Basilius-Kathedrale

3.6.2013 | Von:
Ulrich Schmid

Analyse: Postapokalypse, Intermedialität und soziales Misstrauen in der russischen Popkultur

Apocalypse Now im postsowjetischen Russland

Der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutete für viele Russen eine Katastrophe. Das politische Chaos der frühen neunziger Jahre, die Hyperinflation, der Krieg in Tschetschenien – alle diese Elemente verstärkten die apokalyptische Stimmung in Russland, die im Bewusstsein der meisten Bürger zu Beginn des 21. Jahrhunderts nicht wirklich überwunden, sondern nur verdrängt wurde. Das erste Produkt der Popkultur, das die postapokalyptische Stimmung thematisierte, war der Film "Wächter der Nacht" (2004). Der Film basiert auf einem erfolgreichen Roman des Science Fiction-Autors Sergej Lukjanenko. Der Regisseur Timur Bekmambetow siedelt die Handlung im heutigen Moskau an, er konstruiert aber eine symbolische Erzählung, die eine schlagende Erklärung für die unstabile Situation in Russland bietet. Die guten und bösen Mächte sind gleich stark und vereinbarten deshalb in mythischer Urzeit einen Waffenstillstand. Tagsüber kontrollieren die Bösen die Guten und in der Nacht wachen die Guten über die Bösen. Dieses manichäische Konzept bot eine überzeugende Deutung für die ideologische Leere der postsowjetischen Epoche. Es gab keine gültigen moralischen Normen mehr – für die meisten Russen erschien das Leben als endloser Kampf ohne Ziel. Bekmambetows Film bettete diese Befindlichkeit in eine mythische Erzählung, die wenig metaphysischen Trost bot, aber wenigstens den russischen alltäglichen Überlebenskampf mit einem tieferen Sinn ausstattete. Die Geschichte wurde in einer visuellen Sprache erzählt, die dem russischen Publikum sehr vertraut war. Die Spezialeffekte aus "Wächter der Nacht" zitieren extensiv aus amerikanischen Blockbustern wie "Star Wars", "Matrix" oder "Terminator". In seinem ersten Hollywood-Film "Wanted" (2008) legte Bekmambetow eine ähnliche Weltdeutung vor. Sein Protagonist ist ein unscheinbarer Buchhalter, der in einem Großraumbüro arbeitet. Er wird Mitglied einer Geheimbruderschaft, die seit tausend Jahren existiert. Die Tätigkeit dieser Verschwörer wird gesteuert von einem geheimnisvollen Webstuhl, der einen symbolischen Stoff mit eingewobenen Geheimbotschaften herstellt. Die Bruderschaft führt Hinrichtungsbefehle aus und wacht so in einer verfluchten Welt über das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse. Die Schlussszene zeigt den Helden, der sein eigenes Leben in die Hand nimmt, indem er den Mörder seines Vaters tötet. Wie in "Wächter der Nacht" zeigt Bekmambetow eine Welt im Kriegszustand, in der jeder Einzelne für sein Leben kämpfen und sogar töten muss. Es gibt in dieser Konzeption sogar so etwas wie eine "unsichtbare Hand": Die Mörder der Bruderschaft töten nicht aus egoistischen Motiven, sondern erweisen sich als Jäger, die im Dienst der globalen Ökologie von Gut und Böse stehen. Die Postproduktion mit den Spezialeffekten wurde für "Wanted" von Bekmambetows eigener Firma "Bazelevs" in Moskau ausgeführt. Für die russische Ausgabe des Films übersetzte kein Geringerer als Sergej Lukjanenko die Dialoge. Lukjanenko ist ein gutes Beispiel für einen Vermittler zwischen den Medien Buch, Film und Computerspiel. Sein Roman "Die Rivalen" (2008) basiert auf dem russischen Video Game "Starquake", in dem menschliche Piloten einen Angriff aus dem All abwehren müssen. Lukjanenko baut seinen Roman auf der ontologischen Ungewissheit auf, ob die Wirklichkeit letztlich nicht ein Computerspiel ist. Seine Protagonisten kommen zum Schluss, dass sie die Frage nicht lösen können – in beiden Fällen aber die Spielregeln beachten müssen. Eine solche Weltdeutung scheint für viele Russen zuzutreffen – besonders für die junge Generation in urbanen Regionen (S. die Meinungsumfrage: Rossijskoje kino i film "Notschnoj dosor", FOM, 19. 