Eindruck vom Hackathon, Entwicklung von Prototypen

Politische Kampagnenarbeit braucht langen Atem

Wie sensibilisiere ich Menschen, fair produzierte Kleidung zu kaufen? Womit setze ich Firmen unter Druck, ethische Standards einzuhalten? Mit welchen Argumenten kann ich insbesondere Jugendliche davon überzeugen, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren? Mit diesen Fragen beschäftigten sich politische Kampagnenmacher zwei Tage auf der reCampaign. Über wirksame Online-Instrumente und die Gefahr des Klick-Aktivismus.
Austausch zwischen Campaignerinnen und Campaignern über die neusten KampagnenAustausch zwischen Campaignerinnen und Campaignern über die neusten Kampagnen. (reCampaign / bearbeitet / flickr / Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0 )

Kampagnen stellen Forderungen an politische Entscheidungsträger, erzeugen eine Öffentlichkeit für zivilgesellschaftliche Anliegen und verhelfen Initiativen und NGOs zu mehr Bekanntheit. Viele Organisationen agieren im Kontext ihrer Kampagnenarbeit zunehmend online und arbeiten mit klassischen Marketingmethoden. Ob Online-Petitionen, Hashtag-Kampagnen oder Themenserien auf YouTube: Beiträge sollen Emotionalität erzeugen und eine persönliche Geschichte erzählen, so dass sich potenzielle Mitstreiterinnen und Mitstreitern oder Spenderinnen und Spendern mit der Arbeit identifizieren und diese unterstützen.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Lilie Chouliaraki sieht darin eine Gefahr, da nicht mehr mit konkreten politischen Inhalten gearbeitet werde, sondern sich eine "Lifestyle-Solidarität" ausbreite. Diese beruhe auf Werbelogiken und -ästhetiken sowie dem Konzept der Belohnung und schwäche politische Forderungen damit in ihren Augen ab. Es würde kein langfristiges politisches Engagement gefördert, sondern Klick-Aktivismus über Facebook und Online-Petitionen würden begünstigt.

Wie stehen politische Campaignerinnen und Campaigner zu diesen Entwicklungen? Und welche Online-Tools eignen sich für eine nachhaltige Kampagnenarbeit?

Online-Petitionen

Das Angebot an Online-Petitionen ist groß und die verschiedenen Initiatorinnen und Initiatoren stehen in starker Konkurrenz zueinander – nicht zuletzt auch in Bezug auf die Anzahl der gesammelten Unterschriften. Dennoch eignen sich Online-Petitionen nach Ansicht vieler Teilnehmender der Veranstaltung reCampaign, die am 12. und 13. März 2018 in Berlin stattfand, gut als ein niedrigschwelliger Startpunkt, um Menschen auf Themen aufmerksam zu machen.

Standen bisher vor allem die quantitativen und öffentlichkeitswirksamen Aspekte von Online-Petitionen im Mittelpunkt – etwa die Anzahl der Unterschriften oder die schnelle Teilbarkeit über die sozialen Medien – sollten nach Ansicht von Jessica Seip, Mitarbeiterin bei der Internetplattform und gemeinnützigen GmbH OpenPetition, zukünftig qualitative Kriterien in den Fokus rücken. So könne beispielsweise die Analyse geografischer Daten dabei helfen, die jeweilige Zielgruppe direkter zu identifizieren und zu adressieren. Seip machte zudem darauf aufmerksam, dass OpenPetition derzeit eine eigene Petition gestartet habe, um das deutsche Petitionsrecht zu modernisieren. Die Kampagne "Petitionsrecht 4.0 – Mehr Dialog, mehr digitale Beteiligung" soll den Austausch zwischen politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern und Bürgerinnen und Bürgern stärken sowie die Durchführung von Online-Petitionen vereinfachen.

Betroffene als Botschafterinnen und Botschafter

Michel Arriens von der Kampagnenplattform und dem unabhängigem Verein change.org e.V. sieht großes Potenzial in der Verbindung digitaler Petitionen mit analogen Strategien. Bei der Kampagne zur Verbesserung des Bundesteilhabegesetzes für Menschen mit Behinderung aus dem Jahr 2015 mobilisierten er und sein Team die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Online-Petition, Abgeordnete direkt anzurufen, um ihre individuelle Geschichte zu erzählen. Durch den persönlichen Kontakt von Betroffenen mit Politikerinnen und Politikern konnten Argumentationen für Änderungen des Gesetzentwurfs im Gespräch vermittelt werden.

Gerade in der humanitären Arbeit und im Kontext entwicklungspolitischer Kampagnen komme dieser direkte und unmittelbare Kontakt mit Betroffenen häufig zu kurz und sollte stärker fokussiert werden, findet Marianne Pötter-Jantzen vom katholischen Hilfswerk Misereor. Gerade die Perspektiven von Menschen aus dem globalen Süden müssten im Kontext entwicklungspolitischer Kampagnen noch stärker eingebunden und in die Politik getragen werden.

Online-Instrumente können Face-to-Face Begegnungen nicht ersetzen

So haben Interventionen auf dem örtlichen Marktplatz oder das Gespräch im Gemeindezentrum häufig ein nachhaltigeres und wirkungsvolleres Engagement von Bürgerinnen und Bürgern zur Folge als ein Aufruf in einem Newsletter. Auch mit neuen, schnelleren Kommunikationsmöglichkeiten über die sozialen Medien brauche Kampagnenarbeit einen langen Atem, erklärt etwa Anne Jung von der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Medico International. Sie betonte, dass das kontinuierliche Engagement der Zivilgesellschaft gefordert sei, bestenfalls noch bevor eine Kampagne die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger erreiche oder gar in einer Gesetzesänderung münde.

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Hintergrundinformationen zur Entstehung des Textes

Der Beitrag entstand anlässlich der Veranstaltung reCampaign der Heinrich-Böll-Stiftung am 12. und 13. März 2018 in Berlin. Dort diskutierten Vertreterinnen und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen über Methoden, Wirksamkeit und Probleme politischer Kampagnenarbeit. Die reCampaign ist eine Veranstaltung von Wigwam und Social Bar. Wigwam ist eine genossenschaftliche organisierte soziale Organisation, die u.a. Organisationen bei der Kampagnenarbeit berät. Social Bar ist ein durch den Trägerverein Verein.bar organisiertes Veranstaltungsformat, bei dem verschiedene Akteure in Dialog gebracht werden sollen.


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