30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Partizipation vor Ort

22.4.2013 | Von:
Wolfgang Sander

Sachanalyse

3. Partizipation von Jugendlichen fördern: Auf die Perspektive kommt es an

Politische Beteiligung im weiten Sinne liegt vor, wenn Jugendliche ihre Aufmerksamkeit sozialen oder politischen Ereignissen/Fragen/Problemen zuwenden, sich dazu informieren, Stellung beziehen (auch wenn ihr Urteil noch unsicher ist), andere in ihre Überlegungen mit einbeziehen, gemeinsam Einfluss nehmen wollen und nach geeigneten Aktivitäten suchen. Ein Merkmal beispielsweise, seine Aufmerksamkeit einem politischen Ereignis (z. B. Wahl des US-Präsidenten, Bundestagswahl 2013) zuzuwenden, reicht schon aus, um von politischer Beteiligung sprechen zu können. Es können, müssen aber nicht alle hier genannten sechs Merkmale gleichzeitig vorliegen. Politische Beteiligung kann daher eine einfache, aber auch ein komplexe Handlung sein, die sich zudem über einen gewissen Zeitraum verändert und weiterentwickelt. Für Jugendliche und Erwachsene gilt: Von einem oberflächlichen Interesse an dem Auftritt eines Wahlkämpfers kann ich mich durchaus zu einem aktiven Wahlkampfmanager entwickeln – aber dies dürfte eher eine seltene Ausnahme sein (vgl. Stauss 2013).

Partizipation vom System her gedacht

Konzeptionell sind bisherige Versuche, die Beteiligung der Jugendlichen am politischen Geschehen zu erhöhen, sehr stark von einer Systemperspektive geprägt, d. h. Jugendvertreter wollen den Jugendlichen zeigen, wo die Machtzentren in unserer Gesellschaft sind (Parlament, Regierung, Verwaltung, Öffentlichkeit) und wie sie vorhandene Mittel nutzen können, um ihre Sichtweise der Dinge vorzustellen und auf politische Entwicklungen Einfluss zu gewinnen. Auf dieses Lösungsmuster wird man fixiert, wenn man die Systemperspektive einnimmt. Wie die Pharmaindustrie als Pressuregroup tätig ist und ihre Interessen durchsetzt, so sollen auch Jugendliche ihre Interessen organisieren und in die Politik einbringen. Jugendliche werden dann weitgehend als Mitspieler im Kampf um die Ressourcen begriffen, deren Aufgabe darin besteht, sich gut zu organisieren ("vernetzen"), um so Einfluss auf die Politik zu gewinnen.

Jugendliche setzen sich für ihre Rechte einJugendliche setzen sich für ihre Rechte ein (© Eventpress Hermann)
Schon diese Parallelisierung zeigt, wie aussichtslos dieses Unterfangen letztlich für die Jugend in der Rolle als einer von vielen Lobbygruppen ist. Denn "die Jugend" gibt es nicht und sie stellt keine geschlossene (finanzkräftige) (Interessen-)Gruppe dar, die ihre Ziele eindeutig formulieren und gut vertreten kann. Selbst die organisierte Jugend ist in viele Landesverbände und Vereine aufgeteilt. Zum anderen verfolgen Jugendliche eine Fülle heterogener, sich widersprechender Interessen. Sie besitzen daher kaum ein Verweigerungs- oder Interventionspotential (wie dies z. B. bei Lobbygruppen aber auch Gewerkschaften noch gegeben ist). Auch der Rat, über die Parteien Einfluss auf die Politik zu gewinnen, ist ein mühseliger Weg (auch "Ochsentour" genannt), demotivierend ebenso wie der "Marsch durch die Institutionen". Mit Verweis auf diese Möglichkeiten ist in der Regel bei Jugendlichen kein politisches Engagement zu fördern oder das verdeckte Beteiligungspotential zu wecken, diese Partizipationswege stellen eher lobenswerte Ausnahme dar.

Vor diesem Hintergrund kann man Verständnis dafür gewinnen, dass (nach Selbstauskunft) nur 40% der Jugendlichen politisches Interesse signalisieren (vgl. Shell Jugendstudie). Man muss sich geradezu wundern, dass die Proportionen nicht noch ungünstiger ausfallen. Denn die politischen Aktionsfelder sind in allen Bereichen von Profis besetzt, die ihre Interessen vertreten, dies sicher gut können und sich nun nicht von "jungen Springern" verdrängen lassen wollen. Auf der Bühne der politischen Institutionen scheint einfach wenig Platz zu sein für Neulinge und jugendliche Politikakteure. Den Wahlakt trotz alledem als Großtat eines Volkssouveräns einzuschätzen, bedarf schon eines abgeklärten Verhältnisses zur Politik. Wer nach Möglichkeiten sucht, das Partizipationspotential der Jugendlichen zu entdecken, zu wecken und zu fördern, sollte daher einen Perspektivenwechsel vornehmen und vom System- zum Subjektstandpunkt übergehen.

