Was ist Geschichtsrevisionismus?
In der (Geschichts-)Wissenschaft bezeichnet der Begriff der Revision die Korrektur etablierter Darstellungen aufgrund veränderter Quellenlage, weiterentwickelter Methodik oder neuer Interpretationen. Dieses Vorgehen ist für wissenschaftliche Erkenntnisse legitim und notwendig. Nach 1945 haben Rechtsextreme den Begriff jedoch bewusst übernommen, um den Nationalsozialismus unter dem Anschein wissenschaftlicher Standards moralisch zu entlasten
Geschichtsrevisionismus im 21. Jahrhundert
Die pseudowissenschaftlichen Publikationen von Geschichtsrevisionistinnen und Geschichtsrevisionisten wurden von der seriösen Geschichtswissenschaft in der Regel schnell widerlegt. Entsprechend fanden diese Behauptungen außerhalb neonazistischer Kreise lange kaum Gehör. Im digitalen Raum erleben derartige historische Verzerrungen jedoch gerade eine ungeahnte Renaissance, nicht zuletzt wegen ihrer Verbreitung durch rechtsextreme Influencerinnen und Influencer und Führungsfiguren rechtsextremer und rechtspopulistischer Parteien.
Suggestive Intros („Glaubst Du wirklich alles, was Du im Geschichtsunterricht gelernt hast?!“) und lebensweltliche Bezüge sprechen dabei gezielt Jugendliche an, denen oft die Medienkompetenz und das historische Wissen fehlen, um die manipulative Propaganda zu durchschauen. Geschichtsverdrehungen im digitalen Raum fungieren dabei als Teil eines rechten Identitätsangebots: Jungen Menschen wird die Imagination einer vermeintlich heroischen deutschen Identität angeboten – im Kontrast zu einer sich diversifizierenden, angeblich „verweichlichten“, „woken“ Gesellschaft. Die Rebellion gegen die vorherrschende Ordnung wird mit dem Narrativ einer historischen Unterdrückung „der Deutschen“ verknüpft. So kann sich der Einzelne als Teil einer überzeitlichen Mission gegen das „Kleinhalten“ der eigenen Nation inszenieren: ein subjektiv sinnstiftender Kampf, der gerade beeinflussbare, junge Männer anzuziehen scheint.
Beispiele für Geschichtsrevisionismus: Die Verschwörungserzählungen vom „Schuldkult“ und von alliierten Vernichtungsplänen
Ein zentraler Baustein dieses Narrativs ist die Behauptung, Deutschland werde durch den „Schuldkult“ – also die vermeintlich obsessive Aufarbeitung des Nationalsozialismus – unterdrückt. Die so „eingeübte Schuld“ bestimme bis heute die deutsche Innen- wie Außenpolitik – von der Finanzierung der NS- und KZ-Gedenkstätte bis zur Unterstützung Israels. Die Erinnerungskultur wird so zum „geheimen Instrument“ wahlweise der Alliierten oder des „Weltjudentums“ (antisemitische Chiffre) erklärt, die deutsche Regierung zu deren wissentlicher oder unwissentlicher Handlangerin. Um dieses Narrativ zu stützen, diffamieren rechtsextreme Geschichtsrevisionistinnen und -revisionisten nicht nur die Erinnerungskultur, sondern verfälschen systematisch die Geschichte selbst. Zentral ist dabei die Konstruktion deutscher Opfernarrative: Die Deutschen sollen als eigentliche oder zumindest gleichwertige Opfer des Zweiten Weltkriegs erscheinen. So werden etwa die Opferzahlen der Bombardierung Dresdens um das Zehnfache nach oben verzerrt, Polen fälschlicherweise zum eigentlichen Aggressor des Zweiten Weltkriegs erklärt und den Alliierten eine angebliche Vernichtungsabsicht gegenüber den Deutschen unterstellt.
