Tiertransport

17.12.2013

Quellentexte zur Tierethik

Massentierhaltung

Ursula Wolf: Auf Tiere Rücksicht nehmen

Bei Haustieren übernimmt der Mensch die Rolle des Sozialpartners des Tiers. Hier bestehen daher moralische Situationen, die denen zwischen Personen durchaus analog sind. Wer einmal mit einem Hund oder einer Katze zusammengelebt hat, weiß, dass diese Tiere ein gewisses Verständnis davon entwickeln, was sie dürfen und was sie nicht dürfen, dass sie unterscheiden können zwischen Dingen, für die sie etwas können, und Dingen, an denen sie unschuldig sind, dass sie Gewohnheitsrechte beanspruchen, dass ihnen daran liegt, beachtet zu werden usw. Dass funktionierende soziale Beziehungen ein unverzichtbarer Bestandteil des tierischen Wohls sind, ist in diesem Fall, in dem wir selbst die Sozialpartner sind, besonders deutlich erkennbar, weil Tiere, wenn man sie gegen ihre sozialen Bedürfnisse willkürlich behandelt, schwere Verhaltensstörungen entwickeln.

Ich fasse jetzt die praktischen Konsequenzen im ganzen zusammen. Vom Standpunkt der Moral des Mitleids folgt, dass vieles, was Menschen den Tieren antun, zweifellos unzulässig ist. Das gilt, wie im Detail gezeigt, generell für die Praxis der Massentierhaltung und des Tierversuchs. Denn die so benutzten Tiere leben unter Bedingungen, die durchgängig und systematisch ein Leben in subjektivem Wohlbefinden ausschließen. Dieselbe systematische Verhinderung liegt vor, wo Tiere ihr Leben lang in Zoos, Käfigen usw. eingesperrt werden. Ich habe diese Fälle der durchgängigen Verhinderung des Wohls betont, weil hier besonders deutlich ist, dass der verbreitete Hinweis, dass es ohnehin kein Leben ohne Leiden gibt, irrelevant ist. Der entscheidende Bezugspunkt der moralischen Zulässigkeit ist in meiner Konzeption das Wohl oder gute Leben, nicht punktuelle Zustände von Lust und Unlust. Ich möchte damit nicht das umgekehrte Missverständnis erzeugen, dass die Zufügung von einzelnem Leiden kein Problem wäre. Gerade wenn man Leidenserfahrungen nicht isoliert, sondern als Bestandteil des Lebens im Ganzen sieht, der erinnert wird und sich auf das künftige Verhalten auswirkt, bedeutet jedes Leiden eine Minderung des Wohls. Was ich sagen will, ist nur, dass solche Minderungen manchmal unvermeidlich sind; wo sie es nicht sind, verstößt auch die Zufügung vorübergehenden Leidens gegen die moralische Rücksicht. Solche unnötigen Zufügungen von Leiden sind z.B. das Jagen von Tieren, ihre Verwendung in Kampfspielen wie Stierkämpfen und Hahnenkämpfen usw.

Wolf, Ursula (2004): Das Tier in der Moral. Frankfurt am Main: Klostermann, 2. Auflage, S. 102/103.

Ethische Verhaltensweisen: Vegetarismus

Jackie French: Isst du Fleisch?

Isst du Fleisch? Ja. Aber ich respektiere die Tiere auch. Ich glaube, dass man Tiere essen und sie gleichzeitig respektieren kann. Einen Großteil meines Lebens habe ich damit verbracht, andere Menschen davon zu überzeugen, Tiere in Frieden leben zu lassen und die Gegend, in der ich lebe, in einen guten Platz für Tiere zu verwandeln. Tiere töten andere Tiere und fressen sie, aber sie respektieren einander. Ich bin auch ein Tier. Ich bin Teil des Lebenskreislaufs. Ich töte und esse und eines Tages werde ich sterben und dann auch gefressen werden. Vermutlich nicht von einem Löwen oder einem Tiger, aber von Millionen von Mikroorganismen, die mir dabei helfen werden, zu Staub zu zerfallen, aus dem wieder Bäume und andere lebendige Dinge wachsen werden. Ich mag den Gedanken daran, dass mein Körper von anderen verwertet wird. Also esse ich Fleisch, aber ich werde keinem Tier wissentlich Schmerzen verursachen. Ich werde nie glauben, dass ich ein größeres Anrecht auf ein Stück von dieser Welt habe als ein Wombat oder ein Känguru, bloß weil ich ein Mensch bin. Wenn ich meine Pflanzen anbaue, werde ich immer sicherstellen, dass ich genug Platz für Tiere und ihr Futter lasse, und ich werde alles dafür tun, damit die Tiere in Würde leben können.

