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Partizipation vor Ort

22.4.2013 | Von:
Wolfgang Sander

Sachanalyse

2. Beteiligung von Jugendlichen in der Schule

Beteiligung der Schülerinnen und Schüler wird in dieser kurzen Analyse bewusst weit definiert. Die Mitwirkung bezieht sich folglich nicht nur auf unterrichtliche Entscheidungen, sondern umfasst auch die innere Anteilnahme der Lernenden am Unterrichtsgeschehen, die verbale und nicht verbale Kommunikation, körperliche Aktivitäten, kurz- und längerfristige Einflussnahme (z. B. alle Formen der Zustimmung bzw. Ablehnung) auf allen Ebenen. Aversion oder Sympathie gegenüber dem Lehrer oder der Lehrerin sind Formen der Beteiligung und Einflussnahme des Schülers bzw. der Schülerin, die mitentscheidend sind für die Gestaltung des Unterrichtsklimas. Eine Lehrperson, die von den Schülerinnen und Schülern abgelehnt wird, hat es schwer, guten Unterricht zu machen – sie kommt nicht an, daher sollte sie etwas tun, um die Beziehungsebene zu verbessern, bevor sie (weiterhin) seinen Stoff 'durchzieht' – nach dem Motto: "Ich mache meinen Unterricht und wenn ihr nicht mitmacht, ist das Euer Problem! Ich bekomme mein Geld auch so."

Mit dieser weiten Definition wird deutlich, dass die Macht des einzelnen und aller Schülerinnen und Schüler einer Klasse beachtlich ist, ihre Möglichkeiten der Einflussnahme und somit an der Beteiligung am Unterrichtsgeschehen durchaus groß ist – auch wenn dem Lehrer oder der Lehrerin dies so nicht bewusst ist und er mit dieser Macht nicht klarkommt bzw. diese sogar als bedrohlich empfindet.

Kluge Lehrerinnen und Lehrer beziehen die Lernenden daher konsequent in die Planung des Unterrichts ein, geben ihnen interessante Aufgaben und viel Entscheidungsspielraum, schaffen Transparenz in den Leistungserwartungen und in der Leistungsbeurteilung, berücksichtigen Kritik und Aussagen zur (Un-)Zufriedenheit, sehen sich partiell als Anwalt der Schülerinnen und Schüler gegenüber der Schule und Schulverwaltung – nicht nur im Bereich der Schülervertretung (SV) und den formalisierten Mitbestimmungsstrukturen.

Die eigene Aktion vor OrtDie eigene Aktion vor Ort (© Juergen Jotzo / pixelio.de)
Soweit es der zeitliche und thematische Spielraum zulässt, versuchen diese klugen Lehrerinnen und Lehrer, das Partizipationspotential der Schülerinnen und Schüler nicht nur innerhalb des Unterrichts und der Schule zu fördern und zu fordern, sondern auch auf den Grenzbereich zwischen Schule und außerschulischer Lebenswelt der Jugendlichen auszudehnen: Schule kann so ergänzend zu den offiziellen Unterrichtsthemen auch immer wieder Probleme und Missstände aus der Lebenswelt der Lernenden aufgreifen und zum Gegenstand des Unterrichtsgeschehens machen. Das Erlebnis einer demokratischen Schulkultur – so die empirische Untersuchung von Martina Dietrich – wirkt sich positiv auf das Niveau der demokratischen Handlungskompetenz von Schülerinnen und Schülern aus, wobei sich geschlechtsspezifische Unterschiede hinsichtlich Politikbezug, sozialen Einstellungen und politischem Engagement feststellen lassen:
"Während Jungen bei der Auseinandersetzung mit Politik über ein höheres Kompetenzniveau als Mädchen verfügen (z. B. mehr Bereitschaft zur politischen Diskussion zeigen, W.S.) sind Mädchen sowohl bei den Einstellungen als auch beim Engagement überlegen. Mädchen nähern sich dem Gegenstand durch die Auseinandersetzung mit ihrem unmittelbaren Nahfeld, sie sind eher bereit, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen und sich aktiv zu engagieren; dagegen sehen sie der bewussten Auseinandersetzung mit dem politischen Feld – beispielsweise in Form der medialen Informationssuche oder der Bereitschaft zu politischen Diskussionen – distanzierter gegenüber als Jungen, die sich hier kompetenter zeigen." (Dietrich 2008, S. 291f)
Schülerbeteiligung in der Primarstufe: Es ist immer wieder eine Freude zu sehen, wie im Kindergarten und in der Grundschule die spontane Beteiligungsbereitschaft der Kinder noch ungebrochen ist. Für die Erzieher/-innen und Lehrer/-innen ist es nicht schwer, die Kinder für Themen zu begeistern und zum Mitmachen zu bewegen. Lebendige und spontane Aktionen und Interaktion unter den Kindern und zwischen Kindern und Pädagogen bzw. Pädagoginnen ist hier der Regelfall. Gemeinsames Singen (und Tanzen) stärkt die Freude am Spielen und den Zusammenhalt in der Gruppe. Es ist "Kraftfutter fürs Gehirn und Balsam für die Seele." (Hüther 2013)

