Tiertransport

17.12.2013

Quellentexte zur Tierethik

Wie verhalten sich Menschen gegenüber Tieren?

Han Yü: Wenn Menschen Tiere nicht artgerecht behandeln

Erst wenn es so ausgezeichnete Pferdekenner in der Welt gibt wie Bo Lo, wird man Pferde finden, die an einem Tag tausend Li laufen können. Solche schnellen Pferde gibt es zwar immer, doch nicht immer gibt es Männer wie Bo Lo. Darum mag es noch so edle Pferde geben, sie würden nur erniedrigt werden von der Hand elender Sklaven und jämmerlich verrecken im Stall, ohne durch ihre ungeheure Schnelligkeit und Ausdauer Ruhm erlangt zu haben. Ein Pferd, das tausend Li zu laufen vermag, frisst an einem Tag vielleicht hundert Kätti Getreide. Doch jene, die es füttern, wissen nichts von dem, was es leisten könnte, so dass ein solches Pferd, das leicht tausend Li an einem Tag zurücklegen könnte, Hunger leidet, seine Kraft verliert, bis nichts mehr von seinen Fähigkeiten und seiner Schönheit zu erkennen ist und es schließlich nicht einmal mehr das leisten kann, was man von einem ganz gewöhnlichen Pferd erwarten könnte. Wie sollte es da noch für eine Riesenstrecke von tausend Li tauglich sein.

Wenn man ein Pferd nicht nach dem Rechten Weg in Zucht hält, ihm nicht zu fressen gibt, was sein Körperbau erfordert, es nicht so ruft, wie es seinem Wesen entsprechen würde, dann aber mit erhobener Peitsche sich breitspurig hinstellt und behauptet: Es gibt keine guten Pferde mehr in der Welt! — ach, gibt es denn wirklich keine guten Pferde mehr? Oder gibt es in Wirklichkeit eben nur Menschen, die nichts von Pferden verstehen?

In: Ernst Schwarz (Hrsg.) (1981): So sprach der Weise. Chinesisches Gedankengut aus drei Jahrtausenden. Berlin: Rütten & Loening, S. 419.

Mary Wollstonecraft: Gegenüber Tieren nicht grausam sein

Wer Eltern und Geschwister oder auch nur Haustiere nicht lieben gelernt hat, findet selten zu großer Menschenliebe (…). Der menschliche Umgang mit dem Tier sollte ein wichtiger Teil der staatlichen Erziehung sein, gehört er doch im Augenblick nicht zu unseren nationalen Tugenden. Eine mitfühlende Gesinnung gegen die stummen Haustiere bei den unteren Schichten trifft man in einem wilden Staatswesen häufiger als in einem zivilisierten, denn die Zivilisation hindert die Menschen an dem Austausch, der in der roh gezimmerten Hütte oder dem Lehmbau zu liebevoller Zuneigung führt…

Gewohnheitsmäßige Grausamkeit gegenüber Tieren wird meist in der Schule erworben, wo die Knaben in ihrer kargen Freizeit die armen Kreaturen quälen… Gerechtigkeit oder auch Güte können nur ein Maßstab des Handelns sein, wenn sie sich auf die ganze Schöpfung beziehen. Meiner Meinung nach ist es fast schon ein Grundsatz, dass ein Mensch, der das Leiden anderer ungerührt mit ansehen kann, auch bald lernen wird, Leid zuzufügen…

Wollstonecraft, Mary (1999): Über den Umgang mit Tieren. In: Dies., Plädoyer für die Rechte der Frau. Weimar: Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, S. 223 und 237.