Ein Beispiel für die angeblichen Vernichtungspläne gegen das deutsche Volk ist die Legende um die Rheinwiesenlager. Der kanadische Autor James Bacque behauptete 1989, in amerikanischen Kriegsgefangenenlagern seien zwischen April und September 1945 bis zu einer Million deutsche Soldaten durch gezielte Unterversorgung gestorben
„Deutsche, jetzt kriegt ihr alles zurück!“ – Revisionistische Strategien auf TikTok
Konnte der Rheinwiesenlager-Mythos in den 1990er und 2000er Jahren nur wenige hundert Neonazis zu Gedenkveranstaltungen an den historischen Orten mobilisieren, erfährt die Rezeption dieser Legende heute auf Social Media eine völlig neue Dimension. Ein aktuelles TikTok-Video mit über 161.000 Klicks (Stand: Dezember 2025) kann dabei exemplarisch die Strategien des digitalen Geschichtsrevisionismus demonstrieren. Ein bekannter Creator beginnt provokant: „Deutsche, jetzt kriegt ihr alles zurück!“ Als Grundlage für seine Verzerrung dient ihm die historisch belegte Klassifizierung der gefangenen deutschen Soldaten als „Disarmed Enemy Forces“ (entwaffnete feindliche Streitkräfte) statt als reguläre Kriegsgefangene. Die US-Führung hatte dies bereits 1943 beschlossen, da sie befürchtete, Millionen Gefangene nicht gemäß den Genfer Konventionen versorgen zu können
Die komplexen Umstände des Kriegsendes – der Zusammenbruch der deutschen Infrastruktur, die erhebliche Herausforderung, Millionen Menschen zu versorgen – werden ausgeblendet zugunsten einer eindimensionalen Erzählung. Der Creator beschreibt die katastrophalen Bedingungen korrekt – offene Felder, schlechte hygienische Bedingungen, wenig Nahrung – verschweigt aber entscheidende Fakten, um auf diese Weise das Opfernarrativ zu stützen. Durch Formulierungen wie „‚Die Guten‘ haben genau das gleiche danach gemacht mit den deutschen Soldaten“ wird eine moralische Ebenbürtigkeit zwischen den Rheinwiesenlagern und den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern suggeriert.
Besonders perfide erscheint in dem Kurzvideo die rhetorische Frage: „Ist es moralisch vertretbar, ein ganzes Volk für das Verbrechen seiner Führer zu bestrafen?“ Die unterstellte kollektive Bestrafung aller Deutschen lenkt von der historischen Realität ab: Schließlich handelte es sich in den Rheinwiesenlagern um Soldaten einer geschlagenen Armee, nicht um Zivilisten. Zudem unterstützten Millionen Deutsche das NS-System aktiv, profitierten von dessen Verbrechen und/oder schauten weg. Durch die Konstruktion der „unschuldigen Deutschen“ und „rachsüchtigen Alliierten“ wird die historische Täter-Opfer-Konstellation auf den Kopf gestellt.
Das Video schließt mit emotionaler Manipulation: „Ich bin mir sicher, ihr habt bestimmt Familienmitglieder, die auch das durchlebt haben.“ So wird persönliche Betroffenheit und eine imaginäre Gemeinschaft deutscher „Opfer“ erzeugt. Besonders zynisch ist diese Ansprache, weil sie die Realität umkehrt: Statistisch haben deutsche Familien eher Täterinnen und Täter, Mitläufer oder Profiteure unter ihren Vorfahren. Der scheinbar versöhnliche Schluss („Ich will nicht relativieren“) ist ein klassischer revisionistischer Trick: Nach systematischer Falschdarstellung folgt eine rhetorische Absicherung, die den Account-Inhaber vom Verdacht der politisch motivierten Geschichtsfälschung freisprechen soll.
