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The Darkest Files | Games zur politischen Bildung | bpb.de

The Darkest Files Rezension

Lutz Schröder

/ 7 Minuten zu lesen

In diesem Krimi-Spiel bringen wir in den späten 1950ern NS-Täter vor Gericht. Ein Spiel um Verdrängung und Verantwortung, bei dem es Schutzbehauptungen zu entlarven und Lügen zu enttarnen gilt.

Ein Offizier der NSDAP urteilt über einen Beschuldigten. (© The Darkest Files / Paintbucket Games / eigener Screenshot)

Spielbeschreibung

The Darkest Files ist ein Krimi-Adventure, in dem wir als junge Staatsanwältin Esther Katz von Fritz Bauer angeworben wurden, um Verbrechen aus dem Interner Link: „Dritten Reich“ zu untersuchen. Dabei widmen wir uns nicht den bekannteren Ereignissen wie den Interner Link: Nürnberger Prozessen oder den Interner Link: Frankfurter Auschwitz-Prozessen, sondern untersuchen unbekanntere, historisch dokumentierte Fälle, bei denen deutsche Zivilisten hingerichtet worden sind; diese Fälle wurden für das Spiel jedoch in ihren Details wie Opfernamen, genauen Tathergang und Ablauf der Strafverfolgung fiktionalisiert.

Das Spiel bietet uns zwei Fälle zur Auswahl an. Im ersten Fall, der gleichzeitig das Spiel einleitet, untersuchen wir das Schicksal von Hans Naumann. Dieser wurde von Angehörigen einer Interner Link: NSDAP Ortsgruppe in München hingerichtet, nachdem ihm vorgeworfen wurde, einen Fahnenmast hinauf geklettert zu sein und eine Hakenkreuzfahne heruntergerissen zu haben. Im zweiten Fall geht es um Anna Kazmirek, die wegen Plünderung eines bei einem Alliierten Bombenangriff zerstörten Gebäudes zum Tode verurteilt und hingerichtet worden ist.

Zwischensequenzen leiten den Fall ein, hier zu Anna Kazmirek. (© The Darkest Files / Paintbucket Games / eigener Screenshot)

Den Ausgangspunkt beider Fälle bilden die Fallakten zu den bisherigen Ermittlungen, die jedoch trotz großer Ungereimtheiten eingestellt wurden. So soll Naumann die Fahnenstange emporgeklettert sein, obwohl er bereits 77 Jahre alt war; und Kazmirek gab an, lediglich einen Koffer ihrer Mutter aus ihrem zerstörten Elternhaus geborgen zu haben, so dass sie sich bestenfalls des Diebstahls, nicht jedoch der unter Todesstrafe stehenden Plünderung schuldig gemacht hätte.

Über einen Zeitraum von mehreren Monaten müssen wir nun Zeugen befragen, Dokumente sichten und aus diesen Schlussfolgerungen entwickeln, um den Tathergang zu rekonstruieren, bevor es zu einer Anklage kommt. Die Untersuchung beider Fälle läuft ähnlich ab, sodass die Spielenden erlernte Spielmechaniken aus dem ersten Fall ebenfalls im zweiten anwenden können. Hierbei hilft es auch, dass Esther regelmäßig ihre Gedanken ausspricht und so Hinweise auf die nächsten Schritte der Ermittlungen gibt, z.B. dass sie mit einem Kollegen über etwas sprechen oder Akten anfordern sollte. Auch ihr Notizbuch, das jederzeit aufgerufen werden kann, hilft dabei, den Überblick über Aufgaben, Personen und Begriffe aus dem „Dritten Reich“ zu behalten.

Das für viele Point-and-Click-Adventures typische Gameplay ist eng mit der Erzählung verbunden und trägt dazu bei, dass die Ermittlungen durchweg spannend bleiben. Wir können Esthers Vorgesetzten Fritz Bauer, zwei weitere Staatsanwälte und die Rechtsassistentin Paula Fischer ansprechen. Die Kollegen unterstützen Esther bei den Ermittlungen, während Bauer als Leiter des Teams regelmäßig die Herausforderungen bei den Ermittlungen kommentiert und dazu beiträgt, das im Spiel präsentierte Rechtsverständnis zu erläutern und seine Bedeutung für die junge Bundesrepublik hervorzuheben: Es gehe nicht um Rache oder die Rehabilitierung der Opfer, sondern darum zu zeigen, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich seien, unabhängig davon ob es sich um Führungspersonen oder niedrige Dienstgrade des Interner Link: NS-Systems handele oder ob die Taten im „Dritten Reich“ legal gewesen seien.