08. 2004; http://bd.fom.ru/report/cat/cult/art_art/cinem/dd043311). Auch das populäre Computerspiel S.T.A.L.K.E.R. (2007) erschafft eine postapokalyptische Welt. Die Spielmechanik geht davon aus, dass sich ein zweites, noch schlimmeres Nuklearunglück in Tschernobyl ereignet. Die Umwelt verwandelt sich in eine verseuchte Zone mit seltsamen Gegenständen und aggressiven Mutanten. Das Spiel verbindet offensichtlich zwei Quellen: Die realen Ereignisse in der Ukraine im April 1986 und Andrej Tarkowskijs berühmten Science Fiction-Film "Stalker" (1979), der seinerseits auf dem Roman "Picknick am Wegesrand" der Brüder Strugazkij basiert. S.T.A.L.K.E.R. ist ebenfalls ein Ego-Shooter. Der Protagonist, der zu Beginn des Spiels sein Gedächtnis verloren hat, muss sowohl die geheimnisvolle Zone als auch seine eigene Persönlichkeit erforschen. In der gefährlichen Umgebung verfügen nicht nur Menschen, sondern auch Gegenstände über ein eigenes Bewusstsein. Wie in "Metro 2033" ist der Held verletzlich und muss mit verschiedenen Herausforderungen kämpfen: Strahlung, Hunger, Blutverlust. Auch dieses Spiel verfügt über mehrere Szenarien für das Ende – aber nur eines davon ist ein Happy End. Der Protagonist muss alle seine Feinde töten. Nach dem Sieg muss er darüber hinaus auch alle Gegenstände zerstören, die das Bewusstsein der Zone in sich tragen. In diesem Fall verschwindet die Zone. Alle anderen Szenarien implizieren eine Selbstverstümmelung des Protagonisten. Er kann sich etwa das Verschwinden der Zone wünschen – was zu seiner eigenen Erblindung führt – oder er kann seine Unsterblichkeit wünschen – was ihn zu einer Metallstatue erstarren lässt. Diese Spielenden stehen für die beiden grundsätzlichen Modi des Verhältnisses von Individuum und Welt: Entweder wirkt der Protagonist auf die Realität ein und formt sie nach seinen Wünschen, oder er verändert sich selbst, um auf äußere Herausforderungen zu antworten. Die Pointe bei S.T.A.L.K.E.R. liegt freilich darin, dass letztlich unentscheidbar wird, welche der beiden Optionen zutrifft: Die Blindheit des Subjekts korreliert mit dem Verschwinden des Objekts. Die postapokalyptische Befindlichkeit ist auch in den Fantasy-Bestsellermarkt eingedrungen. Der Großverlag EKSMO verfügt über eine Serie mit dem programmatischen Titel "Russische Apokalypse". Die Buchumschläge dieser Serie folgen deutlich der Ästhetik von S.T.A.L.K.E.R., die Titel künden vom Weltuntergang: "Stadt des Todes" (Viktor Glumow, 2012), "Nahrung und Munition. Der Renegat" (Artjom Mitschurin), "Atomarer Herbst" (Wjatscheslaw Chwatow, 2012), "Russische Dämmerung" (Oleg Kulagin, 2011). Diese Serie wurde durch eine andere Serie vorbereitet, die einfach nur "Apokalypse" hieß. Hier erschienen Titel wie "Die Mitternachtswelt" (Aleksandr Jan, 2011) oder "Es gibt keine zweite Chance" (Suren Zormudjan, 2011). Die Handlung aller dieser Romane ist in einer verwüsteten Welt nach einem Atomkrieg angesiedelt. Der Held muss für sein eigenes Überleben kämpfen, oft wird er von manichäischen Kräften bedroht. Weder der Staat noch die Gesellschaft kann die Sicherheit des Menschen garantieren. In allen postapokalyptischen Erzählungen wird der Held verwundet und muss über seine eigenen schwindenden Kräfte wachen. Allerdings garantiert der Wille zum Töten und zum Überleben den Ort des Individuums in einer feindlichen Umgebung.


Russland

Opposition activists carry the Ukrainian national flag during an action of protest against the current regime in Kiev, Ukraine, Saturday, May 18, 2013. (AP Photo/Efrem Lukatsky)
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