Koffer

13.11.2018 | Von:
Vera Hanewinkel

Frauen in der Migration: Ein Überblick in Zahlen

Flucht nach Europa: Aus der Unsicherheit in die Unsicherheit

Insbesondere Frauen, die allein auf der Flucht sind und nicht im Verbund mit männlichen Verwandten, laufen Gefahr, auf dem Weg nach Europa sexuelle Gewalt zu erfahren oder Opfer von Menschenhandel zu werden. Dies gilt vor allem für Frauen, die über die zentrale Mittelmeerroute nach Europa gelangen und dabei häufig das bürgerkriegsgeschüttelte Libyen durchqueren müssen.[14] Die geringen Möglichkeiten, über legale und sichere Wege wie Resettlement in Europa Schutz zu finden, erhöhen die Verwundbarkeit männlicher und weiblicher Geflüchteter. Oft sind sie auf die Dienste von Schlepper_innen angewiesen, um in die EU einreisen und einen Asylantrag stellen zu können. Das ungleiche Machtverhältnis zwischen Schlepper_in und Klient_in erhöht das Risiko, ausgebeutet zu werden. Bei rund 60 Prozent aller weltweit aufgedeckten Menschenhandelsopfer handelt es sich um internationale Migrant_innen.[15] Insbesondere Menschen auf der Flucht vor gewaltsam ausgetragenen Konflikten und Verfolgung sind einem hohen Risiko ausgesetzt, Opfer von Menschenhandel zu werden. Weltweit sind rund drei Viertel der Opfer von Menschenhandel Frauen (51 Prozent aller ermittelten Menschenhandelsopfer) und Mädchen (20 Prozent).[16] Durch die Überscheidung der Merkmale "Frau", "irreguläre Migrantin" und "Schutzsuchende" sind geflüchtete Frauen (im Sinne des Intersektionalitätsansatzes) damit besonders betroffen. Während Männer auf der Flucht vor allem Gefahr laufen, physische Gewalt zu erfahren und Kidnapping, Zwangsarbeit oder Haft ausgesetzt zu sein – insbesondere dann, wenn sie allein reisen (was sie häufiger als Frauen tun) – besteht für schutzsuchende Frauen ein höheres Risiko, sexuelle oder geschlechtsspezifische Gewalt zu erleben.

Feminisierung der Migration

Die Zahl internationaler Migrant_innen hat im Rahmen der Globalisierung zugenommen. Zunehmende grenzüberschreitende (ökonomische) Vernetzungsprozesse sowie sinkende Transport- und Kommunikationskosten begünstigen nicht nur den Fluss von Waren und Dienstleistungen, sondern auch die Mobilität von Menschen. In den meisten Weltregionen ist der Anteil von Frauen am grenzüberschreitenden Migrationsgeschehen seit der erstmaligen Erfassung im Jahr 1990 leicht gewachsen.[17] Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum einen migrieren Frauen häufig aus familiären Gründen: Sie ziehen gemeinsam mit ihren (Ehe-)Partnern in ein anderes Land oder reisen ihnen zeitversetzt im Rahmen der Familienzusammenführung nach. Zum anderen migrieren Frauen aber auch verstärkt unabhängig.[18] Die global steigende Bildungs-[19] und Arbeitsmarktbeteiligung[20] von Frauen trägt dazu bei, dass sich der Zugang von Frauen zu Wissen, Informationen und (finanziellen) Ressourcen verbessert. Damit wird (grenzüberschreitende) Mobilität häufig überhaupt erst möglich.

Die steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen in wichtigen Zielländern internationaler Migrationsbewegungen lässt zudem Arbeitsplätze in Haushalt, Betreuung und Pflege entstehen, die zunehmend von Migrantinnen besetzt werden.[21] Die Nachfrage nach (gering qualifizierten) Arbeitskräften in Helferberufen, insbesondere im Pflegebereich, wächst auch vor dem Hintergrund alternder Bevölkerungen – vor allem in Europa und Nordamerika[22]. Heute gibt es Schätzungen zufolge weltweit 17-25 Millionen Migrantinnen, die in Privathaushalten arbeiten – etwa als Reinigungskräfte, Pflegerinnen oder Babysitterinnen.[23] Industriegesellschaften entwickeln sich verstärkt zu Dienstleistungsgesellschaften, in denen Frauen aus marginalisierten Weltregionen als "kostengünstige und flexibel einsetzbare Arbeitskräfte" verstanden werden.[24]