Partizipation vom Jugendlichen her gedacht

Der alternative Versuch, das politische Beteiligungspotential bei den Jugendlichen zu entdecken und zu fördern, geht daher konsequent davon aus, den Jugendlichen als handelndes Subjekt zu denken und ihn ernst zu nehmen. Die etablierte Politik (das politische System) wird dabei nicht vernachlässigt, aber es steht nicht am Anfang und ist auch nicht das Ziel der Überlegungen, sie ist Rahmenbedingung, an der sich Jugendliche orientieren sollten.

Als Pädagogen und Pädagoginnen fragen wir zunächst bewusst danach: Was sind die Interessen der Jugendlichen, die wir unterrichten? Was sind die Themen, Sorgen, Fragen und Nöte, mit denen sie sich beschäftigen und die sie behandelt wissen möchten? Schon bei einer Klassengröße von 24 Jugendlichen ist dieses schwer zu eruieren und zu definieren. Kein Lehrer, keine Lehrerin käme auf die Idee, entsprechend den empirischen Jugendstudien 10 Schülerinnen und Schüler ihrer Klasse als politisch interessiert und 14 als politisch nicht interessiert einzustufen. Hier zeigt sich, wie grobkörnig diese Klassifikation ist. Jeder bzw. jede einzelne Jugendliche hat seine individuellen Wünsche, Probleme und Ideen. Ganz abgesehen davon, dass "persönliche" Fragen angesichts des zu bewältigenden Stoffes kaum Platz im Unterricht und der Schule haben, und wenn doch, dann werden sie häufig als Aufhänger benutzt, um dann den eigentlich wichtigen und vom Lehrplan verlangten Stoff durchzunehmen. Hier zeigt sich, wie schwierig es für Lehrende ist, die Orientierung an den Interessen der Schülerinnen und Schüler ernst zu nehmen und sie bei der Planung des Unterrichts zu berücksichtigen. Denn was sind die Interessen der Lernenden? Wer definiert sie? Die Schülerinnen und Schüler selber sind sich uneins. Wichtig ist für sie heute dies, morgen das. Was sind subjektive und objektive Schülerinteressen? Diese Unklarheit, Variabilität und Beeinflussbarkeit Interessen von Kindern und Jugendlichen ist ein ideales Betätigungsfeld für die Werbung. In einem umfangreichen Dossier "Die verführten Kinder" weist DIE ZEIT (Nr. 20 vom 08.05.2013, S. 15-17) auf diesen Punkt kritisch hin:
"Mit perfiden Methoden verwandeln Werbung und Konzerne unsere Kinder in Konsumenten. Je schwächer die Eltern, desto größer der Erfolg. [...] Ein Zehnjähriger kennt heute 300 bis 400 Marken. Die Werbung durchdringt den Alltag der Kinder. Selbst in vermeintlich geschützten Räumen wie Schulen und Sportvereinen breitet sie sich aus. Die wohl aggressivste Form des Marketings betreibt die Lebensmittelindustrie. Sie wirbt für ungesunde Produkte, weil die besonders hohe Profite versprechen." (ZEIT, S. 15)
Wenn es für die Lehrperson schon schwierig ist, gemeinsame Interessen von Jugendlichen zu identifizieren, um sie z. B. bei der Unterrichtsplanung zu berücksichtigen, wie viel schwieriger ist es dann, auf dieser unklaren Basis auch nur ansatzweise Partizipationsprojekte zu planen, gemeinsame Aktivitäten oder Aktionen aufzubauen und umzusetzen, wie z. B. Briefe schreiben, in der Verwaltung anrufen, Eingaben vorbereiten, Politiker in Schulen einladen etc.

Auch wenn die Orientierung an den Interessen der Schülerinnen und Schüler in einer durch Werbung stark beeinflussten Gesellschaft ein schwieriges Unterfangen zu sein scheint, halten wir an der Idee fest, Jugendliche darin unterstützen zu können, ihre eigenen Interessen artikulieren und ihre Sichtweise der Dinge in die Politik einbringen zu können. Lehrende und Lernende müssen dieses Problem "Was sind Schülerinteressen?" exemplarisch zum Thema machen, indem z. B. einleitend auf Kinderrechte eingegangen wird, genügend Zeit für die Erörterung dieser Frage an einem konkreten Fall reserviert wird, Methoden der Artikulation und Präsentation von spontanen Interessensaussagen (s. GrafStat-Befragung) systematisch eingesetzt werden und die Arbeit an diesem Problem im Verlaufe des Unterrichts immer wieder aufgegriffen wird.

