Ein Finger vor schwarzem Hintergrund klickt auf das blaue Logo einer Social-Media-App.

2.5.2019 | Von:
Lena Frischlich

Kritische Medienkompetenz als Säule demokratischer Resilienz in Zeiten von "Fake News" und Online-Desinformation

Um Falschmeldungen zu begegnen, bedarf es seitens der Nutzer mehr kritischer Medienkompetenz. Theoretische Kenntnisse reichen dabei nicht, sondern die zur Förderung von Widerstandskraft gegen Desinformation zentralen Elemente Vertrauen, Bewusstsein, Betrachtung und Befähigung müssen gemeinsam gedacht werden.

Ein Kind sitzt vor einem eingeschalteten Fernseher.Nicht nur beim Fernsehen, ein kritischer Blick muss sein. (© dpa)

Spätestens seit der US-Wahl 2016 ist die Verbreitung von Online-Desinformationen und "Fake News" in aller Munde. Auch wenn Desinformationen keine neue Erfindung sind, gibt der Siegeszug des "Mitmach-Internets", dem Web 2.0, ihnen eine neue Dynamik. Dadurch, dass heutzutage nahezu jede/r Inhalte im Netz veröffentlichen kann, steigt nicht nur die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe – es ergeben sich auch neue Möglichkeiten zur Verbreitung von Fehlinformationen und Propaganda.

Die genaue Definition des "Fake News" Begriffs ist aber umstritten. Drei Kritikpunkte sind hier besonders relevant:[1] Erstens versteht nicht jede oder jeder unter dem Begriff "Fake News" dasselbe. Es kann sowohl ein bestimmtes "Genre"– nämlich Fehlinformationen im Format von scheinbaren Nachrichten – gemeint sein, als auch eine generalisierte Kritik an journalistischen Massenmedien.

Zweitens sind "Fake News" nicht unbedingt falsch. Mediennutzende werden oft eher mit systematisch verzerrten Meldungen konfrontiert als mit vollständig erfundenen Ereignissen. Schließlich können sowohl die Kerninformation (beispielsweise Bilder, Texte, etc.), als auch die Meta-Information (beispielsweise Headlines, Autorenschaft), oder der Kontext einer Nachricht (beispielsweise die Webseite) falsch oder verzerrt sein. Um Missverständnissen vorzubeugen wird daher im Folgenden bei strategisch fehlerhafter Kerninformation von Desinformationen gesprochen. Desinformationen im Gewand journalistischer Nachrichten, deren Meta-Informationen einen Faktizitätsanspruch suggerieren, werden als verzerrte Nachrichten bezeichnet. Geht es um einen medialen Kontext (etwa eine Webseite), der die Erscheinung journalistischer Massenmedien imitiert, aber die Standards journalistischer Herausgabeprozessen oder Absichten systematisch ignoriert,[2] wird das im Folgenden als "politische Pseudo-Presse" bezeichnet.

Kritische Medienkompetenz im Kontext von Fehlinformationen

Medienkompetenz[3] umfasst vier zentrale Aspekte: Erstens Medienkritik, also die Fähigkeit zur analytischen, reflexiven, und ethische Nutzung von Medien. Zweitens Medienkunde, also das Wissen um das heutige Mediensystem und darüber wie Medien und MedienmacherInnen arbeiten sowie die Fähigkeit Medien zu bedienen auch um die eigene digitale Bürgerschaft auszuüben. Drittens Mediennutzung – empfangend zum Beispiel durch Programmwahl ebenso wie interaktiv (zum Beispiel durch das Kommentieren von Online-Inhalten). Viertens Mediengestaltung. Vor allem letzteres wird durch das Web 2.0 und Smartphones immer leichter. Für den Umgang mit Fehlinformationen ist aber die Medienkritikfähigkeit oder auch kritische Medienkompetenz besonders zentral.

