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Partizipation vor Ort

22.4.2013 | Von:
Wolfgang Sander

Sachanalyse

4. Maßnahmen zur Stärkung der Beteiligung von Jugendlichen

Wenn Sie als Lehrer oder Lehrerin Ihre Klasse betrachten und sagen sollen, wer von Ihren Schülerinnen und Schülern zu sozialem Engagement oder zu politischer Partizipation bereit ist, würden Sie wahrscheinlich sagen: Grundsätzlich alle, in bestimmten Zusammenhängen jeder auf seine Weise. Zumindest würden Sie niemanden ausschließen, sich für andere Menschen oder für eine lohnende Sache einzusetzen. Sie haben in Erinnerung: Auch und gerade weniger leistungsstarke Schülerinnen und Schüler zeigen sich auf Klassenfahrten oder in Unterrichtsprojekten als äußerst hilfsbereit und engagiert. Viele Schülerinnen und Schüler brauchen zwar eine persönliche Ansprache (Anschub, Starthilfe, Gruppenerlebnis etc.), doch dann sind sie mit dabei. In der Gruppe geht in einem bestimmten Alter sowieso vieles leichter. Vielfach kommt es auch auf eine gute Stimmung, auf den Klassengeist an, den Sie als Lehrer oder Lehrerin durch entsprechende Rahmenbedingungen unterstützen können. Manche Schülerinnen und Schüler blühen in diesen offenen Unterrichtssituationen richtig auf und sind in ihrem Engagement nicht wiederzuerkennen.

Diese Ihre grundsätzlich optimistische Einschätzung der Situation (Partizipationsbereitschaft in Ihrer Klasse) gerät in eine Belastungsprobe, wenn Sie Ergebnisse (z. B. Mittelwerte) der empirischen Jugendforschung hinzuziehen. Aber Sie halten weiterhin an Ihrer positiven Einschätzung fest und suchen diesen pädagogischen Optimismus in der Praxis umzusetzen. Wer als Lehrperson die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler stärken will, ist diesen einleitenden Thesen zufolge gut beraten, in ihrer
Trinkwasser - ein kostbares GutTrinkwasser - ein kostbares Gut (© UNICEF)
Überlegungen die Perspektive der handelnden Schüler-Subjekte konsequent einzunehmen. Um das zu signalisieren, kann sie folgende zwei Wege beschreiten: Sie greift die UN-Kinderrechtskonvention auf und stärkt durch Bezugnahme auf diese sprachlich gut formulierten Vorstellungen einer idealen Welt das Bewusstsein der Kinder und Jugendlichen, von diesen ihren Rechten Gebrauch zu machen, was für diese sicher spannend ist, da viele meinen, erst mit dem Wahlrecht begännen ihre (politische) Mitsprache- und Mitwirkungsmöglichkeiten. Der Baustein 2 enthält die dafür benötigten Arbeitsmaterialien. Mit diesem Zugang konkretisiert und stärkt man das normative Leitbild von Jugendpartizipation, für das zu engagieren sich auch im konkreten Fall lohnen dürfte.

FragebogenFragebogen (© berwis / pixelio.de)
Die andere Variante des schülergerechten Zugangs besteht darin, bezogen auf den konkreten Partizipationsfall zunächst die aktuellen Einsichten, Ansichten, Interessen und Lösungsvorstellungen der Lerngruppe zu erfragen, evtl. mit denen der Jahrgansstufe oder denen einer anderen relevanten Gruppe zu vergleichen. Dazu kann die Befragungssoftware GrafStat und der im Baustein 1 angebotene Fragebogen eingesetzt werden. Die Eruierung der Interessen und Erwartungen in der Klasse sollten zu Beginn der Unterrichtsreihe daher exemplarisch zum Thema gemacht werden, da so von Beginn an deutlich wird, dass und wie die Interessen der Jugendlichen ernst genommen und im Laufe der Unterrichtsreihe berücksichtigt werden. Dieser Ansatz der Orientierung an den Interessen der Jugendlichen ist geeignet, auch auf andere Bereiche der Beteiligung in der Schule, im Verein oder in der lokalen Politik übertragen zu werden.