Die Spielwelt von „The Darkest Files“ besteht aus einem ehemaligen Wohngebäude, das aus Esthers Ich-Perspektive erkundet werden kann. Besonders wichtig sind der Konferenzraum, wo die Befragung von Zeugen stattfindet, und das Archiv. In diesem suchen wir zunächst die Fallakte, indem wir auf Karteikarten das Aktenzeichen ermitteln und es anschließend dem dazugehörigen Ordner im Regal zuordnen. Die Akte wird während der Ermittlungen um viele weitere Dokumente ergänzt, die durchgelesen werden müssen, um ihre Bedeutung für den Fall und insbesondere die spätere Anklage zu klären. Zur besseren Übersicht haben können die Spielenden die Dokumente und Absätze mit Zetteln markieren. Diese Dokumente werden dann zusätzlich in einem eigenen Reiter der Akte abrufbar.

Die Fallakte enthält Berichte, Fotos und viele weitere Dokumente. Absätze können mit Haftnotizen markiert werden. (© The Darkest Files / Paintbucket Games / eigener Screenshot)

Die Befragungen von Zeugen finden in Form interaktiver Tatortrekonstruktionen statt. Hier werden die Spielenden zu Augenzeugen der Schilderungen und können zudem die Aussagen hinterfragen oder einordnen, indem passende Dokumente vorgelegt werden. So kannte etwa die Witwe von Hans Naumann die Namen der Männer nicht, die ihren Mann verhaften, konnte sich aber an die goldenen Rangabzeichen von einem von ihnen erinnern. Zeigt Esther ihr eine Übersicht mit Abzeichen der NSDAP, wird es möglich, einen der Beteiligten als Ortgruppenleiter zu identifizieren. Sein Rang und sein Name lassen sich aus weiteren Dokumenten ermitteln. Über den Vergleich von Aussagen von Untergebenen und Berichten zu dessen früherem Verhalten im Dienst kann schließlich seine Rolle bei der Hinrichtung von Naumann rekonstruiert werden.

Tatorte zeigen die beteiligten Personen und ihr Verhalten (© The Darkest Files / Paintbucket Games / eigener Screenshot)

Die Schwierigkeit besteht darin, die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen, denn die Zeugen widersprechen sich sehr. Wer die Wahrheit sagt und wer lügt, muss für die Anklage mithilfe der passenden Dokumente belegt werden. Auch gilt es die Rolle der Beteiligten zu klären, denn auch jemand, der nicht geschossen hat, kann sich trotzdem der Mittäterschaft und anderer Verbrechen schuldig gemacht haben. Um den Tathergang zu rekonstruieren, wird ein Grundriss des Tatortes genutzt, auf dem das Verhalten und der genaue Aufenthalt der Beteiligten eingetragen werden muss. Gelingt es die Einsprüche der Verteidiger zu entkräften, wird es möglich, Urteile gegen die Angeklagten zu erreichen.

Vor Gericht wird mit einem Grundriss der Tathergang gezeigt und von Esther beschrieben. (© The Darkest Files / Paintbucket Games / eigener Screenshot)

Das Spiel endet schließlich mit einem Epilog, der in einem Überblick der Interner Link: Frankfurter Auschwitz-Prozesse mündet und damit den letzten großen Prozess im Leben von Fritz Bauer thematisiert, bevor dieser 1964 starb.

Pädagogische Beurteilung

The Darkest Files spielt vor allem in den Jahren 1956 und 1957. Dieser Zeitraum in der Geschichte der Bundesrepublik war für viele Deutsche nach der anfänglichen Trauer um die (eigenen) Toten nach Interner Link: Kriegsende vor allem eine Phase des Aufbruchs. Der Wiederaufbau war weitgehend abgeschlossen, das Interner Link: Wirtschaftswunder brachte vielen Menschen nicht nur Arbeit, sondern auch Wohlstand und ein Gefühl von Normalität. Gleichwohl waren die Verbrechen des Interner Link: Zweiten Weltkriegs, sowohl in den besetzten Gebieten als auch zu Hause, kaum aufgearbeitet worden. Viele Täter hatten sich ein neues Leben aufgebaut, oft sogar in ihren alten Berufen, und lebten unbehelligt unter ihren Mitmenschen, die sich, insbesondere nach den Interner Link: Hauptkriegsverbrecherprozessen, mehrheitlich als Opfer der Eliten des „Dritten Reichs“ betrachteten.

