Was sind die Vorteile von 360-Grad-Anwendungen, wenn es darum geht, Geschichte nachvollziehbar zu machen?
Christian Bunnenberg: Das besondere Potenzial bei dem Format liegt darin, dass man historische Orte und deren Geschichte auf eine viel immersivere Art und Weise wahrnimmt als beispielweise durch ein Foto oder eine Zeichnung in einem Lehrbuch. Erreicht wird dieser Effekt vor allem durch die Möglichkeit, sich in einer 360-Grad-Anwendung umsehen, sich also im virtuellen Raum bewegen zu können. Die Anwendung von 360-Grad-Videos kann also an Gedenkorten oder anderen historischen Orten dabei helfen, Gegenwart und Vergangenheit zu dokumentieren und beide Zeitebenen nachvollziehbar und in Verbindung miteinander darzustellen.
Ein Beispiel ist der Film "Externer Link: Inside Auschwitz", wo man ausgehend vom gegenwärtigen Zustand der Gedenkstätte über Erzählungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die ab und zu eingeblendet werden, in die Vergangenheit mitgenommen wird. Jedoch wird zu jedem Zeitpunkt deutlich, dass es eine Vergangenheit gab, über die erzählt wird, und eine Gegenwart, die durch den 360-Grad-Film abgebildet wird.
Bei anderen Formaten nimmt man die Perspektive einer historischen Person ein, beispielsweise im 360-Grad-Film "Was wollten Sie in Berlin?" der Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Hier durchläuft man als Gefangener der Stasi die komplette Inhaftierung und den Verhörprozess. Das wird dann so dargestellt, als würde man sich in der Vergangenheit des Stasi-Gefängnis von 1989 befinden – was de facto nicht der Realität entspricht.
Wie groß ist die Gefahr, dass es durch eine derartige Aufbereitung, die auf einen Erlebniseffekt aus ist, zur Verfälschung historischer Fakten kommt?
Christian Bunnenberg: In vielen 360-Grad-Videos wird versucht Vergangenheit abzubilden. Ich kann mich in einer Darstellung der Vergangenheit jedoch nur annähern, es bleibt immer eine gewisse Distanz bestehen. Einer meiner Hauptkritikpunkte an 360-Grad-Videos im historischen Kontext ist, dass die Situationen, die durch diese Form der Darstellung entstehen, zumeist nicht aufgelöst werden. Um die immersive Wirkung entfalten zu können, muss die Illusion der "Zeitreise" in der Eigenlogik des Mediums aufrechterhalten werden.
Wenn sich beispielsweise in der Anwendung zu Berlin-Hohenschönhausen am Ende die Tür der Zelle öffnet und dann alles grell weiß wird – wenn man da zum Beispiel einfach eingeblendet hätte: "Glauben Sie wirklich, dass Sie in den letzten neun Minuten im Stasi-Gefängnis gewesen sind?" – dann würde ein Reflexionsprozess angestoßen, der die Nutzerinnen und Nutzer das eben Erlebte und seine Triftigkeit, Plausibilität, aber auch die Intensität der medialen Darstellung hinterfragen ließe. Im Video sieht alles so aus, wie man sich gemeinhin ein DDR-Gefängnis vorstellt – wenn man überhaupt eine Vorstellung davon hat. Aber woher glauben wir eigentlich zu wissen, wie es an genau diesem Ort in den 1980er Jahren ausgesehen hat, während wir uns in einer Gedenkstätte befinden, in der eben diese Aufnahmen gedreht wurden?
Es ist meiner Meinung nach völlig in Ordnung zu versuchen, Vergangenheit ein Stück weit nachzustellen und auf Grundlage von Quellen als erlebbare Geschichte darzustellen. Aber es muss bei derartigen Anwendungen um mehr gehen als um das reine Erlebnis. Wichtig ist, dass die Zeitebenen getrennt bleiben. Das Erlebnis findet nur in der Gegenwart statt. Man erlebt Geschichte als eine zeit- und perspektivgebundene Deutung von Vergangenheit – aber niemals die Vergangenheit. Um Geschichte und daraus resultierend auch die damit verbundene Gegenwart zu verstehen, ist es wichtig, kritisch und reflektiert mit diesen Vergangenheitsdeutungen umgehen zu können. Dazu gehört, die "Daten" und "Fakten" zu erkennen, auf denen sie beruhen, Kontexte herstellen zu können und sich in ein Verhältnis zu den eigenen Emotionen zu setzen, die man während des Erlebnisses hatte.
Was für Erfahrungen haben Sie mit der Anwendung von 360-Grad-Videos im Unterricht gemacht?