Die skizzierten Prozesse begünstigen die Herausbildung einer nachfrageorientierten, unabhängigen Arbeitsmigration von Frauen. Die Zahl der Frauen, die allein migrieren und dabei (Ehe-)Partner, manchmal auch Kinder im Herkunftsland zurücklassen, steigt.[25] In vielen Fällen haben (migrierte) Frauen in ihren Familien die Position der Haupternährerin übernommen. Die Rücküberweisungen von Migrantinnen leisten nicht nur einen wichtigen Beitrag zum Haushaltseinkommen und damit zum wirtschaftlichen Wohlergehen ihrer Angehörigen, sondern auch zur Entwicklung ihrer Herkunftsländer.

Migration kann zu Empowerment beitragen: Frauen können dadurch einen höheren Grad an Autonomie und Selbstbestimmung gewinnen. Ihre (grenzüberschreitende) Mobilität kann die Veränderung von Geschlechterrollen begünstigen – aber auch zu deren Stabilisierung beitragen. Die Präsenz von Migrantinnen, die in den Zielländern in haushaltsnahen Tätigkeiten arbeiten, ermöglicht es Männern in diesen Ländern, sich nicht stärker im Haushalt, in der Kinderbetreuung oder der Pflege älterer Familienangehöriger einbringen zu müssen, obwohl ihre (Ehe-)Partnerinnen erwerbstätig sind. Lassen Migrantinnen Kinder in den Herkunftsländern zurück, sind es oft nicht die Väter, die sich um ihre Kinder kümmern, sondern weibliche Familienangehörige, etwa Großmütter oder Tanten (sogenannte "care chains").[26] Das zeigt, dass auf beiden Seiten, den Herkunfts- als auch Aufnahmeländern, die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern weitgehend stabil bleibt – trotz oder gerade wegen der Migrationsbewegungen von Frauen.

Obwohl Frauen verstärkt ihre eigenen Migrationsprojekte verfolgen, werden Migrantinnen häufig nicht als aktive Gestalterinnen ihrer eigenen Biografien wahrgenommen. Vielmehr gilt ihre Migration – nicht zuletzt im Mainstream der Migrationsforschung – als Ausnahme oder als Folge der Migration von Männern: Frauen begleiten in dieser Wahrnehmung also lediglich ihre migrierenden (Ehe-)Partner oder ziehen ihnen nach.[27] Ihre Migration ist somit abhängig von der Entscheidung und dem Migrationsstatus anderer. Damit wird ihnen Passivität zugeschrieben, häufig auch pauschal ein Opferstatus. Dies ist beispielsweise in Diskussionen um patriarchale Gesellschaftsstrukturen der Fall, die sich in westlichen Staaten nicht zuletzt an Debatten über (eingewanderte) muslimische Frauen festmachen. Deutsche Medien stellen insbesondere muslimische Migrantinnen häufig stereotyp als Exotinnen, Unterdrückte oder Fundamentalistinnen dar.[28] Migrantinnen aus Osteuropa bringen sie hingegen eher mit Prostitution und Menschenhandel in Verbindung.[29] Solche Pauschalisierungen verdecken die vielfältigen Lebensrealitäten migrierter Frauen und beschränken ihren Handlungsspielraum.

Zusammenfassend gesagt: Migration ist nicht geschlechtsneutral, denn Männer und Frauen machen sehr unterschiedliche Erfahrungen in der Migration. Dies gilt für jede Phase des Migrationsprozesses, etwa die Entscheidungsfindung, den Migrationsweg, also die eigentliche Reise in ein anderes Land, dort stattfindende gesellschaftliche Teilhabe- und Partizipationsprozesse (Integration) sowie Überlegungen zur Rückkehr oder Weiterwanderung. Gerahmt werden diese Prozesse durch migrationspolitische Regelungen zu Einreise, Verbleib und Erwerbstätigkeit, die ebenfalls nicht geschlechtsneutral sind.[30] Nachdem sich die Migrationsforschung lange primär der Migration von Männern gewidmet hat, erscheint es vor diesem Hintergrund wichtig, die Migrationserfahrungen von Frauen stärker in den Blick zu nehmen. Das Dossier "Frauen in der Migration" zeigt einige der vielen Facetten im Hinblick auf Ursachen, Formen und Folgen weiblicher Migration auf.

