Junge mit Megafon vor Tafel

29.11.2019 | Von:
Kerstin Pohl

Brauchen wir ein eigenes Unterrichtsfach Wirtschaft?

Brauchen wir ein eigenes Unterrichtsfach Wirtschaft oder sind wirtschaftliche Inhalte in einem integrativen Fach zur politischen Bildung besser aufgehoben? Darüber gibt es in den letzten Jahren eine Kontroverse, die teilweise als erbitterter Streit ausgetragen wird.

Eurozeichen Graffiti auf Drahtglasscheibe. (© picture-alliance, imageBROKER)

Gute Gründe für mehr ökonomische Bildung

Das Unterrichtsfach Wirtschaft ist an Berufsschulen als eigenständiges Fach fest verankert. In allgemeinbildenden Schulen gibt es seit 2017 in Baden-Württemberg ein eigenständiges Pflichtfach "Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung" (WBS). Die meisten anderen Bundesländer integrieren Inhalte der ökonomischen Bildung vor allem in das Unterrichtsfach zur politischen Bildung, das je nach Bundesland zum Beispiel "Politische Bildung", "Politik", "Sozialkunde" oder "Sozialwissenschaften" heißt. Immer häufiger kommt aber auch die Fachbezeichnung "Politik und Wirtschaft" bzw. "Politik/Wirtschaft" vor. In diesem Text wird dieses Fach der Empfehlung der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung (GPJE) folgend "Politische Bildung" genannt (GPJE 2004, S. 12).

Egal ob im Rahmen des Faches "Politische Bildung" oder als eigenständiges Fach: Für eine gute ökonomische Bildung an allgemeinbildenden Schulen gibt es überzeugende Gründe. So zeigen beispielsweise zahlreiche Untersuchungen, dass das ökonomische Wissen in der Bevölkerung Lücken aufweist (vgl. May 2011, S. 3). Dabei nimmt die Bedeutung der Wirtschaft zu, weil immer mehr Lebensbereiche ökonomisiert werden und durch die zunehmende ökonomische Globalisierung auch staatliche und suprastaatliche politische Akteure weiter in die Abhängigkeit von Märkten geraten, was man zum Beispiel in der Finanzkrise am Umgang mit den "systemrelevanten Banken" beobachten konnte (vgl. z. B. Detjen/Kruber 2007, S. 29 und Retzmann u.a. 2009/2010, S. 15).

Neue Fächer für die Schule oder doch lieber Querschnittsaufgaben?

Aber brauchen wir deshalb ein eigenes Fach Wirtschaft? Und welche anderen Fächer müssen dann für ein neues Fach Wirtschaft Stunden abgeben? Das ist eine schwierige Frage. Auch andere wichtige Inhalte sind nicht in Form eigenständiger Unterrichtsfächer in der Schule vertreten. Brauchen wir nicht eigentlich auch ein Fach "Gesundheit", ein Fach "Ernährung" oder ein Fach "Nachhaltigkeit" (vgl. Famulla u. a. 2011, S. 51, Hedtke 2012, S. 2)?

Genauso wie Gesundheit, Ernährung und Nachhaltigkeit werden wirtschaftliche Inhalte allerdings auch heute schon in allgemeinbildenden Schulen thematisiert. Zum einen sind sie ein unverzichtbarer Bestandteil des Faches zur politischen Bildung – auch wenn es nur "Politik" oder "Sozialkunde" heißt, und nicht "Politik und Wirtschaft": So wie die Politik durch Gesetze und Subventionen auf vielfache Weise in die Wirtschaft eingreift, spielen wirtschaftliche Akteure und Interessen in politischen Prozessen eine entscheidende Rolle. Zudem bestimmen wirtschaftliche Faktoren die Handlungsspielräume der Politik. Deshalb gilt: "Politik und Wirtschaft stehen in so enger Interdependenz, dass weder Politik ohne Ökonomie noch Ökonomie ohne Politik verstanden werden können" (GPJE 2004, S. 10). [1]

Zum anderen werden wirtschaftliche Inhalte auch in anderen Unterrichtsfächern des etablierten Fächerkanons thematisiert – besonders in den beiden anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern Geographie und Geschichte. Vor allem Bundesländer, die an allgemeinbildenden Schulen kein eigenes Fach Wirtschaft einführen wollen, argumentieren häufig damit, dass ökonomische Bildung eine Querschnittsaufgabe sei, zu der alle Fächer beitragen.