Online-Plattformen: Wo Geschichte umgedeutet wird
Der digitale Geschichtsrevisionismus ist ein plattformübergreifendes Phänomen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. TikTok fungiert als zentrales Medium für junge Zielgruppen. Hier erreichen geschichtsrevisionistische Inhalte Millionen von Aufrufen. Das Format Kurzvideo erschwert im Gegenzug eine kritische historische Einordnung. Die For-You-Page ist darauf ausgerichtet, dass Nutzerinnen und Nutzer rasch von einem Video zum nächsten wischen – in der Erwartung, noch interessantere, spannendere oder extremere Inhalte zu erhalten
Bei Instagram setzen rechtsextreme Akteure zur Normalisierung auf visuelle Strategien. Sie verwenden bewusst eine vermeintlich unpolitische Ästhetik: Nostalgisch gefilterte Wehrmacht-Bilder werden mit scheinbar harmlosen Hashtags wie #heimatverliebt gepostet, um junge Menschen anzulocken. Story-Formate ermöglichen es, revisionistische Botschaften zu verbreiten, die nach 24 Stunden automatisch verschwinden und damit schwerer dokumentierbar sind. Die rechte Szene setzt dabei bewusst auf weibliche Influencerinnen, um ihre Ideologie durch vermeintlich harmlose Auftritte zu verbreiten
Instagram wird auch zur Dokumentation des geschichtspolitischen Aktivismus genutzt: Gruppen junger Neonazis inszenieren dort Ausflüge zu Kriegerdenkmälern, stellen Kerzen an Wehrmachtsgräbern auf, posieren vor dem Obersalzberg bei Berchtesgaden – wo Hitlers Berghof stand – oder kriechen in den Krematorien der KZ-Gedenkstätten in die Öfen, um ihre Verachtung für die Opfer zu demonstrieren, den Holocaust zu verhöhnen oder gleich ganz zu leugnen.
Digitale Quellenkritik im Unterricht
Das Verfangen rechtsextremer Narrative bei jungen Menschen zeigt sich auch in einem sprunghaften Anstieg rechtsextremer Delikte unter Schülerinnen und Schülern, wie eine Anfrage der Wochenzeitung Die Zeit an die Innenministerien der Bundesländer ergab
Welche Quellen werden genannt – und welche nicht? Oder: Werden überhaupt Quellen genannt?
Was wird behauptet, was tatsächlich belegt?
Wird historischer Kontext gegeben oder (bewusst) weggelassen?
Werden Vergleiche gezogen – und sind diese angemessen?
Wird mit rhetorischen Fragen gearbeitet, die eine bestimmte Antwort nahelegen?
Welche emotionalen Trigger werden eingesetzt?
Wer hat den Inhalt erstellt und mit welcher möglichen Absicht?
Dabei ist es wichtig, Schülerinnen und Schüler als kompetente Akteure zu behandeln, die durchaus zwischen seriösen und problematischen Inhalten unterscheiden können, wenn sie die Werkzeuge dafür erhalten. Medienkompetenz bedeutet nicht Allwissenheit, sondern die Befähigung zu kritischem Denken – und das können Lehrende und Lernende gemeinsam entwickeln.
Materialien für den Unterricht
- Externer Link: Geschichte statt Mythen
„Geschichte statt Mythen“ ist ein wissenschaftlich fundiertes Projekt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, gefördert von der Stiftung EVZ. Im Mittelpunkt stehen die Dokumentation, Analyse und Einordnung von Geschichtsrevisionismus.
- Externer Link: Materialheft der Bildungsstätte Anne Frank in Kooperation mit FAZ Schule: „Geschichtsrevisionismus – Wie die Rechten die Geschichte umdeuten: Unterrichtsimpulse“
Das Unterrichtsmaterial soll einen Beitrag dazu leisten, mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen über die NS-Vergangenheit und ihr Nachwirken bis heute.
- Externer Link: Bildungsplattform von arolsen school
Die Bildungsplattform von arolsen school bietet interaktive Lernmodule zur NS-Geschichte und aktuellen gesellschaftlichen Fragen. Alle Module wurden gemeinsam mit Jugendlichen entwickelt und basieren auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie eignen sich für Geschichte, Politik, Ethik und projektbasierten Unterricht.
- Externer Link: Unterrichtsmaterial von klicksafe: „Rechts. Extrem. Online. – Wie man Jugendliche gegen rechtsextreme Einflüsse im Internet stark macht
In sechs Einheiten bietet dieses Unterrichtsmaterial Informationen zur gegenwärtigen Lage rechtsextremer Online-Propaganda sowie zu menschen- und demokratiefeindlichen Akteuren und ihren Kommunikationsstrategien. Zudem hält es Tipps und Hilfestellungen bereit, um zentrale Themen im Kontext Schule zu bearbeiten.