Schülerbeteiligung in der Sekundarstufe I: Diese spontane Beteiligungsbereitschaft in der Grundschule erlahmt bei vielen Jugendlichen sichtlich in der Sekundarstufe I. Die Lehrpersonen müssen in der Regel viel Geschick aufbringen, um durch persönliche Ansprache oder durch geschickte Themen- und Methodenwahl die Kinder für ihren Unterricht zu begeistern. Mitmachen wird unter Jugendlichen eher als punktuelles Ereignis erlebt (u. a. weil Nichts-Tun noch langweiliger ist). Zudem ist es unter Schülerinnen und Schülern bisweilen sogar als Strebertum verpönt. Diese Entwicklung verwundert daher schon und wirft die Frage auf, wie aus der erfrischenden Beteiligungskultur der Primarstufe eine nicht zu übersehende gelangweilte Verweigerungskultur in der Mittelstufe entstehen kann. Denn erstaunlicherweise bleibt in anderen Bereichen wie Sport, Mode und Musik die Begeisterungsfähigkeit und Beteiligungsbereitschaft der Jugendlichen durchaus weiter bestehen, man halte sich nur die unterschiedlichen Fan-Kulturen und die verausgabten Mittel in diesen Bereichen vor Augen. In anderen öffentlichen Einrichtungen wie Kirchen, Gewerkschaften, politischen Parteien, Vereinen und Kultur ist das Partizipationsinteresse der Jugendlichen wenig ausgeprägt, wie in der jugendpolitischen Diskussion und in wissenschaftlichen Untersuchungen immer wieder anhand von Umfragen (weitgehend Durchschnittswerten) bedauernd festgestellt wird.

So diagnostiziert die 16. Shell Jugendstudie ein eher distanziertes Verhältnis der Jugend zur Politik, was in ihrem unterdurchschnittlichen politischen Interesse zum Ausdruck kommt: "Bezogen auf das Jahr 2010 bezeichnen sich 40% der Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren als politisch interessiert." (S. 130) Auch das Beteiligungspotential im Bereich 'Aktiv sein für andere im Alltag' wird recht nüchtern eingeschätzt: "Zusammengenommen geben 39% der Jugendlichen an, in mindestens einem der von uns abgefragten Bereiche 'oft' aktiv zu sein" (S. 152), wobei der Einsatz für die Interessen von Jugendlichen (38%) und der Einsatz für hilfebedürftige Menschen (37%) Spitzenwerte einnehmen. Aber von großer spontaner Beteiligungsbereitschaft ist in diesen Zahlen nicht viel zu erkennen.

Die These, dass bei Jugendlichen ein unausgeschöpftes Beteiligungspotential vorhanden sein könnte, wird durch einen Befund der Studie "Kinder- und Jugendbeteiligung in Deutschland", die die Bertelsmann Stiftung veröffentlicht hat, untermauert: Die Jugendpartizipationsstudie weist nach, "dass 78 Prozent der Jugendlichen bereit wären, sich stärker zu engagieren, wenn die Angebote attraktiver wären". (S. 12) Betont wird in diesem Zusammenhang auch, dass nicht eine quantitative Ausweitung des Angebots, sondern eine Verbesserung in qualitativer Hinsicht erstrebenswert sei. "Partizipation kann jungen Menschen Räume eröffnen, in denen sie sich als wertgeschätzte Mitgestalter der Gesellschaft erfahren." (S. 12)
Fragt man danach, welche Faktoren die Beteiligungsbereitschaft von Jugendlichen beeinflusst, so werden fünf Punkte genannt (S. 15):
  • die Intensität der Beteiligungserfahrungen in der Schule
  • das Zutrauen für ein Mittun qualifiziert zu sein
  • die hinreichende Information über bestehende Angebote
  • eine mögliche Mitgliedschaft in einem Verein
  • die Zufriedenheit mit bisherigen Beteiligungsprozessen
Betrachtet man den Unterrichtsalltag vorrangig unter dem Gesichtspunkt der Interaktionsbeziehungen zwischen Lehrenden und Lernenden, so wird man trotz vielfältiger Veränderungen des Unterrichtsklimas auch heute noch die Diagnose aus den 70er Jahren bestätigt sehen und eine "institutionelle Dominanz des Lehrers" (vgl. Heinze 1976, S. 34ff) feststellen können. Manche meinen sogar, durch deutliches "Lob der Disziplin" die Autorität des Lehrers, der Lehrerin festigen zu müssen. Viele Pädagogen und Pädagoginnen lassen sich in ihrer Berufs- und Rollenauffassung demgegenüber von der folgenden Erkenntnis leiten: Eine qualifizierte Beteiligung von Lernenden am Unterrichtsgeschehen ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass Lernprozesse gelingen und dass der Unterricht erfolgreich sowie sinnvoll ist.