French, Jackie (2008): Das kleine Buch der großen Fragen. Köln: Boje, S. 55

Evelyn B. Pluhar: Das Recht, nicht gegessen zu werden

Stellen wir uns vor, die weltweit führende Nation in puncto Massentierhaltung, die Vereinigten Staaten, würden den gegenwärtigen Weg der Europäischen Union beschreiten und die erschreckendsten Praktiken auslaufen lassen. [...] Unbezweifeibar hätten die Tiere, die für ihre Körperteile gezüchtet und getötet werden, ein besseres Leben und einen besseren Tod, als dies jetzt ihr Los ist, aber daraus folgt nicht, dass es dann moralisch gerechtfertigt wäre, sie in Hauptgerichte zu verwandeln. Schließlich würden nur wenige von uns es billigen, Angehörige unserer eigenen Spezies auf solch »humane« Art zu behandeln. Uns allen, unabhängig vom Grad unserer Intelligenz, macht es etwas aus, was mit uns geschieht. Wir wehren uns dagegen, abgeschlachtet zu werden. Wir sind nicht damit einverstanden, zu »Opfertieren« gemacht zu werden. Kleine Kinder protestieren, wenn sie angegriffen werden, auch wenn sie ihren Protest nicht in Worte fassen können. Genauso verhalten sich Fische, die an der Luft ersticken, und Hühner, die erdrosselt werden. Selbst dann, wenn wir unwissentlich und schmerzlos im Schlaf getötet werden, haben wir das verloren, was das Leben für uns sonst noch bereitgehalten hätte. Argumente wie »Aber sie hätten ja gar nicht existiert, wenn wir sie nicht zu diesem Zweck gezüchtet hätten« oder »Ihr Leben in der Wildnis wäre viel gefährlicher und unangenehmer« - Argumente, die gern ins Feld geführt werden, wenn über nichtmenschliche Lebewesen gesprochen wird, verlieren ihre Plausibilität, sobald wir sie auf Zuchtbetriebe für Menschenfleisch oder Swift’sche6 Lösungen für die Probleme der Obdachlosen anwenden. Selbst die freundlichsten Wärter und Metzger würden -unter beträchtlichem Rechtfertigungsdruck stehen, wenn Braten aus menschlichen Hinterbacken besondere Bestandteile des Menüs ausmachten. Noch jemand einen leckeren milchgenährten Zweibeiner?

Wenn es Menschen verdienen, ungeachtet ihrer intellektuellen Fähigkeiten respektvoll behandelt zu werden, dann verdienen dies auch viele nichtmenschliche Lebewesen, ganz unabhängig davon, wie gut sie uns schmecken mögen. Moralische Akteure sind dazu verpflichtet, in ihren Handlungen konsequent und gerecht zu sein. (Dagegen sind kleine Kinder, geistig beeinträchtigte Menschen, Hunde, Katzen, Tiger usw. für das, was sie tun, nicht moralisch verantwortlich.) Wenn wir uns diesen Gedanken lebhaft vor Augen führen, dann sind Gefühle und Verpflichtungen miteinander im Einklang. Wenn wir versuchen, uns in ein Opfertier hineinzuversetzen (auch in ein menschliches Opfertier), sind wir weit weniger geneigt, ein Lebewesen zum Opfertier zu machen, besonders dann, wenn es nur um den Gaumenkitzel geht. Alle Wesen, denen es etwas ausmachen kann, was mit ihnen geschieht, die ein Ergebnis einem anderen vorziehen können, haben ein Leben, das sich moralisch gesehen nicht auf das Vergnügen anderer reduzieren lässt. Wir können ein Interesse an ihnen haben, weil sie ein Interesse an sich haben. Für sie hängt etwas davon ab, was der nächste Augenblick mit sich bringt, genau wie dies für uns gilt. Ich muss weder etwas von Infinitesimalrechnung noch von Lyrik verstehen, um ein Leben zu besitzen, das für mich von Bedeutung ist. (...)

