Basilius-Kathedrale

3.6.2013 | Von:
Ulrich Schmid

Analyse: Postapokalypse, Intermedialität und soziales Misstrauen in der russischen Popkultur

Soziales Misstrauen

Die Heimatlosigkeit des postapokalyptischen Helden entspricht der herrschenden Selbstwahrnehmung der russischen Gesellschaft. Ökonomische, politische und soziale Unsicherheit ist ein weit verbreitetes Phänomen in Russland. Der Soziologe Lew Gudkow hat "Angst" als eines der Konstitutiva der "negativen Identität" bestimmt, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Selbstbeschreibung des durchschnittlichen russischen Bürgers dominiert. "Angst" reduziert die Komplexität der zudringenden Welt. Das postsowjetische Individuum setzt "Angst" als zentrale Deutungskategorie bei seiner Weltwahrnehmung ein. Angst betrifft fast alle Lebensbereiche: Familie, Gesundheit, Politik, Ökonomie, Ökologie. Dieses Weltinterpretationsmodell schränkt den Handlungsspielraum, den sich das Individuum zugesteht, deutlich ein, weil die meisten relevanten Faktoren im alltäglichen Leben nicht kontrolliert werden können und deshalb "gefürchtet" werden müssen. Die russische Gesellschaft definiert sich deshalb als eine in-group, die von verschiedenen Bedrohungen umgeben ist. Die in-group verlässt sich dabei nicht auf einen gemeinsamen Kern positiver Werte, sondern konstituiert sich als eine Schicksalsgemeinschaft, die sich gegen alles Fremde und Feindliche verteidigen muss. Gudkow geht davon aus, dass die "negative Identität" der Russen sich durch "Othering", also durch das Unterscheiden eines Wir- und Sie-Diskurses, bestätigt. Deshalb wird alles, was von außen kommt, als potentiell gefährlich betrachtet und muss abgewehrt werden (Gudkow, Lew: Negatiwnaja identitschnost. Statji 1997–2002, Moskau, 2004, S. 81 u. 272.). Gemeinsam mit Boris Dubin und Natalja Sorkaja hat Lew Gudkow in einer weiteren Publikation darauf hingewiesen, dass die aktuelle russische Gesellschaft das Leben in erster Linie als Überleben wahrnimmt und deshalb angesichts gesellschaftlicher Veränderungen nur passiv oder reaktiv handeln kann. Postapokalyptische Narrative in Literatur, Film und Computerspielen nützen diese Ängste aus und füllen die Leere mit düsteren Visionen aus, die ein Tremendum fascinosum darstellen: Emotionales Engagement kann sich nicht nur von Lust, sondern auch von Horror herleiten. Angst entspringt nicht zuletzt einem allgemeinen Gefühl der Hilflosigkeit, das in Russland angesichts fehlender politischer und sozialer Partizipationsmöglichkeiten weit verbreitet ist. In einer Umfrage aus dem Jahr 2007 antworteten 72 % der Befragten, dass sie keine Möglichkeit hätten, staatliche Entscheidungen zu beeinflussen; 80 % der Befragten waren überzeugt, dass sie von der Gestaltung der politischen oder ökonomischen Situation in Russland ausgeschlossen seien (Gudkow, Dubin, Sorkaja: Postsowetskij…., S. 31). Überhaupt ist das soziale Kapital in Russland sehr gering. Nur 26 % glaubten in einer Umfrage aus dem Jahr 2006, dass man anderen Bürger vertrauen könne. Umgekehrt glaubten 70 %, dass (zufälliger) Kontakt mit Menschen auf der Straße gefährlich sei (Gudkow, Dubin, Sorkaja: Postsowetskij…., S. 72). Die Kategorie der Zukunft ist in Russland geschrumpft auf eine sehr kurze Periode nach der Gegenwart. In einer Umfrage aus dem Jahr 2007 sagten 48 % der Befragten, sie könnten sich ihre Lebensumstände für die nächsten zwei Jahre vorstellen, nicht länger. Zeit wird nicht mehr als kontinuierliche Entwicklung wahrgenommen, sondern als eine Abfolge traumatischer Ereignisse, die bereits geschehen sind oder bald geschehen werden. Aus dieser Sicht mag die offizielle Sowjetkultur zwar brutal und verlogen gewesen sein, sie hatte aber einen Vorteil: Sie versprach eine lichte Zukunft. Auf dem 22. Parteikongress der KPdSU kündigte Nikita Chruschtschow 1961 die kommunistische Gesellschaft für 1980 an. Dieser Optimismus ist verloren gegangen, und zwar definitiv. Die Zeit hat ihren eigenen Deutungsvektor umgedreht: Die russische Gegenwart wird nicht mehr als Vorstadium der großartigen Zukunft interpretiert, sondern als Produkt der desaströsen Vergangenheit. Das meistverbreitete Attribut der Zeit ist heute das Beiwort "post" – die Postapokalypse ist bereits da, die künstlerische Einbildungskraft muss nur noch neue Metaphern für dieses dominante Modell gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung finden.

Schlussfolgerungen

Die verschiedenen Manifestationen der russischen Popkultur haben deutliche Implikationen für Russlands Demokratisierungspotenzial. Wenn Angst und Post­apokalpyse die dominanten Wahrnehmungskategorien für die Zukunft darstellen, bleibt der Aktionsradius für politische Partizipation eng. In den USA konnte Barack Obama die Präsidentschaftswahlen mit dem Slogan "change" für sich entscheiden. Eine solche Losung würde in Russland nur auf Ablehnung stoßen – "change" würde sofort als bedrohliche Verschlechterung aufgefasst. Putins Popularität bei der russischen Bevölkerung hat deutlich abgenommen nach den Präsidentschaftswahlen von 2012. Allerdings denken immer noch 65 % der Befragten, dass die positiven Aspekte von Putins Amtszeit für Russland überwiegen. Vor dem Hintergrund der manichäischen Weltinterpretation in Werken der russischen Popkultur kann Putin als jener Held erscheinen, der bedrohliche fremde Einflüsse abwehrt und die russische in-group zusammenhält. Dabei spielt auch sein Aussehen eine wichtige Rolle: Putins ernstes Gesicht und seine gestählte Brust gehören mittlerweile zu den symbolischen Staatsinsignien Russlands. Biotechnische Unterhaltsarbeiten am präsidialen Körper wie Face-Lifting oder Rückenbehandlungen werden deshalb wie Staatsgeheimnisse behandelt. Die russische Popkultur befördert mithin in ihren intermedialen Spielarten eine Weltdeutung, die auf Angst basiert, politische Passivität erzeugt und alle Hoffnung auf einen starken Führer setzt.

Lesetipps
  • Jenkins, Henry: Convergence Culture. Where Old and New Media Collide. New York, 2008.
  • Juul, Jesper: A Clash between Game and Narrative. A thesis on computer games and interactive fiction, Copenhagen, 2001; http://www.jesperjuul.net/thesis/


  • Russland

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