Ein Kohlerevier in Deutschland

14.12.2020 | Von:
Stefan Stiletto

Die Wiese – ein Paradies nebenan

Regie: Jan Haft
Deutschland 2019
Dokumentarische Form, 93 Minuten
Eine Pippauwiese.Eine naturnahe Blumenwiese wie sie in Deutschland immer seltener wird. (© Nautilusfilm/polyband Medien GmbH/ Foto: Jan Haft)

Erhabener Chorgesang, elegant dahingleitende Drohnenaufnahmen, die die Natur aus der Vogelperspektive zeigen. Und Vogelgezwitscher. Lautes Vogelgezwitscher. Als die Musik anschwillt, kreist die Kamera nicht etwa noch weiter in die Höhe, um den größtmöglichen Überblick durch eine Panoramaaufnahme zu zeigen, sondern taucht ein in ein bodennahes Dickicht aus Halmen und Blüten, die auf einmal riesig groß wirken und an einen Dschungel erinnern. Aber wir befinden uns "nur" in einer Wiese. Der Naturfilmer Jan Haft findet das Spektakuläre im Naheliegenden. Dabei braucht er keine exotischen Schauplätze für seine Filme. Haft zeigt vermeintlich vertraute Orte aus einer anderen Perspektive und geht darin auf Entdeckungsreise: Wälder, Moore, Wiesen mögen vielleicht weniger reizvoll klingen als Fjords, die Tiefsee oder die Savanne – weniger faszinierend sind sie keineswegs.

Staunen und Wissensvermittlung

Angefangen im Frühling folgt Jan Haft über den Verlauf eines Jahres dem Leben in einer Wiese, die für ihre Bewohner/-innen mal Futterquelle, mal Nistplatz, mal Jagdrevier ist. Auf nur wenigen Quadratmetern einer Wiese lassen sich etwa 100 Pflanzen- und noch mehr Tierarten finden. Immer wieder lenkt der Film den Blick auf Details und fängt Bilder ein, die das Publikum zum Staunen oder Schmunzeln bringen. Er beobachtet aus nächster Nähe einen Feldgrillenkampf oder zeigt die Geburt zweier Rehkitze. Oder er stellt den Kugelschneller vor, eine heimische Pilzsorte, die auf totem Holz wächst und sich durch lautes Knallen bemerkbar machen kann, wenn sie Sporenkugeln durch den Wald schießt. Zahlreiche Sachinformationen liefert begleitend dazu der Voice-Over-Kommentar, der das Gesehene erläutert und vertieft und oft ganz im Dienste der Wissensvermittlung steht. Auf einen einzigen tierischen Protagonisten konzentriert Haft sich aber in "Die Wiese" nicht. Sein Film gleicht eher einem Streifzug durch dieses vielfältige Ökosystem, der erst die immense Artenvielfalt sichtbar macht.

Endoskopische Aufnahmen und ein experimentelles Sounddesign veranschaulichen die Lebensweise von Wanzen und Zikaden. (© nautilusfilm)

Mit Bildern und Geräuschen erzählen

Es ist ein Leichtes, sich in den beeindruckenden Bildern von Jan Haft zu verlieren. Mit Filmen wie "Das grüne Wunder – Unser Wald" (DE 2012) und "Magie der Moore" (DE 2015) hat der Regisseur und Produzent Naturfilme gedreht, die vor allem durch ihre Schauwerte überzeugen. Bei "Das geheime Leben der Bäume" (DE 2020), der auf dem Bestseller-Sachbuch von Peter Wohlleben beruht und zugleich den Förster porträtiert, war Haft für die Naturaufnahmen zuständig. Für diesen Film hat er Bilder gefunden, die die Bäume in idyllisches, magisches Licht tauchen und so ihre Schönheit sicht- und spürbar machen. Auch in "Die Wiese" ist die Kamera genau platziert. Aufnahmen in Zeitlupe und Zeitraffer sind effektvoll, aber nicht effekthascherisch eingesetzt. Langsame Kamerafahrten, die der Regisseur gerne einsetzt, lassen die Bilder oft gleichsam elegant und schwebend wirken. Und immer wieder sind es auch hier die Lichtstimmungen, die die Bilder poetisch aufladen.

Vor allem dem Ton kommt bei diesem Film eine besondere Bedeutung zu. Manchmal entsteht durch die Geräuschdichte sogar eine immersive Wirkung, die die Beobachtungen noch plastischer werden lässt. Das Summen der Bienen oder das Zirpen der Grillen werden dabei ergänzt durch Geräusche, die normalerweise für den Menschen nicht wahrnehmbar wären. Durch eine technische Verstärkung macht Haft etwa die Kommunikation von Wanzen hörbar. Die Musikuntermalung unterdessen passt sich dem Geschehen an in Tonart, Instrumentenwahl und Rhythmus – von dem emotionalisierenden Klangteppich bis hin zum extremen Underscoring, wenn die Musik sich den Bewegungen im Bild angleicht und dadurch beispielsweise die in Zeitraffer gezeigten Bewegungen von Wiesenblumen komödiantisch wirken lässt.

Eine Mahnung

Aber Jan Haft schlägt auch kritische Töne an und bettet seine Beobachtungen in einen größeren Kontext ein. Beiläufig erzählt er von der Gefährdung der Natur: von Idyllen, die durch die Menschen zerstört werden, von Brachvogelarten, deren Populationen stetig abnehmen und in naher Zukunft auszusterben drohen – und von einer Agrarpolitik, die durch Subventionen mit daran schuld sei, dass immer mehr ökologisch wertvolle Wiesen in Ackerland umgewandelt werden. Dies geschieht auch zum Anbau sogenannter Energiepflanzen wie Mais und Raps, die für die Herstellung von Biotreibstoffen genutzt werden. Der Ruf nach der Förderung erneuerbarer Energien – für das Ökosystem Wiese habe dieser auch erhebliche Schattenseiten.

Geschickt leitet Haft das Publikum so durch seine Argumentation. Nachdem er es anhand konkreter Bilder, die für sich sprechen, für die Schönheit der Natur sensibilisiert hat, spannt er den Bogen zu einer klaren Kritik, die mit der deutlichen Empfehlung endet, dem Schutz der Artenvielfalt Priorität einzuräumen.

Die aufklärerische Funktion des Naturfilms weiß Haft zu nutzen. Schade ist eigentlich nur, dass die von ihm geschriebenen Texte für den Voice-Over-Kommentar oft eine allzu pathetische Note tragen und sich in ihrem Duktus und ihrer Wortwahl vor allem an ein älteres gebildetes Publikum richten. Stellt man sich vor, wie man mit den von Haft gefundenen Bildern stattdessen eine Geschichte für Kinder erzählte – die Filme könnten mit ihrer ganz besonderen Qualität auch eine jüngere Zielgruppe erreichen.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Stefan Stiletto für bpb.de

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