Rosa Luxemburg: Tiere können fühlen

Ach, Sonitschka, ich habe hier einen scharfen Schmerz erlebt; auf dem Hof, wo ich spaziere, kommen oft Wagen vom Militär, voll bepackt mit Säcken oder alten Soldatenröcken und Hemden, oft mit Blutflecken ..., die werden hier abgeladen, in die Zellen verteilt, geflickt, dann wieder aufgeladen und ans Militär abgeliefert. Neulich kam so ein Wagen, bespannt statt mit Pferden mit Büffeln. Ich sah die Tiere zum erstenmal in der Nähe. Sie sind kräftiger und breiter gebaut als unsere Rinder, mit flachen Köpfen und flach abgebogenen Hörnern, die Schädel also unseren Schafen ähnlicher, ganz schwarz mit großen sanften Augen. Sie stammen aus Rumänien, sind Kriegstrophäen ... die Soldaten, die den Wagen führen, erzählen, dass es sehr mühsam war, diese wilden Tiere zu fangen und noch schwerer, sie, die an die Freiheit gewöhnt waren, zum Lastdienst zu benutzen. Sie wurden furchtbar geprügelt (...)

An hundert Stück der Tiere sollen in Breslau allein sein; dazu bekommen sie, die an die üppige rumänische Weide gewöhnt waren, elendes und karges Futter. Sie werden schonungslos ausgenutzt, um alle möglichen Lastwagen zu schleppen, und gehen dabei rasch zugrunde. Vor einigen Tagen kam also ein Wagen mit Säcken hereingefahren, die Last war so hoch aufgetürmt, dass die Büffel nicht über die Schwelle bei der Toreinfahrt konnten. Der begleitende Soldat, ein brutaler Kerl, fing an, derart auf die Tiere mit dem dicken Ende des Peitschenstieles loszuschlagen, dass die Aufseherin ihn empört zur Rede stellte, ob er denn kein Mitleid mit den Tieren hätte! "Mit uns Menschen hat auch niemand Mitleid!" antwortete er mit bösem Lächeln und hieb noch kräftiger ein ... Die Tiere zogen schließlich an und kamen über den Berg, aber eins blutete ...

Sonitschka, die Büffelhaut ist sprichwörtlich an Dicke und Zähigkeit, und die war zerrissen. Die Tiere standen dann beim Abladen ganz still erschöpft, und eins, das, welches blutete, schaute dabei vor sich hin mit einem Ausdruck in dem schwarzen Gesicht und den sanften schwarzen Augen wie ein verweintes Kind. Es war direkt der Ausdruck eines Kindes, das hart bestraft worden ist und nicht weiß, wofür, weshalb, nicht weiß, wie es der Qual und der rohen Gewalt entgehen soll... ich stand davor, und das Tier blickte mich an, mir rannen die Tränen herunter - es waren seine Tränen, man kann um den liebsten Bruder nicht schmerzlicher zucken, als ich in meiner Ohnmacht um dieses stille Leid zuckte. Wie weit, wie unerreichbar, verloren die freien, saftigen, grünen Weiden Rumäniens! Wie anders schien dort die Sonne, blies der Wind, wie anders waren die schönen Laute der Vögel oder das melodische Rufen der Hirten. Und hier - diese fremde, schaurige Stadt, der dumpfe Stall, das ekelerregende muffige Heu mit faulem Stroh gemischt, die fremden, furchtbaren Menschen, und - die Schläge, das Blut, das aus der frischen Wunde rinnt.

Oh, mein armer Büffel, mein armer, geliebter Bruder, wir stehen hier beide so ohnmächtig und stumpf und sind nur eins in Schmerz, in Ohnmacht, in Sehnsucht. Derweil tummelten sich die Gefangenen geschäftig um den Wagen, luden die schweren Säcke ab und schleppten sie ins Haus, der Soldat aber steckte beide Hände in die Hosentaschen, spazierte mit großen Schritten über den Hof, lächelte und pfiff leise einen Gassenhauer. (...)

Luxemburg, Rosa (2006): Briefe aus dem Gefängnis. Leipzig: Voltmedia, S. 74-76.