Gerade in jüngster Zeit haben ökonomische Inhalte an den Schulen Konjunktur: Es gibt immer mehr Wettbewerbe zur ökonomischen Bildung, Projekte zur entrepreneurship-education und Praxiskontakte von Schulen mit der unternehmerischen Wirtschaft, durch die die ökonomische Bildung an allgemeinbildenden Schulen gestärkt werden soll (vgl. z. B. Hedtke 2011, S. 7).

Argumente für ein eigenes Fach

Insgesamt lässt sich also sagen, dass ökonomische Inhalte an allgemeinbildenden Schulen auch ohne ein eigenständiges Fach Wirtschaft präsent sind. Ob das aber ausreicht, ist umstritten. Vor allem Unternehmens- und Arbeitgeberverbände (vgl. Hedtke 2012), aber auch Eltern- und Lehrerverbände fordern ein eigenständiges Unterrichtsfach Wirtschaft (vgl. May 2011, S. 3). Wirtschaftsdidaktikerinnen und Wirtschaftspädagogen nennen dafür vor allem folgende Argumente, von denen viele auch in den Podcast-Interviews mit Markus Böhner und Roland Happ angesprochen werden (vgl. auch Retzmann u.a. 2010, S. 71-75; Wuttke/Minnameier 2014; Kaminski 2009; Kaminski/Loerwald 2017; Kaminski 2017, S. 379-383):

Audio-Interview: Prof. Dr. Markus Böhner über Wirtschaft als eigenes Unterrichtsfach
Wirtschaftsunterricht an Berufsschulen oder als Wahlpflichtfach gibt es schon lange. An allgemeinbildenden Schulen ist ein Unterrichtsfach Wirtschaft eher die Ausnahme. Meist werden ökonomische Inhalte vor allem in den Fächern Politik/Sozialkunde, Geographie, Geschichte und Arbeitslehre vermittelt. Reicht das aus, oder brauchen wir ein eigenes Fach Wirtschaft, mit Lehrkräften, die Ökonomie studiert haben? (© Johannes-Gutenberg Universität Mainz)

Audio-Interview: Dr. Roland Happ über ökonomische oder sozioökonomische Bildung
Wie sollte Wirtschaftsunterricht aussehen? Sollten die finanzielle Bildung, volks- und betriebswirtschaftliche Inhalte im Zentrum stehen, oder brauchen wir eine sozioökonomische Bildung die Wirtschaft immer im Kontext von Politik und Gesellschaft betrachtet? Und welche Rolle spielt die politische Theorie in diesem Kontext? (© Johannes-Gutenberg Universität Mainz)