Auf Basis der Forschung zu einer verwandten Form manipulativer Online-Kommunikation, extremistischer Propaganda, wurde vorgeschlagen, kritische Medienkompetenz in drei miteinander verbundene Dimensionen aufzuteilen: Bewusstsein (englisch: awareness), Betrachtung (englisch: reflection), und Befähigung (englisch: empowerment)[4]. Alle drei lassen sich auch auf den Umgang mit Fehlinformationen übertragen.

"Awareness" heißt in diesem Fall das Bewusstsein um die Existenz von Fehlinformationen. Hierzu gehört neben dem Wissen um verschiedenen Formen von Fehlinformationen (Desinformationen in Bild, Text, oder Videoform, verzerrte Artikel und politische Pseudo-Presse) auch ein vertieftes Verständnis darüber, wie Medien arbeiten und Online-Medien funktionieren. Hier besteht durchaus Aufklärungsbedarf: 41% der Deutschen wussten 2018 nicht, wie Nachrichten bei Facebook ausgewählt werden, weniger als ein Drittel (28%) war sich der Computeranalysen im Hintergrund bewusst.[5] Auch generelles Weltwissen und die Festigkeit der eigenen Einstellungen sind ein wichtiger Schutzfaktor. Menschen lassen sich leichter überzeugen, wenn sie noch keine eigene Meinung zum Thema ausgebildet haben. Die Änderung von feststehenden, gut durchdachten Einstellungen ist weitaus schwieriger.[6] Neben Medienkompetenz spielt hier also auch Demokratiekompetenz eine wichtige Rolle.

Allerdings: Vorwissen alleine schützt nicht. Studien zeigen, dass Personen, die zuvor mit Fehlinformationen konfrontiert waren in Wissenstest falsche Antworten geben, selbst wenn sie die richtige Antwort eigentlich kannten. Besonders dann, wenn EmpfängerInnen nicht nachdenken während sie Informationen aufnehmen setzen sich Fehlinformationen fest.[7] Entsprechend relevant ist die bewusste Betrachtung ("Reflection") von Inhalten mit Nachrichtencharakter, das gründliche Nachdenken, bevor man einen Artikel likt, teilt oder die Behauptung einer Überschrift für bare Münze nimmt. Generell prüfen Mediennutzende Online-Nachrichten in zwei Phasen.[8] Zunächst erfolgt eine rasche, "interne" Bewertung – ein Abgleich mit dem eigenen Weltwissens (zum Beispiel ob die Nachricht der eigenen Meinung entspricht), der Einschätzung der Quelle (etwa ob es sich um ein vertrauenswürdiges Medium handelt) und der Aufmachung der Nachricht (etwa ob der Text reißerisch ist oder viele ihn gelikt haben).

Diese internen Strategien können jedoch irreführen. Das Vertrauen auf das eigene Wissen und die eigenen Einstellungen trägt dazu bei, dass Fehlinformationen, die der eigenen Meinung widersprechen, weniger hinterfragt und Widerlegungen ausgeblendet werden, wenn sie nicht zum Weltbild passen. Außerdem hängt auch die Bewertung der Glaubwürdigkeit einer Quelle davon ab, ob die Inhalte zur eigenen politischen Einstellung passen,[9] auch dabei kann man sich also irren. Selbst die Aufmachung ist ein unzuverlässiges Kriterium: Nicht jede reißerische Schlagzeile ist falsch, und nicht jede sachliche Schlagzeile ist korrekt. Weiterhin können aggregierte Nutzerbewertungen (zum Beispiel die Anzahl an Likes) durch Pseudo-User (zum Beispiel Fake Accounts oder Social Bots) leicht manipuliert werden.

