch in Worte fassen. Religiöse Jüdinnen und Juden sprechen diesen Namen weder im Gottesdienst noch im Alltag aus. Der Name wird u.a. durch "hashem" ("der Name", "der Ewige), "adonai" ("mein Herr) oder auch "elohim" (plural von "el", "G’tt") angezeigt.

6. Schabbat

Der "Schabbat" (hebr. "schevet", "ruhen", "aufhören"), ist der siebte Tag der Woche, an dem keine Arbeit verrichtet werden darf. Begründet ist dieser wichtigste jüdische Feiertag in der Schöpfungsgeschichte: Gott benötigte sechs Tage zur Schöpfung der Welt, am siebten ruhte er. Die Einhaltung des Schabbat ist in den Zehn Geboten festgeschrieben und beginnt wie alle Tage des jüdischen Kalenders am Abend und dauert von Sonnenuntergang am Freitag bis zum Eintritt der Dunkelheit am folgenden Samstag. Fromme Jüdinnen und Juden dürfen am Samstag nicht arbeiten, die Gläubigen dürfen am Sabbat und an den religiösen Feiertagen weder kochen noch das Licht anschalten, keine elektrischen Geräte benutzen, keine Autos fahren oder Busse, Bahnen, Schiffe oder Flugzeuge benutzen.

7. Kaschrut

Mit "Kaschrut" ("Tauglichkeit", "tauglich", "rein"), "koscher" (adj.) wird "dem jüdischen Gesetz gemäß" bezeichnet, was rein für den Genuss, zum Verzehr geeignet ist. Diese betrifft nicht nur Lebensmittel und Speisevorschriften, sondern auch jene Produkte, die tierischer und pflanzlicher Herkunft sind (Stoffe, Kleidung, Medikamente etc.). Streng voneinander getrennt werden Milch- und Fleischprodukte (d.h. der gemeinsame Verzehr von Milch- und Fleischprodukten ist nicht erlaubt); der Verzehr von Blut ist verboten, weshalb z.B. Tiere ausbluten müssen, bevor sie verzehrt werden. Eier, Fische, Gemüse und Früchte gelten als "neutral", da sie weder milchig noch fleischig sind und können mit Milch oder mit Fleisch verzehrt werden. "Kaschrut" kann aber auch auf Handlungen übertragen werden, z.B. Arbeitnehmerrechte, Tierrechte oder Geschäftsethik.

8. Synagoge (Bet Ha’knesset)

Die Synagoge ("Haus der Versammlung") dient traditionell als Lehrhaus. Sie ist ein wichtiger gemeinschaftlicher, sozialer Ort der Jüdischen Gemeinde, in der gebetet, gelernt und gefeiert wird. Synagogen sind stets in Richtung des Tempelberges in Jerusalem ausgerichtet.

9. Feiertage

  • Rosch haSchana (hebr. "Kopf", "Anfang des Jahres")
    Das liturgische Jahr beginnt im September/Oktober mit dem Neujahrsfest. Der Anfang eines neuen Jahres gilt dem Gedenken und der Sühne: In den kommenden zehn Tagen bittet man Gott und Mensch aktiv um Verzeihung für begangene Fehltritte. Die zehntägige Bußzeit wird traditionell mit dem Blasen eines Widderhorns ("Schofars") eingeleitet. Im Verzehr von in Honig getauchten Äpfeln wird der Wusch symbolisiert, dass das kommende Jahr mild und heilsam sein werde.
  • Jom Kippur (hebr. "Tag der Sühne")
    Jom Kippur gilt als der höchste Feiertag im Judentum. Zehn Tage nach Rosch haSchana wird die Versöhnung mit Gott und den Mitmenschen ersucht. Der Tag wird in der Synagoge betend und fastend verbracht; er gilt der Umkehr und als Anlass zur Selbstreflexion. Der Tag endet mit dem gemeinsamen Gebet in der Synagoge und einem abschließenden Blasen des Widderhorns.
  • Pessach
    Das bedeutende achttägige Fest (März/April) erinnert an den Auszug ihres Volkes aus Ägypten und die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei durch Erzählung, Lobgesang und rituelle Speisen. Am ersten Abend versammelt sich die Familie um einen reichgedeckten Tisch zum Genuss von symbolträchtigen und gesegneten Gerichten (z.B. ungesäuertes Brot, Eier, Bitterkräuter u.a.), die nach einer festgelegten Reihenfolge verzehrt werden. Die rituelle und narrative Besinnung auf die Geschichte ist im Judentum traditionell und kulturell fest verankert.

10. Menora

Der siebenarmige Leuchter ist seit Jahrtausenden religiöses Symbol des Judentums. Moses, so die Überlieferung, erhielt ihre Beschreibung auf dem Berg Sinai und wurde beauftragt, diese herzustellen, während der vierzigjährigen Wanderung mitzuführen und sie schließlich im Jerusalemer Tempel aufzustellen. Die Menora ist zudem offizielles Emblem des Staates Israels. Sie steht für Erleuchtung, Einsicht und das Licht der Lehre. In der Synagoge vergegenwärtigt sie den Tempel in Jerusalem.


Der vorliegende Text ist eine gekürzte und veränderte Fassung der Studie zu "Zum Naturverständnis des Judentums", die dem Gestaltungswettbewerb zum "Jüdischen Garten in den Gärten der Welt Berlin Marzahn-Hellersdorf" als Auftragsarbeit zu Grunde lag, hg. v. Grünberlin GmbH, redaktionell betreut v. Frank Sadina, Berlin 2018. Die Studie ist eine Handreichung, die über Grundlagen des Judentums informiert. Hier einsehbar:
https://www.gaertenderwelt.de/fileadmin/images/PDFs_Veranstaltungen/Kupferberg_Naturverstaendnis_des_Judentums.pdf


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