Kugel mit Porträtfotos vor einer Platine (Symbolbild)

11.11.2020 | Von:
Team "Forschen mit GrafStat"

M 05.03 Digitalität und politische Willensbildung

Das Material benennt heute schon spürbare positive wie negative Folgen des digitalen Konsums auf die politische Willensbildung.

Und was meinst du so?

Eigentlich, so könnte man meinen, dürfte das Internet doch ganz wunderbar für die Meinungs- und Willensbildung von Bürgerinnen und Bürger sein – denn diese müssen nicht länger einfach nur aufnehmen, was ihnen Medien, Politikerinnen und Politiker oder auch Lehrerinnen und Lehrer vermitteln; stattdessen können sie in sozialen Netzwerken, Messengern und Foren ohne viel Aufwand nun auch selbst ihre Meinung zum Ausdruck bringen, Rückfragen stellen, sich gezielt informieren oder auf andere Weise politisch mitwirken. Während die Rolle des Internets für Demokratien zur Zeit des Arabischen Frühlings noch als sehr positiv eingeschätzt wurde, ist die Begeisterung seitdem jedoch merklich abgeflacht – nicht zuletzt aufgrund der manipulativen Einflussnahme auf die US-Wahl und das Brexit-Referendum im Jahr 2016, die innerhalb sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter erfolgte.

Total hinterhältig!

Das Problem mit einer solchen Einflussnahme durch Microtargeting und Dark Ads sowie staatlicher und nicht-staatlicher Überwachung besteht insbesondere darin, dass sie nur möglich sind durch eine prinzipielle Ungleichverteilung von Information: Die Auftraggeber politischer Werbung wissen einiges über die Vorlieben und politischen Ansichten der Werbe-Empfängerinnen und -Empfänger, letztere wissen aber oftmals wenig oder sogar nichts darüber, aus welchen Gründen sie eine offensichtliche oder verdeckte Wahlwerbung erhalten. Kein Wunder also, dass solche Praktiken häufiger Kritik ausgesetzt sind. Denn für eine Demokratie ist die Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger entscheidend, also deren Selbstbestimmtheit und Urteilsfähigkeit. Und um wirklich selbstbestimmt entscheiden und partizipieren zu können, dürfen sie nicht desinformiert sein.

Wir alle sind Journalistinnen und Journalisten des Alltags

Früher erfolgte die Meinungsbildung von Bürgerinnen und Bürgern vor allem durch die Nutzung journalistischer Angebote einerseits und im persönlichen Gespräch mit Personen aus ihrem jeweiligen sozialen Umfeld andererseits. Im Prinzip ist das heute immer noch so – mit einem Unterschied: Die digitale Kommunikation hat die Rolle der oder des Einzelnen in der Meinungsbildung anderer maßgeblich verändert, insofern sie oder er nun viel stärker auf die Meinungsbildung von Personen einwirken kann, die nicht aus ihrem oder seinem unmittelbaren persönlichen Umfeld stammen. Das ist zwar einerseits schön, weil sich das journalistische Angebot auf diese Weise um Kommentare und andere Inhalte der Nutzenden erweitert, birgt aber stets auch die Gefahr, dass radikale Gedankengüter, Hassrede, Falschmeldungen und Verschwörungsmythen viel schneller verbreitet werden können, unter anderem auch deshalb, weil Extrempositionen und emotionale Inhalte, die etwa Verärgerung oder Empörung ausdrücken, deutlich häufiger verbreitet werden als sachliche. Dieser Nachteil zeigt sich besonders deutlich während der Corona-Krise, in der zahlreiche Verschwörungsmythen zum neuartigen Corona-Virus im Umlauf sind. So versuchen beispielsweise Personen aus der rechtsextremen Szene, die momentane Krise in ihrem Sinne umzudeuten, indem sie u.a. die „ausländische“ Herkunft des Virus herleiten und argumentieren, dass unsere Grenzen zu unserem Schutz geschlossen bleiben sollten.

Schadet das Internet unserer Demokratie?

Als technologisches Medium ist das Internet zunächst weder gut noch schlecht für eine Demokratie; ob es demokratische Prozesse wie die Meinungs- und Willensbildung der Bürgerinnen und Bürger unterstützt oder gefährdet, hängt einerseits von den konkreten Inhalten und andererseits von der Art und Weise der Nutzung ab. Denn während der Meinungsaustausch in sozialen Netzwerken sowie der ständige Zugriff auf Wissen sich durchaus positiv auf unsere demokratische Kompetenz auswirken können, sind Manipulation (etwa durch Microtargeting und Dark Ads), die gezielte sowie unabsichtliche Verbreitung von Fake News und Verschwörungsmythen sowie das Phänomen der Hate Speech (Hassrede) in sozialen Netzwerken ein echtes Problem. Ganz sicher lässt sich also nur sagen, dass der digitale Raum einen Wandel in der Meinungsbildung von Bürgerinnen und Bürgern ausgelöst hat – aber nicht, ob er derselben dauerhaft schaden oder zugute kommen wird. Damit demokratische Strukturen durch das Netz keinen Schaden nehmen, ist jeder gefragt: Politikerinnen und Politiker, Betreiber von sozialen Netzwerken und natürlich jede und jeder einzelne Nutzende, die oder der Inhalte im Netz veröffentlicht, kommentiert und verbreitet.

Arbeitsaufträge:

1. Einzelarbeit: Lies dir den Text genau durch und unterstreiche alle genannten Effekte der Digitalisierung auf die politische Willensbildung.
  • Erstelle eine Tabelle (1. Spalte: negative Effekte; 2. Spalte: positive Effekte) und halte dort die einzelnen Beispiele fest.
  • Überlege, ob dir noch weitere Auswirkungen der Digitalisierung auf die politische Willensbildung einfallen, und ergänze diese in der Tabelle.
2. Gruppenarbeit: Vergleicht innerhalb der Gruppe eure Ergebnisse und ergänzt diese.
  • Bestimmt eine Person, die eure Ergebnisse der Klasse vorstellt.

Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-ND 3.0 DE - Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
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GrafStat ist ein wichtiges und vielfach bewährtes Werkzeug für eine teilnehmer-aktive politische Bildungsarbeit in Schule, Jugend- und Erwachsenenbildung. An ausgewählten Themen wird exemplarisch gezeigt, wie GrafStat in der Praxis eingesetzt werden kann. GrafStat ermöglicht den fachspezifischen Einsatz Neuer Medien an praxisnahen, für Jugendliche interessanten Beispielen.

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