Beide Varianten sollten sinnvollerweise aufeinander bezogen und miteinander verbunden werden. So wird auch für die Lerngruppe deutlich, dass es im konkreten Partizipationsbeispiel (Baustein 4) – wie fast immer bei politischen Konflikten - eine mehr oder weniger große Diskrepanz zwischen den individuellen Interessen der Jugendlichen und den normativen Vorstellungen einer gerechten Welt geben kann und dass dies ein spannender und geeigneter Ausgangspunkt für eigenes Urteilen und Handeln ist.

Bezug auf die Kinderrechtskonvention der UN
Die UN-Konvention über die Rechte des Kindes wurde im Jahr 1989 verabschiedet.
"Die Konvention ist die aktuellste und wichtigste Grundlage der internationalen Kinderpolitik. Auch wenn natürlich die Kinder der ‚3. Welt‘ sich mit anderen Problemen herumschlagen müssen als die Kinder bei uns – die Konvention ist eine für alle geltende, völkerrechtlich verbindliche Grundlage. Es ist daher sehr sinnvoll, sie zu kennen, speziell, wenn man die Rechte der Kinder öffentlich diskutieren will." (Fesenfeld 2001, S. 18)
Erstmals wird hier für Minderjährige eine eigenständige Rechtsposition anerkannt: Sie sind nicht mehr nur Objekt von Fürsorge und Schutz, sondern "sie sind von Beginn an Subjekte, die mit ihren eigenen Bedürfnissen ernst genommen werden müssen" (ebd. S. 19). Im Deutschen Kinder- und Jugendhilfegesetz (KHJG) wird in der Fassung des Jahres 1991 dieser Gedanke umgesetzt und nicht nur Schutz und Fürsorge, sondern aktive Förderung der Entwicklung von Jugendlichen als Ziel angegeben.

Die Notwendigkeit der Jugendbeteiligung
Alle Jugendverbände und Parteien in Deutschland betonen die Notwendigkeit der Jugendbeteiligung. Die Partizipation von Jugendlichen ist für den Erhalt, das Funktionieren und der Innovationsfähigkeit des demokratischen Gemeinwesens unverzichtbar. Umgekehrt sind die Jugendlichen, wenn sie sich gedeihlich entwickeln sollen, auf Gestaltungsspielräume, soziale Anerkennung und Chancen der Einflussnahme angewiesen. Eine Übersicht der Stellungnahmen des Deutschen Bundesjungenkuratoriums und der politischen Parteien findet sich auf der Seite der Allianz für Jugend.

Es ist wichtig, den Schülerinnen und Schülern zu verdeutlichen, dass die UN-Kinderrechtskonvention die Wahrung elementarer Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen zum Ziel hat, was wiederum mit der Option auf Mitbestimmung verbunden ist. Den Jugendlichen sollten die Rechte von Kindern und Jugendlichen und hier insbesondere das Privileg, die eigene Meinung kund tun und sich für seine eigenen Interessen einbringen zu können, nahe gebracht werden, damit sie ihre Rechte kennen und von ihren Möglichkeiten Gebrauch machen.

Innerhalb der Kinderrechte (z. B. das Recht auf Gleichheit, auf Überleben und Entwicklung des Kindes, auf eine Familie, elterliche Fürsorge und ein sicheres Zuhause, auf gewaltfreie Erziehung, Schutz im Krieg und auf der Flucht, auf Gesundheit und den Schutz vor Suchtstoffen, auf angemessene Lebensbedingungen, auf Bildung, auf Freizeit, Spiel und Erholung etc.) spielt das Recht sich mitzuteilen und gehört zu werden im Hinblick auf Partizipation eine besondere Rolle. Kinder haben das Recht, sich zu informieren und sich eine eigene Meinung zu bilden. Sie dürfen sagen, was sie denken, und man soll ihre Ansichten bei Entscheidungen berücksichtigen (Artikel 12 und 13). Konkrete Regelungen für die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen in der Politik vor Ort finden sich in den Gemeindeordnungen für das jeweilige Bundesland, darüber hinaus gibt es öffentliche Ansprechpartner und Einrichtungen in Deutschland für Kinder und Jugendliche. (Vgl. die Hinweise in Baustein 2.)