Christian Bunnenberg: Mit 360-Grad-Angeboten lassen sich beispielsweise Lernanlässe herstellen, wenn nur eine Person das 360-Grad-Angebot ausprobiert und den Auftrag bekommt, dabei laut zu denken. Alle anderen schauen sich das gleiche Videomaterial über einen Beamer an und sehen parallel, was sich die Person im 360-Grad-Video anschaut und wie sie darauf reagiert. Es geht darum nachzuvollziehen, wie es der Person während des 360-Grad-Erlebnisses geht, wie sie auf Impulse reagiert, wie sie sich bewegt und ob sich diese Wirkung auch anhand der Bilder, die auf der Leinwand zu sehen sind, einstellt.
Ganz häufig ist es dann so, dass diejenigen, die die Brille aufhaben und beschreiben sollen, was sie sehen und empfinden, plötzlich ganz still werden. Da gelingt es der Anwendung anscheinend, die erlebende Person derart hineinzuziehen, dass es ein, zwei Minuten braucht, bis sie wieder anfängt zu sprechen. Die versprochene Immersion, das Eintauchen in das 360-Grad-Video, gelingt also – wobei die Wirkung auch davon abhängig ist, wie die Anwendung auf der ästhetischen und technischen Ebene umgesetzt ist und ob die betrachtende Person schon Erfahrungen mit diesem Medium hat.
Trotzdem bleiben die betrachtenden Personen immer Menschen des 21. Jahrhunderts. Im Fall von Hohenschönhausen muss es eigentlich zu keiner Angstreaktion kommen, sie werden ja schließlich nicht weggesperrt. Aber trotzdem macht die Anwendung emotional etwas mit den Betrachtenden – auch da sie letztlich nichts machen können außer zuzuschauen. Die maximale Interaktion bleibt die Veränderung des Bildausschnittes durch eine Bewegung des Kopfes im Raum. Interessant ist zum Beispiel, dass zu dem Film "Was wollten Sie in Berlin?" häufig von weiblichen Studierenden aber auch von Kolleginnen aus den Schulen zurückgemeldet wurde, dass sie nicht so richtig in das Video reinkommen, weil sie das Gefühl haben, in die Perspektive eines Mannes versetzt zu werden.
360-Grad-Angebote können also, wenn richtig angewandt, in realitätsferne Situationen versetzen. Wie kann dieses Erlebnis im Nachhinein verarbeitet werden?
Christian Bunnenberg: Viele Anbieter von 360-Grad-Videos versprechen ein Immersionserlebnis – dass man tief eintaucht, nachempfindet, im sogenannten Erleben etwas lernt. Aber niemand spricht darüber, wie man aus diesem Erlebnis wieder auftaucht und wie sich die vielen Eindrücke verarbeiten lassen. Gerade im Geschichtsunterricht ist es wichtig, dass begleitet aufgetaucht wird, dass also das mediale Erlebnis und die Darstellung von Vergangenheit kritisch reflektiert werden.
Der Geschichtsunterricht ist letztlich der Ort, in dem die Grundlage für die Kompetenzen zur kritischen und reflektierten Auseinandersetzung mit Darstellungen von Geschichte gelegt werden. Um diese einordnen und verarbeiten zu können, bringt es nicht viel, auswendig gelernt zu haben, wann Karl der Große gekrönt worden ist. Viel wichtiger ist es, proaktiv darüber nachdenken zu können, wie ich Fragen an die Vergangenheit stellen und beantworten kann. Und zu wissen, wie ich das, was mir als Geschichte präsentiert wird, zu mir und meinem Wissen über die Vergangenheit in Beziehung setzen kann.
Bezogen auf das Thema 360-Grad-Videos bedeutet das: Man muss sich bewusst machen, dass man ein Produkt der Gegenwart gesehen hat, das sich über die Zustände in der Vergangenheit äußert. Man hat also nicht die Vergangenheit gesehen, sondern eigentlich nur, wie man sich heute eine vergangene Zeit vorstellt. Wie geht man damit um? Und was lernt man jetzt überhaupt?
Wenn 360-Grad-Videos im Geschichtsunterricht genutzt werden, dann muss auch ihre mediale Eigenlogik thematisiert werden. 360-Grad-Videos existieren, sie können und sollen auch ausprobiert werden. Das Gesehene muss aber emotional verarbeitet, kontextualisiert und kritisch reflektiert werden. Und für diesen Prozess braucht es die professionelle fachwissenschaftliche und fachdidaktische Anleitung und Begleitung durch Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer.
Das Interview führten Jasmin Nimmrich und Theresa Kühnert.