  • Nur ein eigenes Unterrichtsfach gewährleistet, dass verbindliche Zeitkontingente für die ökonomische Bildung zur Verfügung stehen und dass ökonomische Inhalte kontinuierlich und strukturiert unterrichtet werden, nicht fragmentiert in mehreren anderen Fächern.
  • Nur wenn es ein eigenständiges Fach Wirtschaft an Schulen gibt, werden auch die Universitäten grundständige Studiengänge in Wirtschaftswissenschaften für angehende Lehrerinnen und Lehrer anbieten. Das ist nötig, denn ökonomische Sachverhalte sind komplex und es bedarf daher einer fundierten fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Ausbildung der Lehrkräfte.
  • Nur die Existenz eines eigenständigen Faches Wirtschaft wird auch dazu führen, dass mehr fachdidaktische Professuren eingerichtet werden, durch die die notwendige Forschung zur ökonomischen Bildung sichergestellt werden kann.
  • Weitere notwendige Veränderungen, die nur erreicht werden, wenn es ein eigenständiges Fach Wirtschaft gibt, sind beispielsweise auch die Entwicklung geeigneter Schulbücher für allgemeinbildende Schulen, die Durchführung nationaler Vergleichsstudien oder die Stärkung der Lehrerfortbildung.
  • Schließlich argumentiert selbst die Kritikerin eines eigenständigen Faches Wirtschaft Birgit Weber, dass in den sozialwissenschaftlichen Fächern "eher auf Interessenkonflikte zwischen ökonomischer oder politischer bzw. sozialer oder ökologischer Gestaltung fokussiert" werde – "zum Teil auch, ohne dass die zugrunde liegenden ökonomischen Funktionsmechanismen hätten thematisiert werden müssen" (Weber 2017, S. 101). Sie ergänzt, dass die in den verschiedenen Bundesländern und Schulformen disparate Zuordnung wirtschaftlicher Inhalte zu unterschiedlichen Unterrichtsfächern keine Gewähr dafür bieten könne, dass alle Schülerinnen und Schüler sich mit den zentralen Fragen der Wirtschaft auseinandersetzen (vgl. ebd., S. 101-102).

Die Bedeutung der Wirtschaftswissenschaften für die ökonomische Bildung oder:
Plädoyer für einen wirtschaftswissenschaftlichen Scheinwerfer

Neben diesen Argumenten, die auf die Stärkung der ökonomischen Bildung abzielen, plädieren die Befürworterinnen und Befürworter eines eigenen Faches Wirtschaft meist auch für eine stärkere Berücksichtigung der Wirtschaftswissenschaften als Bezugsdisziplin der ökonomischen Bildung. Dafür nennen sie folgende Argumente:

Die Wirtschaftswissenschaften unterscheiden sich von den anderen Sozialwissenschaften nicht primär durch andere Inhalte, sondern vor allem durch den spezifischen Fokus auf die Wirklichkeit. Günter Seeber u.a. sprechen in Anlehnung an Karl Popper von einem spezifischen "Scheinwerfer", der bestimme, was man von der komplexen Wirklichkeit wahrnehme und was man ausblende (Seeber u.a. 2012, S. 70). Der wirtschaftswissenschaftliche Scheinwerfer rückt besonders die Effizienz des menschlichen Handelns ins Licht. Das wird ausgedrückt im Modell des "homo oeconomicus".

Ein weiteres Spezifikum der Wirtschaftswissenschaft, das nur in einem eigenständigen Fach Wirtschaft systematisch vermittelt werden kann, ist die Abbildung ökonomischen Denkens in möglichst einfachen Modellen, um Handlungsabläufe in verallgemeinerter Form darzustellen und den spezifischen Einfluss ökonomischer Größen wie Preise oder Konsummengen auf wirtschaftliche Entwicklungen zu untersuchen (vgl. Retzmann u. a. 2009/2010, S. 34).

Ökonomische Bildung zielt nicht nur auf mündige Wirtschaftsbürgerinnen und -bürger (siehe Bürgerleitbilder in der politischen Bildung), sondern auch auf mündige Verbraucherinnen und Verbraucher, sowie mündige Erwerbstätige, die sich auf den entsprechenden Märkten sicher bewegen können (Retzmann u.a. 2019/2010: 15). Roland Happ kritisiert in seinem Podcast die Vernachlässigung der "Finanziellen Bildung" an allgemeinbildenden Schulen, die vor allem auf mündige Verbraucher und Verbraucherinnen zielt. Markus Böhner führt in Bezug auf das Bildungsziel "mündige Verbraucher" als Beispiele die Notwendigkeit der Thematisierung der privaten Altersvorsorge sowie der Chancen und Risiken des elektronischen Zahlungsverkehrs an. All dies sind in der Wissenschaft primär Themen der Wirtschaftswissenschaft.

