Marshallplan

31.10.2005 | Von:
Dr. Elke Kimmel

Die politische Lage in Europa und den USA

Die amerikanische Administration unter Truman hatte 1947 sowohl innen- als auch außenpolitisch gegen starke Widerstände zu kämpfen. Innenpolitisch sah sich der Präsident nach den Wahlen einer starken republikanischen Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses gegenüber.

Für die Außenpolitik konnte das den Rückzug aus Europa zur Folge haben, da das europäische Engagement tatsächlich große Kosten verursachte. Allerdings ignorierte diese Sichtweise die perspektivische wirtschaftspolitische Bedeutung Europas für die USA.

Der amerikanische Präsident Harry S. Truman bei seiner Rede nach Unterzeichnung der Gründungscharta der Vereinten Nationen in San Francisco.US-Präsident Harry S. Truman vor den Vereinten Nationen. (© AP)

Situation in Europa

Außenpolitisch sahen sich die USA mit einer schwierigen Situation in Europa konfrontiert. Die Zusammenarbeit im Alliierten Kontrollrat und auf den Konferenzen gestaltete sich problematisch, da häufig notwendige Entscheidungen durch die sowjetische Blockadehaltung erschwert wurden. Insbesondere in der Reparationsfrage schien keine Einigung möglich. Die Teilung Deutschlands bzw. die Errichtung eines westdeutschen Separatstaates war vor diesem Hintergrund naheliegend.

Prekär war die Situation außerdem in Frankreich und Italien: In beiden Staaten standen Wahlen bevor und Wahlerfolge der kommunistischen Parteien waren wahrscheinlich; zudem waren die kommunistischen Gewerkschaften in diesen Ländern stark. Die konservative griechische Regierung kämpfte seit 1946 in einem Bürgerkrieg gegen von Moskau unterstützte Regimegegner. Großbritannien, das diesen Kampf bislang unterstützt hatte, sah sich Anfang 1947 außerstande, diese Hilfen fortzusetzen. In diesem Zusammenhang und im Kontext militärischer Unterstützung für die Türkei, redete Truman am 12. März 1947 vor beiden Häusern des Kongresses. Er verlangte, dass jedes Volk, das gegen den Kommunismus und für die Freiheit kämpfe, sich amerikanischer Unterstützung sicher sein müsse. Tatsächlich wurden die Mittel zur militärischen Unterstützung der beiden Staaten bewilligt. Im Kontext dieser Politik entstand auch der amerikanische Auslandsgeheimdienst Central Intelligence Agency – CIA.

Marshalls Angebot und die europäischen Reaktionen

Wie nicht anders zu erwarten, stießen die Äußerungen Trumans auf entschiedene Ablehnung in der Sowjetunion. Vor diesem politischen Hintergrund entwickelte der auch bei den Republikanern als "Kriegsheld" sehr populäre Außenminister Marshall seine Gedanken zunächst in einem bewusst unpolitischen Kontext, an der Universität Harvard, um den politischen Handlungsspielraum abzuschätzen.

Frankreich und Großbritannien erkannten das in dem Angebot liegende Potenzial sofort. In Reaktion auf das von Marshall geforderte Eigenengagement der Europäer luden sie bereits Mitte Juni 1947 – also nur knapp zwei Wochen nach der Rede Marshalls – eine sowjetische Delegation zu Gesprächen nach Paris ein. Beide Staaten hatten indes wenig Interesse an einer tatsächlichen Teilnahme der UdSSR. Sie fürchteten deren bislang praktizierte Verzögerungstaktik und strebten ihrerseits eine schnelle Umsetzung des Plans an. Molotow war zwar grundsätzlich sehr interessiert an weiteren amerikanischen Wirtschaftshilfen. Aber er war nicht bereit, den USA oder einer anderen Macht den im Angebot gewünschten Einblick in die sowjetischen Staatsfinanzen zu geben. Außerdem waren die handels- und europapolitischen Rahmenbedingungen des Marshallplans für ihn inakzeptabel. Grundsätzlich hatte auch die USA wenig Interesse an einer sowjetischen Teilnahme. Allerdings war es für sie von größter Bedeutung, dass die Sowjetunion das Angebot aus den USA ablehnte. Die Vereinigten Staaten durften nicht mit dem Negativimage der deutschen und europäischen Teilung belastet werden.

Während nach der endgültigen Absage der Sowjetunion durch Molotow am 2. Juli 1947 in Europa die Vorbereitungen zu einer großen Konferenz zur Ausarbeitung der gewünschten Papiere anliefen, begannen parallel in den USA umfangreiche PR-Aktionen zur Popularisierung des Aufbauplans. Dieser wurde eng mit dem Namen und der Person Marshalls verknüpft, der wesentlich populärer war als sein Präsident.