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Warum souveräne Datennutzung für Schule und Pädagogik unverzichtbar ist Datenkompetenz in der Schule

Stephanie Agethen Nora Perseke

/ 4 Minuten zu lesen

Ob soziale Medien, Apps oder KI: Daten durchdringen unseren Alltag. Stephanie Agethen und Nora Perseke vom Civic Data Lab zeigen, wie Schülerinnen und Schüler souverän mit Daten umzugehen lernen.

Datenkompetenz gilt als Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts, vergleichbar mit Lesen, Schreiben und Rechnen. (© pexels / ThisIsEngineering)

Ob in sozialen Medien, bei Wetter-Apps, KI-Anwendungen oder in politischen Debatten – überall begegnen uns Zahlen, Statistiken und Algorithmen. Daten beeinflussen, welche Nachrichten wir lesen, welche Produkte uns empfohlen werden und wie wir uns in der digitalen Welt bewegen. Doch wie gut verstehen wir eigentlich die Mechanismen dahinter?

Gerade für Schüler*innen ist es entscheidend, Daten nicht nur zu konsumieren, sondern sie bewusst, kritisch und kontextbezogen zu verstehen. Nur so können sie Positionen hinterfragen, manipulative Darstellungen erkennen und selbstbestimmt Entscheidungen treffen. Die zentrale Frage in diesem Kontext lautet: Wie bereiten wir junge Menschen auf eine datengetriebene Welt vor, ohne dabei ihre Autonomie einzuschränken und so, dass gleichzeitig ihr kritisches Denken gefördert wird? Für Lehrkräfte kann das konkret bedeuten, Datenwissen und KI-Kompetenz stärker im Unterricht zu verankern – zum Beispiel mit interaktiven Lernmodulen, praxisnahen Materialien und einem klaren Fokus auf Handlungsorientierung.

Von persönlichen Datenspuren zu gesellschaftlicher Teilhabe

Datenkompetenz ist mehr als technisches Know-how. Sie ist die Kulturtechnik des 21. Jahrhunderts, vergleichbar mit Lesen, Schreiben und Rechnen. Wer Daten versteht, kann:

  • Informierte(re) Entscheidungen treffen: Welcher Gesundheits-App kann ich vertrauen? Wie interpretiere ich Umfrageergebnisse in den Medien?

  • Manipulation erkennen: Wie werden Statistiken gebraucht oder eben missbraucht, um politische Meinungen zu beeinflussen? Hinter welchen vermeintlichen Fakten stecken belastbare Daten?

  • Gesellschaftlich partizipieren: Wie kann ich z.B. mit Open Data meine Umgebung mitgestalten oder soziale Missstände aufdecken?

  • Kreativ werden: Wie kann ich Daten mithilfe von Visualisierungen wie Diagrammen oder Karten zugänglicher machen? Welche Geschichten stecken hinter vermeintlich trockenen Zahlen und Statistiken?

Daten sind kein neutrales Werkzeug – sie sind sehr häufig Machtinstrument in den Händen von großen Techkonzernen, ein hohes Wirtschaftsgut und auch die Grundlage demokratischer Prozesse. Schüler*innen sollten deshalb nicht nur lernen, mit Daten zu arbeiten, sondern auch verstehen, wem Daten gehören, wer von ihrer Nutzung profitiert und welche ethischen Fragen damit verbunden sind.

Vom Alltag zur Analyse: Daten greifbar machen

Wie lässt sich ein so abstraktes Thema wie Datenkompetenz greifbar vermitteln? Das Civic Data Lab (CDL) will die Zivilgesellschaft auf ganz unterschiedliche Art und Weise unterstützen, die Nutzung und den Umgang mit Daten nachhaltig zu fördern. Der Schlüssel liegt darin, bei der Lebenswelt der Anwender*innen anzusetzen.

Fotoroll – Daten sammeln und clustern

Eine niedrigschwellige Übung ist die „Fotoroll“, um Daten zu sammeln und clustern. Der Ablauf ist einfach: Teilnehmende analysieren die Fotos der vergangenen 30 Tage auf dem eigenen Smartphone. Zuerst wird erfasst, an welchem Tag wie viele Fotos gemacht wurden. Die Bilder werden anschließend genau betrachtet und in Kategorien geclustert: Arbeit, Freizeit, Kommunikation, Mobilität, Konsum etc. Was zunächst spielerisch wirkt, offenbart erstaunliche Muster – auf Schüler*innen bezogen etwa: Wann mache ich Fotos? Vermutlich nicht während der Schulzeit, sondern davor und danach. Welche Orte prägen meinen Tag? Wann bin ich allein, wann mit anderen – und mit wem?

Jedes Foto beinhaltet viele Datenpunkte, die eine Geschichte über den eigenen Alltag erzählen. So wird plötzlich greifbar, was „Datenerhebung“ konkret bedeutet. Aus den Daten können Profile gebildet werden, die Rückschlüsse auf eine Person zulassen oder auch zur Vorhersage weiterer Muster benutzt werden können. Dass die Daten nie die vollständige Person erfassen oder auch falsch interpretiert werden können, ist eine mögliche Lernerfahrung.