Auch wenn es sinnvoll ist, ökonomische Themen multiperspektiv aus Sicht aller Sozialwissenschaften zu betrachten, gilt für die ökonomische Bildung: "Multiperspektivität setzt Perspektivität voraus" und dazu muss ein Fach Wirtschaft mit einem klaren Bezug auf die Wirtschaftswissenschaft den fachspezifischen Beitrag leisten (Loewald 2011, S. 12, vgl. auch Wuttke/Minnameier 2014, S. 2). Das Fach Deutsch wird auch nicht abgeschafft mit dem Argument, dass die Förderung der Sprachkompetenz eine Querschnittsaufgabe aller Fächer der Schule sei (ebd., S. 10).

Kritik am wirtschaftswissenschaftlichen Scheinwerfer

Diesen Argumenten für eine eigenständige ökonomische Bildung in einem separaten Fach Wirtschaft stehen die Argumente für einen integrativen Ansatz gegenüber, nach dem ökonomische Inhalte in einem integrativen Unterrichtsfach "Politische Bildung“ oder "Sozialwissenschaften“ unterrichtet werden sollten. Die Befürwortenden einer solchen Integration nutzen für ihren Ansatz den Begriff "sozioökonomische Bildung“ – in bewusster Abgrenzung zu dem, was sie als den Mainstream ökonomischer Bildung betrachten. Sie fordern, wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Aspekte und ihre wechselseitigen Abhängigkeiten in einem gemeinsamen Unterrichtsfach zu diskutieren. Sie werfen den Befürwortenden einer primär an den Wirtschaftswissenschaften orientierten ökonomischen Bildung vor, dass sie die Wirklichkeit mit einer zu engen, "ökonomistischen“ Brille betrachten und diese Brille auch den Lernenden aufsetzen wollen. Tim Engartner formuliert im Podcast-Interview (siehe unten) provokant: "Jemand, der alle Situationen im Leben rein ökonomisch betrachtet, ist [...] nicht ökonomisch gebildet, sondern ökonomistisch verbildet“. "Sozioökonomische Bildung“ verstehen sie als "Anwendung sozialwissenschaftlicher Bildung auf den Gegenstandsbereich Wirtschaft“, schreibt etwa Reinhold Hedtke in seine Präsentation eines "Kerncurriculums Sozioökonomische Bildung“ (2018, S. 6). Dass dieses Kerncurriculum im Auftrag der gewerkschaftsnahen Hans Böckler-Stiftung entstanden ist und dass auch der Deutsche Gewerkschaftsbund seit einigen Jahren einem eigenständigen Fach Wirtschaft kritisch gegenübersteht (vgl. DGB-Bundesvorstand 2012) zeigt, dass es zwischen den beiden Lagern auch politische Differenzen gibt.
Ein wichtiger Hintergrund für den Streit ist, dass die Kritikerinnen und Kritiker einer an den Wirtschaftswissenschaften orientierten ökonomischen Bildung die Wirtschaftswissenschaften vor allem in Deutschland kritisch betrachten: Sie werfen – wie auch Tim Engartner im Podcast – dem Mainstream in den Wirtschaftswissenschaften vor, eine unkritische, neoklassischen Modellökonomik zu betreiben, die der Vielfalt ökonomischer Theorien nicht gerecht werde. Das führe in der Forschung, in der Politikberatung und auch in der Ausbildung angehender Lehrkräfte zu einer verkürzten Sicht auf die Wirklichkeit. Zur Kritik vgl. z.B. die Homepage des "Netzwerks Plurale Ökonomik

Gegen die gegenwärtigen Konzeptionen für ein separates Fach Wirtschaft werden von den Befürwortenden einer "sozioökonomischen Bildung" im Einzelnen folgende Argumente angeführt (vgl. v. a. Hedtke u.a. 2010):