Jeder weiß, dass eine gute Schülerbeteiligung, die sich dadurch auszeichnet, dass alle Schülerinnen und Schüler sich mehr oder weniger aktiv in das Unterrichtsgeschehen einbringen (können) und die Lernprozesse wechselseitig mittragen, eine der wichtigsten Gelingensbedingungen für guten Unterricht ist. So weisen die zehn Merkmale guten Unterrichts (nach Meyer 2004) direkt oder indirekt darauf hin, durch welche didaktischen und methodischen Entscheidungen eine qualifizierte Beteiligung der Schülerinnen und Schüler im Unterricht gefördert werden kann. Guter Unterricht ist heute ohne Schülerbeteiligung nicht denkbar. Zu einseitig wäre es allerdings, die Frage, wie und in welchem Ausmaß diese Beteiligung gelingt, nur vom pädagogischen Geschick und der praktischen Unterrichtserfahrung der Lehrperson abhängig zu machen. Der Spielraum, den das Schulsystem dem oder der Lehrenden lässt und der für Schülerinnen und Schüler attraktiv ist, erweist sich angesichts von verdichteten Lehrplänen, Umstellung von G9 auf G8, Einführung von Bildungsstandards und Zentralabitur sehr gering. Die Durchrationalisierung der schulischen Bildung, die Überbetonung der utilitaristischen volkswirtschaftlichen Verwertung und die unkritische Übernahme der Sprache der Wirtschaftsmanager wird in der Lehrerbildung daher zu Recht sehr kritisch gesehen (vgl. Hillesheim/Weber 2010).

Junge Menschen engagieren sich bei einer Aktion anlässlich des WeltjugendtagsJunge Menschen bei einer Aktion anlässlich des Weltjugendtags (© Martin Schemm / pixelio.de)
Beteiligung und Mitmachen im schulischen Bereich hängen in hohem Maße davon ab, wie die Interaktion zwischen den Jugendlichen als Subjekten und dem jeweiligen System (Schule, Verein, Organisation, Kirche, Partei u. a.) gelingt. Im Anschluss an diese Eingangsüberlegungen lassen sich daher folgende Thesen formulieren: Je mehr es dem jeweiligen System gelingt, die Bedingungen (nach Zeit, Inhalt/Thema, Form, Methode, Ergebnis, Standards) zu definieren, unter denen die Jugendlichen sich beteiligen dürfen, umso schwerer fällt es Jugendlichen, sich dort einzubringen und an den Aktivitäten teilzunehmen. Der Spielraum, der neuen jugendlichen Akteuren (Subjekten) für Spontaneität, Einflussnahme, Kreativität, originäre Leistungen und Engagement in der Schule eingeräumt wird, ist systembedingt gering. Denn die Partizipationserwartungen des Systems sind weitgehend normiert (z. B. durch Mitgliedschaftsregeln) und standardisiert (z. B. durch Beteiligungsformen). Die älteren Akteure beherrschen diese Systemanforderungen deutlich besser und besetzen die vorhandenen entscheidenden Positionen, so dass für Jüngere im System kaum noch Platz ("Spielraum") vorhanden ist. Außerhalb der etablierten Systeme ist für Jugendliche der (vermutete) Selbstentfaltungsspielraum deutlich größer und die Chance für spontane Beteiligungen scheinen ihnen dort eher gegeben zu sein.

Hier wird bewusst von Schule als sozialem System gesprochen, da so eine generellere Sichtweise zum Partizipationsproblem zum Tragen kommt und die Übertragbarkeit von Lösungsansätzen vom System Schule in andere soziale Systeme z.B. der außerschulischen Jugendarbeit und der Politik leichter möglich wird. Ein soziales System ist das, was Menschen für ein soziales System halten, um ihre Kommunikationsbeziehungen untereinander zu stabilisieren (z. B. durch Kommunikation über Kommunikation), indem sie Ziele/Aufgaben definieren, Mitgliedschaftsbedingungen und Rollen formulieren sowie Regeln für die Organisation der Kommunikation aufstellen (wer wem was zu sagen hat). Dieser einfache Systembegriff mit den drei Funktionsmerkmalen reicht aus, um sich die besonderen Systemeigenschaften von Schule, Jugendgruppe und politischer Partei und die Partizipationschancen deutlich zu machen.