Dieser Artikel ist Teil des Kurzdossiers Frauen in der Migration.

Fußnoten

14.
International Bank for Reconstruction and Development/The World Bank (2018): Asylum Seekers in the European Union: Building Evidence to Inform Policy Making. Washington DC. http://documents.worldbank.org/curated/en/832501530296269142/pdf/127818-V1-WP-P160648-PUBLIC-Disclosed-7-2-2018.pdf (Zugriff: 10.10.2018).
15.
United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC) (2016): Global Report on Trafficking in Persons 2016. New York. https://www.unodc.org/documents/data-and-analysis/glotip/2016_Global_Report_on_Trafficking_in_Persons.pdf (Zugriff: 11.10.2018).
16.
Ebenda.
17.
1990 erstellte die Expert_innengruppe "International Migration Policies and the Status of Female Migrants" der Vereinten Nationen erstmals eine globale Schätzung zur Anzahl von Migrantinnen. Da es davor keine nach Geschlechtern ausgewiesenen Statistiken zum weltweiten Migrationsgeschehen gab, lässt sich nicht sagen, ob der Frauenanteil an internationalen Migrationen in den Jahrzehnten zuvor höher oder niedriger lag. Siehe dazu auch das Kapitel "Migration und Geschlecht" in: Schwenken, Helen (2018): Globale Migration zur Einführung. Hamburg.
18.
International Organization for Migration (IOM) (2017): World Migration Report 2018. Genf. https://www.iom.int/wmr/world-migration-report-2018 (Zugriff: 12.10.2018).
19.
Für mehr Informationen siehe zum Beispiel Roser, Max/Ortiz-Ospina, Esteban (2018): Global Rise of Education. Our World in Data. https://ourworldindata.org/global-rise-of-education#main-data-sources (Zugriff: 11.10.2018); Lee, Jong-Wha/Lee, Hanol (2016): Human capital in the long run. Journal of Development Economics 122, S. 147-169. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0304387816300396 (Zugriff: 11.10.2018).
20.
Für mehr Informationen siehe zum Beispiel Ortiz-Ospina/Tzvetkova, Sandra (2017): Working women: Key facts and trend in female labor force participation. Our World in Data Blog. 16. Oktober. https://ourworldindata.org/female-labor-force-participation-key-facts (Zugriff: 11.10.2018).
21.
Lutz, Helma/Amelina, Anna (2017): Gender, Migration, Transnationalisierung: Eine intersektionelle Einführung. Bielefeld.
22.
United Nations/Department of Economic and Social Affairs (2017): World Population Ageing 2017. Highlights. New York. http://www.un.org/en/development/desa/population/theme/ageing/WPA2017.shtml (Zugriff: 11.10.2018).
23.
Helen Schwenken, Lisa-Marie Heimeshoff (Hg.): Domestic Workers Count. Global Data on an Often Invisible Sector. Kassel. http://www.upress.uni-kassel.de/katalog/Download.php?ISBN=978-3-86219-050-8&type=pdf-f(Zugriff: 10.10.2018).
24.
Han, Petrus (2003): Frauen und Migration. Stuttgart.
25.
Le Goff, Laelan (2016): Feminization of migration and trends in remittances. IZA World of Labor. https://wol.iza.org/articles/feminization-of-migration-and-trends-in-remittances/long (Zugriff: 11.10.2018).
26.
Morokvasic, Mirjana (2009): Migration, Gender, Empowerment. In: Lutz, Helma (Hg.): Gender Mobil? Geschlecht und Migration in transnationalen Räumen. Münster, S. 28-51.
27.
Lutz, Helma/Amelina, Anna (2017): Gender, Migration, Transnationalisierung: Eine intersektionelle Einführung. Bielefeld.
28.
Schahrzad Farrokhzad (2006): Exotin, Unterdrückte und Fundamentalistin. Konstruktionen der "fremden Frau" in den Medien. In: Christoph Butterwegge/Gudrun Hentges (Hg.): Massenmedien, Migration und Integration. Wiesbaden, S. 55-86.
29.
Ebenda.
30.
Boyd, Monica/Grieco, Elizabeth (2003): Women and Migration: Incorporating Gender into International Migration Theory. Migration Policy Institute: Migration Information Source, 1. März. https://www.migrationpolicy.org/article/women-and-migration-incorporating-gender-international-migration-theory/ (Zugriff: 11.10.2018).
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