Audio-Interview: Prof. Dr. Reinhold Hedtke über Wirtschaft als eigenes Unterrichtsfach
Wirtschaftsunterricht an Berufsschulen oder als Wahlpflichtfach gibt es schon lange. An allgemeinbildenden Schulen ist ein Unterrichtsfach Wirtschaft eher die Ausnahme. Meist werden ökonomische Inhalte vor allem in den Fächern Politik/Sozialkunde, Geographie, Geschichte und Arbeitslehre vermittelt. Reicht das aus, oder brauchen wir ein eigenes Fach Wirtschaft, mit Lehrkräften, die Ökonomie studiert haben? (© Johannes-Gutenberg Universität Mainz)

Audio-Interview: Prof. Dr. Tim Engartner über ökonomische oder sozioökonomische Bildung
Wie sollte Wirtschaftsunterricht aussehen? Sollten die finanzielle Bildung, volks- und betriebswirtschaftliche Inhalte im Zentrum stehen, oder brauchen wir eine sozioökonomische Bildung die Wirtschaft immer im Kontext von Politik und Gesellschaft betrachtet? Und welche Rolle spielt die politische Theorie in diesem Kontext? (© Johannes-Gutenberg Universität Mainz)

  • Gerade in dem für die Debatte sehr wichtigen Gutachten von Thomas Retzmann u.a. im Auftrag des Gemeinschaftsausschusses der Deutschen Wirtschaft und des Zentralverbands des Deutschen Handwerks finde sich ein reduktionistisches Verständnis von Wirtschaft: Es erfolge eine Verengung auf den Handlungsmaßstab der Effizienz, durch die die ethische Dimensionen von Konflikten zu kurz komme. In seinem Podcast-Interview fordert Tim Engartner deshalb eine Reflexion darüber, welche Domänen der Gesellschaft eben gerade nicht vom ökonomischen Prinzip der Effizienz durchdrungen werden sollten – als Beispiel nennt er hier den Gesundheitssektor (vgl. auch Hedtke u.a. 2010).
  • Politische und gesellschaftliche Aspekte wirtschaftlicher Fragen würden – so die Kritisierenden – oft nicht mitgedacht. "Ein separates, vorwiegend auf die Volkswirtschaftslehre gegründetes Fach Wirtschaft symbolisiert den Autonomieanspruch der kapitalistischen Marktwirtschaft gegenüber demokratischer Politik“ schreibt gar Reinhold Hedtke (2012, S. 1).
  • In dem Zusammenhang wird auch der Fokus auf die Verbraucherbildung kritisiert, da dieser häufig primär als individuelle "Lebenshilfe“ konzipiert sei: Die Lernenden würden dann beispielsweise darauf vorbereitet – so das Beispiel, das Reinhold Hedtke in seinem Podcast-Interview anführt – unter gegeben Angeboten den optimalen Handyvertrag für sich selbst auszuwählen. Sie setzten sich aber nicht kritisch damit auseinander, wie die Rechte und Pflichten zwischen Anbietern und Kundschaft beim Vertragsabschluss verteilt sind und welche Interessengruppen auf entsprechende rechtliche Regelungen zum Verbraucherschutz mit welchen Erfolgsaussichten politisch Einfluss nähmen. Die gesellschaftliche und die politische Dimension würden hier vernachlässigt.
  • Die unternehmerische Wirtschaft versuche in vielfacher Weise auf die ökonomische Bildung Einfluss zu nehmen und sei darin auch erfolgreich. So würden in der ökonomischen Bildung häufig Unterrichtsmaterialien von Wirtschaftsverbänden eingesetzt, die einseitig etwa die Sicht von Arbeitgebenden ins Zentrum stellten und dadurch das Kontroversitätsgebot des Beutelsbacher Konsens verletzten (vgl. z.B. Engartner 2013). Auch das Gutachten von Retzmann u.a. wird dafür kritisiert, dass es im Auftrag eines wichtigen politischen Akteurs, des Gemeinschaftsausschusses der Deutschen Wirtschaft, erstellt wurde, der damit spezifische politische Interessen verfolge, was einer unabhängigen wissenschaftlichen Expertise widerspreche. Hedtke u.a. (2010) sprechen deshalb durchgehend von einem "Verbändegutachten“.