Verteidiger der Fleischindustrie wie auch diejenigen Vegetarier, deren Beweggrund nur die Sorge um die eigene Gesundheit ist, haben gegen den auf Rechten basierenden ethischen Vegetarismus mehrere Einwände. Erstens behaupten viele von ihnen, wir hätten keinen Beweis, dass es sogenannten Nutztieren etwas ausmachen kann, was ihnen widerfährt. Sie werfen Vegetarierinnen wie mir Anthropomorphismus vor, wenn wir nichtmenschlichen Lebewesen Vorlieben zuschreiben. Einige gehen so weit zu behaupten, nichtmenschliche Lebewesen hätten nicht einmal ein Bewusstsein. [...] Philosophen und Naturwissenschaftler, die bestreiten, dass nichtmenschliche Wesen Selbstbewusstsein haben können, behaupten, dass der intellektuelle Entwicklungsstand, der angeblich für eine solche Fähigkeit notwendig ist, von nichtmenschlichen Wesen nicht erreicht wird. Aber natürlich gilt auch für eine ganze Menge Menschen, dass differenzierte Denkoperationen ihren Horizont übersteigen. Trotzdem zeigen Kinder, die noch nicht sprechen können, und geistig beeinträchtigte, aber empfindungsfähige Menschen trotz ihrer intellektuellen »Unzulänglichkeiten« alle Anzeichen dafür, dass es ihnen etwas ausmacht, was mit ihnen geschieht - wie es auch bei Kühen, Hühnern, Hunden, Fischen usw. der Fall ist. Wenn man auf einem so hohen Maßstab für das Vorhandensein eines Selbstbewusstseins besteht, dann ist die Behauptung, ohne Selbstbewusstsein Vorlieben zu besitzen sei unmöglich, extrem unglaubwürdig.

Behauptet jemand andererseits, dass ein weniger differenziertes Selbstbewusstsein ausreichend wäre, um Vorlieben zu haben, spricht alles dafür, dass viele nichtmenschliche Lebewesen und geistig unentwickelte oder beeinträchtigte Menschen in der Tat solch ein Bewusstsein haben. Sie zeigen keine Anzeichen dafür, dass sie sich mit anderen Menschen oder Gegenständen verwechseln: Sie scheinen sehr gut zu wissen, dass sie hungrig sind oder Schmerzen haben. Außerdem scheint Lernen im Gegensatz zum mechanischen Antworten auf einen Reiz einiges Selbstbewusstsein, einen .inneren Kern zu erfordern, auf den Erinnerungen und Motivationen bezogen werden können. Nur wenige Menschen bestreiten ernsthaft, dass nichtmenschliche Tiere und sehr junge Menschen lernen können.8 Nun kann man aber nicht aus völlig zusammenhangslosen Sinneseindrücken lernen: Diese müssen zu Erfahrungen - zusammenhängenden Elementen - zusammengefügt werden, an die man sich erinnern und die man voraussehen kann.

All jene, die bestreiten, dass nichtmenschliche Lebewesen ein Bewusstsein oder Selbstbewusstsein haben können, müssen einige ernsthafte Erklärungen geben. Wie soll man ihrer Meinung nach komplexes, anpassungsfähiges, offensichtlich kreatives Verhalten von nichtmenschlichen Wesen auslegen? Bis heute haben sie keine plausiblen Erklärungen für solch ein Verhalten. Wir sind ebenso wenig berechtigt zu behaupten, dass es einem Mastkalb nichts ausmachen könne, was in seinem 60 cm breiten Kasten mit ihm geschieht, wie wir behaupten können, dass ein kleines Mädchen, das in einem Wandschrank angekettet gehalten wird, geistig zu unterentwickelt sei, um sich an seinem Gefangensein zu stören.