Die zu erwartende Heterogenität und Widersprüchlichkeit der Ansichten und Vorstellungen der Kinder und Jugendlichen macht das didaktische Gestaltungsproblem sichtbar, das im Unterricht produktiv genutzt werden sollte. Selbst- und Mitbestimmung, darauf wies schon V. Gerhardt hin, hängen eng zusammen. Nur wie kann dieser abstrakte Gedanke für die Schule und die Jugendarbeit fruchtbar gemacht werden? Wir müssen dazu in einem ersten Schritt gleichsam kontrafaktisch daran festhalten, dass es so etwas wie ein gemeinsames Interesse der Jugendlichen gibt – trotz aller partikulären Unterschiede und momentanen Meinungsverschiedenheiten. Der Gemeinsinn steht nicht am Anfang des Prozesses, sondern ergibt sich erst im Laufe des gemeinsamen Arbeitens an dem Problem.

Schülerinnen und Schüler sind in der Schule in ähnlicher Weise von Lehrermangel, schlechten Räumen, Stoffhuberei, Leistungsdruck und unsicheren Berufsaussichten betroffen – nur sie wissen es nicht so deutlich und tun sich schwer, ihre Sichtweise der Dinge zu artikulieren. Sie haben auch noch nicht die Erfahrung gemacht, dass Solidarität untereinander ein hohes Gut für die Gemeinschaft und für die Politik ist, das man pflegen und hegen muss. Dem Lehrer und der Lehrerin sollte es ein Anliegen sein, die Lernenden zu ermutigen und zu befähigen, ihre Interessen zu artikulieren und genügend Zeit für diesen Klärungsprozess einzuräumen. Eine Gruppe von 24 Schülerinnen und Schülern muss erst noch lernen, jeweils ihre Sichtweise zu artikulieren, die Ansicht eines jeden anderen wahrzunehmen und anschließend schrittweise zu gemeinsamen Positionen zu gelangen.

Die Kultivierung des Gemeinsinns im Unterricht durch faire Verfahren der Urteilsbildung sollte daher einen wichtigen Stellenwert einnehmen. Denn Jugendliche fühlen sich bislang eher als individuelle Konsumenten angesprochen, die ihren Nutzen optimieren (sollen). So werden sie in der Konsumwelt angehalten, ihre (Konsum-)Freiheit auszukosten, was nicht nur teuer ist, sondern sicher in hohem Maße Spaß macht. Die Orientierung am Gemeinsinn, das Erarbeiten des gemeinsamen Interesses wird vielfach vernachlässigt. Sie steht daher bewusst im Zentrum der Unterrichtsreihe, um die Subjektperspektive für die Jugendelichen stark zu machen. Denn Mitbestimmungsfähigkeit setzt Selbstbestimmung voraus.

Jedem sollte bewusst werden, dass Urteilsbildung und Entscheidungsfähigkeit dazu nötig sind und im Unterricht erlernt werden können. Die zu beachtenden Regeln und die nötigen Fähigkeiten der Urteilsbildung werden im sozialen Prozess des Unterrichts selbst vermittelt (vgl. Sander/Igelbrink 2010). Nicht die Lehrperson bestimmt dabei die Lösungen, sondern sie ergeben sich aus dem strukturierten Prozess der Urteilsbildung im Unterricht. In den Begründungen der Urteile wird deutlich, dass die Einheit durchaus in der Vielfalt der Urteile zum Ausdruck kommt. So kann es gelingen,

a) die Relevanz des Themas, an dem man arbeiten will, (mit Ranglisten) zu bestimmen,
b) Arbeitsschritte und Regeln zu entwickeln, die bei der Urteilsbildung zu beachten sind,
c) Lösungsideen (mit Alternativen) zu erörtern und Vorschläge zu machen und
d) öffentlich in der Schule wie auch außerhalb der Schule politisch wirksam zu werden.

Diese Arbeit am Gemeinsinn steht nicht im Gegensatz zu den subjektiven Interessen der Jugendlichen, sie knüpft vielmehr an deren Freiheitsperspektiven an und erweitert sie zu dem, was auch von Jugendlichen vertreten wird: Sie haben auch heute noch vielfach Ideale, für die sie sich einsetzen wollen, für die sie bereit sind zu kämpfen, denn jenseits des Konsums gibt es durchaus Bereiche, in denen es sich lohnt, sich für andere zu engagieren.