Wenn ein Partizipationsprojekt aus dem unmittelbaren Bereich der Schule geplant ist, empfiehlt es sich bei der Konkretisierung der Kinderrechte in exemplarischer Weise auch auf rechtliche Bestimmungen einzugehen, die die Mitspracherechte der Jugendlichen, ihre schulischen Rechte und Pflichten darlegen, wobei anhand von überschaubaren kleineren Fällen u. a. auch auf Schulschwierigkeiten und Ärger mit dem Lehrer oder der Lehrerin und anderen Schülerinnen und Schülern eingegangen werden kann, um die Rechtsposition der Kinder deutlich zu machen. Was tun bei schlechten Noten und Sitzenbleiben? Was tun, wenn dich der Lehrer bzw. die Lehrerin ungerecht behandelt? Wann verstößt eine Lehrkraft gegen Grundrechte eines Schülers bzw. einer Schülerin? Ärger mit Mitschülerinnen oder Mitschülern – was können wir tun? Gute Hilfestellungen hierzu bietet der Jugendrechtsberater von Sigrun von Hasseln (2003).

Ermittlung der Schülerinteressen und Vorstellungen
  • Bei der Planung von Klassenfahrten ist es üblich, Ziele zu sammeln, Alternativen zu suchen, zu bewerten und insgesamt ein faires Verfahren des Aushandelns unterschiedlicher Ziele und Aspekte zu beachten. Auch bei der Wahl des Partizipationsthemas sollte in ähnlicher Weise verfahren werden, indem danach gefragt wird: Zu welchem Thema/Zweck wollen wir dieses Partizipationsvorhaben starten, wie, wann, wo, und mit wem?

  • Alle Schülerinnen und Schüler der Klasse/des Kurses sollten gefragt sein und sich an der Themenfindung aktiv beteiligen. Schon hier fängt die Beteiligung für alle an. Das Vorhaben sollte von Anfang an nicht nur eine Angelegenheit von Meinungsführern, Klassensprecher oder Experten sein. Gerade um der Beteiligung aller willen ist es besonders wichtig, ein geordnetes und übersichtliches Verfahren der Interessenerkundung gemeinsam zu entwickeln und zu praktizieren.

  • Mit GrafStat steht eine leicht zu benutzende Software zur Verfügung, um auch unter einer größeren Gruppe von Schülerinnen und Schülern (z. B. Jahrgangsstufe, Schule) die Interessen der Jugendlichen zu dem in die nähere Wahl gezogenen Partizipationsthema zu eruieren, Rangfolgen ausfindig zu machen und die Befragungsergebnisse übersichtlich zu präsentieren. Gerade die öffentliche Präsentation und Diskussion der Alternativen ist ein wichtiger Vorgang, um die Meinungsbildung durch einen strukturieren Urteilsbildungsprozess qualifiziert voranzubringen und die Beteiligung zugleich auf eine breite Basis zu stellen. Selbst- und Mitbestimmung ergänzen sich so.

  • Der hier zu tätigende Aufwand lohnt sich, denn diese Arbeit von Lehrenden und Lernenden an der und für die Gemeinschaft stellt eine wichtige Investition in den sensus communis dar und macht am konkreten Beispiel deutlich, wie die Gemeinschaftsbildung in der Schule in der Schule gefördert werden kann.
Generelles Ziel eines solchen Beteiligungsprojektes ist es, die Schülerinnen und Schüler als Partizipationssubjekte zu stärken und das System Schule für die Beteiligung der Jugendlichen zu öffnen. Die Jugendlichen können so am Beispiel Schule Erfahrungen sammeln, wie Selbst- und Mitbestimmung funktionieren können, wo Probleme auftauchen, wie sie (solidarisch) bearbeitet und wie die Erfolge/Ergebnisse auf andere Bereiche und Systeme übertragen werden können. Die Verbindung zwischen schulischer und außerschulischer Jugendarbeit wird so im Projekt vorbereitet. So kann auch das Anliegen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit aufgegriffen und unterstützt werden, die die Partizipation von Kindern und Jugendlichen in drei Aufgabenbereiche ausweitet: -
  • "die Förderung der Partizipation innerhalb der Einrichtung,
  • die Unterstützung der Kinder und Jugendlichen bei der Einmischung in die eigene Lebenswelt und
  • die aktive (Mit-)Gestaltung der kommunalen Partizipation" (Zinser 2005, S. 158).