Pluhar, Evelyn B. (2008): Das Recht, nicht gegessen zu werden. In: Ursula Wolf (Hrsg.): Tierethik.Stuttgart: Reclam, S. 305-307 und 309/310

Richard David Precht: Intelligente Tiere nicht essen

Stell dir vor, eines Tages landen fremde Wesen aus dem All auf unserem Planeten. Wesen wie in dem Hollywood-Spielfilm Independenee Day. Sie sind unglaublich intelligent und dem Menschen weit überlegen. Doch dieses Mal steht kein todesmutiger Präsident im Kampfflugzeug zur Verfügung. Und auch kein verkanntes Genie legt die außerirdischen Computer mit irdischen Viren lahm. Stattdessen haben die Aliens die Menschheit in kürzester Zeit besiegt und eingesperrt Eine beispiellose Terrorherrschaft beginnt Die Außerirdischen benutzen die Menschen zu medizinischen Versuchen, fertigen Schuhe, Autositze und Lampenschirme aus ihrer Haut, verwerten ihre Haare, Knochen und Zähne. Außerdem essen sie die Menschen auf, besonders die Kinder und Babys. Sie schmecken ihnen am besten, denn sie sind so weich, und ihr Fleisch ist so zart.

Ein Mensch, den sie gerade aus dem Kerker holen, um ihn zu schlachten und Wurst aus ihm zu machen, schreit die fremden Wesen an: »Wie könnt ihr so etwas tun? Seht ihr nicht, dass wir Gefühle haben, dass ihr uns weh tut? Wie könnt ihr uns unsere Kinder wegnehmen, um sie zu töten und zu essen? Seht ihr nicht, wie wir leiden? Merkt ihr denn gar nicht, wie unvorstellbar grausam und barbarisch ihr seid? Habt ihr denn überhaupt kein Mitleid?« Die Außerirdischen nicken. »Ja, ja«, sagt einer von ihnen. »Es mag schon sein, dass wir ein bisschen grausam sind. Aber seht ihr«, fährt er fort, »wir sind euch eben überlegen. Wir sind intelligenter als ihr und vernünftiger. Wir können lauter Dinge, die ihr nicht könnt. Wir sind eine viel höhere Tierart, viel weiterentwickelt als ihr. Na ja, und deshalb dürfen wir halt alles mit euch machen, was wir wollen. Seht euch mal unsere phantastische Kultur an! Unsere Raumschiffe, mit denen wir in Lichtgeschwindigkeit fliegen können. Und dann guckt auf euer jämmerliches Dasein! Verglichen mit uns ist euer Leben kaum etwas wert Außerdem, selbst wenn unser Verhalten irgendwie nicht ganz in Ordnung sein sollte, wegen eurer Schmerzen und eurer Ängste - eines ist doch viel wichtiger für uns: Ihr schmeckt uns halt so gut!«

- Was hältst du davon, Oskar? Findest du, dass man das vergleichen kann? Die Menschen benehmen sich gegenüber den Tieren genauso grausam, wie die Aliens in der Geschichte gegenüber den Menschen? - Ja, vielleicht. - Und wenn das stimmt, dürfen wir dann eigentlich noch Tiere essen? Ist das nicht unfair und gemein? - Manche Tiere esse ich ja auch nicht, Papa. Oktopus zum Beispiel oder Kalmare. - Warum nicht? Schmecken die dir nicht? - Nein, weil ich finde, man kann nicht so schöne, kluge und elegante Tiere essen. - Andere Tiere, meinst du, kann man aber schon essen? - Zum Beispiel ’ne Kuh. - Warum ’ne Kuh? - Kühe sind nicht so schlau und so intelligent und auch nicht so schön. Wenn du ’nen Oktopus mit ’ner Kuh vergleichst - als Haustier würdest du den Oktopus nehmen. Und. ein Haustier würdest du eben nicht essen. -Nein, niemals, Papa. - Also würdest du sagen: Die Gründe, warum man bestimmte Tiere nicht essen darf, sind ihre Intelligenz und ihre Schönheit. Aber mit der Schönheit ist das so eine Sache. Was macht man, wenn jemand Oktopusse nicht schön findet...? -Nicht alle essen ja auch keine Kraken. - Eben. Würdest du denn, wenn du es könntest, das Essen von Tintenfischen verbieten lassen? - Wenn alle damit einverstanden sind, fände ich das gut. Der wichtigste Grund, warum man bestimmte Tiere nicht essen sollte, ist also ihre Intelligenz? Ja, Papa.

Richard David Precht (2011): Warum gibt es alles und nicht nichts? München: Goldmann S. 144-147.