Transfer in den Schulunterricht

Für Schüler*innen kann auch eine ähnliche Übung sehr erhellend wirken. Statt Fotos können sie zum Beispiel einen Tag lang dokumentieren:

  • Wie viel Zeit verbringe ich am Smartphone? (Bildschirmzeit auswerten)

  • Wie oft bewege ich mich? (Schrittzähler-App nutzen)

  • Welche Wege lege ich zurück? (Bewegungsdaten sammeln)

  • Wie viele Benachrichtigungen erhalte ich? (Push-Nachrichten zählen)

Durch diese persönliche Auseinandersetzung erleben junge Menschen Daten nicht als trockene Zahlenkolonnen, sondern als Teil ihres Lebensalltags. Sie lernen, Daten zu interpretieren, zu hinterfragen und auf deren Grundlagen Entscheidungen abzuleiten. Gleichzeitig entwickeln sie eine kritische Haltung: Wer sammelt eigentlich Daten über mich? Was passiert damit? Und kann ich dem vertrauen?

Geschichten erzählen mit Daten – auch im Klassenzimmer

Daten alleine bleiben oft schwer zugänglich. Erst wenn sie in Geschichten eingebettet werden, entfalten sie ihre volle Wirkung. Data Storytelling verbindet Fakten mit nachvollziehbaren Erzählungen, die Zusammenhänge verständlich machen.

Visualisierungen wie Diagramme, interaktive Karten oder Infografiken werden dabei zu kraftvollen Werkzeugen. Sie helfen, komplexe Informationen anschaulich zu vermitteln und Botschaften prägnant auf den Punkt zu bringen. Das ist nicht nur für wissenschaftliche Analysen relevant, sondern auch für Referate, Präsentationen oder politische Diskussionen im Klassenzimmer.

Das Civic Data Lab bietet hierzu ein kostenfreies Externer Link: E-Learning „Storytelling und Datenvisualisierung“, damit Lehrkräfte Datenvisualisierungen gestalten und einsetzen können. Das kann den Unterricht lebendiger machen und abstrakte Zahlen in greifbare Erkenntnisse verwandeln. Schüler*innen lernen nicht nur, Daten zu lesen, sondern auch, sie überzeugend zu kommunizieren – eine Schlüsselkompetenz für Studium, Beruf und gesellschaftliches Engagement.

Ethik und Verantwortung: Kritische Reflexion fördern

Datenkompetenz endet nicht beim technischen Verständnis. Sie umfasst auch ethische und gesellschaftspolitische Dimensionen, die im Unterricht thematisiert werden können:

  • Datenschutz und digitale Selbstbestimmung

  • Daten als Machtinstrument

  • Desinformation und manipulative Datennutzung

Indem Lehrkräfte diese Fragen im Unterricht aufgreifen, befähigen sie Schüler*innen, nicht nur technisch versiert, sondern auch gesellschaftlich mündig zu handeln.

Das Projekt Civic Data Lab

Das Externer Link: Civic Data Lab (CDL) ist ein gemeinsames Vorhaben der Gesellschaft für Informatik, CorrelAid und dem Deutschen Caritasverband – gefördert als Civic Coding Ankerprojekt durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das Projekt will organisierte und nicht-organisierte Akteure der Zivilgesellschaft dabei unterstützen, gemeinwohlorientierte Ziele durch die Nutzung von Daten besser zu erreichen.

Auch für Lehrkräfte stellt es vielfältige Ressourcen bereit:

  • E-Learning-Lehrgänge in der Civic Data Lab Academy, u.a. zu Themen wie Datenvisualisierung und Data Storytelling

  • Interaktive Lernmodule zu Grundlagen von Daten und KI (u.a. Datenlebenszyklus)

  • Data Heroes – das Spiel

  • Community-Angebote zum Austausch

  • Blog mit vielen interessanten Perspektiven, u.a. zu feministischer KI, der Situation von Datenarbeiterinnen und -arbeitern im globalen Süden oder zu der Frage, wie Daten Leben retten können.

Eine Vision für datenkompetente Lehrende und reflektierte Lernende

Datenkompetenz ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. In einer Welt, die zunehmend von Algorithmen gesteuert wird, brauchen gerade junge Menschen die Fähigkeit, Daten zu verstehen, zu hinterfragen und verantwortungsvoll zu nutzen. So können sie selbstbestimmt Entscheidungen treffen, gesellschaftlich partizipieren und demokratische Prozesse mitgestalten.

Weitere Inhalte

Stephanie Agethen arbeitet beim Deutschen Caritasverband e.V. in den Projekten Civic Data Lab und caritas.next. Sie agiert an der Schnittstelle von Zivilgesellschaft, digitalen Innovationen und sozialen Dienstleistungen.

Nora Perseke leitet das Civic Data Lab, ein Kooperationsprojekt der Gesellschaft für Informatik, dem Deutschen Caritasverband und CorrelAid. In dieser Funktion gestaltet sie partizipative Formate rund um Datenkompetenz, gemeinwohlorientierte Digitalisierung und KI-Nutzung – für zivilgesellschaftliche Akteure und politische Entscheidungsträger. Zuvor war sie am Design Research Lab der Universität der Künste Berlin, bei Calliope und den Jungen Tüftler*innen tätig.