Albert Schweizer: Mitleid mit Tieren

Einen tiefen Eindruck machte mir ein Erlebnis aus meinem, siebenten oder achten Jahre. Heinrich Bräsch und ich hatten uns Schleudern aus Gummischnüren gemacht, mit denen man kleine Steine schleuderte. Es war im Frühjahr, in der Passionszeit. An einem Sonntagmorgen sagte er zu mir: «Komm, jetzt gehen wir in den Rebberg und schießen Vögel.» Dieser Vorschlag war mir schrecklich, aber ich wagte nicht zu widersprechen, aus Angst, er könnte mich auslachen. So kamen wir in die Nähe eines kahlen Baumes, auf dem die Vögel, ohne sich vor uns zu fürchten, lieblich in den Morgen hinaussangen. Sich wie ein jagender Indianer duckend, legte mein Begleiter einen Kiesel in das Leder seiner Schleuder und spannte dieselbe. Seinem gebieterischen Blick gehorchend, tat ich unter furchtbaren Gewissensbissen dasselbe, mir fest gelobend, danebenzuschießen. In demselben Augenblicke fingen die Kirchenglocken an, in den Sonnenschein und in den Gesang der Vögel hineinzuläuten. Es war das «Zeichen-Läuten», das dem Hauptläuten eine halbe Stunde voranging. Für mich war es eine Stimme aus dem Himmel. Ich tat die Schleuder weg, scheuchte die Vögel auf, dass sie wegflogen und vor der Schleuder meines Begleiters sicher waren, und floh nach Hause. Und immer wieder, wenn, die Glocken der Passionszeit in Sonnenschein und kahle Bäume hinausklingen, denke ich ergriffen, und dankbar daran, wie sie mir damals das Gebot «Du sollst nicht töten» ins Herz geläutet haben. Von. jenem Tage an habe ich gewagt, mich von der Menschenfurcht zu befreien. Wo meine innerste Überzeugung mit im. Spiele war, gab ich jetzt auf die Meinung anderer weniger als vorher. Die Scheu vor dem Ausgelachtwerden durch die Kameraden suchte ich zu verlernen.

Albert Schweitzer (2006) Ehrfurcht vor den Tieren. München: C.H. Becke, S.16-18.

Ekkehard Martens: Zwei Extreme menschlichen Verhaltens

Manche Menschen haben ein Tier als besten, vielleicht sogar einzigen Freund. Ihm können sie alles erzählen, die Tiere sind immer für sie da, sie freuen sich, wenn sie zurückkommen und sind für alles dankbar. Manche Menschen ziehen in ihrer Einsamkeit oder Verbitterung Tiere sogar Menschen vor. Das andere Extrem zur übertriebenen, wenn auch vielleicht im Einzelfall verständlichen Tierliebe ist die Tierquälerei, etwa bei der Massentierhaltung, beim Tiertransport, bei Tierexperimenten oder bei ihrem Missbrauch als Personenersatz. Wo aber liegt die Grenze zwischen einer übertriebenen Tierliebe und einer unzulässigen Tierquälerei?

Was berechtigt uns, mit Tieren in einer Weise umzugehen, die wir im Umgang mit uns selbst und mit anderen Menschen nicht für richtig halten? Kein Mensch darf beispielsweise, so sind wir in der Regel überzeugt, gegen seinen freien Willen für medizinische Experimente oder als Nahrungsmittel getötet werden, auch nicht, wenn dies schmerzlos geschieht. Dürfen wir dagegen Tiere zu unseren beliebigen Zwecken als Mittel einsetzen? Der Umgang mit Tieren sagt zugleich etwas darüber aus, wie wir uns selber einschätzen, welche Rechte und Pflichten wir uns ihnen und der Natur gegenüber insgesamt zuschreiben oder wie wir uns von Tieren zu unterscheiden meinen. Tierethik ist daher zugleich ein untrennbarer Teil der allgemeinen Ethik als Nachdenken über unsere Lebensweise. Sie ist alles andere als eine bloß spezielle ökologische Ethik sentimentaler Tierliebhaberei.

Martens, Ekkehard (1997): Zwischen Gut und Böse. Stuttgart: Reclam, S. 103.