Dennoch prüfen Mediennutzende Online-Nachrichten nur dann detaillierter, wenn diese internen Kriterien zu keiner schnellen Entscheidung führen. Auch dabei verlassen sich einige noch passiv darauf, dass die Medien Falschmeldungen wohl widerlegen oder ihr soziales Umfeld sie auf Fehlwahrnehmungen aufmerksam machen würde. Das Risiko, dass Fehlwahrnehmungen dabei nicht auffallen, ist entsprechend hoch. Nur ein Teil prüft Online-Nachrichten aktiv indem Suchmaschinen oder Fact-checking-Seiten genutzt werden. Obwohl in einer Umfrage 2017 fast die Hälfte derjenigen, die angaben, "Fake News" zu kennen, berichteten, sie hätten schon einmal Fakten und Sachverhalte online geprüft, hatten nur 12% schon einmal eine Internetadresse (URL) oder den Link einer Quelle, und noch weniger hatten Fotos oder Videos genauer inspiziert.[10]

Empowerment schließlich beschreibt die Befähigung des Individuums manipulative Inhalte im Netz zu erkennen, das Selbstvertrauen diese Fähigkeiten effektiv einsetzen zu können, und das Wissen um den besten Umgang mit derartigen Inhalten. Letztlich geht es um das Hinterfragen der Kerninformation (Aussage, Bilder oder Videos), der Meta-Informationen (zum Beispiel Überschriften, AutorInnen oder aggregierte Nutzerbewertungen) ebenso wie des Kontextes (beispielsweise Vertrauenswürdigkeit von Webseiten). Eine groß angelegte Studie in den USA, die Tausende von SchülerInnen und Studierende mit Aufgaben zur Identifikation von Quellen, zur Bewertung von Belegen und zur Konsultation weiterer Quellen konfrontierte, zeigte, dass diese Prüfungen selbst den sogenannten digitalen Eingeborenen schwerfällt.[11]

Die Grenzen kritischer Medienkompetenz

Zwar können verschiedene Online-Dienste bei der Prüfung von Fehlinformationen helfen – viele erfordern aber die Investition von Zeit. Insbesondere jenseits professioneller Institutionen (beispielsweise journalistischen Redaktionen) und formaler Bildungskontexte (etwa in der Schule) ist diese Zeit oft Mangelware. Gerade ältere Erwachsene konsumieren und verbreiten Pseudo-Presse Angebote aber besonders aktiv.[12] Kritische Medienkompetenz ist zudem kein Allheilmittel. Wenn Mediennutzende in einem trügerischen Gefühl der Allwissenheit gewogen werden oder die Verantwortung alleine tragen sollen, kann kritische Medienkompetenz sogar negative Folgen haben.[13] Um dem entgegenzuwirken, ist ergänzend das Bewahren und der (Wieder-)Aufbau von Vertrauen in InformationsgeberInnen von Bedeutung.

Vertrauen als demokratischer Resilienzfaktor

Meist wird unter Vertrauen (englisch: trust) ein psychologischer Zustand verstanden, in dem jemand, der oder die Vertrauende(n), in einer unsicheren Situation, das Risiko eingeht einem Vertrauensobjekt oder Vertrauenssubjekt (einer Person, Institution etc.) zu vertrauen.[14] Ob Personen dieses Risiko eingehen, hängt einerseits von ihrer generellen Bereitschaft zu Vertrauen ab und andererseits von der Vertrauenswürdigkeit des jeweiligen Vertrauensobjektes — bei Fehlinformationen also auch von der Vertrauenswürdigkeit des politischen Systems, von Wissenschaft und Medien. Durch den Akt des Vertrauens wird der Vertrauende handlungsfähiger und kann auch dann entscheiden, wenn sie oder er nicht alle Informationen aus eigener Erfahrung bewerten kann. Bei vielen politischen, wissenschaftlichen, oder globalen Themen ist Vertrauen notwendig um demokratische Handlungsfähigkeit zu bewahren etwa um informiert zu wählen.

Vertrauen wird durch negative Erfahrungen schwer erschüttert. Transparenz und Verantwortungsübernahme sind daher ein wichtiger Aspekt im Umgang mit Desinformationen. Das gilt auch für das Vertrauen in journalistische Informationen. Journalistische Artikel die Hintergrundinformationen über die Recherche zur Verfügung stellen, werden als vertrauenswürdiger wahrgenommen.[15] Das Bereitstellen von vertrauenswürdigen Informationen alleine reicht jedoch nicht, entsprechende Inhalte müssen auch online zu finden sein. Hier können Empfehlungsalgorithmen dazu beitragen, dass faktenorientierte Inhalte bevorzugt werden. Allerdings müssen sich auch InformationsgeberInnen (beispielsweise Politik und Wissenschaft) über die Funktionsweise von Online-Medien bewusst sein und in ihrer Kommunikation medienkompetent handeln. Schließlich können auch Fact-checking-Angebote hier einfach zu identifizierende Anlaufstellen bieten, selbst wenn direkte Widerlegungen von Fehlinformationen oft wenig erfolgreich sind.[16]