Dieser historische Hintergrund und die Anfeindungen, denen Interner Link: Fritz Bauer und seine Kollegen ausgesetzt waren, weil sie daran arbeiteten, Angehörige der NS-Diktatur für ihre Taten vor Gericht zu bringen, bilden den Rahmen des Spiels. In den beiden Fällen, die Esther bearbeitet und die auf wahren Begebenheiten basieren, sind die Opfer von Angehörigen der NSDAP bzw. der Interner Link: Polizei des NS-Staates für Taten verhaftet worden, für die sie als Verräter galten. Das Spiel macht deutlich, wie sehr sich die Interner Link: Rechtsstaatlichkeit im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik unterscheiden: Drakonische Strafen für vergleichsweise geringe Vergehen und staatliche Organe, die im Sinne nationalsozialistischer Vorstellungen von Gerechtigkeit handelten, gibt es in der Bundesrepublik nicht mehr. Gleichwohl wird über Dokumente aus den Fallakten ebenfalls gezeigt, dass in beiden Fällen Ermittlungen in der Bundesrepublik eingestellt worden waren. Dies wird damit begründet, dass viele Juristen aus der NS-Zeit in der Bundesrepublik weiterhin als Anwälte und Richter tätig waren und so in der Lage waren, Ermittlungen zu behindern oder einzustellen.

Indem die Spielenden in diese Zeit versetzt werden und aus Sicht einer Staatsanwältin handeln müssen, zeigt sich der Mehrwert für die historische und politische Bildung bereits sehr deutlich. Das Spiel kann einerseits Interner Link: Unterrichtsinhalte zum Nationalsozialismus sinnvoll begleiten und andererseits Diskussionen zu Erinnerung und Aufarbeitung anregen. Historische Vorstellungen von Recht und Unrecht lassen sich ebenso diskutieren wie die Gründe, warum es nach Ende des Krieges viele personelle Kontinuitäten gab. Das Spiel richtet sich insbesondere an Schülerinnen und Schüler, indem es beispielsweise in Rückblenden auf Esthers Kindheit zeigt, warum sie Staatsanwältin geworden ist. Sie schildert darin, wie sich ihre Freundschaft zu ihrer besten Freundin in den 1930ern verändert hat, nachdem diese mit ihrer Familien als Jüdin unter den Nürnberger Gesetzen zunächst diskriminiert und schließlich deportiert wurde.

Drei Jungen in der Uniform der Hitlerjugend drangsalieren Esthers Freundin. (© The Darkest Files / Paintbucket Games / eigener Screenshot)

Mit einer Spielzeit von ca. 10-12 Stunden, die zur Hälfte auf beide Fälle verteilt ist, eignet sich das Spiel gut für Projekttage. Durch die Einteilung in fünf bis sechs Ermittlungstage von jeweils etwa 30 Minuten Dauer ist es zudem möglich, The Darkest Files im Unterricht einzusetzen und Szenen live zu spielen. Obwohl es Hinrichtungen und politische Verfolgung im Nationalsozialismus zum Thema hat und Tatabläufe genau ermittelt werden müssen, bleiben diese jedoch auf relativ allgemeine Beschreibungen in den Dokumenten und den interaktiven Tatortrekonstruktionen beschränkt. Auch die comicartige Grafik des Spiels, die auf Gewaltdarstellungen weitgehend verzichtet, hilft dabei, eine gewisse Distanz zu den Themen zu wahren. Dies hat sicher dazu beigetragen, dass die automatisierte IARC-Prüfung des Spiels die unverbindliche Empfehlung „ab 12 Jahren“ ergeben hat.

Allerdings gibt es auch einige Herausforderungen, die eine Nutzung durch 12-Jährige einschränkt. So erfordert das Spiel ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und sehr gute Kompetenzen beim Leseverständnis und der Urteilsbildung, weil die Frage von Schuld oder Unschuld häufig auf bestimmte Details in den Dokumenten zurückzuführen ist. Zwar gibt es ein Hinweissystem, das dabei hilft, die richtigen Dokumente vor Gericht auszuwählen, allerdings bleiben die Hinweise relativ vage, so dass es weiterhin notwendig ist, die Auswahl der Dokumente genau abzuwägen. Auch die Sprachausgabe des Spiels, die ausschließlich in Englisch vorhanden ist, könnte jüngere Schülerinnen und Schüler überfordern, weil es so notwendig wird, die wahlweise deutschsprachigen Untertitel mitzulesen. Durch das normale Sprachtempo aller Charaktere ist auch hier hohe Aufmerksamkeit erforderlich. Gleichwohl können Schülerinnen und Schüler wie auch Lehrkräfte von dem Interner Link: spielerischen Zugang zum Thema Nationalsozialismus profitieren. Weil das Spiel sich auf die Ermittlungen bei den beiden Fällen konzentriert und darauf verzichtet, den Interner Link: Nationalsozialismus als Ganzes und seine weitreichenden Folgen zu zeigen, ist Hintergrundwissen nötig, um die Inhalte einzuordnen. Das Interner Link: Thema Nationalsozialismus sollte also bereits im Unterricht behandelt worden sein.

Fussnoten

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