Basilius-Kathedrale

3.6.2013 | Von:
Ulrich Schmid

Analyse: Postapokalypse, Intermedialität und soziales Misstrauen in der russischen Popkultur

Popkultur dient nicht einfach nur der Unterhaltung. Popkultur kodiert Werthaltungen, Wahrnehmungsmuster und Wissensordnungen, die für ein breites Publikum wirkmächtig werden. Oft verdrängen Produkte aus der Popkultur sogar etablierte Wissensbestände, die in Schulen unterrichtet werden. Deshalb prägt die zunehmend intermedial auftretende Popkultur auch nachhaltig ideologische Strömungen in der Öffentlichkeit. In Russland präsentieren Bestseller, Kinofilme und Computerspiele sehr spezifische Narrative über gesellschaftliche und politische Systeme, die bei Einschätzungen über das russische Demokratisierungspotenzial berücksichtigt werden müssen.
TAR-TASS: MOSCOW, RUSSIA. MARCH 20, 2011. Novel Metro 2033 Universe presented at the _Books of Russia_ exhibition-fair. (Photo ITAR-TASS/ Alexandra Mudrats)Auf der Moskauer Buchmesse - der Science Fiction Roman "Metro 2033". (© picture-alliance/dpa)


Metro 2033 – ein multimedialer Erfolg

Im Zeitalter der Konvergenz der modernen Massenmedien ist es schwierig geworden, über isolierte Ereignisse in der russischen Popkultur zu sprechen. Oft taucht ein Produkt zunächst in einem Blog oder auf einer Website auf. Wenig später erhält es eine neue Gestalt und erscheint als Buch, Film oder Computerspiel. Diese intermediale Dynamik verstärkt den Aufmerksamkeitserfolg auf allen Kanälen und favorisiert so den ästhetischen Stil dieses Produkts. Ein gutes Beispiel bietet Dmitrij Gluchowskijs Science Fiction-Projekt "Metro 2033". Der Journalist (geb. 1973) schuf im Jahr 2002 eine düstere Welt vor einem postapokalyptischen Hintergrund. Sein Projekt geht von folgenden Annahmen aus: Im Jahr 2013 verwandelt ein globaler Atomkrieg die gesamte Erdoberfläche in eine radioaktive Wüste. Die Sonne wird von Aschewolken verdeckt. Die meisten Lebewesen sind umgekommen, Dinosaurier und aggressive Mutanten sind die einzigen Organismen, die sich in dieser widrigen Umwelt behaupten können. Nur etwa 70.000 Menschen haben in Moskau überlebt – genau jene, die sich zum Zeitpunkt der Explosionen in der Metro befanden. Nach zwanzig Jahren haben sich in den einzelnen Stationen verschiedene Zivilisationen entwickelt, die einander bekämpfen, um an Wasser, Essen und Energieträger zu kommen. Gluchowskij notierte die ersten Texte dieses Projekts in der Blog-Plattform LiveJournal, die vor allem unter russischen Intellektuellen sehr populär ist. Später kombinierte er die einzelnen Einträge und veröffentlichte den Roman als Monographie (Poljarnyje sumerki. Shurnal Dmitrija Gluchowskogo, http://dglu.livejournal.com/profile). Heute arbeitet eine Vielzahl von Autoren an Romanen, die im "Metro 2033"-Universum spielen. Mittlerweile existiert auch ein Videospiel – die dunkle Ästhetik des Romans wurde in die visuelle Welt eines Ego Shooters verwandelt. Der Spieler muss seine eigene Gemeinschaft vor den Angriffen geheimnisvoller Aliens, der so genannten "Schwarzen", beschützen. Darüber hinaus müssen sowohl kommunistische als auch faschistische Feinde abgewehrt werden; das Endziel besteht in der Zerstörung der
Basis der "Schwarzen". Allerdings sieht das Spiel neben dem Standardabschluss auch ein Happy End vor. Wenn der Spieler gute Taten vollbringt und etwa Almosen spendet oder seinen Feinden das Leben schenkt, dann kann er Frieden mit den "Schwarzen" schließen. Diese Lösung erfordert allerdings ein hohes ethisches Engagement, weil die Handlungslinie sonst wieder in den üblichen "Live and let die"-Modus zurückfällt. Das Weltbild des Games beruht auf einem ständigen Kampf auf Leben und Tod. Die menschliche Existenz ist äußerst fragil und wird auf Schritt und Tritt von äußeren Gefahren und innerer Erschöpfung bedroht. Der Spieler muss beständig seine eigenen Wunden, die radioaktive Strahlung, den Sauerstoffvorrat, seine Ausrüstung und Munition kontrollieren. Nur wenn ein hohes ethisches Bewusstsein vorliegt, kann der Spieler die virtuelle Realität so beeinflussen, dass auch der Gegner nicht einfach als Vernichtungsobjekt, sondern als Mensch auftritt. Im Gegensatz zum Buch konstruiert das Computerspiel also nicht einfach eine hoffnungslos verlorene Welt, sondern erlaubt auch eine Erlösung, die allerdings eine radikal veränderte ethische Einstellung des Spielers voraussetzt. "Metro 2033" ist nur eines von vielen Beispielen eines Themas, das in der aktuellen russischen Popkultur durch verschiedene Medien wandert. Bei der Analyse intermedialer Präsenz eines bestimmten Produkts müssen auch ökonomische Aspekte berücksichtigt werden. Gluchowskij startete sein Projekt ohne finanzielle Risiken einzugehen. LiveJournal ist vor allem unter russischen Intellektuellen eine beliebte Blog-Plattform, auf der Texte gratis eingetragen werden können. Gluchowskij ist es gelungen, schnell und ohne Produktions- oder Marketingkosten ein breites Publikum anzusprechen. Ein literarischer Erfolg auf LiveJournal öffnet meist den Weg zu einer Veröffentlichung in einem großen russischen Verlag. Gluchowskij konnte durch die Internet-Publikation das ökonomische Potenzial seines Textes testen. In der Tat erschien 2005 bei EKSMO, einem der größten russischen Verlage, eine erfolgreiche Buchausgabe. Konsequenterweise hat Gluchowskij nach dem Erscheinen der Printausgabe auch die elektronische Version seines Romans aus dem LiveJournal gelöscht. Zuvor hatte er in einer elektronischen Umfrage seine Leser gefragt, ob sie bereit wären, Fanartikel zu kaufen – aufgrund des negativen Umfrageergebnisses verzichtete er aber auf diese Vermarktungsoption. Der Erfolg von "Metro 2033" kann nicht durch die literarische Meisterschaft des Autors erklärt werden. Im Gegenteil: Die Handlung ist einfach gestrickt, die Charaktere sind eindimensional, die Sprache verfügt über keine stilistische Raffinesse. Gluchowskij folgt narrativen Klischees, die aus dem Inventar des sozialistischen Realismus stammen. Der Grund für das enorme Echo des Romans liegt in seiner Symbolkraft. Der postapokalyptische Hintergrund von "Metro 2033" scheint einen Nerv der heutigen Gesellschaft zu treffen. Die russische Kultur war seit jeher stark auf die Zukunft ausgerichtet. Im 19. Jahrhundert entwarfen viele Romane utopische Szenarien für Russland. Im 20. Jahrhundert war das sowjetische Gesellschaftsprojekt besessen von zukünftiger Glückseligkeit nicht nur für Russland, sondern für die gesamte Menschheit (Heller, Leonid, Michel Niqueux: Geschichte der Utopie in Russland. Bietigheim-Bissingen, 2003).


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Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
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