Zusammenfassend lässt sich argumentieren, dass Vertrauen (Trust), Bewusstsein (Awareness), Betrachtung (Reflection), und Befähigung (Empowerment) Hand in Hand gehen um Fehlinformationen im Allgemeinen und Online-Desinformationen im Speziellen kompetent zu begegnen und die (psychische) Widerstandskraft zu fördern und zu bewahren, die als demokratische Resilienz bezeichnet wird.

Fußnoten

1.
Unsere detaillierte Diskussion des Begriffs findet sich bei Quandt, T. et al.: Fake News. In: Vos, T. P. et al. (Hg): The International Encyclopedia of Journalism Studies. 2019.
2.
Fehlinformationen im Format von scheinbar medizinischen Inhalten stehen ebenso wenig im Fokus dieses Beitrages wie Fehlinformationen in unterhaltungsorientierten Angeboten wie Memes, das heißt jedoch nicht, dass diese Phänomene weniger relevant sind.
3.
Vgl. Baake, D.: Medienkompetenz - Begrifflichkeit und sozialer Wandel. In: Rein, A. von (Hg.): Medienkompetenz als Schlüsselbegriff. Frankfurt am Main, S. 112-124.
4.
Vgl. Schmitt, J. B. et al.: Critical media literacy and Islamist online propaganda: The feasibility, applicability and impact of three learning arrangements. International Journal of Conflict and Violence, 12/2018, S. 1-19.
5.
Vgl. Hölig, S./Hasebrink, U.: Reuters Institute digital news report 2018, Ergebnisse für Deutschland. Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts, Nr. 44, 2018.
6.
Für ein Überblick siehe Olsen, J. M./Zanna, M. P.: Attitudes and attitude change. In: Annual Review of Psychology, 44/1993, S. 117-154.
7.
Für einen Überblick siehe Rapp, D. N.: The consequences of reading inaccurate information. In: Current Directions in Psychological Science, 4/2016, S. 281-285.
8.
Vgl. Tandoc, E. C. et al.: Audiences’ acts of authentication in the age of fake news: A conceptual framework. In: New Media and Society, 8/2018, S. 2745-2763.
9.
Vgl. Pennycook, G./Rand, D. G.: Fighting misinformation on social media using crowdsourced judgments of news source quality. In: Proceedings of the National Academy of Sciences, 7/2019, S. 2521-2526.
10.
Landesanstalt für Medien NRW: Ergebnisbericht zur Wahrnehmung von Fake News. 2017 (PDF).
11.
Vgl. McGrew, S. et al.: The challenge that’s bigger than fake news: Civic reasoning in a social media environment. In: American Educator, Fall/2017, S. 4-10.
12.
Vgl. Guess, A./Nagler, J./Tucker, J.: Less than you think: Prevalence and predictors of fake news dissemination on Facebook. In: Science Advances ,1/2019, S. 1-9.
13.
Vgl. Bulger, M./Davison, P.: The promises, challenges, and futures of media literacy. Data & Society Research Institute 2018.
14.
Vgl. Mayer, R. C./Davis, J. H./Schoorman, D. F.: An integrative model of organizational trust. In: The Academy of Management Review, 3/1995, S. 709-734.
15.
Vgl. Curry, Alex/S., Natalie J.: Trust in Online News. Austin, Texas 2017.
16.
Vgl. Chan, M.-P. et al.: Debunking: A meta-analysis of the psychological efficacy of messages countering misinformation. In: Psychological Science, 11/2017, S. 1531-1546.
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Autor: Lena Frischlich für bpb.de
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