Ist die Kritik berechtigt?

Im Jahr 2000 forderte ein unter anderem vom Bundesverband der Deutschen Arbeitgeber initiiertes Memorandum ausdrücklich die Stärkung der sozioökonomischen Bildung: Ein Unterrichtsfach Wirtschaft sollte eine vertiefte „interdisziplinäre Behandlung ökonomischer, sozialer, politischer, rechtlicher, ökologischer und technischer Zusammenhänge des Wirtschafts- und Beschäftigungssystems [sowie] die Analyse aktueller wirtschaftlicher und politischer Probleme“ ermöglichen und dafür „Kenntnisse vor allem in den Wirtschafts- und in den Sozialwissenschaften“ vermitteln (Memorandum 2000, S. 4-5).[2]
Heute sind die Begriffe ökonomische und sozioökonomische Bildung zu Kampfbegriffen in der Auseinandersetzung geworden. Trotzdem widersprechen die Anhänger der ökonomischen Bildung vielen Kritikpunkten aus dem Lager der sozioökonomischen Bildung. Sie nehmen für sich in Anspruch, dass auch ihr Ansatz ökonomischer Bildung das Kontroversitätsgebot berücksichtige und ebenso politische und gesellschaftliche Aspekte einbeziehe. Roland Happ betont in seinem Podcast-Interview ausdrücklich, dass die "moralische Urteilsfähigkeit“ Ziel jeder ökonomischen Bildung sei, und Markus Böhner hält zumindest für einige wirtschaftliche Themen eine integrative sozialwissenschaftliche Betrachtung für sinnvoll. Auch den anderen oben genannten Vorwürfen widersprechen die Vertreter/-innen eines separaten Faches Wirtschaft. So fordert z. B. die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung in einer Stellungnahme ausdrücklich zu einem kritischen Umgang mit frei zugänglichen Unterrichtsmaterialien auf und Dirk Loerwald verlangt eine Reflexion aller Praxiskontakte im Unterricht – wobei er allerdings Manipulationsversuche für eine Ausnahmeerscheinung hält (Hedkte/Loerwald 2017, S. 30).

Fazit: Ein komplexes Thema verlangt eine differenzierte Betrachtung

Tim Engartner möchte die seitens der sozioökonomischen Bildung kritisierten Konzepte ökonomischer Bildung im Podcast-Interview nicht pauschal verurteilen, spricht aber von einem kritikwürdigen "Mainstream“ der ökonomischen Bildung, der sich an der "neoklassischen Standardökonomie“ orientiere, und auf den die oben genannten Vorwürfe zuträfen. Das heißt, auch die Kritikerinnen und Kritiker aus der sozioökonomischen Bildung gestehen zu, dass die Ansätze zur ökonomischen Bildung durchaus unterschiedlich sein können. Welche Kritikpunkte auf welchen Ansatz genau zutreffen, und auch wo die Kritik der Vertreterinnen und Vertreter sozioökonomischer Bildung vielleicht überzogen ist, muss also jeweils am Einzelfall geprüft werden. Wenn man die Polemik und die teilweise überzogene gegenseitige Kritik in der Auseinandersetzung ausblendet, wird man allerdings trotzdem erhebliche Unterschiede feststellen. Deshalb ist es auch sehr wahrscheinlich, dass in einem eigenen Fach Wirtschaft, das von Lehrkräften mit einem entsprechenden grundständigen Wirtschaftsstudium unterrichtet wird, wirtschaftliche Inhalte nicht nur intensiver, sondern auch inhaltlich anders behandelt werden, als das in einem integrativen Unterrichtsfach Politische Bildung oder Sozialwissenschaften der Fall ist.


Literatur

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Fußnoten

1.
Zum Zusammenhang von Politik und Ökonomie in der politischen Bildung finden Sie hier einen weiterführenden Text: https://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/politische-bildung/193098/oekonomie?
2.
Für diesen Hinweis und die Zusendung des Memorandums danke ich Reinhold Hedtke
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